bipolar

Er gehörte zu den Glücklichen. Zu denen, bei denen die beiden Pole von Geburt an wunderbar ausgeglichen waren.

Der männliche und der weibliche Pol.
Er musste gar nichts dafür tun.
Er konnte fliegen. Quasi von Geburt an.

„Schwächling!“ „Sei nicht so weibisch!“ „Weiber sind nur für Eines gut!“ „Traue keinem Weib!“ „Die Frau ist unrein.“

So sehr er auch kämpfte, er konnte nichts dagegen tun. Die Worte waren in ihm. Und sie ließen sich nicht entgiften. Denn diese Worte waren sehr viel älter als er. Sie entstammten „heiligen“ Büchern und waren fest verwurzelt worden im Bewusstsein der Männer. Die Frau repräsentiert „das Dunkle“. Das „Doppelzüngige“. Das „Betrügerische“, das zu „falschem Handeln verführen will“. Das, was „unterworfen“ werden muss.

Er war nicht stolz auf seinen perfekten weiblichen Flügel.

Und er war auch nicht glücklich.
Es war seine „dunkle“ Seite. Die Seite, von der er immer wieder fürchtete, sie würde ihn in eine Falle locken.
Es war die Seite von ihm, die er unbedingt unterwerfen wollte.

Er hatte großes lyrisches Talent.

Wenn er mit blumigen Worten in einem Birkenwald spazierenging, sah er die Sonne durch die Birkenkronen scheinen. Und für einen Moment war er glücklich.
Und in diesen Momenten WUSSTE er, dass er das Talent hatte, auch andere glücklich zu machen, mit seinen Texten.

Aber Lyrik. Das war weiblich, weibisch, schwach. Das war das Dunkle in ihm. Das, was er unterwerfen musste.

Er schrieb stets in der Nacht.


Ein Beitrag zu den abc-Etüden, deren aktuelle Einladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/03/20/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-12-13-22-wortspende-von-ich-lache-mich-gesund/ zu finden ist.

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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33 Kommentare

  1. Das ist alles so vielschichtig, daß eine Antwort schwerfällt.
    Lyrik ist jedenfalls nichts typisch Weibliches und auch nicht dunkel, erst recht nicht böse. Man denke z.B.an Rainer Maria Rilke.
    Aber wer bipolar veranlagt ist, ist möglicherweise gegen das Weibliche, muß die männliche Seite gegenüber Frauen hervorkehren?

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      1. Es ist voneinander getrennt und sucht sich doch gegenseitig. Bei den Bäumen gibt es „zweihäusige“.
        Bei den Blumen kamen sie ganz nahe zusammen. Wenn ich nur leicht mit dem Finger über meine voll blühenden Amaryllis streiche, kann ich sie befruchten, so daß sich Samenkapseln entwickeln.
        Bei den meisten sind die Bienen unterwegs. Manchmal tut es der Wind. Aber getrennt bleibt Weibliches und Männliches in der Regel.
        Mischformen sind eigentlich in der Natur nicht vorgesehen.

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      2. Ich kenne den Ausdruck bipolar für eine Krankheit, er bedeutet das Schwanken zwischen extremen Polen und ist ein sehr anstrengender Zustand. Ansonsten reicht sicher das Wort Polar, denn das heisst ja nichts anderes als das 2 Pole vorhanden sind. Ach,, den Begriff assoziieren wir mit Kälte…verrückte Sprachwelt…

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    1. Gerade Rilke hatte viel zu leiden deswegen in seiner Jugend, wurde vom Vater zum Militär geschickt, und sicher galt das dichten nichts in seinem Umfeld. Es ist eine sehr alte eher christliche Sehweise, dass das weibliche als dunkel und geheimnisvoll gefürchtet wurde. Vielleicht wegen seiner Macht, von der wir heute kaum noch wissen…Doch ebenso gab es diese Erhöhung zur Heilgen, sodass es eine Aufspaltung ergab, in Mutter oder Hure. In Italien noch gut zu erkennen. Die Urmutter Erde hat sicher das dunkele erdhafte Wesen getragen. Bipolar ist eigentlich ein Begriff aus der Psychiatrie, der ein Schwanken zwischen Extremen ausdrücken soll…

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      1. Vielen Dank für diese gute, ausführliche Ergänzung zum Thema.
        Diese Aufspaltung des Weiblichen in totale Gegensätze hat die Menschheit wohl sehr verwirrt und vor allem die Weiblichkeit verunsichert.
        Ich denke mal, daß es daran liegt, daß vor allem die Männlichkeit Probleme mit uns Frauen hat, vor allem wohl für solche, die uns in ein „System“ einzuordnen versuchten.

