Die Guten

Ab Sonntag tagen sie wieder: Die Guten. In der schönen Kulisse von Davos.

In einen Kommentar zu meiner Etüde „bedürftig“ schrieb ich jüngst: „Die meisten Menschen möchten doch eigentlich in einer besseren Welt leben. … Die Frage ist dann nur, ob man die bessere Welt nur für sich selber haben will – oder für alle. Und wenn alle sich eine bessere Welt für ALLE wünschen würden, dann lebten wir vielleicht längst in einer solchen. …“

Und dann habe ich hinterher über meinen eigenen Kommentar noch einmal nachgedacht. Und mir kamen Fragezeichen.

Denn, wenn alle sich eine bessere Welt für alle wünschen, kann das nicht auch fürchterlich schief gehen? Jede*r wird doch unter einer „besseren Welt für alle“ etwas anderes verstehen. Und wenn dann jede*r mit den eigenen Vorstellungen losprescht?! Die eigenen Vorstellungen durchsetzen will, „zum Besten für alle“?! Menschen, die mit anderen Vorstellungen kommen, zu „belehren“ versucht, und – wo das nicht klappt – sie wohlmöglich bekämpft?! Oder gar zu verhindern versucht, dass es überhaupt noch andere Vorstellungen gibt?!

Kann Kampf – wogegen auch immer – dem Guten dienen???

Gerade hörte ich einen Bericht über eine Frau, die in dem eigentlich wunderschönen, aber seit langem von furchtbaren Kämpfen erschütterten Kongo lebt. Sie trägt eine Waffe. Und benutzt diese auch. Denn „sie möchte nie wieder Opfer sein“.

Das ist verständlich. Und vielleicht erreicht sie das auch. Oberflächlich gesehen. Aber in ihrer Seele wurde etwas abgetötet, als sie zum Opfer wurde. Und sie wird das nicht wieder lebendig machen können, wenn sie jetzt andere tötet. Menschen, die aus Kriegen zurückkehren, sind ja oft nicht (nur) traumatisiert wegen erlittener eigener Verletzungen, sondern weil sie Tod, Leid, Verstümmelung anderer Menschen gesehen und teilweise auch selbst verursacht haben. Es hilft ihnen nicht, wenn man ihnen sagt, sie hätten für eine gerechte Sache gekämpft. Denn ihnen ist klar geworden, dass die Frage, was gerecht ist, stets sehr subjektiv beantwortet wird.
Es ist ja nicht einmal ausgeschlossen, dass auch der Mann, der der betreffenden Frau Gewalt angetan hat, einmal ein Opfer war. Dass in ihm vielleicht ein kleiner Junge steckte, der hilflos mit ansehen musste, wie vor seinen Augen seine ganze Familie massakriert wurde. Und in dessen Seele seitdem statt Liebe Hass auf die Menschen Einzug gehalten hat.

Wenn man in solchen Ländern von Außen Gutes tun wollte, kann das nur heißen, jegliche Unterstützung oder Befeuerung eines solchen Krieges zu beenden. Keine Waffen oder Gelder an irgendwelche Kriegsparteien. Auf Versöhnung hinwirken und Versöhnung unterstützen.

Eigentlich ist es das, was jeder Mensch intuitiv ganz genau weiß: Man tut nichts Gutes, wenn man Gewalt anwendet gegen einen anderen Menschen (egal, gegen wen).
Man tut nichts Gutes, wenn man Waffen baut / verkauft / verschenkt / einsetzt (egal, gegen wen).
Man tut nichts Gutes, wenn man Menschen oder Tiere quält (egal, warum).
Man tut nichts Gutes, wenn man die Grenzen eines anderen Menschen überschreitet, und ihn zu etwas zwingen will, was dieser nicht tun oder mit sich getan haben möchte (egal, weshalb).
Man tut nichts Gutes, wenn man mit anderen Menschen umgeht, als wären sie ein Spielzeug, das man beliebig nach eigenen Interessen manipulieren dürfe.
Man tut nichts Gutes, wenn man Menschen belügt und ihr Vertrauen missbraucht.
Man tut nichts Gutes, wenn man sich über andere Menschen erhebt, weil man sich für klüger hält.
Man tut nichts Gutes, wenn man Reichtümer zulasten anderer Menschen anhäuft.
Man tut nichts Gutes, wenn man Reichtümer zulasten der Natur anhäuft, – sondern man schadet der Menschheit als Ganzes; massiv.

Aber man tut auch nichts Gutes, wenn man Menschen, die all dieses Nichtgute tun, deshalb als böse verurteilt, bekämpft und diese Menschen bestraft sehen möchte. Es ist nie auszuschließen, dass die Menschen, die all dieses uns so widerlich erscheinende Nichtgute tun, einst mit genau der Ambition gestartet sind: Das Böse zu bekämpfen, und die Bösen bestrafen zu wollen.

