Urteilen – Ein scharfes Schwert

Wenn wir über andere urteilen, was nehmen wir dann eigentlich als Maßstab?
Können wir etwas anderes als Maßstab nehmen, als uns selbst?

Wenn ich versuche, in den Schuhen eines anderen zu laufen, was kann ich spüren?
Meine eigenen Schmerzen. Nicht seine.

Wenn ich versuche, mich „in den anderen hineinzuversetzen“, was kann ich spüren?
Mich. Also genau das, was ich in den anderen hineinversetzt habe.

Wenn unser Schuh uns drückt. Und wir sehen eine andere Person, die die gleichen Schuhe zu tragen scheint, wie wir. Dann unterstellen wir, sie müsste dieselben Schmerzen in diesen Schuhen empfinden, wie wir. Weil wir der Meinung sind, jede Person hätte die gleichen Füße wie wir.
Aber wir Menschen haben alle völlig unterschiedliche Füße.
Und völlig unterschiedliche Schmerzen.

Wahrnehmen können wir ausschließlich die EIGENEN Schmerzen. Genau das möchten wir aber meist nicht. Weil wir aber irgendetwas tun wollen, versuchen wir stattdessen, unsere Schmerzen an den Füßen des anderen zu heilen. Versuchen, diesen von seinen Schmerzen zu retten. Und sehen nicht, dass unsere Ratschläge, welche Schuhe er besser tragen sollte, nur auf unsere Füße passen.

Wenn wir eine andere Person be- oder gar verurteilen, dann hat dieses Urteil immer etwas mit uns zu tun.
Wenn wir jemanden verehren, dann meinen wir in ihm oder ihr eine Eigenschaft zu erkennen, die wir gerne hätten.
Wenn wir jemanden verurteilen, dann meinen wir, in ihm eine Eigenschaft zu sehen, die wir zutiefst ablehnen.
Der Grund für diese tiefe Ablehnung kann aber nur in uns selber stecken.

Denn KENNEN tun wir AUSSCHLIESSLICH uns selbst.

Wir alle haben tief in uns irgendein Minderwertigkeitsgefühl. Denn wir alle haben irgendwann in dieser Welt schon einmal Dinge getan, von denen wir uns hinterher wünschten, wir hätten sie nicht getan.
Tief in uns versteckt sind Erinnerungen, die uns panische Angst machen.

Wenn jemand diese Erinnerungen in uns aufwühlt, reagieren wir oft reflexartig mit großer Wut oder sogar Hass. Wir verurteilen diese Person aufs Schärfste.

Das Schwert, das wir dabei gegen diese Person richten, richtet sich aber in Wahrheit immer gegen uns selbst. Es vergrößert die Wunde in UNS. Denn im Grunde verurteilen wir uns selbst. Wir verurteilen das, was wir von UNS in dem anderen sehen.

Wir denken, es gebe uns Macht, das Schwert im Außen zu führen. Es gibt uns einen „Kick“, andere zu verletzen. Wir sehen uns als „große“ machtvolle Krieger mit diesem Schwert.

Aber in Wahrheit verletzen wir vor allem uns selbst. Denn es sind wir selbst, die wir mit diesem Schwert bekämpfen. Jeder Kampf im Außen macht diese Wunde größer.

Solange wir das Schwert im Außen führen, kann diese Wunde niemals heilen.

Solange wir andere be- und verurteilen.

Es kostet Mut, sich die Wunden im eigenen Innern anzusehen.

Es kostet Mut, sich dem Ekel und dem Abscheu über einen selbst zu stellen, der einem zunächst begegnen wird.

Es kostet Mut.

Es geht ausschließlich alleine und in der Stille.

Und es braucht eine gewisse Zeit.

Aber wir alle werden gehalten und unterstützt bei diesem Prozess.
Es lohnt sich, sich dieser Unterstützung zu öffnen.
Gerade jetzt.
Denn es ist die Zeit des Aufräumens. Des Aufräumens, das der Heilung vorangehen muss.

Es ist die Zeit, alten Ballast abzuwerfen.

Um so das Neue, das jetzt kommen wird, im Wortsinne „unbeschwert“ und freudig willkommen heißen zu können.

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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9 Kommentare

  1. Liebe Maren,
    sehr schön erkannt, beschrieben, erklärt … da hab ich mal wieder was zum vertieften Nachdenken. Und das passt gerade hervorragend, denn in meine Leben bewegt sich einiges, was das Aufräumen betrifft – vor allen Dingen in mir selbst.
    Dankeschön.
    Herzliche Grüße
    Wilma

    Gefällt 2 Personen

  2. Ja, wir erhöhen uns gern, wenn wir andere verurteilen. Wir kennen nicht die Hälfte von dem, warum wir gerade diesen Menschen verurteilen. Du hast so recht, es hat mit uns zu tun. Zuerst das eigene Urteil fällen, und dann noch nicht einmal das der anderen, denn wir sind keine Richter, können niemals über andere richten,
    Danke für deine Gedanken, die mich wieder stark zum Nachdenken brachten.
    LG; Edith

    Gefällt 1 Person

  3. Liebe Maren, dieser Text von dir hat mich besonders angesprochen und ich spüre so ein „JA, GENAU!“ in mir! Ich mag es, dass du diesem „es ist ja mein eigenes“ so konsequent und mutig folgst. Danke!

    Gefällt 1 Person

  4. Gut beobachtet, danke. Und eine nötige Erkenntnis in heutiger Zeit – erfordert leider erstmal einen Willen, ein Bedürfnis, zur Veränderung.

    Gefällt 1 Person

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