Recht

Obwohl – oder gerade weil – ich „gelernte“ Juristin bin, halte ich das mit dem „Recht“ für eine zweischneidige Sache. Und inzwischen sogar mehr und mehr für eine eigentlich ziemlich blöde Idee.

Dass man heutzutage in einem Krieg Aussagen, Bilder oder Filme, die von einer der Kriegsparteien präsentiert werden, nicht für eine „objektive Wahrheit“ halten kann, ist selbsterklärend.

Wer „recht“ hat, ist ohnehin selten bis nie so einfach zu beurteilen, wie wir oft denken. Und sieht meist jeweils wieder ganz anders aus, je nachdem, wie viele Aspekte und Blickwinkel man einbezieht.

Putin ist „böse“, weil er die Weltherrschaft anstrebt (und das nicht einmal zugibt …)? Und die USA, die ja letztlich am anderen Ende dieses Krieges stehen, sind „gut“, weil ihre Präsidenten zumindest immer offen zugeben, dass ihr Land die Weltherrschaft anstrebt?

Das war jetzt polemisch. Denn so einfach ist es eben nicht. Tatsächlich spielen eben ganz viele verschiedene Aspekte eine Rolle, die sich je nach persönlichem Blickwinkel jeweils wieder unterschiedlich darstellen.

Wir haben eine gewisse Sucht danach entwickelt, „Recht haben“ zu wollen, und die jeweils andere Seite zu verurteilen. Oft vibrieren wir geradezu vor Empörung über die bösen Täter. Wir mögen diese Vibrationen, weil sie uns das Gefühl geben, die „Guten“ zu sein.

Kräfte, die Kriege führen wollen, sind auf diese Vibrationen angewiesen. Denn es sind diese Vibrationen, die den Krieg am Leben halten. Es sind diese Vibrationen, die der Rechtfertigung dienen von Aufrüstung, Verteidigung und Angriff (deren Unterscheidung in der Praxis je nach Partei anders auszufallen pflegt).

Die Geschichte von DEN Guten und DEN Bösen: Wann hören wir auf, diesem propagandistischen Erzählstoff zu glauben?
Wann beginnen wir, dem Krieg selbst sanft den Boden zu entziehen?

Wann hören wir auf, Kriegs-Parteien, einzelne Menschen oder gar Völker zu verurteilen?

Wann beginnen wir stattdessen, das Anstreben von Herrschaft über andere als solches zu verurteilen?


Ein Beitrag zu den abc-Etüden, deren aktuelle Einladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/04/03/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-14-15-22-wortspende-von-katha-kritzelt/ zu finden ist.

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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42 Kommentare

  1. Ja es sind diese „Kräfte“, die diese Vibrationen am Leben erhalten, wodurch letztlich die Kriege am Leben erhalten werden, d.h. eigentlich unsere Gedankenformen und Emotionen. Daher sollten wir nicht so schnell die „Bösen“ verurteilen. Es könnte solch ein Verurteilen auf uns selber zurückfallen.

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  2. eine sehr schöne und aktuelle etüde, Maren, die ich voll unterschreiben möchte. Natürlich meinen wir, wenn wir über eine Sache reden, sie erforschen, uns eine Menung bilden, im Recht zu sein. Und automatisch meinen wir, dass der, der unsere Meinung nicht teilt, sei im Unrecht. Wir sind dann gefangen im dualistischen Denken: Wenn A richtig ist, kann B nur falsch sein. und schon beginnt der Krieg.

    Ich arbeite beim Aufstellen gelegentlich mit dem Tetralemma: Da gibt es die Achse A – B im Sinne des „Entweder-Oder“. Senkrecht zu dieser Achse steht die Achse AB – Null, AB im Sinne von „sowohl-als auch“ und Null im Sinne von „weder-noch“. Bei Sowohl-als auch (AB) erfährt man, dass an beiden Positionen „was dran ist“ und beide Positionen auch ihre Mängel haben. Wenn man durch die Null geht, verlässt man die Ebene des Dilemmas (zB ob man Russland oder die Ukraine unterstützt ) und begibt sich auf eine Ebene darüber, von der aus man das ganze Feld überschaut. Das ist dann die von dir angedeutete: „dem Krieg den Boden entziehen“. Hier tun sich dann Dilemmata höherer Ordnung auf, angedeutet bei dir im Satz „Anstreben von Herrschaft über andere als solches zu verurteilen“ vs „nichts verurteilen, alles tolerieren“.

