Fein eingerichtet?

„Selbstverständlich bringe ich dich bis zum Kreißsaal, Schatz. Aber bei der Geburt lasse ich dich doch lieber alleine. Das ist nun einmal Frauensache. Die Natur hat es so eingerichtet. Ich würde da sicher nur stören. Man hört ja so manche Geschichten über Männer, denen es im Kreißsaal ganz blümerant geworden sei, die gar das Bewusstsein verloren hätten … . Und außerdem, Milliarden Frauen haben es schon vor dir geschafft, so schwierig kann es also nicht sein.“

Er ging.

Die modernen Kommunikationsmittel sorgten dafür, dass er sofort erfahren würde, wenn das Baby da war. Das war fein. So musste er nicht wohlmöglich Stunden vor dem Kreißsaal sitzen und warten.

Sie verlor das Bewusstsein nicht – während sie stundenlang im Kreißsaal lag mit immer schmerzhafteren Wehen. Sie wusste nicht einmal, ob jemand ihre Schmerzensschreie hörte, denn die meiste Zeit war sie mutterseelenallein. Die einzige Hebamme musste mehrere Säle gleichzeitig betreuen. Warum war das nochmal so? Irgendwas mit Versicherungen, erinnerte sie dunkel. Schon eigenartig, wo die Menschen so ihre Prioritäten setzen.

Sie verlor das Bewusstsein auch nicht, als der Kopf des Babys endlich aus ihrem Körper ragte. Als der Damm riss und später mit schmerzhaften Stichen genäht wurde.

Sie verlor das Bewusstsein nicht, aber ihr Körper fühlte sich zerfetzt an. Zerfetzt von dem Baby. Es schmerzte irrsinnig.

Als man ihr das Baby in den Arm legte, hatte sie nicht das Gefühl, ein Wesen, das ihr solche Schmerzen bereitet hatte, wirklich lieben zu können.

Als ihr Mann dann mit einem großen Blumenstrauß antanzte, hatte sie nicht das Gefühl, ihn körperlich jemals wieder so lieben zu können, wie vor dieser Geburt.

Stolz blickte er auf das Baby: „Die Nase hat er eindeutig von mir! So eine Geburt ist doch wirklich ein Wunder. MEIN Sohn! Eine Art Wiedergeburt meiner Selbst.
Mit der Chance, jetzt alles besser zu machen… .“


Ein Beitrag zu den abc-Etüden.

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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14 Kommentare

    1. Ich glaube / hoffe auch, dass heutzutage sehr viel weniger Väter ihre Frauen bei der Geburt des gemeinsamen Kindes alleine lassen, als das in früheren Zeiten leider „normal“ war.
      Aber der Text lässt sich natürlich auch auf andere „Projekte“ übertragen. Und es scheint mir nicht selten, dass mehrere Menschen gemeinsame Verantwortung für ein Projekt haben – und einige davon sich richtig reinhängen, während andere ihre Priorität eher darin sehen, es „sich fein zu machen“.
      Manchmal ist es von denen, die sich reinhängen, sicherlich auch so gewollt, dass sie es mehr oder weniger alleine machen, weil sie dann „Kontrolle“ darüber haben, wie das Projekt aufgezogen wird. Und manchmal beschweren sie sich zwar, dass z.B. XY sie immer hängen lasse,, wollen aber eigentlich gar nicht wirklich, dass genau dieser XY dabei ist, weil sie der Meinung sind, der richte ohnehin nur Chaos an und störe die gemeinsame Arbeit der anderen.
      Kritisch sehe ich es aber dann, wenn eine Gruppe es sich notorisch bequem macht, nach dem Motto „die anderen werden es schon machen“ – während andere aus Verantwortung gegenüber dem gemeinsamen Ziel notorisch über ihre gesundheitlichen Leistungsgrenzen gehen. Und wenn dann endlich alles soweit „steht“, dann kommen eben auch nicht selten die aus der ersten Gruppe plötzlich anscharwenzelt, und präsentieren stolz das „gemeinsame“ Ergebnis – denn sie hätten ja schließlich einen Teil zur Idee beigetragen … . 😉
      LG an dich! 💖

      Gefällt 1 Person

  1. Zuerst habe ich gedacht, bei so einem Mann würde ich das wilde K*** bekommen, die arme Frau, so ein in sich selbst verliebter Hohlkopf. Und was für ein Albtraum, so eine Geburt!
    Aber da ich mir dessen bewusst bin, dass hier die Blinde von Farbe redet (ich, ich weiß nicht, ob du Kinder hast), belasse ich es bei der einen Frage, die mir dann auch noch eingefallen ist: Warum haben die beiden vorher nicht ausmachen können, dass sie nicht allein sein will und dass sie keine Schmerzen erleiden möchte? Ich habe den Eindruck, dass in der Kommunikation der beiden schon länger etwas ziemlich schiefläuft.
    Nachdenkliche Nachmittagskaffeegrüße 😉

    Gefällt 2 Personen

  2. Also: bei der Geburt unseres ersten Sohnes war ich nicht dabei, ging damals noch nicht. 16 Jahre später, als der „Nachkömmling“ das Licht der Welt erblickte, durfte ich dabei sein. Die Geburt eines Menschen zu erleben: ich denke etwas Grösseres gibt es nicht und das gemeinsame Erlebnis hat sicherlich dazu beigetragen, die Schmerzen für meine Frau erträglicher zu machen.
    Ich kann nur jedem Mann raten: verpasse solch eine Chance nicht!

    Gefällt 3 Personen

    1. Das finde ich schön, dass du die Chance genutzt hast, dabei zu sein! Nur wenn er so eine Geburt live miterlebt, kann Mann ja wirklich erfahren, dass so eine Geburt eben kein „Kinderspiel“ ist; und erkennen, was für eine Leistung Frauen erbringen. Danke dir!!!

      Gefällt 1 Person

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