Freiheit

Da haben wir nun also 20 Jahre lang „unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt“.

Was GENAU wollten wir da? Keine Ahnung. Ob der damalige Bundesverteidigungsminister Struck, von dem diese markigen Worte stammten, eine Vorstellung hatte? Ich weiß es nicht.

Vielleicht steht dahinter tatsächlich die Annahme, dass jede andere Weltanschauung – als die westliche – eine „Bedrohung“ für diese sei? Dass andere Weltanschauungen uns irgendwann überrennen würden und wir sie deshalb „vorbeugend“ vernichten müssen? Passt auch nicht so richtig, denn im eigenen Land sind wir da ja toleranter. Dass andere ganze Völker andere Weltanschauungen haben, scheint aber aus „westlicher“ Sicht irgendwie schwer tolerierbar. Vielleicht kratzt es einfach am eigenen Überlegenheitsgefühl.

Aber eigentlich hatte der Einsatz vermutlich ohnehin deutlich mehr strategische als weltanschauliche Gründe (denn, wenn es z.B. um Frauenrechte ginge, wäre man wohl nicht gar so gut mit Saudi-Arabien befreundet).

Wie dem auch sei: Es war halt eine NATO-Operation auf Wunsch der USA, und selbstverständlich sind „wir“ dann dabei.

Die USA, die sich wohl ein klassisches Eigentor geschossen hatten, als sie in ihrer strategischen „Klugheit“ meinten, die Taliban als „Gegengewicht“ gegen Russland unterstützen und damit militärisch erst groß machen zu müssen. Damals. Als Russland das Land militärisch zu beherrschen versuchte.

Vielleicht war es auch gar kein Eigentor, vielleicht war es sogar genau so gewollt?

Es scheint viele Kräfte auf dieser Welt zu geben, die Krieg und Destabilisierung bestimmter Länder als probates Mittel ansehen, den eigenen Reichtum und die eigene Macht zu vergrößern. Ob Syrien, Jemen, Irak, Iran oder Afghanistan. Manchmal habe ich den Eindruck, diese Kräfte sehen die Menschen, die dort leben, als eine Art mehr oder weniger lästige Fliegen an. Und sich als die Herren der Fliegenklatsche. Einer Fliegenklatsche, die sie nach ihrem Gutdünken mal den einen, mal den anderen zur Verfügung stellen. Hauptsache, der Konflikt schwelt weiter.
Wie viele Lebensgeister der jeweils einheimischen Bevölkerung dabei ausgehaucht werden, scheint ihnen einerlei.

Das solche „Einsätze“ nach Außen hin begleitende mediale Konzert verkündet, man wolle Freiheit bringen, Menschenrechte, das „Böse“ bekämpfen.

Was bringt man wirklich: Waffen und militärische Ausbildung.

Ja, auch Hilfsprojekte. Aber das Trinkwasser, die „Dachbegrünung“ in den Dörfern, die stammesübergreifenden – den Dorfbewohnern unmittelbar nutzbringenden – gemeinsamen Projekte scheinen (zumindest nach meinem Blick von Außen) nicht im Vordergrund gestanden zu haben.

Irgendwann in den zwanzig Jahren wird „dem Westen“ klar gewesen sein, dass man die strategischen Ziele in Afghanistan ebenso wenig erreichen würde, wie Russland zuvor. Vielleicht hat man sich dann selbst versichert, dass es immer um „humanitäre Anliegen“ gegangen sei, – bis man selbst davon überzeugt war? Ich weiß es nicht.

Aber die Annahme, dass die Leute dort die „westliche Weltanschauung“ voller glücklicher Dankbarkeit übernehmen würden, wenn man sie ihnen nur entsprechend aufdrängt.. .. Notfalls eben mit Gewalt. Es ist doch klar, dass das westliche Denken überlegen ist. Sieht man doch an unseren tollen Waffen … . Das war entweder naiv oder arrogant und ignorant. Oder alles drei.

Hat man sich wirklich gewundert, dass das, was man den Leuten überstülpen wollte, dort offenbar als etwas Fremdes angesehen wurde? Und damit etwas war, was ohne ständige „Energetisierung“ von Außen wie ein Glühwürmchen innerhalb einer Nacht erlosch?