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    1. Die Null
      löscht
      das Morden
      und Schlachten

      gegen unschuldige
      Kinder und Frauen
      nicht aus

      die Null
      als Feigenblatt
      und Rechtfertigung
      des eigenen Bösen

      der Krieg
      in den Köpfen
      der Hybris
      der Männer

      die einzige Moral
      der mächtigen Männer
      und Feldherren
      ist der totale Sieg
      über den Feind
      die bösen anderen

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      1. Die Null ist rund. Sie ermöglicht damit eine umfassende Sichtweise. Und eine umfassende Sichtweise kennt weder Anklage noch Rechtfertigung. Sie sieht niemanden als „Feind“. Und sie weiß, dass die Unterscheidung zwischen „guten Menschen“ und „bösen Menschen“ in Wahrheit von Menschen nicht zu treffen ist; sondern einer Propaganda entstammt, die Menschen zum Krieg verführen will; ihnen einreden will, sie würden für „DAS Gute“ kämpfen.

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      2. Zitat:

        Die Null ist rund. Sie ermöglicht damit eine umfassende Sichtweise. Und eine umfassende Sichtweise kennt weder Anklage noch Rechtfertigung. Sie sieht niemanden als „Feind“. Und sie weiß, dass die Unterscheidung zwischen „guten Menschen“ und „bösen Menschen“ in Wahrheit von Menschen nicht zu treffen ist; sondern einer Propaganda entstammt, die Menschen zum Krieg verführen will; ihnen einreden will, sie würden für „DAS Gute“ kämpfen.

        *
        Die Zahl, der man bestimmte Werte zuschreibt und misst.

        Die Zahl hat keine Augen, und kann damit die Wirklichkeit nicht erkennen.

        Ich kann mir nicht anmassen, eine umfassende Sichtweise in Besitz zu haben.

        Ich fühle mich verpflichtet, den eigenen Unbill, und den der anderen, gleichwie, nicht zu tolerieren und damit zu unterstützen.

        Mir gibt es kein Jenseits von Böse und Gut.

        Jeder Satz ist eine Behauptung, eine These die es zu widerlegen gilt.

        Der Fingerzeig gegen die Bösen, drei Finger zeigen auf mich zurück.

        Ich kann von mir behaupten, dass quer, durch mich hindurch, mir, das „ES“ in meiner Gedankenwelt, mich immer wieder daran erinnert; dass ich Böses getan, und für mich selbst zu tragen und zu ertragen habe.

        Ich klage mich an, nicht die „Guten“ die „Bösen“, die anderen.

        Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Ta.

        Hans Gamma

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      3. Auch ich maße mir nicht an, eine umfassende Sichtweise in Besitz zu haben. Wir Menschen haben das „Handicap“, mit Augen ausgerüstet zu sein, die nur in eine Richtung blicken können. Jedenfalls, solange man den Kopf oder sich selbst nicht dreht. Wenn man das aber tut, kann man manchmal feststellen, dass der, den man bisher für „böse“ gehalten hatte, vielleicht auch nur dachte, für DAS Gute zu kämpfen. Und manchmal kann man auch feststellen, dass das, wofür man sich selbst anklagt, vielleicht in Wahrheit ganz andere Ursachen hatte, als man dachte. Dass das, von dem man stets dachte, man hätte es verhindern müssen, vielleicht gar nicht zu verhindern gewesen wäre.

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      4. Vielen Dank für Ihre Antwort.

        Die einzige Tatsache ist der Tod.

        Zwischendrin erlaube ich mir,
        mir meine krummen Wege
        aufzudecken.

        Ich klage mich an, das tut den anderen nicht weh.

