Alltagsrassismus

Vielfarbig; Künstlerin: Dörte Müller

In letzter Zeit gibt es immer mal wieder Diskussionen, weil eine Straße umbenannt werden soll, die einen abwertenden Begriff enthält. Oder nach jemandem benannt ist, dessen „Verdienste“ aus heutiger Sicht eher zweifelhaft erscheinen. Jede*r möchte deutlich machen, dass er oder sie gegen Rassismus ist. Selbst als Sternsinger wurden vielerorts vorsichtshalber drei blonde Mädchen ausgesucht, um bloß nichts „falsch zu machen“. Ich will mich nicht darüber lustig machen. Es ist nicht an mir, zu bewerten, ob und warum sich jemand diskriminiert oder beleidigt fühlt.

Was mich an dieser Debatte stört, ist vielmehr, dass sie mir scheinheilig erscheint. Denn für mich wird hier immer nur der Deckel einer Sache ausgetauscht, ohne dass man in das Gefäß darunter schaut. Und mir erscheint dieses Gefäß tief und immer noch sehr gefüllt.

Denn: Selbstverständlich sehen wir Menschen anderer Hautfarbe uns Weißen gegenüber als absolut gleichwertig an – Wenn sie sich denn verhalten, wie Weiße. Unsere Anschauungen, unsere Ansichten, unsere Weltsichten teilen. Dann können sie sogar amerikanischer Präsident oder Vizepräsidentin werden. Was wir feiern, weil wir es für Gleichberechtigung halten.

Wenn jedoch jemand wie vor 100 Jahren als Stammesältester seines kleinen Dorfes in Afrika leben möchte, mit tiefer Verbindung zu seinen Ahnen, zu der Kultur seiner Ahnen und zur Natur, – dann sehen wir das selbstverständlich als völlig rückständig an. Und meinen vielleicht noch, dem Dorf „Entwicklungshilfe“ geben zu müssen. Denn wir Weißen können es irgendwie schlecht ertragen, wenn jemand unsere Weltsicht NICHT teilen will. Dann neigen wir dazu, „nachzuhelfen“.

Ich persönlich halte es nicht für rassistisch, jemand als „Rothaut“ zu bezeichnen, wenn er eine rote Hautfarbe hat. Aber ich halte es für rassistisch, sich über die alten indigenen Kulturen lustig zu machen. Diese für „primitiv“ zu halten, ihre uralten Weisheiten zu übersehen. Ihrem „Schamanismus“ gerade mal folkloristischen Wert zuzubilligen. Oder ihn als neues, v.a. in Kreisen des westlichen weiblichen Bürgertums beliebtes, „Konsumgut“ anzusehen und nur als solches zu akzeptieren. Weil in unserer ach so entwickelten Kultur eben grundsätzlich alles am „Marktwert“ bemessen wird.

Und wir Weißen WISSEN schließlich, wie es geht und wie es zu geht auf dieser Welt. Was diese Welt im Innersten zusammenhält. Wer denn, wenn nicht wir mit unserer RATIONALEN Wissenschaft? Wer diesem Weltbild nicht folgt, kann ja nur rückständig sein … . Und dem muss natürlich geholfen werden … .

Allein der Begriff „Entwicklungshilfe“ ist für mich ein rassistischer. Weil er suggeriert, dass wir Weißen „entwickelt“ seien. Unsere Kultur die beste und am höchsten „entwickelte“ der Welt sei, sozusagen evolutionär weiter fortgeschritten als andere. Weil wir Technik – und das, was wir für Wissenschaft halten, – anbeten, halten wir Völker, die das nicht in dem Maße tun (und die eine andere Art Wissenschaft haben), für rückständig.

Hilfe in Afrika ist gut und wichtig. Nicht, weil dies „rückständige“ Völker sind, die zu unserer Vorstellung von technologischem Fortschritt hin entwickelt werden müssten, sondern weil die Industriestaaten seit der Kolonialzeit dort die alten Strukturen aus purem Eigennutz weitgehend zerstört haben. Und daher aus meiner Sicht eine moralische Verpflichtung dieser Staaten besteht, hier auch Reparaturarbeit zu leisten. (Und zwar nicht mit dem Ziel, möglichst viele neue Konsumenten für westliche Güter zu schaffen.)

Haben wir eigentlich jemals das DENKEN aus der Kolonialzeit wirklich hinterfragt? Haben wir jemals begonnen, Kulturen, die anders sind als unsere, wirklich als GLEICHWERTIG anzusehen?

Und warum sind wir eigentlich so oft der Meinung, es wäre PEINLICH, wenn wir Deutschen in irgendetwas, wie z.B. der uns so wichtig erscheinenden Digitalisierung, „schlechter abschneiden“, als Länder, die wir für weit unter uns stehend halten? Was steht für eine Denkweise dahinter, wenn jemand sagt: „Das bekommen sogar die in Albanien besser hin.“? Warum meinen so viele Menschen in Deutschland ganz selbstverständlich, dass wir Deutschen toller, besser, intelligenter, fortschrittlicher, besser organisiert etc. sind als andere???

Und warum meinen oft genug dieselben Menschen, dass sie antirassistisch seien, wenn sie sich über ein Straßenschild aufregen?

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

Beteilige dich an der Unterhaltung

14 Kommentare

  1. Liebe Maren, es spricht mir aus dem Sinn, ich halte es für eine Scheindebatte und für eine sognt. Schattenprojektion, und zusätzlich andererseits ersetzen die Nachrichtenmedien, den alten Pranger. Nehme ich mal als Durchschnitt, auch davon, was als kollektive Unterhaltung angeboten ist, auweia, da hör ich die Nachtigall trapsen, betrachte dies alles als Querschnitt für kollektive Intelligenz. Lieben Gruß.

