Fehlerkultur

gemalt von Dörte Müller

Was für ein Debakel! Ein Osterdebakel … . Da wurde etwas über Nacht beschlossen, von dem man am nächsten Morgen feststellte, dass es eine dumme Idee war. Und was tut man? Man nimmt es direkt wieder zurück!

Juchhuuu! Ich war begeistert. Und das meine ich nicht ironisch. Politik gesteht einen Fehler unmittelbar ein – und macht ihn rückgängig. Wie sehr und wie oft habe ich mir das gewünscht, nicht erst seit dieser Corona-Geschichte.

Ich bin die einzige mit meiner Begeisterung. Die Kanzlerin und die meisten MPs „entschuldigen“ sich unmittelbar für ihren Fehler. Die Presse stürzt sich wie die Aasgeier auf diesen Fehler, stilisiert das Ganze zum Osterdebakel und kann – wie immer – nicht genug von „Debakel“ bekommen.

Für mich sollte ein Fehler nicht mit persönlicher Schuld und auch nicht mit Dummheit gleich gesetzt werden. Fehler sind normal und menschlich. Schuld sehe ich erst dann, wenn erkannte Fehler nicht eingestanden – und vor allem nicht rückgängig gemacht oder wiederholt werden.

Um Fehler zu erkennen, sollte Politik das, was sie tut, evaluieren. Unvoreingenommen und ehrlich evaluieren. Also eine Evaluation vornehmen, bei der das Ergebnis NICHT von vorneherein feststeht.

Und wenn sie aufgrund dieser Evaluation feststellt, dass eine Entscheidung sich im Ergebnis anders auswirkt, als sie vorab erwartet hatte, dann wünsche ich mir, dass sie den selbstverständlichen Mut hat, dieses zuzugeben – und die Entscheidung zu revidieren.

Und ich wünsche mir eine Presse und eine Öffentlichkeit, die genau das einfordert.

Leider haben wir jedoch eine Presse und eine ihr folgende Öffentlichkeit, die genau das Gegenteil tut. „Was haben Sie falsch gemacht?“ ist eine dümmliche Lieblingsfrage aller Journalist*innen an eine*n Politiker*in nach einer verlorenen Wahl. Gefolgt von der Erwartung oder gar Forderung eines „Schuldbekenntnisses“.

Fehlerkultur??? Oh nein! Wer als Politiker*in Fehler macht, ist schuldig, persönlich schuldig, zur medialen Bestrafung frei gegeben. „Fehlereingeständnisse“, „Schuldbekenntnisse“ vor laufender Kamera, das scheinen journalistische High-Lights zu sein.

Für mich hat das etwas von trivialem Voyeur-Journalismus, aber anscheinend bringt es Einschaltquoten.

Wie ist es denn eigentlich mit den Fehlern? Ist es überhaupt wirklich so eindeutig, was „richtig“ und was „falsch“ ist?

Wenn man sich breit beraten lässt, und aus meiner Sicht sollte man das als Politiker*in unbedingt tun, wird es (fast) immer verschiedene Ansichten geben. Denn ein eindeutiges „richtig“ oder „falsch“ gibt es in der Politik fast nie. Die meisten Entscheidungen haben zwei oder noch sehr viel mehr Seiten. Was dem einen nutzt, kann dem anderen schaden. Und was der eine Experte vorab so sieht, sieht der andere Experte vorab ganz anders. Auch bei Experten kommt vieles auf den eigenen Erfahrungshorizont und die eigene Wahrnehmung an.

Weil das so ist, wäre es aus meiner Sicht in wichtigen Fragen die beste Methode, sich die verschiedensten Ansichten und Interessen anzuhören, gegeneinander abzuwägen und aufgrund dieser Abwägung dann eine politische Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung, deren Ergebnisse man sich unvoreingenommen anschaut. Und die man selbstverständlich wieder revidiert, wenn die Ergebnisse in der Praxis nicht den Erwartungen entsprechen. Also NICHT: Das ist jetzt so und bleibt jetzt so, bis in alle Ewigkeit (und so stellen wir weiter zweimal im Jahr unsere Uhren um… ).

Leider ist eine solche Art der Politik aber nicht (mehr) möglich, war es vielleicht auch nie.