Prinzipiell finde ich persönlich es gut, dass „der Westen“ sich zurückgezogen hat aus Afghanistan, denn ich halte es für eine Anmaßung, ein Land mit Gewalt verändern zu wollen. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass es Mächte gibt, wie China (vielleicht auch Russland in einem neuerlichen Anlauf), die versuchen werden, das nun entstandene Macht-Sommerloch in ihrem Sinne zu nutzen. Subtiler. Geschickter als „der Westen“. Ist das negativ? Ich weiß es nicht.

Dass der USA bei ihrem überstürzten Abzug offensichtlich gravierende Fehleinschätzungen unterlaufen sind, bestätigt für mich die These der westlichen Arroganz. Waren die überhaupt gewillt und in der Lage, sich in die Befindlichkeiten des anderen Landes hinein zu versetzen? Die CIA habe gedacht, dass Kabul erst in 6 bis 9 Monaten falle, weil man doch die Armee so gut ausgebildet habe und so viele tolle Waffen zur Verfügung gestellt habe.

Das klingt für mich, als war man davon ausgegangen, dass die Taliban Kabul zwar erobern würden, dass es aber vorher noch jede Menge Gemetzel in dem Land geben würde, weil die Armee sich „heldenhaft“ wehren würde. Wofür auch immer man dachte, dass die Armee, die vermutlich nicht einmal mehr (viel) Sold erhielt, kämpfen wollte / sollte. Für „westliche Werte“??
Dass die Armeeangehörigen sich gegen dieses Gemetzel entschieden haben, finde ich an und für sich gut. Dass die Taliban jetzt jede Menge „toller“ amerikanischer Waffen besitzen werden, weniger.

Die deutsche Botschaft in Kabul scheint das sich ankündigende Wetterleuchten besser wahrgenommen zu haben, als die CIA. Leider hielt das Auswärtige Amt die „Expertise“ der USA aber wohl für „hochwertiger“, als die der eigenen Mitarbeiter vor Ort.

So wurde der gesamte Abzug jetzt zu einer einzigen Propagandashow für die Taliban: Die westlichen „Großmächte“, die in heilloser Panik vor ihnen aus dem Land fliehen.
Die Afghanen, die auf den Schutz dieser „Mächte“ gebaut hatten, wie selbstverständlich im Regen stehen lassend.
Der von diesen westlichen Mächten unterstützte Präsident bereits mit Koffern voller Geld außer Landes.
Was für Bilder! Was für Symbole!

Ist es ein Wunder, wenn vielen Afghanen die Taliban jetzt wohlmöglich wie eine Art überirdische Wasserläufer vorkommen, jedenfalls sehr mächtig? Und wohlmöglich vertrauenerweckender als die, von denen sie gerade im Stich gelassen wurden?

Ich hoffe sehr, dass es jetzt NICHT zu der befürchteten Willkür-Herrschaft in Afghanistan kommen wird. Dass die Taliban vielleicht „bessere“ Menschen sind, als ihr vermutlich etwas einseitiger Ruf im Westen es vermuten lassen könnte. Dass sie Liebe, Achtung und Wertschätzung für ihre Frauen und Töchter empfinden und auch leben. Zumindest etliche von ihnen, und sich das von diesen dann weiter verbreitet.

Und ich hoffe, dass die USA (und ihnen folgend auch Deutschland) wenigstens aus diesem Debakel endlich lernt, dass es keine gute Idee ist, sich als „Supermacht“ anzusehen. Andere „kontrollieren“ zu wollen. Und die eigene Weltanschauung anderen – ob außerhalb oder innerhalb des eigenen Landes – gewaltsam aufzudrängen!

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Wie immer mit Dank an Christiane für ihre liebevolle Betreuung der Etüden! Die Regeln sind hier zu finden:

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/07/11/7-aus-12-etuedensommerpausenintermezzo-ii-2021/

Auf den „Similaungletscher“ und auch auf das natürliche Gewässer habe ich diesmal verzichtet, es passte so gar nicht zum Thema … .

