abc-Etüde 06.07.21 Psychospielchen

„Das ist also der Affe, über dessen Intelligenz du deine Doktorarbeit schreibst? „

„Ja, mein Versuchsaufbau sieht vor, dass automatisiert und nach dem Zufallsprinzip Würfel in den Käfig fallen. Die Zahl, die oben liegt, zählt. Dahinten sind Löcher mit den Zahlen 1 bis 6. Er muss den Würfel jeweils in das richtige Loch fallen lassen. Wenn er von 1000 Versuchen weniger als 50 Fehler macht, lasse ich ihn frei, habe ich ihm versprochen. Zur Zeit schafft er es mit rund 200 Fehlversuchen.“

„Wenn er es richtig macht, wird er belohnt?“ 

„Nein,  wenn er es falsch macht, wird er bestraft. Ist viel effektiver. “ 

Drei Wochen später:

„Er schafft es mit 60 Fehlversuchen. Obwohl ich die Anzahl der Versuche  insgesamt erhöht habe. Aber so ein intelligentes Tier sollte es auch mit 35 Fehlversuchen schaffen, finde ich. Je mehr er kann, desto besser wird er auch draußen klarkommen.“

Zwei Wochen später:

„Und?“

„33. Aber die sollte er schon stabil über zwei Wochen halten können. Vorher wird das nichts mit der Freiheit. „

„Findest du es nicht unfair, ständig neue Bedingungen zu setzen?“

„Ich muss seine Freilassung blockieren, denn ich bin mit meiner Diss. noch nicht soweit, wie ich gehofft hatte. Vorarbeiten anderer, mit denen ich gerechnet hatte, wurden nicht rechtzeitig fertig. Aber er bekommt jetzt ab und zu eine Fellpflege, damit er sich besser fühlt.“

„Wie großzügig …. !“

„Höre ich da einen kritischen Unterton bei dir? Verglichen mit dem, was andere ihren Versuchs-Affen antun, geht es meinem nun wirklich gut. Auch, dass ich ihn auf einen Gnadenhof entlassen werde, ist überhaupt nicht selbstverständlich. Laut Tierschutzbund wurden 2019 in Deutschland fast 3 Millionen Wirbeltiere in Tierversuchen „verbraucht“. Dagegen bin ich doch echt tierlieb.

Und letztlich, wir züchten die Tiere ja extra für diese Versuche. Also können wir doch auch mit ihnen machen, was wir wollen, oder?! Ich jedenfalls will der Forschung dienen.“

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Wie immer mit Dank an Christiane, für ihre Mühe mit den Etüden, zu deren Regeln es hier geht (Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 | Wortspende von Wortman | Irgendwas ist immer (wordpress.com)), und an Torsten von Wortman für die diesmalige Wortspende.

abc-Etüde 06.07.21 Erpressung

Unauffällig stupste er seinen Kumpel an und wies dabei mit dem Kopf in Richtung eines bestimmten Touristen.

Der mollige Mann schien das ideale Opfer. Er hatte sich etwas von seiner Gruppe entfernt. Und: Er hatte seine Kamera auf einen Pfosten gestellt und sich drei Meter davor posiert. Die Kamera sah neu und wertvoll aus. Verlockend!

Sie waren ein eingespieltes Team. Während der eine den Mann ablenkte, sprang der andere zu dem Pfosten mit der Kamera, riss diese blitzschnell an sich. Und weg waren sie.

Es dauerte einen Moment, bis der Mann realisierte, was passiert war. Er fühlte sich wie blockiert. Was sollte er tun? Die Kamera war wirklich teuer gewesen. Und diese beiden Halunken würden nicht einmal etwas damit anfangen können!

Wütend eilte er zu dem einheimischen Reiseleiter seiner Gruppe und schilderte diesem den Diebstahl. Sah er da etwa ein leichtes Grinsen in dessen Gesicht? Das wurde ja immer schlimmer!

Und jetzt fragte der auch noch, ob er zufällig etwas zu Essen in seinem Rucksack mit sich führe. Sah er so aus, als würde er die Hälfte des Frühstücksbuffets mitgehen lassen?! Und was hatte das Eine überhaupt mit dem Anderen…? „Ja“, sagte er kleinlaut.

