Opferlamm

Die kräuselige Wolle war gut geeignet, um aufzunehmen, was die Menschen ausschwitzten.

Wut, Ängste, Trauer.

Aber manchmal reichte die Wolle der ganzen Schafherde nicht aus, um all das zu entgiften, was ausgeschwitzt worden war. Dann musste mehr getan werden.

Und es gab immer welche, die sich gerne dazu bereit erklärten. Einfach, weil sie die Menschen liebten und wussten, dass diese ihre Emotionen sehr viel weniger selbst steuern konnten, als sie zu denken pflegten.
Sie ließen die überschüssigen negativen Emotionen der Menschen in sich hineinströmen und nahmen sie in ihren Körper und in ihr Fleisch auf.

Dann wurde der Wolf gerufen.

Die Herde wusste, dass der Schäfer es auf seine Art interpretieren und deshalb am nächsten Tag alles andere als mit blumigen Worten reagieren würde. Stattdessen würde er furchtbar wütend sein und den Wolf verfluchen.

Um in diesem Moment nicht gleich zuviel von seinem Schweiß aufzunehmen, hatte sie sich nahe an den angrenzenden Birkenwald zurückgezogen und dort eng aneinander gedrängt.

Auch dies würde der Schäfer mit seinem ihn begrenzenden Verstand falsch deuten.
Er würde es für Panik vor dem Wolf halten.
Denn ihm hatte man schon als kleinem Kind beigebracht, dass der Wolf böse sei.
In seinem Denken hatte sich diese Einstellung so verfestigt, dass er jede andere Erklärung für völlig absurd halten und von vorneherein ablehnen würde.

Die Schafe wussten auch dies.

Aber irgendwann würde er es fühlen.

Fühlen, dass die Welt ganz anders ist, als man es ihm stets und überall erzählt hatte.


Ein Beitrag zu den abc-Etüden, deren aktuelle Einladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/03/20/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-12-13-22-wortspende-von-ich-lache-mich-gesund/ zu finden ist.

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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9 Kommentare

  1. Jesus als Opferlamm und später alle diese Ungereimtheiten daraus abgeleitet wie: für die Familie opfern, für die Kinder zurückstehen, sich fürs Vaterland opfern, der Kirche ein Opfer bringen …. Mir graust es, wenn ich das weiterdenke, diese ganze unselige Gut oder Böse Doktrin.

    Gefällt 2 Personen

  2. Dass sich Tiere für uns opfern (freiwillig also), finde ich einen unglaublich bewegenden Gedanken. Danke dafür!
    (Sorry, ich bin spät, ich habe Überraschungsbesuch am Ende eines eh vollen Tages bekommen.)
    Sonntagmittagkaffeegrüße! 😉🌞☕🍪🌼👍

    Gefällt 1 Person

    1. Vieles, was auf dieser Welt geschieht, erscheint uns krass, weil wir (zumindest im sog. „christlichen Abendland“) gewohnt sind, es zu interpretieren – und unsere Interpretation dann für die richtige zu halten. Alles, was geschieht, lässt sich aber auf viele verschiedene Arten interpretieren. Auch wenn diese sich nach unserem Verstandesdenken manchmal gegenseitig auszuschließen scheinen.
      Vielleicht aber sind sie in Wahrheit alle richtig? Weil diese Welt aus sehr viel mehr Dimensionen besteht, als wir sie mit unseren fünf Sinnen wahrzunehmen vermögen?
      Und vielleicht sind sie auch alle falsch, weil wir (insbesondere im „christlichen Abendland“) bisher noch gar nicht verstehen, was diese Welt eigentlich ist, was Leben eigentlich ist?
      Denn, wenn wir ehrlich sind, WISSEN wir so gut wie nichts über das Leben an sich, und können daher auch über den Sinn dieser Welt bisher nur spekulieren.

      Gefällt 1 Person

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