Die Überraschung

Sie blätterte in dem soeben gekauften Rezeptbuch und stieß auf den „Königskuchen“. Kannte sie gar nicht. Aber schon der Name gefiel ihr. Den würde sie backen. Noch heute. Für ihren Schatz. Für ihren Mann. Denn ihr Mann war ihr „König“.

Während sie die Zutaten zusammensuchte, akribisch abwog und liebevoll mit ihren Händen zu einem Teig verknetete, stellte sie sich die ganze Zeit vor, wie ihr Mann sich freuen würde. Wie er strahlen würde, wenn er zur Tür hereinkäme – und völlig außerhalb des für einen „normalen“ Wochentag Gewohnten -, den Duft frisch gebackenen Kuchens erschnuppern würde… . Wie er mit einem begeisterten „Hmmm, riecht das lecker!“ sogleich zu ihr in die Küche eilen würde. Wie geschmeichelt er sich fühlen würde, wenn sie ihm dann erzählte, dass sie extra für ihn einen „Königskuchen“ gebacken hatte.

Voll Vorfreude auf seine Freude schob sie den Kuchen in den Ofen. Sie hatte alles exakt so abgestimmt, dass der Kuchen gerade ofenfrisch fertig sein würde, wenn ihr Mann kam. Denn ofenfrisch aß er Kuchen am liebsten.

Sie hörte, wie sich sein Schlüssel in der Haustür drehte, und ihr Herz klopfte vor freudiger Erwartung, als sie den perfekt gelungenen Kuchen aus dem Ofen nahm.

Er hätte ihr sagen können, dass er gerade ein unangenehmes Gespräch mit einem Kunden hinter sich hatte. Dass er Kuchen zwar normalerweise zu jeder Tageszeit gerne aß, aber just in diesem Moment ausnahmsweise keinen Appetit darauf hatte, irgendwas zu essen, weil ihm dieses Gespräch auf den Magen geschlagen hatte.

Aber er sah sie nicht.
Er sah ihre Mühe, ihre Liebe und Wertschätzung nicht, die sie ihm mit diesem Kuchen zeigte.

Er blaffte sie an, dass er keinen Hunger habe und sie ihren Kuchen alleine essen könne.

Er fand sie „okay“. Aber eigentlich träumte er von einer Frau, die ihm Geborgenheit schenken würde. Liebe und Wertschätzung.


Ein Beitrag zu den abc-Etüden, deren aktuelle Schreibeinladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/04/17/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-16-17-22-wortspende-von-ludwig-zeidler/ zu finden ist.

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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20 Kommentare

  1. Wir sind alle nicht perfekt, speziell, wenn wir gestresst sind. Daher sage ich auf der einen Seite, ja, kann passieren, und hoffe auf der anderen, dass die beiden eine Kommunikationskultur haben, die die Klärung derartiger Missverständnisse ermöglicht. 🤔😉🧡
    Wenn allerdings der Mann seine Frau grundsätzlich nicht (mehr) sieht/verkennt, dann sind größere Probleme vermutlich quasi vorprogrammiert. 😟
    Danke dir! 👍
    Nachmittagskaffeegrüße 🌤️🌼☕🍪🦋👍

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    1. Ich beobachte immer wieder, dass so etwas gar nicht selten ist: Menschen sehnen sich nach etwas. Und bemerken nicht, dass sie das, wonach sie sich sehnen, bereits haben würden, – wenn sie das, was sie haben, mit einem anderen Blick betrachten würden. Aber das, was man hat, das meint man eben meist zu kennen. Und was man „kennt“, findet man schnell langweilig.

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  2. Genauso funktioniert eine Beziehung nicht: enttäuscht sein, wenn der/die andere eine Rolle nicht ausfüllt, von der er/sie gar nicht weiß, dass dies erwartet wird… Wenn er von etwas ganz anderem träumt als das, was er/sie hat, wird ein Kuchen die Sache nicht einrenken und da wäre wohl eine Trennung keine allzu schlechte Idee …

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    1. Ja, das stimmt. Wenn man Erwartungen an den oder die andere(n) hat, diese aber nicht kommuniziert, sondern hofft, der oder die Partner(in) werde sie schon irgendwie bemerken …, dann wird das nicht selten zu Enttäuschungen führen.
      Aber manchmal bemerkt man auch etwas nicht, was die eigenen Erwartungen erfüllt hätte. Und dann braucht es ja keine Trennung, sondern einfach nur einen anderen Blick.