        Ich bin die Ursache, meiner Dummheiten selbst, und nicht mein Vater.

        der zu mir gesagt hat:

        Du bist nichts
        Du wirst nichts
        Du kommst ins Gefängnis
        oder ins Irrenhaus

        im Irrenhaus, in der Familientherapie

        sagte meine Mutter
        vor versammelten Gemeinde:

        der (Sohn) ist krank
        weil er nicht an Gott glaubt
        oder weil er einen Eiterzahn hat

        und beiden
        der ganzen Familie
        war Angst und bang
        um den Spinner
        den Weltvergessenen

        ich bin wirklich
        gescheitert
        und wieder gescheitert

        aber verbittert
        trotz der Indrokitnation

        von Kirche
        Schulung
        Staat
        Arbeitgeber
        und Familie
        bin ich nicht

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      5. Oh weh, das klingt nach einer ziemlich furchtbaren Kindheit! Umso schöner finde ich es, dass du deine Eltern dennoch nicht verurteilst. Denn für einen sehr gläubigen Menschen, ist es ja vor allem eine Selbstanklage, so etwas vor versammelter Gemeinde zu sagen. Eine Selbstanklage, zu der sie sich wohl aufgrund der Energien, in denen sie aufgewachsen waren, verpflichtet fühlten: Das Eingeständnis, versagt zu haben. Versagt zu haben in dem wichtigsten bzw. laut Kirche im Grunde sogar einzigen Auftrag, den „Gott“ den Eltern für ihre Elternschaft gegeben habe, nämlich das Kind auf den „rechten“ Glauben zu führen.

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      6. Guten Tag.

        Vielen Dank für Ihre Antwort.

        Mein Leben will fürchten,
        (ich bin ein alter Mann)
        nicht wegen den anderen,
        in der Bemühung,
        der eigenen Bestimmung,
        auf allen Wegen
        mich zurecht zu finden.

        Herzliche Grüsse
        Hans Gamma

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  3. Ein toller Satz: *Wann beginnen wir, dem Krieg selbst sanft den Boden zu entziehen? *
    Aber wie, liebe Maren? Was schleppen wir bloß in unseren Genen mit uns herum? einen Selbstschutz, der uns ein Überleben garantieren sollte? Damals, als der Mensch noch nicht ganz da war, sich noch entwickelte? Nicht nur die Urangst stammt aus den uralten Zeiten, auch die Bereitschaft, die Brut zu verteidigen.
    Wie sollen wir loswerden, was uns auch stärkt? Ich bin ja eigentlich ein unverbesserlicher Optimist, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß es keine Menschen mehr geben wird, die die Welt beherrschen wollen. Vielleicht sind sie ja am Aussterben? Ich würde es hoffen (schon wieder dieser besch… Konjunktiv) Was ist bloß so wunderschön daran, ein riesiges Reich sein eigen zu nennen???
    Ins Denken versunken, Bruni

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  4. *Wann beginnen wir, dem Krieg selbst sanft den Boden zu entziehen? * – ist ja leider nur eine Frage oder Aufforderung. Aber wo sollen denn die realistischen Ansätze herkommen, wer kann sie glaubwürdig vertreten, wie kann man sie nachhaltig lehren, welches Umfeld brauchen wir dazu außer Chancengleichheit auf der ganzen Welt?
    Ich denke, wir werden da noch viele Fragen klären müssen.

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      1. Mein ich, im „Nest“ des Bewusstseins, hat keine Flügel.

        Mein ich hat keine Botschaft an andere zu verkünden.

        Ich habe nur „ein“ Bewusstsein, und es reicht mir nicht aus, in jedem Moment, das richtige zu erfassen und zu tun.

        Die Einsicht kommt erst, nach der Tat, etwas später.

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      2. An den Füßen kleben nicht selten die unverheilten Traumata unserer Ahnen. Solange es uns nicht gelingt, diese zu heilen, z.B., indem wir versuchen, eine andere Sichtweise zu ihren Taten und ihrem Leben einzunehmen, halten sie uns auf der Erde fest. Und verhindern so, dass wir „fliegen“ können.

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      3. Ich stehe mit
        meinem Kleingewicht
        auf meinen Ahnen

        ich will nicht versuchen
        wenn es den Ahnen
        ein ihnen vertanes Leben gab

        ihre Bewusstlosigkeit
        zu beschönigen

        ich weiss
        dass die Ahnen einen Sog haben
        der seinen Ausdruck
        in den Träumen findet

        Da ich nicht der Autor
        im Drama der Seele bin

        eine Nebenrolle spiele
        versuche ich

        die ungelösten Probleme
        die mit dem Ahnenerbe
        verbunden sind

        auf meine Weise
        darüber bewusst zu werden
        mit neuer Einsicht
        nur für mich selbst zu lösen

        ich bin kein Erlöser
        für die heutige Zeit
        der für alles
        in einen Begriff erfindet
        und die Wunden
        der Menschen damit heilt

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    1. Stimmt schon. Wie soll das gehen? Man will verzweifeln, wenn man drüber nachdenkt. Es wird nicht gelingen, den Menschen den Egoismus abzugewöhnen. Aber Deeskalation Ernst nehmen könnte man schon. Es genügt nicht „Tut das nicht!“ zu rufen. Nicht nur Kriege kosten Opfer. Frieden auch. Wenn wir diese bereit wären, auch im Voraus zu bezahlen, in dem man auf den anderen mit realen Angeboten zugeht zb. ?