Heutzutage haben wir eine Presse, die suggeriert, – und eine Öffentlichkeit, die glaubt, – dass es ein eindeutiges „richtig“ und „falsch“ gebe. Und was, „richtig“ und „falsch“ sei, darüber befinde „DIE Wissenschaft“. Denn „DIE Wissenschaft“, die verkünde „objektive Wahrheiten“. „Fakten“.

Die Medien sehen ihren eigenen Qualitätsanspruch nicht mehr in guter Recherche und intellektuellem Diskurs, sondern darin, DER Wissenschaft ein Forum zu geben, so scheint es mir. Echter Diskurs ist nicht mehr erwünscht. Gute Recherche zeitlich und personell selten möglich.

Aber, wenn es DIE Wissenschaft wirklich gebe, dann wäre es ja gar keine Wissenschaft, sondern ein tönernes Lehrgebäude, in dem eine Einheitslehre verkündet wird, die nicht am Erkenntnisgewinn, sondern an der Verkündung interessiert ist.

Von Außen betrachtet habe ich leider in den letzten Jahren tatsächlich verstärkt den Eindruck einer Einheitslehre vermittelt bekommen, statt einer „Wissenschaft“. Aber trotz einer gewissen Vereinheitlichung im westlich wissenschaftlichen Denken gibt es dann doch immer wieder erfreulich unterschiedliche Meinungen und Ansichten zu vielen Fragen und Problemstellungen.

Politiker*innen freilich stellt genau das vor ein Dilemma. Denn, wenn eine komplexe Frage auftaucht, müssen sie sich entscheiden, auf wen sie hören wollen. Sie müssen entscheiden, welche „Experten“ die „guten“ sind, und welchen sie nicht trauen sollten.

Denn, dass „Experten“ desselben Fachgebiets zu einer Frage völlig unterschiedliche Meinungen haben, kommt in der Öffentlichkeit leider gar nicht gut an.

Das hieße ja, es wäre gar nicht eindeutig, was „richtig“ und was „falsch“ ist. Das hieße ja, es gebe bei den meisten Fragen gar keine eindeutige „objektive Wahrheit“. Das hieße ja, es gebe einen Unsicherheitsfaktor. Und Politik ist doch dafür gewählt, Sicherheit zu geben.

Nichts wird von der Presse und ihren Konsumenten mehr verrissen, als Unsicherheit eines Politikers. Gleichgesetzt mit Unfähigkeit, mangelnder Führungsstärke, eben fehl am Platze.

Also muss man sich schnell entscheiden, welchen Experten man zuhört- und welchen nicht. Da sich das sachlich selten begründen lässt, erfolgt eben zur Begründung ein Rückgriff auf unsachliche Kriterien. Auf das ganz Große. So wird der eine Experte als „gut“ dargestellt und der mit der anderen Meinung als „böse“ oder zumindest als „Spinner“.

Das wiederum erscheint mir fatal. Denn wenn ich mich einmal festgelegt habe, dass jemand „böse“ oder „ein Spinner“ ist, KANN ich auf dessen Meinung nicht mehr zurückgreifen. Auch dann nicht, wenn ich einige Monate nach einer Entscheidung merke, dass die Experten, auf die ich gehört habe, vielleicht fachlich gar nicht die besten waren. Und selbst, wenn diese Experten selber nach einiger Zeit merken, dass ihre Ideen vielleicht doch gar nicht die besten aller Möglichkeiten waren, können auch sie nicht mehr zurück. Besser, sich dann in immer gleicher erscheinenden Worthülsen zu verheddern, als zuzugeben, dass man eventuell von vorneherein falsch lag. Denn dann hätte es sich mit dem Expertentum. Und mit der politischen Führungsstärke auch … .

Also neigen die Beteiligten dazu, mehr von dem zu machen und zu fordern, was NICHT funktioniert hat. Denn dann kann man immer noch sagen, es habe nur deshalb nicht funktioniert, weil man nicht ALLES ausgeschöpft habe, was möglich sei. Eine komplette Kehrtwende jedoch wäre ein Eingeständnis, dass man von vorneherein auf das falsche Pferd gesetzt haben könnte. Und das verzeiht die geneigte Öffentlichkeit leider nicht.

