abc-Etüden; Textwochen 47.48.20; Weisheit

Wie jeden Morgen machte sie sich auf, um in der geheimnisvollen Bibliothek des kleinen alten Klosters zu stöbern. Seit diese öffentlich zugänglich war, war sie hier zu finden. Immer auf der Suche nach Erkenntnis. Wo konnte sie näher dran sein als hier? Texte lesend, die heilige Männer vor langer Zeit aufgeschrieben hatten… . Voller Ehrfurcht.

Aber als sie heute Morgen das Kloster betreten wollte, war wie aus dem Nichts plötzlich ein alterslos erscheinender merkwürdig gekleideter barfüßiger Mann vor ihr aufgetaucht. „Möchtest du die Quelle der Weisheit und Erkenntnis finden?“ hatte er sie gefragt. Und dann hatte er sie mitgenommen. Nicht in das Kloster, sondern in den nahen Wald.

Inzwischen fragte sie sich, warum sie ihm so naiv gefolgt war. Immer dichter wurde das Gestrüpp, durch das er sie führte. Ihm schien das nichts auszumachen. Aber sie fühlte sich von den Zweigen geschlagen, blieb an Dornen hängen und bekam Angst vor Zeckenbissen. Sollte es Zecken nicht gerade in solch einer Umgebung zahlreich geben? Und wer weiß, was noch?! Sie wurde griesgrämig und wollte umkehren. Aber irgendwie schien es kein Zurück mehr zu geben. Was machte sie hier bloß? All ihre Freundinnen würden sie für verrückt erklären.

„Wie heißt du?“ fragte sie den Mann. „Menschen haben mir verschiedene Namen gegeben, je nach Zeitalter und Kultur.“ antwortete er und half ihr liebevoll durch das Gestrüpp. „???“

Und dann waren sie plötzlich angekommen. Wasser plätscherte sanft aus einem Felsvorsprung und ergoss sich in einen tiefblauen klaren See. Wunderschön sah die Szene aus und es duftete, wie nur ganz reines Wasser duftet. „Das ist die Quelle der Weisheit?“ fragte sie staunend und zugleich ungläubig. „Blick in den See, dann siehst du die Quelle.“ antwortete er. Sie sah hinein, konnte aber nichts anderes erkennen, als ihr eigenes Spiegelbild.

Fragend blickte sie auf. Doch er war verschwunden.

Mit herzlichem Dank an Christiane (https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/11/15/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-47-48-20-wortspende-von-cafe-weltenall/) für die Schreibeinladung und an Café Weltenall für die Wortspende!

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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27 Kommentare

  1. Ja, Maren – das ist eine wahre Geschichte…. Wir sind alle auf der Wanderung und suchen uns und finden uns im Spiegel – vielen Dank! Das ist eine richtige Kurs in Wundern Geschichte, erlaubst Du sie mir in die Morgenrunde von unserem Kurs zu stellen?

    Gefällt 2 Personen

  2. Auch mein griesgrämiger Rabe sieht nur sich selbst im Spiegelbild. Genau das ist sein Problem. Er kann nicht über sich selbst hinaussehen oder von sich absehen und bleibt daher in seiner Grundstimmung stecken.
    Das „Erkenne dein Selbst“ der alten Griechen hat einen viel weiteren Sinn als die heutige „Selbsterkenntnis“. Denn das Selbst ist viel größer als das biographische Ich. Aber das weißt du ja sicher.

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      1. Liebe Maren,
        aber immer wieder gerne! Lob kann und sollte man, wenn es denn ehrlich ist, in Unmengen verschwenden. Es wird, egal, wie oft man es teilt nicht weniger, ist unerschöpflich und es bereichert ein jedes Herz. Dein Beitrag hat mich bereichert und dafür verdienst du dieses Lob auch allemal *lächel*
        Bevor ich jetzt hier anfange zu philosophieren und Romane schreibe…. wünsche ich dir einen wunderbaren Start in den Tag mit vielen Wohlfühlmomenten und bin dann mal weg 😉
        Liebe Grüße
        Heike

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      1. Darin, daß er keinerlei Hilfestellung gab, die Quelle zu finden, die sie -nach der unausgesprochenen Vorgabe der Geschichte- in sich trägt. Er ließ sie ratlos, wortlos zurück. Gesehen wie sie selbst ‚ist‘, hat sie sich zuvor sicher auch und falls ’sie‘ zuvor noch nichts von zazen o. Ä. Methoden der Kontemplation gehört hat und der Gute ihr keinen unverständlichen Satz mit auf den Weg gab, wird sie ewig suchend bleiben – ‚gezeigt‘ hat er ihr nix. Ergo: gelogen 😉 …

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      2. Ah, ich verstehe … 🙂 . Aber wer so viel Texte „heiliger Männer“ gelesen hat, wie sie, hat vielleicht schon viel von Methoden der Kontemplation gehört und auch ausprobiert … . Wer weiß? … . Und vielleicht kann man die Quelle sogar auch ohne solche Methoden finden, wenn man nur beginnt, an der richtigen Stelle zu suchen? Wer weiß … ?

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