abc-Etüden; Textwochen 45.46.20

Märchenhaft

Den ganzen Tag waren die Geschwister hungrig durch den Wald gelaufen. Außer ein paar Beeren hatten sie nichts zum Essen gefunden. Es war dunkel im Wald und kalt. Sie hatten sich völlig verlaufen, und ihre Angst, im Wald verhungern zu müssen, nahm mit jedem Schritt zu. Doch plötzlich nahmen sie zwischen den Bäumen einen Lichtschein war. Mit neuer Kraft liefen sie darauf zu und gelangten so zu einem kleinen windschiefen Häuschen, dessen Nachtlicht einladend die Eingangstür beleuchtete. Das Haus schien einen verführerisch lieblichen Duft zu verströmen nach frisch gebackenen Lebkuchen und anderen Leckereien. Die Tür war unverschlossen und die Kinder traten ein.

In der Stube stand eine alte Frau, die die Kinder erfreut ansah. „Ihr seht hungrig aus. Bedient euch! Ich habe genug gebacken und teile gerne mit euch.“ Nachdem die Kinder ihren Hunger gestillt hatten, bereitete die Frau ihnen zufrieden lächelnd eine Bettstatt zu.

Am nächsten Morgen erklärte sie ihnen den Weg zurück ins Dorf. Da die Kinder ihr erzählt hatten, dass im ganzen Dorf großer Hunger herrschte, gab sie ihnen noch Taschen voller Lebkuchen für die Dorfbewohner mit.

Doch manch Menschen sind ein neidisches gieriges Völkchen. Und so ließen die Dorfbewohner sich von den Kindern den Weg zu dem Häuschen zeigen. Dort nahmen sie der alten Frau gewaltsam alle Lebkuchen und auch all ihren sonstigen Besitz weg – verdrehten die Tatsachen, erfanden das Märchen „Hänsel und Grethel“ und machten die liebenswerte alte Kräuterfrau im Wald zur „bösen Hexe“.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so erzählen sie noch heute das ein oder andere Märchen … .

Dank für die Schreibeinladung an Christiane (https://wordpress.com/read/feeds/23737740/posts/2997503448) und für die Wortspende an Kain Schreiber!

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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32 Kommentare

      1. Ja, aber ich glaube, in der Menscheitsgeschichte ist es gar nicht so selten, dass sich Menschen etwas genommen haben von anderen – und hinterher Geschichten darum herum gestrickt haben, die ihre Motivation plötzlich als „edel“ und ihr Handeln als“moralisch gut“ oder mindestens „gerechtfertigt “ haben dastehen lassen. …

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      2. …leider ist es so, ich weiß und so eine alte alleinlebende Frau hat da keine Chance, findet wahrscheinlich keinen Verteidiger, denn der „hätte ja nichts davon“ und würde vielleicht selber diskreditiert werden…

        …vielleicht sollten wir der „Hexe“ ein Denkmal bauen? …damit das deutlich wird…

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      3. Liebe Maren, da Du Dich mit einem Märchen befasst hast…möchte ich Dich gern etwas fragen. Was hältst Du vom Rumpelstilzchen?
        Ich fand dieses Märchen schon immer extrem ungerecht. Die, die sich schuldig machen, gehen am Ende straflos aus und der Hilfreiche, auch wenn er die Notlage der Bauerstochter ausnutzt, so rettet er doch ihr Leben, muss mit seinem Leben dafür bezahlen.
        Auch Rumpelstilzchen lebt allein im Wald…

        Bisher habe ich nirgendwo eine für mich hilfreiche Betrachtung dessen finden können. Deine Meinung dazu würde mich freuen!

        mit lieben Grüßen
        TeggyTiggs

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      4. Oh, dass ich zuletzt Rumpelstilzchen gelesen habe, ist schon ewig her … . Ich schaue da nachher mal rein und schreibe dir dann meine Meinung dazu. Generell stört mich bei vielen Märchen die Rolle, die den Frauen zugedacht ist, nur die „Jungfrau “ scheint ein gutes Wesen zu sein … . Vieles davon war natürlich allegorisch gemeint, aber ich habe immer den Verdacht, dass da ältere Geschichten, die vielleicht mal ganz anders gemeint waren und eher einen inneren Lernweg der eigenen Seele veranschaulichen sollten, in patriarchalischen Zeiten auf gewisse Art „umgedichtet“ wurden. … Aber das ist natürlich nur meine, durch nichts bewiesene, Auslegung…

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      5. Danke, das freut mich…mit Deiner Geschichte von Händel und Gretel hast Du etwas bei mir angestoßen…(ich wohne in einer kleinen Hütte allein im Wald)…und ich freue mich auf Deine Meinung zum Rumpelstilzchen…

