abc-Etüde 10./11.21- Antrieb

Als Jugendlicher war er brutal überfallen worden von einer Gang. Sie warfen ihn die Treppe hinunter und traten und schlugen ihn bis zur Bewusstlosigkeit. Das Wort „Klassenkeile“ wäre verharmlosend. 

Ist es nicht verständlich, denke ich mir, wenn er seitdem unbedingt schnell weg sein können möchte? Wenn er keinen Blick für Schönheiten der Natur hat, niemals trödelt, immer schneller, sehr viel schneller sein will, als andere? Weg. Schnell ans andere Ende der Welt. – Oder auf den Mond, oder den Mars? 

Heute ist er eine Art Popstar, ob seiner technischen Visionen. Menschen, die Visionen haben, die groß denken und das auch umsetzen, werden nämlich selten zum Arzt geschickt (wie Helmut Schmidt es einst anregte …). Sondern stattdessen meist bewundert.

Eine Partei, die sich „Die Grünen“ nennt, rollte ihm den roten Teppich aus für den Bau einer Gigafabrik. In einem Trinkwasserschutzgebiet. In einem Bundesland, das seit Jahren mit Dürre kämpft. Bauvorschriften, sonst betonhart einzuhalten, wurden für ihn auf einmal schwammig und sehr beweglich.

Für viele Jugendliche ist er ein Idol. Er scheint geradezu die Verkörperung des technischen Fortschritts. 

Nur mir in meiner Rückwärtsgewandheit macht er Angst: Was treibt ihn an, und warum muss es so groß sein? All diese Satelliten, die er ins All schickt. Für einen technischen Fortschritt, den ICH so nicht will.

Was treibt Menschen an, die eigene technische oder digitale oder auch medizinische – die gesamte Menschheit umfassende – Visionen umsetzen wollen? Was für Biografien, was für Erlebnisse mögen dahinter stehen?

Visionen müssen nicht schlecht sein. Aber Visionen, deren Ergebnisse anderen gegen deren Wunsch und Willen aufgezwungen werden, sind aus meiner Sicht auch fast nie gut.

Warum werden deren Urheber so gern bewundert  – und Menschen, die einfach vor sich hintrödeln, mit sich und der Welt glücklich und zufrieden sind, niemals jemand anderen etwas gegen dessen Willen aufzwingen würden,- nicht?

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Wie immer mit Dank an Christiane für ihre Mühe mit den Etüden, deren Regeln hier (Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.21 | Wortspende von BerlinAutor | Irgendwas ist immer (wordpress.com) ) zu finden sind. Und diesmal an René von BerlinAutor für die Wortspende.

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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21 Kommentare

  1. Dieses biografische Detail, liebe Maren, ist das gesichert? Ich weiß nichts über ihn … aber das mit der Fabrik ist eine Sauerei, dass die durchgewunken wurde, und Fortschritt um jeden Preis halte ich ebenfalls für bedenklich … haben wir nicht genug, was auf dieser Welt im Argen liegt und wo man Geld investieren könnte, um sich zu profilieren?
    Interessante Etüde, Stoff zum Nachdenken.
    Danke dir! 😉
    Sonnige Mittagskaffeegrüße an dich! 😀

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    1. Danke für diesen schönen Kommentar!Es gibt sogar ein Buch über seine schwierige Kindheit. Er sei demnach als Kind gemobbt und öfter von Schulhofschlägern verprügelt worden. Eine Attacke war die, die ich aufgegriffen habe. Der eigene Vater war wohl ebenfalls gewalttätig. Anscheinend eine ziemlich Horrorkindheit….