„Dann packen Sie das mal aus.“ antwortete der Reiseleiter. „Nein, ein Apfel wird nicht reichen. Das Wurstbrötchen sollten Sie schon dazu geben und unbedingt die Banane. Bieten Sie alles den beiden an! Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie die Kamera sofort zurück bekommen.“

Und so geschah es.

Die Mitreisenden machten begeistert Fotos von der Übergabe. Und der Reiseleiter grinste inzwischen breit:

„Die Affen in dieser Gegend sind verdammt intelligente Tiere. Sie wissen genau, was sie klauen müssen, um im Gegenzug möglichst viel Essbares angeboten zu bekommen. Handel – … oder Erpressung? Jedenfalls haben sie die Menschen und deren Eigenarten sehr genau beobachtet … und viel gelernt.“

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Inspiriert durch einen Bericht über eine Art „Affen-Mafia“ in der Nähe eines bestimmten Tempels auf Bali, wonach dort Makakenaffen Touristen bestehlen, um das Diebesgut anschließend gegen Essen einzutauschen.

Wie immer mit Dank an Christiane für ihre Mühe mit den Etüden, deren Regeln man hier findet (Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 | Wortspende von Wortman | Irgendwas ist immer (wordpress.com) ), und an Wortman für die Wortspende.

abc-Etüde 06.07.21 Erwartungsmanagement

Sie waren hohes Risiko gefahren bei der Weichware AG, aber es hatte sich gelohnt. Ihre Börsenperformance suchte ihresgleichen. Sie hatten alles mit den Marketingleuten mehrfach vorher penibel durchgespielt: Wie brachte man ein Handy mit einer neuartigen Software unter die Leute – unabhängig von deren Bedarf?

Erwartungsmanagement war das Zauberwort. Erst eine riesengroße Werbekampagne. Dauerberieselung, egal wie teuer.

„Sie müssen das neue Produkt als eine Art Messias hinstellen. Die Lösung aller Probleme. Wer es nicht hat, verpasst sein Leben. Immer wieder wiederholen! Irgendwann glauben es alle.

Nutzen Sie aus, dass Menschen zur Mehrheit gehören wollen! Verkünden Sie, dass nach Ihren Marktforschungsstudien schon 80 % aller Deutschen sich IHR Handy wünschen.

Und lassen Sie auf keinen Fall zu, dass Kritiker zu Wort kommen. Jede Kritik an dem Produkt müssen Sie im Ansatz blockieren. Niemand sollte befürchten, dass die Software des neuen Handys wohlmöglich ungünstig mit seinen vorhandenen Systemen interagieren könnte. Schließlich passiert das ja wohl auch nur in seltenen Fällen.“

Der nächste Schritt war eine künstliche Verknappung des Produkts gewesen:

„Sie müssen die Sehnsucht wecken! Es muss etwas Begehrenswertes sein, zu den Auserwählten zu gehören. Losen Sie diese aus. Filmen Sie die Übergabe an die ersten Glücklichen und zeigen Sie immer wieder, wie zufrieden diese wirken.“

Und weiter ging es:

„Wenn das Interesse abzuflauen droht, versprechen Sie, dass die glücklichen Käufer noch Add-On’s erhalten werden. Exklusiven Zugang zu begehrten Veranstaltungen u.ä..“ 

Alles lief perfekt.

Und dann hatte ihr oberster Chef, dieser blöde Affe, ein Interview gegeben und durchblicken lassen, dass das Handy doch nicht so sicher sei. Der Börsenwert war innerhalb von Sekunden in den Keller gerauscht. Sie waren immer noch fassungslos.

Aus dem Radio ertönten die Nachrichten: 

„Wie aus gut informierten Quellen zu erfahren war, ist der Chef der Weichware AG heute zu Microsoft gewechselt. Man munkelt über ein hohes 6stelliges Gehalt.“ 

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Inspiriert durch ein Gedicht von Christian bei Wortverdreher (#Ausdruck der Woche, Erwartungsmanagement ‹ wortverdreher ‹ Reader — WordPress.com).

Mit Dank an Christiane für ihre Mühe mit den Etüden (hier die Regeln: Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 | Wortspende von Wortman ‹ Irgendwas ist immer ‹ Reader — WordPress.com) und an Torsten von Wortman für die diesmalige Wortspende.