Wir leben in einem föderalen System. Das könnte und sollte einmal dem Wettbewerb um die beste Lösung dienen. Doch wenn man so tut, als gebe es nur EINE Lösung, dann geht das nicht mit dem Wettbewerb. Dann muss man mehr Zentralismus fordern. Sonst hätte man wohlmöglich das Ergebnis, dass ein Land – ähnlich wie in den USA z.B. Florida – ohne Maskenpflicht und ohne Lockdown bei den Zahlen zu Corona (und zu Kollateralschäden natürlich ohnehin) besser dasteht, als ein Land – wie in den USA z.B. Kalifornien – mit strenger Maskenpflicht und strengem Lockdown. DAS wiederum kann man nur zulassen, wenn man sich auch mal getäuscht haben dürfte, als Politiker*in.

Aus meiner Sicht ist es völlig normal und selbstverständlich, dass Politiker*innen Fehler machen. Es sind schließlich Menschen wie du und ich.

Für gefährlich halte ich es aber, wenn sie vergessen zu haben scheinen, dass sie Menschen wie du und ich sind (eine Krankheit, für die Politiker*innen, Unternehmer*innen, Wissenschaftler*innen und Journalist*innen eine besondere Anfälligkeit haben). Und noch gefährlicher erscheint es mir, wenn andere Menschen wie du und ich sie in diesem Vergessen auch noch unterstützen und „Führung(sstärke)“ von ihnen einfordern.

Ich persönlich möchte mir meinen Weg selber suchen. Ich will ganz sicher keinen alten oder neuen Führer. Ich will niemanden, der oder die vergessen hat, ein Mensch wie du und ich zu sein – und mich und alle anderen auf einen Weg zwingen möchte, den er oder sie im Wahn einer gewissen Unfehlbarkeit für den Stein der Weisen hält.

Denn der Wahn von „Unfehlbarkeit“ erscheint mir persönlich weitaus gefährlicher, als das Zulassen und Eingeständnis einer gewissen Unsicherheit.

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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22 Kommentare

    1. Ich versuche ja mit solchen Beiträgen immer bestimmte Entwicklungen für mich zu erklären … und dabei erstmal möglichst nichts „Böses“ zu unterstellen … . Tatsächlich glaube ich aber, dass es energetische Prozesse sind, die dazu führen, dass die meisten „Mächtigen“ dazu neigen, sich selbst irgendwann diesem Machtbewusstsein zu „opfern“. So, als wäre das Gefühl der „Macht“ eine Art Parasit, der Menschen von innen auffrisst und irgendwann der bestimmende Faktor ist für alle ihre Handlungen.
      Die Frage ist dabei für mich auch immer: Inwieweit und warum machen die meisten „normalen“ Menschen das mit – und „füttern“ diese Energie noch zusätzlich… ? Und was kann man als „normaler“ Mensch tun, um diese Energie eben NICHT zu füttern?

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  1. Das spricht mich an, was du schreibst. Aus meiner Sicht, aber mit fast identischem Inhalt, empfinde ich es als niedrig schwingende Energien, die sich der „Mächtigen“ bemächtigen. Und, wenn man ab einem gewissem Stadium der Karriere, weiterkommen möchte und sich diesen Spielregeln und Riten unterwirft, stirbt das Menschsein in dieser Person nach und nach. Man könnte sich sogar fragen, ist er jetzt mehr Mensch oder abseits vom Ursprung, daß Politiker dem Volk dienen soll, ein machterfülltes Geschöpf der anderen Plänen dient und innerhalb diesen Rahmens als Diener funktioniert.
    Warum machen die Menschen mit ? Wie sind die Menschen an der Schule/Uni … erzogen worden ? Zum eigenständigem Denken, zum Hinterfragen ? Wie kann man Menschen manipulieren ? Mit welchen Techniken, kann man ihr Bewußtsein und ihre Emotionen beeinflußen ? Dienen Menschen der Materie oder dem göttlichen Bewußtsein ? Inwieweit sind sie in der Lage, dies zu reflektieren, wenn sie voller Angst angefüllt sind ?