Wenn wir wirklich eine bessere Welt wollen, sollten wir nicht damit anfangen, diese Spirale des Bekämpfens anderer Menschen endlich gemeinsam zu durchbrechen?
Endlich das zu unterlassen, von dem wir doch intuitiv alle wissen, dass es NICHT des Gute ist?

bedürftig

Zuverlässiger als jeder Wetterbericht konnte sie mit ihren feinen, weit nach Außen gerichteten, Antennen Gewitter bereits erspüren, wenn anderen der Himmel noch blau erschien. Gewitter zwischen Menschen.

Immer schon wollte sie Harmonie überall. Wenn sie spürte, dass jemand litt, litt sie mit.

In ihrem Herzen hatte fast jeder Platz.

Nur sie selbst irgendwie nicht.
Permanent war sie auf das Wohlbefinden anderer ausgerichtet. Fragte sich, ob sie genug tat für das Gute in der Welt.

Sie verströmte Liebe, die nach ihren Vorstellungen in den irisierenden Farben eines Regenbogens von ihr ausging und weit in die Welt hineinwirkte. Sie stellte sich vor, wie diese Liebe anderen Menschen Heilung schenken und so das Gute in der Welt potenzieren würde.

Irgendwann stellte sie fest, dass diese anderen ihre Bemühungen nicht einmal bemerkt zu haben schienen.

Sie war müde und erschöpft und sehnte sich danach, geliebt zu WERDEN.

Inzwischen wusste sie, dass andere andere Kindheiten gehabt haben mussten, als sie.
Sie erfuhr von „schönen“, „ganz ordentlichen“, „nicht ganz so tollen“, „ganz und gar nicht tollen“ und „katastrophalen“ Kindheiten. Und sie erfuhr auch, dass die mit „schönen“ oder „ganz ordentlichen“ sich oft nicht einmal im entferntesten vorstellen konnten, was eine der drei anderen Kindheiten mit einem Menschen machen können.

Man erklärte ihr, dass Bedürftigkeit ein Makel sei. Etwas, was einem peinlich zu sein hatte.
Da habe jemand einfach nicht genug an sich gearbeitet. Schließlich gebe es doch jede Menge Techniken.
Eine schwierige Kindheit?
Na und?
Dann müsse sie halt jetzt als Erwachsene ihr inneres Kind umarmen und ihm all die Liebe geben, die es als Kind vermisst hat.
Jetzt habe sie schließlich die Ressourcen.

Nein, sie hatte die Ressourcen nicht!
Woher sollten sie denn gekommen sein?! Aus ihrer Kindheit???

Wie könnte sie Ressourcen aufbauen?
Indem sie endlich egoistisch würde?!

Soll das wirklich die Lösung sein?


Ein Beitrag zu den abc-Etüden, deren aktuelle Schreibeinladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/05/15/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-20-21-22-wortspende-von-puzzleblume/ zu finden ist.

Jesus

Lieber Jesus! Nein, nicht „Herr Jesus“, denn nichts in deinem Leben deutet für mich darauf hin, dass du die Menschheit eingeteilt hättest haben wollen in „Herren“ und „Sonstige“.

Von deinem Leben war ich schon als kleines Kind fasziniert. Mit deinem Tod – oder besser gesagt, der Art deines Todes – allerdings habe ich stets gehadert.
Noch heute suche ich Antworten.
Und finde sie nicht.

Warum hast du nicht einfach den Hammer zu Staub zerfallen lassen, als jemand damit Nägel in deinen Körper schlagen wollte?

Man sagt, du habest diesen Tod erleiden müssen, um so die Menschheit zu erlösen und von ihren Sünden zu befreien. Aber wovon genau wurde die Menschheit erlöst? Was hat sich geändert?

Wie zur Zeit deiner Folterung kommen noch immer Menschen angerannt, recken ihre Hälse wie Giraffen, um einen möglichst guten Blick darauf zu erhaschen, wie andere verletzt wurden oder werden. Sie gaffen. Und manche filmen es gar.

Dein Tod sei ein Liebesdienst an der Menschheit gewesen.
Aber hättest du nicht viel mehr Liebe verbreiten können in einem langen Leben? In dem du so viele Menschen wie nur möglich von Krankheiten geheilt oder von anderem Unbill befreit hättest?

Um zu zeigen, dass das Leben mit dem Tod nicht wirklich endet, hätte es doch nicht einer vorherigen Folterung bedurft!

Warum sind in den Gebäuden, in denen Menschen in Gedenken an dich der Liebe der Schöpfung huldigen, so wenig Bilder der Schönheit dieser Schöpfung zu bewundern? Statt eines grauenvollen Folterinstruments im „heiligen Raum“ – Bilder, die die liebevolle Fülle der Natur würdigen? Der Erde im Zusammenspiel mit Mond und Sonne?

Vielleicht wären dann mehr Menschen mondsüchtig – und weniger Menschen mordsüchtig? Nicht nur manch „Gaffer“ wirkt geradezu verrückt nach echten und erdachten Krimis, Psychothrillern, Horrorgeschichten. So, als wären Tod und Leid anderer kein Leid, sondern eine Art „amüsanter Unterhaltung“.

Was haben wir fehlgedeutet?


Ein Beitrag zu den abc-Etüden, deren aktuelle Schreibeinladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/05/01/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-18-19-22-wortspende-von-myriade/ zu finden ist.