abc-Etüde 08.09.21 – Exkommuniziert!

Mit Tränen in den Augen hatte er damals ihr Büro betreten: „Aber du, du wirst doch zu mir halten, oder? Wir waren doch immer befreundet. “

Sie hatte ihre Strickjacke enger um sich gezogen und ihn ignoriert. 

Ja, er war ein brillanter Wissenschaftler. Sie hatte ihn immer geschätzt, manchmal sogar bewundert: Hochintelligent, exzellente Vita, Hunderte Veröffentlichungen und vielfache Auszeichnungen. 

Aber dann hatte er einen Fachaufsatz zum Euro geschrieben. Und er hatte eine Meinung vertreten, die man einfach nicht zu vertreten hatte. Er hatte dazu gesagt, er wolle zugunsten der Allgemeinheit zu seiner Überzeugung stehen, – auch, wenn diese nicht gewünscht sei. Universität – das sei doch auch Diskurs!

Wie trügerisch waren manche Menschen, dachte sie. Es war ihr peinlich, jemals mit ihm befreundet gewesen zu sein, und sie hoffte, niemand würde mehr eine Verbindung zwischen ihnen beiden ziehen. Inzwischen war er wohl in einer Klinik. Burnout hieß es. Tja, selbst schuld, wenn man so einen Ego-Trip fahren musste… . 

Wie immer begann sie ihren Bürotag mit einem Kaffee und einem Blick in die regionale Zeitung – aber heute sah sie irritierenderweise auf ein Bild von sich: Ein Student habe „rechtes Gedankengut“ in ihrer Habilitationsschrift entdeckt.

WAS??? Jede*r hier wusste, dass sie politisch links war, immer gewesen. Es war lächerlich, die fragliche Äußerung völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Der Student vor Kurzem bei ihr durch eine Prüfung gefallen. 

Telefon: „Bitte sofort zum Dekan.“ Die Kollegen, denen sie auf dem Flur begegnete, drehten sich weg, niemand erwiderte ihren Gruß. 

Das Gespräch war kurz, ihre Sicht nicht gefragt: Sie werde frei gestellt und möge ihr Büro räumen.

Sie war fassungslos, musste unbedingt mit jemandem reden. Mit Tränen in den Augen ging sie in das Büro einer befreundeten Kollegin. „Aber du, du wirst doch zu mir …“

Die Kollegin zog ihre Strickjacke enger um sich und ignorierte sie. 

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Falls es punktuell Ähnlichkeiten mit vielfältigen mehr oder weniger aktuellen Ereignissen geben sollte, sind diese selbstverständlich rein zufällig… . 😉

Wie immer mit Dank an Christiane für ihre Mühe mit den Etüden, deren Regeln hier zu finden sind (Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.21 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram | Irgendwas ist immer (wordpress.com) und an Sabine von Wortgeflumselkram für die diesmalige Wortspende.

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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5 Kommentare

  1. Ja Maren, so schnell kann es aufrechten Menschen, die zu ihren Werten stehen, gehen. Man muss mutig sein, und es wagen auch wenn es grad einen Mainstream-Trend gibt und man muss auch stark sein, sich nicht beirren lassen, denn es geht um mehr als die Akzeptanz der breiten Meinungsmache. Es geht um unsere eigene Kongruenz, nur diese ist wichtig, nur die Früchte dieser nehmen wir mit wenn wir sterben, alle anderen angstvollen Anpassungen an eine fehlerhafte, wechselhafte Trendsicht werden zurückgelassen. Und mit den schnellen Verurteilungen, den schnellen Distanzierungen von nicht konformen Mitgliedern unserer Gesellschaft hören wir erst auf, wenn wir selbst mal in jene lehrreichen Situationen kommen. Superaktuell diese Geschichte.

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Melina, danke dir! Ich bin tatsächlich erschrocken, wie schnell in der Öffentlichkeit stehende Menschen heutzutage „exkommuniziert „, also aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden, wenn sie bei irgendeinem Thema eine Meinung vertreten, die man aus Sicht der Mehrheit nicht zu vertreten hat. Statt sich inhaltlich mit dieser Meinung auseinanderzusetzen, wird jeweils der Mensch fertig gemacht, gemobbt. Es ist dabei völlig egal, wie viel Verdienste die Person sich vorher vielleicht sogar erworben hat. Teilweise dieselben Menschen, die das für völlig normal halten, fragen sich dann aber, wie Kinder so grausam sein können, ein anderes Kind zu mobben, weil es z,B, die aus Sicht der Mehrheit „falsche “ Klamottenmarke trägt. Und ich frage mich, welche Vorbilder die Gesellschaft setzt …
      Liebe Grüße!

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      1. Ja, woher die Kinder das wohl haben? So hat mir auch vor kurzem jemand geschrieben, der Ken Jebsen wäre ein AFDler und eine andere ein Judenhasser, tja, so schnell sind die Menschen mit Verurteilen und Vorurteilen. Es wird nicht mehr recherchiert. Na, ja, ich als Rentnerin habe da natürlich mehr Zeit, aber mit meinen nächsten Beitrag „Medien-Navigator“ wird es vielleicht auch für andere bequemer sich kundig zu machen statt mit ihrem Halbwissen andere vorzuverurteilen.

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  2. Ich habe Schwierigkeiten, die beiden geschilderten Fälle unter einen Hut zu bringen. Jemand, der eine kontroverse (ich formuliere es bewusst so) Meinung vertritt, muss damit rechnen, aufgrund dieser Meinung Gegenwind zu bekommen. Dass diese Lehrende aufgrund der Aussage eines missgünstigen Studenten ohne weitere Überprüfung durch den Arbeitgeber freigestellt wird, halte ich für einen Skandal.
    Auf der menschlichen Ebene kann ich es mir leisten, mit dem zu sprechen, mit dem ich sprechen möchte; aber ich habe die Existenz von Maulkörben nie bezweifelt, und nicht alle sind so charakterstark, wie sie es eigentlich von sich behaupten …
    Danke dir für den Anstoß zum Nachdenken! 🙂 (Ich bin bei dir öfter mal ein bisschen spät, weil ich über den PC kommentieren muss, das Handy erkennt nicht, dass ich eingeloggt bin, frag mich nicht, warum.)
    Abendgrüße! 😀

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