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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19 Kommentare

  1. Money makes the world go round! 🙂 Es wurde dort gut verdient. Jede Steuermillion wurde mit Sicherheit vertausendfacht. Nur ist eben nicht einmal diese beispielhafte urspr. Investivmillion zum deutschen Steuerzahler zurück gekehrt. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich Deutschland nicht schon immer für humanitäre Hilfeleistungen hätte bezahlen lassen. Nur ins Kriegsgeschehen selbst eingreifen woll(t)en wir nie, denn da könnte die Bevölkerung dann zu viele und ungute Fragen stellen. Meine Meinung, muss nicht (ganz) stimmen, kommt aber von Herzen. 😉 LG Michael

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      1. Die Bundeswehr, wie auch die US-Armee, „verteidigt“ wirtschaftliche Interessen. Das sichert unter anderem die Handelswege und bringt Geld in die Kassen der Unternehmen. Auslandseinsätze resultieren in Materialverschleiß und dadurch entstehende Neuanschaffung von militärischem Gerät und / oder Waffen. Sogenannte transnationale Terrorzellen sind entweder eine Folge amerikanischer Außenpolitik (Stichwort Erdöl) oder wurden von der CIA selbst gegründet oder unterstützt, um z. B. gegen Russland bzw. die damalige UdSSR vorzugehen.

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  2. Bei Geopolitik sollte man stets um mehrere Ecken denken und die Frage stellen „Wem nützt es?“ Anders ausgedrückt: „Wer hat die Taliban groß gemacht?“ Antwort: „Die USA.“ Die Taliban finanzieren sich über den Drogenhandel und stehen damit in Konkurrenz zur CIA. Wer ernsthaft glaubt, die Agency habe die schnelle Eroberung, den Sieg der Taliban nicht vorausgesehen, versteht wenig von Strategie. Es gibt mehrere Szenarien für das Geschehen, von denen ich nur einige aufzeigen möchte:

    1. Die Analysten der CIA (NSA) haben sich wirklich geirrt. Das halte ich für unwahrscheinlich. In Afghanistan dürften auch die wirklich guten Mossad-Agenten sein.

    2. Die Analysten der CIA (NSA) haben den Auftrag den senilen Biden noch älter aussehen zu lassen, als er ohnehin schon ist und den Weg für einen Nachfolger freizumachen. Ersteres ist ihnen gelungen. Beim zweiten Teil wird man abwarten müssen.

    3. Die Analysten der CIA (NSA) haben kein Gehör beim Verteidigungsauschuss erhalten. Man hat dort die Lage falsch eingeschätzt. Das halte ich auch für möglich.

    4. Die USA destabilisieren eine ganze Region, um einen Grund für militärische Operationen zu haben.

    5. Die USA destabilisieren eine ganze Region, um anderen Nationen einen Grund für militärische Operationen zu geben. Das würde diese „Blut“ und noch mehr Geld kosten.

    6. Die USA destabilisieren eine ganze Region, um absichtlich Flüchtlingsströme zu verursachen, die Europa überrennen. Ein Konkurrent auf dem Weltmarkt wäre damit erneut mit sich selbst beschäftigt und China das nächste Ziel.

    7. Eine Mischung aus allen sechs Punkten.

    Wichtig ist es die deutschen und internationalen Pressemeldungen im Blick zu haben und die Formulierungen genau zu lesen. Zur Zeit wird massiv auf Biden und Merkel eingeprügelt. In Merkels Fall kann das zum Desaster für die CDU bei den Wahlen werden. Biden könnte „plötzlich“ krank werden und ersetzt werden.

    Dass man in „Arabien“ keine westlichen Werte braucht, so wenig wie in anderen Teilen der Welt, haben wir bereits besprochen.

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    1. Ja, das sind alles möglich erscheinende Szenarien. Ich würde aber auch nicht ausschließen, dass man die Geschwindigkeit, in der das Land „übernommen“ wurde, wirklich unterschätzt hat, weil man es aus seinem westlichen Blick heraus betrachtet hat.

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      1. Vielleicht aber steckt auch wirklich ein fieserer Plan dahinter, die Taliban möglichst stark zu machen: Flüchtlingsströme nach Europa / Deutschland. Und die muslimischen Minderheiten in Russland und China über die Taliban unterstützen. Außenpolitik im Sinne von Brezinski … .

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      2. Deinen vorletzten Satz wirst du so niemals in den deutschen Medien lesen. Wo kämen wir denn da hin! Ich bin mir sicher, dass, unter normalen Umständen, der mittlerweile in den USA immer beliebter werdende Donald Trump, keinen solchen Fehler wie Biden begangen hätte. Wobei Biden nichts weiter als eine senile Marionette ist, mit der man zwar Mitleid haben kann, aber nicht sollte. Ein Blick auf seine Vergangenheit zeichnet ein klares Bild dieses Mannes, der immer ein Falke und keine Friedenstaube war.