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      1. Das kann natürlich sein, allerdings finde ich es wichtig, eine Trennung immer als Möglichkeit auch im Hinterkopf zu haben, weil diese weitere Option die Freiheit bietet andere Möglichkeiten ohne Druck zu besprechen und zu versuchen. Man tut sein bestes, wenn es aber nicht geht, kann man sich auch trennen

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      2. In manchen Fällen ist eine Trennung sicher für beide Seiten die beste Option. Aber wenn man schon gleich mit der Trennungsoption im Hinterkopf an etwas herangeht, kann es auch sein, dass man dem / der anderen (unbewusst) signalisiert: „Sooo besonders wichtig bist du gar nicht für mich!“. Man also gar nicht erst wirklich so richtig versucht, den anderen in dessen / deren Bemühen zu sehen und wertzuschätzen, sondern stattdessen zu schnell die Hintertür wählt, die man sich von Anfang an offen gelassen hatte … .

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  3. *Er fand sie „okay“. Aber eigentlich träumte er von einer Frau, die ihm Geborgenheit schenken würde. Liebe und Wertschätzung.*
    Lag nicht alles das, was er sich erträumte, gerade in diesem Kuchen? Eine Frau, die ihren Mann nicht liebt, ihn nicht wertschätzt, würde kaum einen Kuchen für ihn backen – DEN Königskuchen…
    Also ich würde es nicht machen!
    Herzlichst, Edith

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    1. Ja, es lag alles, was er sich wünschte, in diesem Kuchen. Aber er vermochte es nicht (mehr) zu sehen. Möglicherweise, weil er sich an sie – und das, was sie ihm bot – gewöhnt hatte. Und an was man sich gewöhnt hat, dessen Wert schätzt man oft nicht mehr besonders hoch ein. Es ist ja sozusagen „immer da“. Menschen erscheint leider oft etwas alleine deshalb wertvoller, weil es nicht „da ist“ … . ☕💌

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      1. Sie ist sicherlich traurig, dass er sie nicht mehr so wertschätzt, wie zu Beginn ihrer Beziehung. Aber viel mehr Möglichkeiten, als ihm durch ihr Handeln zu zeigen, dass sie ihn trotzdem noch wertschätzt und liebt, hat sie ja letztlich nicht. Ihm zu sagen, dass sie sich mehr Wertschätzung von ihm wünschen würde, wird kaum zum gewünschten Erfolg, sondern vermutlich eher zu Streit führen…. . Zu versuchen, sich „für ihn“ zu ändern, würde wohl weder sie noch ihn glücklich machen. Sie wäre gezwungen, eine Rolle zu spielen, die ihr nicht entspricht. Und wenn er nicht bereit ist, seinen Blick zu weiten, würde er sie wohl auch in der neuen Rolle nicht (lange) wertschätzen.

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      2. Wenn dies alles nicht hilft, dann bleibt ihr nur die Trennung, denn sonst hat sie nur ein ungeliebtes Leben vor sich….
        Doch manchmal hilft reden, eine Veränderung an sich selbst (Frisör, ein neues Kleid…) oder es eben mal darauf ankommen lassen, dass er, wenn er nach Hause kommt, eine leere Wohnung vorfindet, ohne vorbereitetes Abendbrot, ohne Wärme…. Vielleicht geht ihm dann eine Glühbirne auf….

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  4. Die Geschichte hat sehr viele Facetten… Man kann sie auch so lesen, dass die Frau ihren Mann mit dem Kuchen prüfen will: Liebst du mich (noch)? Mein verstorbener Mann hat jedes Jahr im Advent Christstollen gebacken. Ich glaube, dass seine Stollen (alle haben es gesagt) sehr gelungen waren, weiß es aber nicht, weil ich Stollen nicht gerne esse. Dennoch sollte ich jedes Jahr seinen Stollen probieren, was ich dann auch gemacht hab. Und jedes Jahr war mein Mann wieder enttäuscht, weil ich so „undankbar“ war. „Ich glaub schon, dass der gut ist“, hab ich gesagt, mehr nicht. Alles andere wäre unehrlich gewesen. Mein Mann hätte es gerne gehabt, wenn ich ihm was vorgespielt und den Stollen gelobt hätte, aber das hab ich nie gemacht, denn ich kann nicht lügen. Ich finde es wichtig, dass wir ehrlich zueinander sind.

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    1. Natürlich freut man sich immer, wenn der Partner den eigenen Geschmack in allem teilt …, aber ich glaube, angelügt werden möchte niemand wirklich. Klar hätte er es wahrscheinlich schön gefunden, wenn er nicht nur euren Gästen (und sich selbst), sondern auch dir, mit dem Stollen hätte eine Freude machen können. Und vielleicht immer gehofft, du würdest doch noch „auf den Geschmack kommen“. Und du hast es ja jedes Jahr probiert. Wenn du ihm dabei etwas vorgespielt hättest, wäre er vermutlich letztendlich noch viel enttäuschter gewesen. Denn das hätte ihn nicht ernst genommen.

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