Ein Fass ohne Boden

Ihre Kindheit war wundervoll gewesen: Von Anfang an waren sie für ihre Eltern nicht „nur“ Prinz und Prinzessin, sondern König und Königin.

Wenn sie Geburtstag hatten, gab es nicht irgendeinen Kuchen. Es gab einen „Königskuchen“ oder einen „Königinnenkuchen“. Und die tollsten Geburtstagsfeiern, die man sich nur vorstellen konnte.

Sie bestimmten jede Wochenendgestaltung. Und wenn es ihnen irgendwo, wo sie gerne hingewollt hatten, dann doch nicht gefiel, fuhren ihre Eltern selbstverständlich mit ihnen dort sofort wieder weg. Woanders hin. Wo es ihnen beiden weniger langweilig zu sein versprach.

Wenn sie Wunschzettel schrieben, konnten sie sicher sein, dass ihre Eltern jeden der dort notierten Wünsche akribisch erfüllen – und noch einige Überraschungsgeschenke obendrauf tun würden. Niemals hätten ihre Eltern zugelassen, dass sie wohlmöglich irgendwo blöd dastehen würden, weil andere mehr oder bessere Sachen hatten, als sie.

Dass sie ihren Teller nicht leer essen mussten, wenn ihnen – nach einmal probieren – etwas nicht schmeckte, verstand sich von selbst. Sie bekamen sofort etwas anderes.

Ihre Eltern sparten niemals mit Lob und Anerkennung bei allem, was die beiden taten. Bei jeder Gelegenheit ließen sie erkennen, wie unglaublich stolz sie auf ihren „König“ und auf ihre „Königin“ waren.

Jetzt waren die beiden erwachsen. Und eigentlich hatten sie alles, wovon andere träumten: Spannenden Beruf. Viel Geld. Attraktive Partner.

Nur glücklich – glücklich waren sie irgendwie nicht. Immer war da das Gefühl, mehr haben zu wollen.
Sie wussten selbst nicht recht, von was eigentlich sie „mehr“ wollten.
Aber irgendetwas in ihnen fühlte sich immer leer an. Leer wie ein Fass ohne Boden. Süchtig danach, dass jemand von Außen dieses Fass ständig nachbefüllte.

Und doch würde dieser jemand niemals erreichen können, dass es auch nur halbvoll würde.


Ein Beitrag zu den abc-Etüden, deren aktuelle Schreibeinladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/04/17/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-16-17-22-wortspende-von-ludwig-zeidler/zu finden ist.

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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17 Kommentare

    1. Oh je! Eine Mutter, die meint, ihre Tochter müsste in Psychotherapie, scheint ja nicht mehr so wirklich die „Königin“ in ihr zu sehen … . Höchstens vielleicht eine „Königin“, die die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt hat…. . Während eine Tochter, die bei jedem Kleinkram ihre Mutter anruft, sich wahrscheinlich bestenfalls als „Prinzessin“ fühlt … .😉😎

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    1. Tja. Ich bin ja im Grundsatz eher der Meinung, dass Eltern so wenig wie möglich versuchen sollten, ihre Kinder zu irgendwas oder in irgendeine Richtung zu (er-)ziehen. Aber in meinem Beispiel lassen sie die Kinder vielleicht einfach zu wenig aus sich heraus wachsen. Weil sie zu sehr der Meinung sind, sie müssten ständig „gegossen und gedüngt“ werden. Wie man aus dem Pflanzenreich weiß, wachsen solche Pflanzen oft zunächst recht üppig, tun sich dann aber sehr schwer, wenn das Wasser mal knapp wird – und gehen nicht selten ein, weil sie nie gelernt haben, ihre Wurzeln tief genug im Erdreich zu verankern, um in Dürrezeiten an das Grundwasser zu kommen … .

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    1. Ja, viele Jugendliche scheinen mit sich selbst gar nichts mehr anfangen zu können, sondern sofort unruhig zu werden, wenn es mal kurze Zeit keinen „Input“ von Außen gibt (also z.B. keinen Internetzugang …). Sie verlangen sozusagen, permanent „bespaßt“ zu werden. Gleichzeitig höre ich immer wieder Eltern klagen, wie anstrengend sie es finden, ihre Kleinen permanent bespaßen zu „müssen“ … . Ich habe oft den Eindruck, dass dieses „müssen“ von vielen Eltern überinterpretiert wird. Vielleicht, weil die meisten aus ihrem eigenen Leben (Arbeitswelt und Freizeit) permanente „Action“ längst so gewöhnt sind, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen können, dass es auch mal ohne „Action“ gehen kann?