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      1. Ich frage mich, ob der Frieden uns Menschen nicht einfach nur das Opfer kostet, nicht immer um jeden Preis Recht haben zu wollen, sondern bereit zu sein, die Sichtweise des jeweils anderen als möglicherweise ebenso „richtig“ wie die eigene zu akzeptieren.

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  5. Ich glaube, dass es immer Menschen gibt und gab, die die Herrschaft über andere angestrebt haben und anstreben, das ist nicht neu. Es ist auch nicht neu, dass das Menschen, Länder, Völker ins Unheil reißt. Neu ist, dass es hierzulande die Generationen nach dem Krieg betrifft, in einer Breite, die wir bisher nicht kannten.
    Ich finde, mit besonnenen Politikern (frag mich nicht nach Namen, ich habe keine), hätte es nicht so weit kommen müssen. Aber Besonnenheit steht weder dieser Jahre noch dieser Tage hoch im Kurs.
    Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich … erbrechen
    … möchte, wenn ich mich umsehe.
    Veränderungen beginnen bei jedem Einzelnen, und wir müssen es versuchen, jede* und jeder für sich, aber zurzeit bin ich nicht optimistisch, wirklich nicht.
    Danke dir für die Etüde!
    Abendgrüße 😏☁️🍷🥗🌼👍

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    1. Ja, Veränderungen beginnen bei jedem Einzelnen! Jede*r kann etwas beitragen. Jeweils auf seine ureigene Art. Denn jeder Mensch ist anders, hat andere Talente und Erfahrungen. Oft nehmen wir unsere Erfahrungen als Maßstab und sind erbost, wenn jemand anderes einen anderen Blickwinkel hat. Wenn wir alle etwas weniger „Recht haben“ wollen würden, mit unserer Sichtweise, wäre die Welt sicherlich schon eine bessere. Denn oft hilft es ja schon, dass der andere sich mit seiner Sicht gesehen fühlt.

      Gefällt 4 Personen

      1. Guten Tag.

        Vielen Dank für Ihre Antwort.

        Ich kenne die Wirklichkeit von Wahrheit nicht. Ich will doch zugeben, dass das Spektrum, von dem was ich Freiheit mir denken kann, nicht weit reicht.

        Ich habe die Alma Mater nicht besucht, die den Menschen extrinsich, Wahrheit an Wahrheit, in Büchern als ewige Wahrheiten verbucht.

        Die Verstrickungen und die Abhängigkeiten, von Innenwelt und Aussenwelt, sind, soweit ich es erfassen kann, die gleichen.

        Die Schranken der autoritären Erziehung, von Kirche, Staat und Familie, liess mein erfassen, meines Seins, im subjektiven Moment nie zu. D.h. nicht, dass ich mich einem inneren und einem äusseren Diktat zu fügen habe.

        Ich kann versuchen, in meiner kleinen Welt, das Bessere zu versuchen an jedem Tag.

        Herzliche Grüße
        Hans Gamma

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      2. Ja, genau um diese Schranken der autoritären Erziehung, von Kirche, Staat und Familie, um die ging es mir in meinem Kommentar! Es scheint mir wichtig, dass unsere „ichs“ von diesen Schranken endlich befreit werden!

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  6. Ein Zitat von Ihnen
    dem ich mich verbunden fühle

    Künstliche Intelligenz wird immer künstlich bleiben. Zum „Gedankenlesenkönnen“ bedarf es etwas mehr, als das Vermessen von Gehirnen. Entscheidungen zu beeinflussen, geht allerdings schon durch einfache Propaganda, wie sie ja (u.a. durch die Kirchen) schon lange vor dem „Siegeszug“ der Technik eingesetzt wurde, um Macht zu erhalten und zu sichern. Die heutige Technik macht das mit der Propaganda nur noch sehr viel allumfassender … .

    Gefällt 1 Person

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