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  2. Interessante Fragestellung, Maren. Ich finde allerdings nicht, dass es bei dem angesprochenen Fall auf die persönliche Biographie, sondern auf die politischen Entscheidungsträger (Plural) und die von ihnen vertretene Politik ankommt. Ist man der Meinung, Elektroautos seien der Segen der Zukunft? Ja? Nein? Wenn ich Ja sage, muss ich die Folgen auch bejahen: Der Bau dieser Gigafabrik ist dann nur logisch, ebenso die politischen Umstürze und Umweltzerstörungen dort, wo die Metalle für die Batterien abgebaut werden oder die Zupflasterung von Deutschland mit E-Tankstellen samt Strom-erzeugenden Anlagen, Verkabelung etc pp.
    WER diese Politik dann umsetzt, ist eigentlich egal. Und dass sie, wenn einmal beschlossen und bejaht, in großem Stil umgesetzt wird, finde ich verständlich, gerade auch für Deutschland, das ja ein Industriestandort und kein Erholungsgebiet ist. (Ich weiß, das klingt schlimm, aber so ist es eben. Nicht nur die Natur, auch die Menschen mit ihren unschuldigen Bedürfnissen sind nur ein Anhängsel an die Großsysteme).
    Trotzdem ist die Frage, wie dieser EINE motiviert ist, natürlich von Interesse. Und auch, warum dieser EINE dann angehimmelt aber auch gehasst wird. (Ich vermute, es gibt viele, die ihm auch heute gern Klassenkeile angedeihen lassen würden).

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    1. Danke für diesen gehaltvollen Kommentar, liebe Gerda! Mich haben bei dieser Etüde tatsächlich mehrere Fragestellungen bewegt: Zum einen stört es mich, dass mit dem Label „Klimaschutz“ Umweltzerstörung „gerechtfertigt“ wird. Und gerade von den Grünen hätte ich (früher) hier eine gewisse Abwägung erwartet. Auch würde ich mir „Visionen“ wünschen, die eher in die Richtung gehen, wie ein Wirtschaftssystem gestaltet werden könnte, das nicht auf permanentes Wachstum ausgelegt ist (also auch nicht gezwungen ist, den Industriestandort mehr und mehr zu einem Digitalisierungsstandort umzubauen…).
      Der zweite Punkt (Digitalisierung!) waren die Satelliten etc., die ja vermutlich etwas mit G5 zu tun haben. Die ich nicht möchte, gegen die ich aber auch keinerlei Chance habe, mich zu wehren, oder dem nur zu entziehen. Ob bei den E-Autos, oder bei den Satelliten oder auch bei einigen der derzeit von anderen prominenten Playern dieser Welt angestrebten „Visionen“: Sie werden umgesetzt ohne jegliche Mitsprachemöglichkeit.
      Und der dritte Punkt für mich war tatsächlich: Warum erscheinen solche „Visionäre“ vielen so nachfolgenswert, obwohl mit sich und der Welt einfach nur zufriedene Menschen doch wahrscheinlich viel glücklicher sind? Also, warum werten wir „Erfolg“ so viel höher als Zufriedenheit?

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      1. Wir haben schon immer zu den „Großen“ aufgeblickt, sei es bei den Germanen, wo die Anführer stellvertretend für uns gekämpft haben, sei es im Christentum, wo Jesus sich stellvertretend für uns geopfert hat, und sei es bei den großen Dynastien (heute würde man sie treffender als Clans bezeichnen) wie Krupp, Mannesmann, die quasi stellvertretend für uns den deutschen „Ruhm“ begründet haben, neben Kaiser und „Führer“ natürlich. Und bei den Großen lag eben all das, was man sich erwünscht hatte: Erfolg zu haben, bewundert zu werden, etwas erreicht zu haben. Zufriedene Menschen in Häöngematten, die die Aktion Mensch Werbung uns zeigt, haben halt Glück gehabt und werden deshalb auch bewundert und wir versuchen, es ihnen nach zu tun und kaufen auch die Lose.
        Und vielleicht ist es auch einfach die Entschlossenheit, mit der Musk bewundert wird und etwas durchboxt, im Gegensatz zu unseren aktuellen Zauderern, die ohne Fremdexpertise sich ja schon gar nichts trauen zu sagen, ganz zu schweigen zu handeln?