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    1. ??? Also gnadenlos bin ich sowieso nie!!! Und Verallgemeinerungen mag ich auch nicht besonders. Genau deshalb mag ich es, mit meinen Etüden immer wieder – möglichst abwechslungsreich – verschiedene Blickwinkel zu beleuchten. Dass mir dabei oft konkrete Beobachtungen als Inspiration dienen, ist mir – denke ich – nicht zu verübeln.
      Oder?! Denn, nimm es mir nicht übel … 😉, aber irgendwie habe ich inzwischen das Gefühl, dass du mir aus irgendwelchen Gründen plötzlich so ziemlich alles „verübelst“! Denn solche Kommentare wie dieser hier von dir, sind doch eigentlich völlig unter deinem Niveau. Und meinen Texten auch nicht wirklich angemessen … .

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    1. Dankeschön! Das schätze ich sehr hoch ein. Denn ich weiß, wie schwer Entschuldigungen vielen Menschen fallen. (Ich hoffe, du siehst das „vielen Menschen“ jetzt nicht als unzulässige „Verallgemeinerung“ an … 😉😇)

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  1. Da versucht mensch, nach bestem Wissen und Gewissen alle gleich zu behandeln und zu unterstützen, und dann das. Das ist unsere Generation, die nach dem Krieg gegen die Grenzen der Erziehung rebelliert hat (zu Recht), und deren Kinder dann häufig mit viel zu wenig Grenzen, auf jeden Fall aber mit oft zu wenig Anleitung aufwuchsen, wie man mit dem klarkommt, was nicht so schön ist. Und das ist das Ergebnis: Helikoptereltern und vom Leben überforderte Kinder, die sich irgendwann (mal wieder) nach der „starken Hand“ sehnen (werden), weil selbst denken und handeln so anstrengend ist.
    Viel Diskussionsstoff in deiner Etüde, liebe Maren, danke. Ein Fass ohne Boden, wie du schon schreibst.
    Verspätete Morgenkaffeegrüße 🌤️🌼☕🍪🦋👍

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    1. Ich denke auch, dass vieles davon aus einer Art Rebellion entstanden ist gegen die eigenen Eltern, und deren Art der „Erziehung“, die ja nicht selten auch wirklich furchtbar war oder zumindest von uns so empfunden wurde. Aber, was aus Rebellion entsteht, läuft eben immer Gefahr, dann in das Gegenteil übertrieben zu werden. Was in den Auswirkungen für die Betroffenen nicht unbedingt weniger schädlich ist … . Ich danke dir! – Und winke mit meiner Kaffeetasse … 😉☕☕☕

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  2. Ich kannt so ein Königskind.Ich fragte mich immer, was soll aus dem nur werden .
    Er war auf seine Art resilient.
    Ein empathischer, höflicher, zuvorkommender junger Mann.
    Dass seine Eltern in wirklich geliebt haben – und sich nicht nur mit ihm geschmückt haben – scheint durch das ganze Getue durchgedrungen zu sein.

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    1. Ich glaube – und hoffe -, dass die meisten Eltern, die ihre Kinder wie Könige behandeln, das aus Liebe tun und nicht aus Statusgründen … . Aber wenn diese Liebe aus einer Art Rebellion erfolgt gegen das Gefühl, von den eigenen Eltern nie gesehen und nicht geliebt worden zu sein, dann kann es schwierig werden für die Kinder. Denn dann wurden sie vielleicht nicht zuletzt deshalb zu „Königen“, weil die Eltern sich erhoffen, von IHNEN endlich die Liebe zu bekommen, die die eigenen Eltern ihnen nach ihrer Wahrnehmung nicht einmal im Ansatz gegeben haben… . Die Kinder (und deren unbedingte Liebe und Dankbarkeit) in dem Fall also von ihnen „gebraucht“ werden, um eine eigene Lücke zu füllen. Deine Beschreibung des empathischen rücksichtsvollen Königs klingt ein wenig danach. Wobei ich mit dieser Interpretation natürlich auch völlig schief liegen kann…. .

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