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    1. Lieber Arkis, danke dir! Mein Beitrag ist wahrscheinlich schon auch etwas „böse“, in dem Sinne, dass ich etwas aufspieße, was ich für „faul“ halte – und das ist sicher in gewisser Hinsicht schmerzhaft. Ich nehme an, dass das ein Grund ist, warum eher wenige diese Fragen zu stellen scheinen… . Mir ging es dabei weniger darum, zu verurteilen, wenn Leute sich über ein Straßenschild aufregen. Sondern darum, dass so viele das als ausreichend anzusehen scheinen, um sich das eigene Gewissen reinzuwaschen. Ohne sich zu fragen, was Rassismus denn eigentlich ausmacht. Und unsere Medien tun das ohnehin nur in Ausnahmefällen. Will eben vermutlich kaum jemand sehen… . Kollektive Intelligenz oder kollektive Ignoranz? Keine Ahnung. Und warum wir das auch noch ständig in alle Welt exportieren wollen, noch weniger Ahnung … ;-).
      Liebe Grüße
      Maren

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  2. …ich empfinde es wie Du als scheinheilig, wir Kinder aßen noch Negerküsse und beim Bäcker gab es Amerikaner (eine Art Kuchen), das schadete niemanden, im Gegenteil, soll mir doch einer mal erklären, was an einer Süßigkeit, die Negerkuss heißt, rassistisch ist…Neger kommt von negro und bedeutet einfach schwarz…Zigeuner dürfen nicht mehr Zigeuner heißen, obwohl sie sich in manchen Gegenden selbst so nennen…muss ich mich jetzt beleidigt fühlen, wenn jemand „Weiße“ zu mir sagt?

    …ich habe eher den Eindruck, es geht darum, Menschen zu verunsichern und zu verwirren…

    …und ich nehme an, jeder Einfluss von außen führt zur Zerstörung gewachsener und somit gesunder Strukturen…und wahrscheinlich ist das genauso gewollt…Menschen überall auf der Erde sind so erfinderisch und fleißig, so unermüdlich, sich selbst zu helfen, dass man ihnen ruhig vertrauen darf, man muss sie nur in Ruhe lassen und nicht, auch nicht mit Geld, bevormunden…Menschen brauchen Recht auf Grund und Boden, auf ihre Heimat und ihre Geschichte…

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    1. Ja, es ist die verbreitete Tendenz, unsere Kultur anderen als ganz klar überlegen anzusehen, die mich stört.
      Und ich habe auch den Eindruck, dass inzwischen leider alles schon so verwirrt ist, dass auch Menschen aus anderen Kulturen leider oft dazu tendieren, ihre als der westlichen unterlegen anzusehen. Während im Westen (zumindest in einigen Kreisen) aus meiner Sicht zum Glück langsam die Erkenntnis wächst, wie viel Wissen und Weisheit in manch uralter Kultur steckt. …

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      1. …das ist auch mein Eindruck…jedoch wird oft vergessen, dass Menschen ihrer Erfahrung wegen und ihres Strebens nach Vollkommenheit immer wollen, was sie nicht haben…wir sehen es vielleicht mit Bedauern, aber ein junger Mensch aus dem Busch MUSS in die Stadt und all das kennenlernen, vielleicht um irgendwann zu verstehen, was er verloren hat…oder auch nicht, vielleicht sieht er auch nach Jahren noch diesen Schritt als Gewinn…wir können doch unsere Wünsche und Hoffnungen nicht einfach den Menschen aus indigenen Kulturen überstülpen…Leben ist Bewegung und Veränderung….

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    2. Vielleicht noch als Ergänzung: Ich finde schon, dass Begriffe, die von Betroffenen als abwertend empfunden werden, wie „Negerkuss“ dann auch nicht unbedingt verwendet werden sollten. Aber es gibt ja einen Grund, WARUM das als abwertend empfunden wird. Und ich finde es wenig hilfreich, wenn man zwar den Begriff verbannt, den eigentlichen Hintergrund aber im Grunde unangetastet lässt. Also das abwertende Denken gegenüber Kulturen mit anderen Hautfarben beibehält.

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      1. ….stimme mit Dir völlig überein…(allerdings habe ich noch nie gehört, dass jemand sich durch den Begriff Negerkuss abgewertet fühlte…)

        …dieses ganze Thema verdeckt doch nur die Ungleichheiten und Geringschätzung von Menschen in der eigenen Kultur und Gesellschaft…Abwertung von Arbeitslosen, Ausgrenzung von Behinderten, Abwertung der Alten, der Geringverdiener…das ist auch eine Form von Rassismus, die nur nicht so genannt wird…

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  3. So ist ja auch versucht worden, den Iranern die Werte der westlichen Lebensart überzustülpen, ebenso den Völkern im Nahen und Fernen Osten. Alles machtstrategische Spiele, kaschiert als erstrebenswerte Werte. Ausgedacht diese Strategie schon viel früher von dem Unsinn der Missionierung des Glaubens.
    Wir waren, sind und bleiben nur Schachfiguren.

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  4. Meine Tochter ist zur Hälfte schwarz – ich könnte ein ganzes Buch schreiben zu diesem Thema, vielleicht mach ich das auch noch….. Das Wort *scheinheilig* gefällt mir in dem Zusammenhang sehr gut und richtig.
    Sag mal, was ist eigentlich aus Deinem Feuerwehrsee geworden? Oder hab ich da was übersehen oder bin ich schon senil?

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      1. Sorry, hab ich wohl tatsächlich Dich mit jemand anderen verwechselt, (bei der Fülle von abonnierten Blogs kein Wunder) aber gar nicht schlecht, denn jetzt habe ich erst gesehen, was für tolle Beiträge Du bereits im Sommer geschrieben hast.

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