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  2. Aber immerhin, er schreibt … 🤔
    Ach Maren, der arme Mann, so eingesperrt in seinem Kopf. Er wird sich selbst dafür hassen, dass er es nicht lassen kann, das Schreiben, wenn es ihm nicht gelingt, Vorbilder zu finden, Menschen zu finden, die nicht in diesem gefährlichen dualistischen Weltbild gefangen sind, von dem er unterjocht wird, weil er scheinbar nicht weiß, dass es auch noch anderes gibt. Was für ein Fluch … andererseits sollte das heute in der westlichen Welt kaum noch möglich sein, dass jemand keinen Zugang zu Kunst und Literatur hat, oder?
    Danke, gefällt mir sehr! 🧡🌼👍
    Nachmittagskaffeegrüße! 😉⛅☕🍪🌼👍

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    1. Gibt es Menschen, die nicht in diesem Weltbild gefangen sind? Die Welt ist dualistisch. Besteht aus zwei Polen. Aber zu lange wurden uns Vorbilder präsentiert, die uns erzählt haben, dass einer dieser beiden Pole wertlos sei.

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      1. Du irrst, liebe Maren, wenn du dich in das Thema indigene Kulturen einlesen würdest, könntest du feststellen, dass es zB indigene Kulturen gibt, in denen Männer und Frauen praktisch ganz getrennt leben. Kannst du etwa bei dem Anthropologen Claude Lévi-Strauss nachlesen. Und was machst du mit der weiblichen Genitalverstümmelung, die praktisch im gesamten afrikanischen Kontinent schon zu Zeiten betrieben wurde als die zukünftigen Kolonialmächte und Missionare noch nicht zugeschlagen hatten.
        Ich würde ja durchaus gerne gelegentlich mit dir diskutieren, aber über verallgemeinernde Sätze, die nicht den Tatsachen entsprechen, kann man nicht diskutieren. Leider.

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      2. Über die Frage, was eine „Tatsache“ ist – und was nicht; wem wir glauben, dass er „Tatsachen“ verkünde – und wem nicht; und warum wir dies jeweils tun, haben wir ja schon des Öfteren diskutiert. Wir werden da wohl nicht zu einem einvernehmlichen Ergebnis kommen. Vielleicht ist das auch nicht so schlimm, denn vielleicht lenkt diese Diskussion ohnehin nur ab von den wirklich relevanten Fragen?

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      3. Zum Beispiel, warum es in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen nach nicht selten eigentlich gutem Beginn dann doch so erstaunlich oft zu Problemen kommt. Deren Herkunft erscheint uns meist völlig schleierhaft, insbesondere, wenn beide Partner eigentlich sehr offen sind, einen hohen Bildungsstand haben und gut zueinander zu passen scheinen. Dieser Frage widmet sich diese Etüde.

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      4. Und warum sollte ein hoher Bildungsstand eine gute Beziehung garantieren? Wegen des guten Einkommens? Ich halte mittlerweile weniger gebildete Menschen für ehrlicher, weniger körperentfremdet, und praktisch auch, aus eigener Erfahrung mit beiden Seiten. Über Bücher reden kann ich ja auch mit anderen als dem Partner.

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    1. Ich fürchte, der „Horror“, den ich beschreibe, ist für sehr sehr viele Männer Realität. Es geht dabei weniger um das Talent, das unterdrückt werden muss, als um all das, was sie an sich selbst als „schwach“ empfinden. Wir Frauen können uns oft nicht wirklich vorstellen, was für gewaltige innere Kämpfe Männer dabei ausfechten. Denn auf der einen Seite sehnen sie sich nach der Frau. Auf der anderen Seite haben sie aber diese Stimme im Kopf, von der sie selbst nicht wissen, wo sie herkommt. Viele Männer zerreißt das geradezu. Und es sind nicht gerade die Dümmsten. Rainer Maria Rilke zum Beispiel, auf den Gisela in einem ihrer Kommentare oben hinweist, könnte – seinem Lebenslauf nach zu urteilen – an genau dieser Stimme zerbrochen sein.

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      1. Da wären wir wieder bei der Frage: wann ist ein Mann ein Mann. Eine Frage über die ich selbst leider schon in einer Intensität nachdenken musste, die mich heute noch nachdenklich macht.
        Mann sollte zu seinen Sehnsüchten stehen, aber der Partner oder die Partnerin sind an dieser Stelle auch nicht die Sehnsuchtserfüllerinnen, denn die Sehnsucht kommt von Innen.

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      2. Ein Mann ist immer(!) ein Mann! Er muss dafür nie anders sein, als er von Natur aus ist. Die Sehnsucht ist die Sehnsucht nach etwas, was es einmal gegeben haben muss zwischen Männern und Frauen. Etwas, wonach Generationen von Männern und Frauen gesucht haben, wie nach dem heiligen Gral. Die Zeit ist angebrochen, dass dieser wiedergefunden wird!

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      3. Ich bin mir nicht sicher, ob ein Mann immer ein Mann ist. Was genau definiert den Mann? Das Chromosom? Gibt es überhaupt so etwas wie „einen Mann“ oder ist das nur ein gesellschaftliches Narrativ?

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  3. Projizierst du deine eigenen Erfahrungen hier? Manchmal hört sich das sehr verbittert gegenüber den Männern an, was ich sehr schade finde.

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