    Gefällt 4 Personen

  2. Mit den Fehlern der Politiker habe ich kein Problem, ein Problem habe ich mit dem was fehlt. Erklärungen, wie die Statistiken zustande kommen, öffentliche Auseinandersetzungen mit dem Thema Schaden und Nutzen der „Pandemie-Maßnahmen“ in der ganzen folgenschweren Bandbreite, Stellungnahmen von impfkritischen Ärzten, Erklärungen dafür, warum in 2020 mehr als 20 Krankenhäuser geschlossen wurden und, und, und…
    Ohne diesen fehlenden Part ist für mich Vertrauen unmöglich und alle Türen öffnen sich für Spekulation. Ich lasse mich nicht gerne für dumm verkaufen…

    Gefällt 4 Personen

    1. Ja, die umfassende Beratung wollte / will man ganz offensichtlich nicht. Die Entscheidungen folgen einer Logik, die jedenfalls auf mich nicht so wirkt, als wäre sie am Allgemeinwohl ausgerichtet.
      Dennoch ist das aus meiner Sicht nicht ausschließlich die Verantwortung der Handelnden, dass es so ist, sondern auch immer die Frage der Energien dahinter- und letztlich auch die, wie viel Eigenverantwortung jede*r Einzelne wirklich einfordert. Und bisher nehme ich persönlich mehr Menschen wahr, die „geführt“ werden wollen, als, die Eigenverantwortlich einfordern.

      Gefällt 1 Person

      1. Der Spekulation sind Tür und Tor geöffnet. Allein schon die sprachliche Formulierung wird schwierig, eher andeutend als offenbarend. Persönlich halte ich die Handelnden, und damit meine ich die Politiker, für mehr oder weniger gut funktionierende Marionetten. Die Strippenzieher sehe ich dahinter. Und genau das würde ich gerne aufgeklärt oder beweisbar widerlegt haben. Und solange das nicht so ist, spekuliere ich munter weiter…
        Es könnten natürlich auch kosmische Energien diese ganzen Zustände hervorrufen. Für so ganz unmöglich halte ich das nicht. Ich habe mich eine Zeitlang mit Astrologie beschäftigt und spannende Zusammenhänge entdeckt. Auf kosmischer Ebene gibt es aber keine Handlungsmöglichkeit. Die Sterne stehen wie sie stehen. Es gibt aber zum Beispiel bei einer bestimmten Konstellation die Möglichkeit mit 180 km/h an einen Baum zu rasen oder einen Karatewettbewerb zu gewinnen. Eine Frage des Bewusstseins. Auf dieser Ebene kann Handlung und Nichthandlung beginnen.
        Ich sehe schon, ich spekuliere schon wieder…

        Gefällt 3 Personen

      2. Das mit den Energien meinte ich etwas anders (s.a. meinen Kommentar bei Elli und ihren Kommentar). Aber unabhängig davon stimme ich dir zu, die Strippenzieher sehe ich auch nicht bei unseren Politikern und auch ohnehin eher auf globaler Ebene. Ob es wirklich einzelne „Strippenzieher “ gibt, oder ob das Ganze eher einer gewissen Logik einer auf Wirtschaftswachstum angelegten „globalen kapitalistischen Welt“ folgt, kann ich nicht beurteilen. Das ist eben auch so eine „Energie „, die sich verselbstständigt hat. Und das ja längst
        nicht nur bezüglich dieser Corona-Geschichte.

        Gefällt 3 Personen

  3. Wie immer – sehr gute Überlegungen….. aber bei mir hat die Murksel ausgeschissen (Verzeihung, es ist sonst nicht meine Art), der glaub ich gar nix mehr und dem anderen Gesocks auch nicht (einseitig, oder Blase egal) – mein Vertrauen ist hin. Das ist eigentlich das Schlimme, sie ist eine Vertrauensmörderin, Kinderquälerin, Menschenverachterin…. unendlich fortzusetzen…. Ich wusste sofort, dass diese Entschuldigung nur Taktik war, wo die hinführt werden wir schon noch herauskriegen bzw. zu spüren bekommen. Die will einfach alle mitnehmen in ihr Verderben, denn sie weiß, dass es bald vorbei ist. Eigentlich ist längst alles – schon mehrfach – gesagt worden, wir wissen es doch alle und die die es nicht wissen wollen machen weiter die Augen zu.

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    1. Bei dieser Corona-Geschichte habe ich auch kein Vertrauen, und auch sonst ist reines Vertrauen in Politik bei mir nicht besonders ausgeprägt … . Meine Überlegungen gingen weniger dahin, irgendetwas zu relativieren, als zu überlegen, wie Politik besser gehen könnte, und was jede*r Einzelne dafür tun kann. Du machst das ja, du forderst sehr aktiv Eigenverantwortung ein und wartest nicht auf „Führung“. Ich denke, das ist wichtig!!

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