Eingepferchte Liebe

Sie war die Schönheit der Steppe. Lange Beine. Eleganter Hals. Exquisite Haarfarben. Wunderschön geschwungene Wimpern.
Sanftmütig wirkte sie.
Und war sie.

Mitfühlend. Auch mit den Bullen, die einsam durch die Steppe zogen. Einsamkeit war nicht schön. Dass ihnen Aggression nachgesagt wurde, mochte sie nicht.

Ebensowenig mochte sie die Geschichten, die in ihrer Giraffengruppe neuerdings über den Menschen kursierten. Er fange Fische, manchmal nur zum Spaß für ihn, die lebenden Tiere in die Luft haltend lachend für seine Freunde posierend. So, als würde er die Qual, die er dem aus seinem Element entnommenen Wesen bereitet, nicht einmal bemerken. Als seien diese ihm schlicht egal.

Konnten Wesen mit einem Herzen, das doch für Liebe stand, so blind und taub für Gefühle anderer sein?!

Jetzt stand da dieser Mann mit diesem Holzkasten.

Was wollte der Typ von ihr? Wieso wollte der sie in diese furchtbare enge dunkle Kiste pferchen und woanders hinbringen?!
Sie gehörte zur weiten Steppe.
Freiheit!

Sie versuchte, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Jedes Wesen verstand die Sprache des Herzens.
Der nicht.
Stattdessen machte er jetzt auch noch einen dummen Witz. Dass Giraffen wohl mondsüchtig seien, weil sie so selten schliefen.
War der irgendwie emotional minderbemittelt?

Oder hatte er wohlmöglich selbst soviel Leid erlebt, soviel Leid gehört, dass er sein Herz irgendwann zugemacht hatte? Versteinern ließ? Sogar den Schmerz unterdrückte, dem ihm dieses harte Herz in seiner Brust doch selbst bereiten musste?

Verzweifelt suchte sie ihm verständlich zu machen, dass Liebe ihn heilen könne.

Sie rief die Göttin der Liebe und alle Wesen, die der Urliebe dienen. Flehte, die Panzerung, die sich um sein Herz gebildet hatte, zu lösen.

Und dann konzentrierte sie sich auf ihr eigenes Herzzentrum und all die Liebe darin. Liebe, an der sie so gerne bereit war, ihn teilhaben zu lassen.
Wenn er es doch nur spüren würde!

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Ein Beitrag zu den abc-Etüden, deren aktuelle Schreibeinladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/05/01/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-18-19-22-wortspende-von-myriade/ zu finden ist.

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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13 Kommentare

  1. „Machet euch die Erde untertan.“ Das haben wir gemacht und das haben wir nun davon. Aber immerhin sieht es so aus, als würden wir uns früher oder später gleich mit umbringen. Es ist zum Weinen.
    Danke dir für die Etüde! 👍
    Grimmige Vormittagskaffeegrüße ⛅🌼☕🍪🦋👍

    Gefällt 1 Person

    1. Ich glaube nicht, dass die Menschen emotional (und intellektuell) wirklich so minderbemittelt sind, dass sie ihren eigenen Fortbestand verhindern. Aber dass immer noch zu wenige menschliche Herzen so weich sind, dass sie wirklich zu FÜHLEN vermögen, was sie anderen (und damit letztlich auch sich selbst) oft an völlig unnötiger Qual zufügen, das erscheint offensichtlich. So als hätte sich um viele Herzen tatsächlich eine Art unsichtbare Mauer gebildet, durch die die Gefühle anderer einfach nicht durchzudringen vermögen.

      Gefällt 2 Personen

  2. Ich mag deine liebevolle Giraffe sehr. Giraffen sind ja solche sanftmütigen Wesen, deren Kopf in den Wolken schwebt und die sich am liebsten von Akazienblättern ernähren. Akazie – ακακία auf griechisch, bedeutet die „Unböse“ – (Kakia bedeutet Bösheit). Den Menschen verändern kann sie freilich nicht, da hat sie sich zu viel vorgenommen.

    Gefällt 3 Personen

    1. Ich finde auch, dass Giraffen eine sehr sanftmütige Ausstrahlung haben 💖. Das mit der Akazie passt gut dazu. Danke für diese interessante Ergänzung! Wenn ich sie richtig verstanden habe, möchte sie den Menschen gar nicht ändern; sondern (nur) zu seiner Heilung beitragen. Dazu beitragen, die in ihm angelegte Liebe wieder zu erwecken. 💕

      Gefällt 1 Person

    1. Sie schenken den Menschen Milch. In der altindischen ayurvedischen Heilkunst ein hochgeschätztes Nahrungsmittel. Allerdings hätten die damaligen indischen Heilkundigen sich ganz sicher nicht vorstellen können, was heutzutage in der Regel unter „Milchproduktion“ verstanden wird. Nicht nur, dass die meisten Tiere unter unwürdigen Bedingungen gehalten werden, bekommt man zusätzlich auch noch den Eindruck, dass viele Großbauern, Molkereien (und Händler) SICH für die Produzenten der Milch halten. Dankbarkeit und Liebe gegenüber den WIRKLICHEN Produzentinnen der Milch ist jedenfalls eher selten spürbar. Leider!
      Gerade wenn ich an Massentierhaltungsställe und auch an diese schrecklichen Schlachttransporte denke, passt das mit den Kühen tatsächlich leider auch sehr gut zu meiner Überschrift „Eingepferchte Liebe“. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob es das war, worauf du mit deinem Kommentar hinweisen wolltest 🤔.

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  3. Gibt es Menschen ohne Liebe? Sicher nicht. Es liegt am Menschen, sie zu hüten, sie nicht verkümmern zu lassen.Denn sonst empfindet man auch für anderes Leben wenig, bzw. nichts mehr. Vieles ist hinzugekommen, was die Liebe tötet, z. B. Machtgehabe, Geld…. Da denkt man sicher nur noch an sich selbst – und dies auch ohne Liebe….
    Dir ein feines Wochenende mit guten Wünschen und Freude an allem Lebendigen um dich rum…

    Gefällt 1 Person

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