        Das „Problem“ der USA, ich kann es nicht oft genug betonen, ist der „Krieg“ hinter den Kulissen, die Rangelei zwischen den Nationalisten und Globalisten. Die Geheimdienste waren meist gegen Trump aufgestellt. Ein Insiderbericht zeichnet das Bild eines „einsamen Präsidenten“, der falsche Berater hatte, die gegen ihn intrigierten. Das soll aber kein Thema sein.

        Der Verlust Afghanistans muss zwingend analysiert und beobachtet werden. Vor allem, was sich daraus ergibt, welche politischen und militärischen Veränderungen „hier“ oder „dort“ entstehen, welche neuen / alten Bündnisse plötzlich wieder entstehen. Dass die afghanische Armee nicht wirklich kämpfte hat den einfachen Grund, dass Bruder nicht auf Bruder schießen wollte. Möglicherweise gab es auch Absprachen der Armeeführung mit den Taliban, die eine „moderate“ Regierungsform versprachen. Sprich mehr Frauenrechte. Das wird man sehen und wie die westliche Presse darüber berichtet. Vermutlich wie immer negativ. Warum erkläre ich vielleicht noch in einem eigenen Beitrag.

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  3. Dein Text ist nicht so wirklich mein Fall, ich sage es ganz offen, du wirst dich vermutlich nicht darüber wundern, da ich mich politisch normalerweise öffentlich eher zurückhalte. Aber ich habe ihn mit Interesse gelesen, da ich mir natürlich auch meine Gedanken zu diesem Thema mache, und finde auch die eingegangenen Kommentare sehr aussagekräftig. 😀
    Also: Hab herzlichen Dank für Text und Mitmachen! Und als Gewässer darfst du gern die Badewanne oder den Pool irgendeines Großkopferten annehmen, die es dort mit Sicherheit auch in rauhen Mengen gegeben haben wird … und vermutlich noch weiter gibt. 😉
    Abendgrüße! 😀

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  4. Ja, ja, ja, ja … genau meine eigenen Überlegungen. Danke für den erfrischenden Beitrag 🙂
    Er zeigt die Fragen, die ich mir schon gefühlt ewig stelle, und sie wurden und werden bislang nicht so beantwortet, dass ich zufrieden sein könnte. Vielleicht gibt’s ja keine EINE Antwort?

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  5. Aktuelle Etüde! Zu Deiner Frage:… was wollten wir am Hindukusch? Na, was wohl, da gibt es jede Menge Bodenschätze (seltene Erden, Kohle, Labis Lazuli, Erdöl bis zu Kupfer und Eisenerze. Auch Lithium, Gold , Niob, Kobalt, Molybdän …) Grüßle von Melina

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  6. Nachrichten heute in BG
    Die Taliban kündigten heute eine Generalamnestie für alle Regierungsbeamten an und forderten sie auf, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Dies geschah zwei Tage nach der Machtübernahme im Land, berichtete AFP.
    „Arbeiter in allen Teilen oder Ministerien der Regierung können ihre Pflichten in völligem Frieden und ohne Angst wieder aufnehmen“, heißt es in einer Erklärung der Taliban.

    Biden machte auch die afghanische Regierung und einige der dortigen Bürger für das langsame Tempo der Evakuierung verantwortlich. Er sagte, dass „einige Afghanen in der Hoffnung auf die Lage im Land nicht früher abreisen wollten“, …
    Biden hat jetzt klargestellt, dass die Reaktion „schnell und stark“ sein wird, wenn die Taliban die Evakuierung behindern.
    Eine False Flag genügt, hoffen wir das Beste. Amerika ist pleite und braucht einen …. Ausweg.

    Die Taliban sind gegen Impfungen und haben die C Impfung in der ersten Provinz verboten.
    LG Eli

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    1. Danke für diesen Bericht über die Nachrichten dazu bei euch! Irgendwo habe ich gestern auch gelesen, die Taliban zeigten sich „verwundert“ über den chaotischen Abzug. Man habe doch in allen Vereinbarungen mit den USA einen geordneten Abzug garantiert. War also die Machtübernahme längst vereinbart …? WOLLTE man diese Bilder jetzt…? Alles sehr merkwürdig, finde ich.
      Liebe Grüße
      Maren

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