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      6. Oh, ich hoffe, ich habe dir mit der Geschichte keine Angst gemacht!
        Ich habe Rumpelstilzchen jetzt nochmal gelesen. Ich weiß noch, dass ich als kleines Kind froh war, dass er das Baby nicht bekommen hat – und ich habe ihn automatisch für böse gehalten. Vielleicht, weil er etwas „Lebendiges“ als Gegenleistung wollte? Wenn man die Geschichte wörtlich nimmt, ist ja keine der handelnden Personen wirklich gut: Der Müller ist ein Prahlhans, dem sein Ansehen beim König wichtiger ist, als seine Tochter. Der König ist goldgierig und hartherzig. Und die Müllerstochter hat sich dem anscheinend so angepasst, dass sie ihren Lebensretter innerhalb eines Jahres völlig vergessen hat. (Eigentlich war sie ja von Anfang an ein wenig egoistisch, weil sie ihren Retter nie gefragt hat, wer er ist, wie er heißt und woher er kommt …, Die Person war ihr völlig egal, Hauptsache, er rettet sie…). Ob es für sie wirklich ein Happy-End ist, mit diesem König als Ehemann ihr Leben zu verbringen, weiß ich ohnehin nicht wirklich … 😉
        Aber das, worauf du mich jetzt gerade aufmerksam gemacht hast: Personen, die alleine im Wald leben, wurde anscheinend gerne zugeschrieben, dass sie „böse“ sind und lebendige Kinder anderer Leute wollen. Das, was dahinter steht, ist ja eigentlich „Da ist jemand anders, als wir. Der oder die kann nur „böse“ sein, sonst würde er oder sie ja leben, wie wir.“ Heutzutage wird das mit den Kindern ja zum Glück nicht mehr Menschen, die im Wald leben, zugeschrieben. Aber die Story, dass es böse Menschen gibt, denen es um die Kinder anderer Leute geht, gibt es offenbar ja immer noch. … . Hm, worauf einen die Beschäftigung mit Märchen alles bringen kann …. . WARUM werden Märchen ausgerechnet kleinen Kindern vorgelesen… ?!

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      7. …gute Frage, das, was kleinen Kindern zugemutet wird, auch heute mit den Kinderfilmen, Zeichentrickserien usw., das formt Wertvorstellungen…und was heute da geschieht finde ich bedenklich…

        …es führt jetzt vom Märchen weg, aber wir als Kinder, meine Generation, schauten noch den Maulwurf, der mit seinen Freunden die Welt erkundete…heute gibt es natürlich auch liebenswerte Filme, doch was Kinder da ohne Begleitung vorm Bildschirm konsumieren weicht von dem ab, was wir früher sahen…so weit ich das eben beurteilen kann…

        ….beim Rumpelstilzchen wird der, der seinen Namen herausfindet, also der, der ihn erkennt, zum Verräter…lautet da die Botschaft, lasse dich nicht erkennen, wenn du allein und abseits lebst…?

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      8. Tja, ich weiß nicht. Rumpelstilzchen hat ja nach dem Märchen selbst dazu herausgefordert, ihn zu erkennen. … Aber die, die das Märchen aufgeschrieben haben, haben möglicherweise schon die Bewertung gehabt, dass Personen, die allein und abseits leben, suspekt sind. So suspekt, dass sie sich selbst vor Wut zerreißen, wenn man sie rechtzeitig „erkannt“ hat. …

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      9. …die Aufforderung, erkennt zu werden, ist wahrscheinlich immer dann eine Herausforderung, wenn der zu Erkennende anders lebt…und doch ist eine solche Aufforderung nötig, um die Welten miteinander in Kontakt zu bringen…schade, dass wir nicht wissen, was Rumpelstilzchen wusste…

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      10. Wenn ich mir so manche Debatte und Schuldzuweisung heutzutage anschaue, frage ich mich aber doch auch schon, welche Wertvorstellungen in unserer Generation geprägt wurden. Dieses ständige andere bekämpfen müssen…!

        Märchen sind ja zu einer Zeit aufgeschrieben worden, als die Natur, der Wald, der Wolf oder gar die unabhängige Frau nicht hoch im Kurs standen. Und ich habe oft den Eindruck, das wirkt heute noch nach bei vielen.

        Das wollte ich noch ergänzen 🙂.
        Schönen Abend dir!
        Liebe Grüße
        Maren

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  1. Das ist manchmal (und wie es einem vorkommt, heutzutage immer öfter) so wahr, dass ich beinahe überlegt hätte, nicht zu liken. Nein, es geht auch anders – aber es hat gute Gründe, warum Frauen, die allein im Wald leb(t)en, das auch bleiben wollen, und es hat(te) nicht nur mit Männern zu tun …
    Abendgruß! 😀

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    1. Eigentlich glaube ich ja schon an das Gute im Menschen. Aber leider ist das „Gute“ irgendwie nicht immer unmittelbar bei jedem spürbar, v.a. nicht, wenn es um Gruppen geht, die sich zusammen tun. Oder um Menschen, die denken, sie hätten einen „göttlichen Auftrag „, andere zu töten oder zu verletzen, seufz….

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