abc-Etüde 12.13./21 – Leben

Versonnen betrachtete sie das Foto. Sie mit einem Cocktail in der Hand am Meer. Mit einem Mann. Sie hatten Nächte durchgetanzt zusammen. Am Strand und in Bars. Waren morgens nackt ins Meer gesprungen. Hatten jeden Flecken der Insel erkundet. Viel Körperkontakt und wenig Schlaf. Abenteuer pur. Was hatte sie sich lebendig gefühlt damals.

Er hatte sie angefleht zu bleiben. Sich ein neues Leben mit ihm aufzubauen auf dieser Insel. Sie hatte sich dagegen entschieden. Ein Traum, den man lebt, trägt die Tendenz in sich, zum Alptraum zu werden, hatte sie sich gesagt.

Und dann? GLÜCKLICH??? Wie oft war sie Montags aufgestanden – und hatte sich schon das Wochenende herbeigewünscht? Wie oft war der Sonntag verleidet, weil sie schon an Montag dachte? Wie oft hatte sie morgens schon den Feierabend herbei gesehnt?

Wie oft hatte sie sich gewünscht, dass irgendetwas möglichst schnell vorbei ginge, damit etwas Besseres käme?

Wie viele Stunden, Tage, Monate, Jahre ihres Lebens hatte sie eigentlich damit vergeudet, dass sie sie gar nicht gelebt hatte??? Immer nur auf irgendeine Zukunft fixiert und die Gegenwart gar nicht bemerkend? Schon gar nicht genießend, sondern irgendwie weg haben wollend?

Wann hatte ein Cocktail jemals wieder so fruchtig geschmeckt, wie in diesem Urlaub? Ihre damals schöne Haut hing inzwischen in Dackelfalten an ihr herab. Erzählten diese Dackelfalten von Freude und gelebtem Leben? Oder von Sorgen, Angst, Mutlosigkeit und Leere?

Es schepperte vor ihrer Tür, und das Geräusch riss sie aus ihren Gedanken. „Ihr Mittagessen, Frau Meier.“ Der junge Pflegediensthelfer nahm ihr das Foto aus der Hand: „Ach ja, Urlaub am Meer, da freue ich mich auch schon immer das ganze Jahr drauf. Dafür stehe ich jeden Morgen auf und gehe zur Arbeit.“ („Eigentlich NUR dafür“, ergänzte er leise für sich.)

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Wie immer mit Dank an Christiane für ihre Mühe mit den Etüden, deren Regeln hier (Schreibeinladung für die Textwochen 12.13.21 | Wortspende von puzzleblume | Irgendwas ist immer (wordpress.com)) zu finden sind, und an Puzzleblume für die diesmalige Wortspende!

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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19 Kommentare

  1. eine wundervolle und gleichzeitig traurige Geschichte…
    in meinem Leben bin ich immer dem spontanen Impuls gefolgt. Eine Karriere habe ich mir so zwar vermasselt und mich stattdessen in jede Menge Schwierigkeiten geritten, aber bereut habe ich es nie…

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  2. Ich habe noch an keinem alten Menschen Haut in Dackelfalten herabhängen sehen, Gesundheit vorausgesetzt. Aber mit dem Rest gebe ich dir soooo recht, das Freuen aufs Wochenende erwischt sogar mich, und im Großen und ich Ganzen mag ich wirklich, was ich tue … 🤔
    Leben im Moment ist oft eine Kunst.
    Nachmittagskaffeegrüße 😁🌼⛅☕🥨👍

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    1. Ehrlich gesagt habe ich gar keine richtige Vorstellung davon, wie Dackelfalten aussehen 🤔, ich habe mir irgendwie besonders tiefe Falten und herabhängende Haut vorgestellt… ., aber damit liege ich dann wohl eher falsch 😇.
      Macht nichts, die Geschichte ist ja trotzdem verständlich 😃.
      Freuen aufs Wochenende ist nicht verkehrt, denke ich, so lange man das Leben in der Woche darüber nicht vergisst 😉.
      Liebe Nachnittagskaffeegrüße zurück!!

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  3. „Altersdackelfalten“ wie vorher geschrieben – doch, die kann’s schon geben. Ich vergesse nie einen Besuch im damals noch rundum unrenovierten Müllerschen Dampfbad in München, in das ich als 19jährige mit einer Freundin ging, um die Jugendstil-Innenräume sozusagen in der Anwendung zu erleben. Anscheinend war ein Dampfbadbesuch nur bei alten Menschen beliebt und wir befanden uns inmitten einer bemerkenswerten und sehr lehrreichen Runde von Senioren in den verschiedensten Stadien der Körperllichkeit, wie es eben so ist, wenn nach Gewichtsabnahmen und altersbedingtem Muskelabbau nichts mehr so „in Form zurückschnurrt“ wie gewöhnlich in jungen Jahren. Daher kann ich mir deine alte Dame besonders gut vorstellen.
    Das Lebensalter zu erreichen, in dem man wirklich begründet darauf zurückschaut, was sich nicht mehr wiederholen lässt, ist sicherlich eine Herausforderung, die man schlecht mit jemandem besprechen kann, der im Alter der Pflegekraft (und damals meinem) noch mitten im vorandrängenden Erlebnisalter kaum Phantasie dafür aufbringen kann. Ich finde deine Etüde sehr gelungen.

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    1. Dankeschön!!!😃. Das freut mich sehr! Auch, dass ich mit meiner Vorstellung von „Altersdackelfalten“ nicht ganz neben der Sache lag … . Denn genau so etwas, was du in dem Dampfbad beschreibst, hatte ich auch vor meinem inneren Auge 😉. 💕

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  4. Das kennt wohl jeder. Wenn ich erstmal rentner bin…wenn erstmal die Bundeswehr vorbei ist…wenn das haus erstmal steht…
    Nein, das Leben findet jetzt statt. Immer jetzt.
    Selbst bei der bundeswehr lebte ich damals achtsam, das war mir wichtig.

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  5. Diese kurze Geschichte ist ein gelungene Beleuchtung eines Ausschnittes des heutigen menschlichen Lebens. Arbeiten um zu … überleben ? Jenseits der Neigungen und Leidenschaften und in einem zu großen Zeitumfang ? Ich bin mir sicher, daß die mittelfristige Zukunft und damit all das Geschehen, helfen kann dies auf den Prüfstand zu stellen. Und eventuell damit zu beginnen mutig sein Leben umzukrempeln.

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  6. …es kann falsch sein, ein Abenteuer auf einer einsamen Insel zum Dauerzustand zu machen, genauso, wie ein eintöniges Leben auf die Urlaubszeit hin zu leben…beides können aber auch gute Entscheidungen sein…und bedauern lässt sich auch alles, oder eben als Erfahrung sehen…

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    1. Es kommt vermutlich immer auf die eigene Einstellung an zu dem, was man gerade hat und tut. Wenn man allerdings unglücklich ist und den Augenblick gar nicht genießen kann, weil man entweder in der Vergangenheit oder in der Hoffnung auf eine irgendwie bessere Zukunft lebt, dann wird man das eventuell irgendwann bedauern…. Vielleicht auch nicht.

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  7. SChöne Altersdackelfalten könnte man es auch nennen. Schönheit kennt keine Grenzen und das zeugt vom wahren Leben. Die Sehnsucht nach Urlaub ist in diesen Zeiten auch nachzuvollziehen. Ich bin jedoch auch der Meinung, dass man sich seinen Urlaub immer schön machen kann. Man muss sich nur den Umständen anpassen.
    Viele Grüße und schöne Ostern
    Monika

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