narzisstisch

Er sah auf sein Spiegelbild in dem See und fand sich wunderschön. Einfach perfekt! Jeder müsste ihn bewundern ob seiner Schönheit.

Plötzlich sieht er neben sich ein zweites Spiegelbild in dem See. Eine Dame. Und was ist das?! Sie scheint nicht ihn zu bewundern, sondern sich selbst. Geht gar nicht!!!

Findet sie auch. Was will der denn?! Warum sieht der nicht mich und meine Schönheit, sondern nur sich?! Geht gar nicht!!!

Inzwischen haben sich hinter ihr etliche Verehrer eingefunden, die ihre Schönheit lobpreisen.

Aber auch um ihn haben sich mehr und mehr Anhänger geschart.

Diese wiederum sehen in den Augen IHRER Verehrer irgendwie bedrohlich aus. Grobschlächtig wirken sie. Nicht so feinsinnig, wie sie selbst es sind. Solchen Gesellen würde man alles zutrauen können. Und so rufen sie: „Ins Gefängnis mit denen!!!“ „Strafen!!!“ „Sanktionen!!!“

Und die anderen brüllen irgendetwas zurück.

Plötzlich vibriert etwas in dem See. Ganz sanft. Und die Oberfläche des Sees kräuselt sich. Entsetzt sehen die Zuschauer, wie sich die bewunderten Bilder ihrer Protagonisten verändern: Was kurz zuvor noch so makellos gewirkt hatte, hat plötzlich Doppelkinn bekommen. Und jede Menge Falten.

„Die sehen ja aus, wie jeder andere Mensch auch!“ ruft ein Kind, das mit seinem Vater zufällig in die Szenerie geraten ist.

„Ja“, antwortet der Vater, „das mit dem Narziss und seiner „Makellosigkeit“ ist nur eine Legende. Erzählstoff, der es den Bewunderern erleichtert, von Verehrung in Verachtung umzuschwenken, und dem oder der Bewunderten die Schuld dafür zu geben.
Diesen Schwenk pflegt die Meute dann genauso einmütig zu vollziehen, wie sie vorher einmütig „SANKTIONEN!!!“ gebrüllt hat, um sich bei der Bewunderten einzuschmeicheln. Dressierte Affen, wenn du mich fragst!“

„Aber wer hat die denn dressiert, Papa?“

„Die beiden traurigen Gestalten da vorne ganz sicher nicht. Auch wenn die vermutlich von sich selber denken, was sie für tolle Dompteure sind … .“


Ein Beitrag zu den abc-Etüden, deren aktuelle Schreibeinladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/04/03/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-14-15-22-wortspende-von-katha-kritzelt/ zu finden ist.

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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22 Kommentare

  1. Phantastisch! „Ins Schwarze getroffen“!
    Sogar übertroffen. Und es läßt sich übertragen auf alles:
    Auch auf das Karfreitagsgeschen, wo die Menge zuerst „Hosianna!“ und bald danach „Kreuzige Ihn!“ schrie.
    ( Vielleicht waren das aber nicht dieselben Menschen, denke ich mir).

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    1. Ja, es ist die Frage, was Menschen immer wieder anheizt, nach der „Kreuzigung“ zu brüllen von Personen, die sie kurz zuvor noch für verehrungswürdig hielten. Ein „falsches“ Wort, „falsche“ Handlung, „falsche“ Prioritätensetzung – eine misslungene „Verteidigungsrede“, und schon war´s das: Öffentliche Demütigung, Folter, Rücktritt … .

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      1. Ein winziger „Fehler“ (jedenfalls für die streng richtende Menge), und schon ist eine bis dahin hochgeachtete Person “ weg vom Fenster“.
        Allerdings kann es auch sein, daß die Menge große Fehler richtig toll findet, die kleinen jedoch scharf verurteilt.

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  2. Ich finde vor allem den Schluß sehr beachtlich: Die beiden Bewunderten sindz also nicht schuld an dem plötzlichen Stimmungswechsel.
    Wer oder was aber dann? Liegt es am Wind, der die Spiegelbilder verzerrte?
    Oder liegt es an der Schar der Bewunderer selbst, die keine gefestigte Meinung haben?

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    1. Tja, wer oder was für diese „sanften Vibrationen“ sorgt, die dann schon mal in einen Tsunami münden können …, ist mir auch nie so ganz klar. Aber Politik, so wie sie heute gemacht wird, lebt halt von Bildern. Und so werden Bilder geschaffen, und nach einer bestimmten Zeit wird dann das ein oder andere Bild „verzerrt“.

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    1. Es liegt sicher auch daran, dass sich zwei Blöcke gebildet haben. Die Frage ist ja aber, WARUM sich zwei Blöcke gebildet haben? Und ob es wirklich in deren Natur liegt, sich gegenseitig nicht ausstehen zu können??

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  3. Ja, Menschen bauen sich Popanze auf und/oder folgen Popanzen, weil es schick (???) ist, und wenn ihnen was anderes schicker (???) vorkommt, dann wechseln sie und verdammen das oder den, dem sie zuvor gefolgt sind.
    Ich führe so ein Verhalten immer und immer wieder auf Orientierungslosigkeit, Unsicherheit und Angst zurück; und ich finde es mehr als besorgniserregend, in welchem Ausmaß Politik und Wirtschaft damit arbeiten, denn die Zeiten, wo das nur eine individuelle Schwäche war, sind lange vorbei.
    Danke dir für deine Etüde. 👍
    Trübe Feiertagsgrüße 😀☁️☕🍪👍

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    1. Weil es „schick“ ist; weil alle es so zu machen scheinen; weil sie Angst haben, plötzlich „alleine“ dazustehen, wenn sie ihre eigentliche Meinung äußern; oder weil sie gar fürchten, mit in den Strudel aus Hass und Gewalt gerissen werden, wenn sie trotz einer beginnenden Hasskampagne (weiter) zu einer betroffenen Person stehen … . 🤔

      Gefällt 1 Person

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