Die Überraschung

Sie blätterte in dem soeben gekauften Rezeptbuch und stieß auf den „Königskuchen“. Kannte sie gar nicht. Aber schon der Name gefiel ihr. Den würde sie backen. Noch heute. Für ihren Schatz. Für ihren Mann. Denn ihr Mann war ihr „König“.

Während sie die Zutaten zusammensuchte, akribisch abwog und liebevoll mit ihren Händen zu einem Teig verknetete, stellte sie sich die ganze Zeit vor, wie ihr Mann sich freuen würde. Wie er strahlen würde, wenn er zur Tür hereinkäme – und völlig außerhalb des für einen „normalen“ Wochentag Gewohnten -, den Duft frisch gebackenen Kuchens erschnuppern würde… . Wie er mit einem begeisterten „Hmmm, riecht das lecker!“ sogleich zu ihr in die Küche eilen würde. Wie geschmeichelt er sich fühlen würde, wenn sie ihm dann erzählte, dass sie extra für ihn einen „Königskuchen“ gebacken hatte.

Voll Vorfreude auf seine Freude schob sie den Kuchen in den Ofen. Sie hatte alles exakt so abgestimmt, dass der Kuchen gerade ofenfrisch fertig sein würde, wenn ihr Mann kam. Denn ofenfrisch aß er Kuchen am liebsten.

Sie hörte, wie sich sein Schlüssel in der Haustür drehte, und ihr Herz klopfte vor freudiger Erwartung, als sie den perfekt gelungenen Kuchen aus dem Ofen nahm.

Er hätte ihr sagen können, dass er gerade ein unangenehmes Gespräch mit einem Kunden hinter sich hatte. Dass er Kuchen zwar normalerweise zu jeder Tageszeit gerne aß, aber just in diesem Moment ausnahmsweise keinen Appetit darauf hatte, irgendwas zu essen, weil ihm dieses Gespräch auf den Magen geschlagen hatte.

Aber er sah sie nicht.
Er sah ihre Mühe, ihre Liebe und Wertschätzung nicht, die sie ihm mit diesem Kuchen zeigte.

Er blaffte sie an, dass er keinen Hunger habe und sie ihren Kuchen alleine essen könne.

Er fand sie „okay“. Aber eigentlich träumte er von einer Frau, die ihm Geborgenheit schenken würde. Liebe und Wertschätzung.


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Wer hat Angst vorm … Bohrer?

Die Zähne! Immer wieder diese verdammten Zähne! Dabei putzte er sie stets akribisch nach jeder Mahlzeit. Das hatte man ihm bereits als Kind beigebracht. Ihm erklärt, dass er sonst „Karies“ bekäme.

Trotzdem waren schon seine Milchzähne „schlecht“ gewesen. Und seine „Erwachsenenzähne“ noch schlechter… .

Wieviele seiner Lebensstunden in einem Zahnarztstuhl verstrichen waren, konnte er nicht mehr zählen. Stunden der Folter.

Er fühlte sich so ausgeliefert, wenn er in diesem Stuhl saß. Ausgeliefert einer Person, die etwas mit ihm machen würde, von dem er wusste, es würde weh tun und unangenehm sein. Half es ihm wenigstens? Er verließ sich auf den Experten. Aber: Mehr als einmal hatte jemand etwas als „unumgänglich“ bezeichnet, was vom nächsten Zahnarzt plötzlich zu einer eher schlechten Lösung erklärt wurde.

Diese Amalganfüllungen, von denen er einst so unglaublich viele bekommen hatte, galten inzwischen sogar als schädlich. Also waren sie ihm in endlosen Sitzungen wieder entfernt und durch irgendwas Anderes ersetzt worden. Dass er sich nach diesen Sitzungen keineswegs besser, sondern eher schlechter gefühlt hatte, war ihm damit erklärt worden, dass das Quecksilber des Amalgan von seinen Körperzellen aufgenommen worden sei. Zur Entgiftung war er an einen Heilpraktiker verwiesen worden.

Er hatte den Zahnarzt gewechselt. Mal wieder. Und mal wieder hatte er einen Kostenvoranschlag mitbekommen für eine unbedingt erforderliche Zahnbehandlung.

Manchmal unkte er, dass jeder Arzt versuche, sich ein möglichst großes Stück von dem Kuchen zu sichern, den seine Zähne zu bieten schienen.
Er war Privatpatient: Sozusagen ein Königskuchen.

Wie kamen Menschen eigentlich in anderen Ländern mit ihren Gebissen klar? In Ländern, wo es kaum (Zahn-)Ärzte gab? Von solchen Behandlungen konnten die doch nur träumen?

Aber half ja nichts. Was getan werden musste, musste getan werden: Terminvereinbarung.

Magengrummeln.
ANGST!
Sein ganzer Körper schrie es geradezu.

„Wozu bloß sind Gefühle da?!“ fragte er sich.

Und sagte die Behandlung ab.


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Wenn der Wind sich dreht …

Und dann hat der Wind sich plötzlich gedreht … .

Sie hatte diese Herren nie wirklich sympathisch gefunden, denen sie da zujubeln sollte. Aber diese Aufmärsche, die hatte sie geliebt. Es war so eine ganz besondere Stimmung gewesen, wenn alle wie aus einer Kehle jubelten und sangen. Toll hatte sich das immer angefühlt. Und manchmal hatte es sogar schulfrei dafür gegeben.

Es gab wohl einige wenige Leute, die diese Aufmärsche nicht mochten. Die träumten, sie seien was „Besseres“ hatte ihre Mutter abfällig gesagt, und dass sie Ärger dafür bekommen würden. Sie hatte sich gewundert. Aber nicht weiter darüber nachgedacht. Nicht ihr Problem.

Und plötzlich war alles anders … .

Plötzlich durfte sie niemandem mehr sagen, dass sie es immer genossen hatte, wegen ihres Blondschopfes bewundert zu werden. Als sie einmal einer Freundin erzählte, dass ihre Mutter früher manchmal einen besonderen Kuchen gebacken hatte, an bestimmten Tagen, – Königskuchen hatten sie es genannt -, da war sie hinterher furchtbar geschlagen worden von ihren Eltern. Akribisch schärften sie ihr ein, dass sie niemandem jemals etwas von „früher“ erzählen dürfe. Sie solle ihren Mund halten und darauf achten, bloß nicht aufzufallen.

Je älter sie wurde, desto mehr begriff sie, dass sie sich schämen musste. Dass sie irgendwie schuldig war, dass ihre Eltern irgendwie schuldig waren. Dass sie sich für ihre Eltern schämen müsse.

Sie lernte, sich in der Menge zu verstecken.
Ausschließlich zu tun, was alle taten.
Sich zu kleiden, wie alle sich kleideten.
Zu sagen, was alle sagten.

***

Im Schulzeugnis ihres Enkels steht: „Der Junge ist schüchtern.“ Aber das ist eine Fehlinterpretation. Er ist nicht schüchtern. Aber wenn er etwas sagt, und jemand schaut komisch oder widerspricht gar… . Dann hat er immer das Gefühl, er müsse sich schämen.
Schämen dafür, überhaupt den Mund aufgemacht zu haben.

Und schämen dafür, eine anscheinend irgendwie „unpassende“ Meinung vertreten zu haben.


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