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      2. Ja, vielleicht ist es diese Entschlossenheit, die bewundert wird. Diese Entschlossenheit, die bei mir eben genau eher zwiespältige Gefühle auslöst … . Ich bin mir auch gar nicht so sicher, dass ich mir von unserer politischen Führung mehr „entschlossenes Handeln“ wünschen würde, aber definitiv mehr Mut, Dinge zu sagen, zu hinterfragen und zu diskutieren (und zwar ohne sich für jedes Statement auf irgendeinen „Experten“ berufen zu müssen, denn diese hat ja niemand gewählt). Mehr Mut zu kontroversen Diskussionen. Zum Ringen um Entscheidungen. Oppositionsparteien, die sich trauen Gegenentwürfe zu präsentieren, und damit Diskussionen in Gang bringen könnten.
        Und irgendwie wünsche ich mir auch, dass eigene Zufriedenheit nicht von so vielen Menschen als minderwertig gegenüber „erfolgreich“ wahrgenommen wird …

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  3. Gut, dass du das hier noch mal ausführst, Maren. Denn so wie ich die Etüde gelesen habe, kommen diese Themen zwar alle vor – und ich teile deine Bedenken vollkommen – , aber irgendwie liefen sie dann doch auf die Frage zu: warum ist dieser Mann so geworden, wie er eben ist. Seine Misshandlung als Kind wurde für mich zum Focus.

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  4. Eine sehr aktuelle Etüde – schön – ich liebe sowas….und ich mache mir schon seit längerem Gedanken und ganz aktuell in den letzten beiden Wochen, über G5 Gedanken, weil ich ein Paket von Vodafon bekommen habe (kostenlos und unaufgeforder) mit einem neuen Modem und heute kam die Meldung, dass ich es anschließen sollte, weil das alte nur noch wenige Tage funktionieren wird. Mein Verdacht: G5 tauglich natürlich…. aber was machen diese Strahlen eigentlich, was haben sie für Wirkung auf uns…. ich sag jetzt nicht was ich darüber schon gelesen habe – sonst bin ich gleich wieder ein Verschwörungsverbreiter.
    Der andere Gedanke liebe Maren beschäftigt mich schon seit Jahrzehnten…. seit ich die Biografie von Hitler und die Interpretation bei Alice Miller gelesen habe (Am Anfang war Erziehung) ist mir vieles klar geworden was Gates, Tesla und Co – eben die Machtgierigen umtreibt. Es ist die fehlende Liebe, die sie auf diese Weise antreibt – viiiiiel Geld zu machen und Geld ist gleich Macht, der Ersatz für Liebe. So erhalten sie die ihnen als Kind fehlende liebevolle Zuwendung und ersetzen sie durch Berühmtheit und Bewunderung anderer, stellvertretend. Das Blöde ist nur, dass diese Art der Ersatzbefriedigung nicht lange „satt“ macht und so müssen sie immer mehr, immer mehr, immer mehr…..

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    1. Danke dir, liebe Melina, für diesen Kommentar, der die Gedanken aus meiner Etüde im Grunde nochmal schön zusammenfasst. Plötzlich bekommt man so ein Modem, das man nicht will – und das alte wird abgeschaltet. G5 ist Voraussetzung für die digitalisierte Welt und damit für das Wirtschaftssystem der Zukunft, also macht man es und stellt Bedenken hintan. Und Menschen mit Bedenken wird dieses von dir genannte Label angeklebt … .

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  5. So hab ich die Person(en) um Elon Musk auch noch nie gesehen. Klar, es geht ihm nicht in erster Linie darum ein großer Menschenfreund zu sein. Sicher geht es um Geld. Und dass E-Autos natürlich Strom brauchen, der „irgendwie“ produziert werden muss. Eine visionäre Person ist er aber auf jeden Fall.

    VG, René

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    1. Der große Vorteil an den Etüden, dass man auch immer mal von der eigenen Sicht völlig abweichende Blickrichtungen präsentiert bekommt … ;-). Ich gebe zu, dass meine Sichtweisen da oft etwas herausfordernd sind – und nicht immer jedem gefallen, denn ich neige sehr dazu, Mehrheitsmeinungen kritisch zu hinterfragen. … Aber das wirst du vermutlich schon bemerkt haben … :-).

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