abc-Etüde 18./19.21 – Missbräuchlich

Triggerwarnung: Missbrauch, Kirche, Elternreaktion

„Alfons! Jetzt stochere nicht so in deinem Joghurt herum! Weißt du, wie viel Mühe es mich gekostet hat, Joghurt zu bekommen für uns? Was ist denn bloß los mit dir?“

„Ich … ich, Mutter heute beim Ministrantenunterricht beim Herrn Pfarrer …“

„Ja?!“

„Ich sollte noch etwas länger bleiben. Und dann .., dann…“

„Ja, was denn nun?!“

„Dann … dann musste ich mich ausziehen. Ganz. Und der Herr Pfarrer hat zugesehen und sich in die Soutane gegriffen – und … und irgendwie dampfte er…“

„Alfons!!!“

„Aua!“

„Die Ohrfeige hast du verdient! Wie kannst du nur so etwas Widerwertiges sagen! Der Pfarrer ist ein guter Mann. Ein Mann der Kirche. Ein Mann Gottes. Und du! So eine schmutzige Phantasie. Pfui! Ich schäme mich für dich. Was sollen die Leute denken, wenn sie erfahren würden, was du für einer bist? Oh oh! In der Hölle wirst du schmoren, für so etwas! Missratenes Kind! Sag so etwas bloß nie nie wieder!!!“

Heute lebt Alfons im Altenheim. Er hatte nie eigene Kinder. Immer wenn eine Frau sich für ihn interessierte, erklang eine Stimme im Hinterkopf, die ihm sagte, dass er nicht genug sei für sie. Für niemanden. Irgendwie fühlte er sich missraten. Also blieb er allein.
Schon lange trägt er ein rückenstützendes medizinisches Korsett. Es hilft ihm dabei, ein wenig aufrechter zu gehen, als sein eigener Körper das ermöglicht.
An den Pfarrer in seiner Kindheit kann er sich nicht erinnern.
Aber von Joghurt war ihm sein Leben lang übel geworden, auch von dem mit der rechtsdrehenden Milchsäure.

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Wie immer mit Dank für Christiane für die Schreibeinladung und für ihre Mühe mit den abc-Etüden, deren Regeln hier Schreibeinladung für die Textwochen 18.19.21 | Wortspende vom Bodenlosz-Archiv | Irgendwas ist immer (wordpress.com) zu finden sind. Und an Nina von Bodenlosz-Archiv für die Wortspende.

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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19 Kommentare

  1. Es ist notwendig, solche Texte zu schreiben – und zu lesen. Wir haben uns inzwischen alle über die „Männer der Kirche“ aufgeregt, die sich das viel zu oft zuschulden haben kommen lassen, aber ein Glaube an das Kind fehlt viel zu häufig bei den Eltern, für die der Pfarrer (wie auch z. B. der Lehrer, der Polizist oder der Bürgermeister) im wahrsten Sinne „das Gesetz“ darstell(t)en, und das ist eigentlich genauso schlimm.
    Liebe Grüße und danke! 😀 👍👍👍

    Gefällt 3 Personen

      1. Selbstverständlich gab und gibt es das. Frauen sind nicht die besseren Menschen. 🤬
        Gerhard, das sollte und darf man nicht gegeneinander aufwiegen — aber meiner Meinung nach gibt es mehr missbrauchende Männer als Frauen. Und eigentlich dürfte es überhaupt nicht passieren, weder durch Frauen noch durch Männer. 😭

        Gefällt 2 Personen

  2. Ich kannte auch so einen…ähm Geistlichen.
    Ich glaube nicht, daß der je dafür hat Rechenschaft ablegen müssen.
    Schlimm an allem ist das jahrzehntelange Kämpfen um Gehört werden. Das ist dann Missbrauch 2.0. Das Vertuschen, das Kleinreden, das Verschweigen ist dann 3.0.

    Gefällt 3 Personen

    1. Ich hoffe, du warst nicht persönlich betroffen! Dieses Nicht gehört werden selbst im engsten Umfeld (möglicherweise noch der Versuch, dem Kind die eigene Wahrnehmung auszureden, oder ihm gar eine „Schuld“ zu geben, weil die Eltern „der Autorität“ mehr vertrauten, als ihrem Kind), das scheint mir in der derzeitigen Diskussion manchmal zu kurz zu kommen, wenn man „nur“ auf die direkten Täter blickt. Danke für den Kommentar!

      Gefällt 3 Personen

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