Nein heißt Nein!

Sie war die „Giraffe“ der Firma. Jedenfalls fühlte sie sich so. Eine, die sich immer streckte, um für die Firma auch die hoch gelegensten Ziele zu erreichen.

Zeitdruck? Gehörte dazu. Schließlich war es Arbeit. Und kein Vergnügen.

Seit man begonnen hatte, selbst für „geistige“ Arbeiten, Zeiteinheiten festzulegen, in der eine Arbeit zu erledigen sei, war es nicht nur kein Vergnügen, sondern eine Daueranspannung geworden. Wie so oft hatte man einfach den Durchschnitt als Norm festgelegt.

Diese „Norm“ kollidierte immer wieder mit ihrem Anspruch, ihre Arbeit wirklich gut zu erledigen. Sie war es gewohnt, gewissenhaft zu arbeiten. Es war ihr wichtig, niemandem einen wie auch immer gearteten Anlass für Kritik an ihrer Arbeit zu liefern.

Und so wurden ihre Arbeitstage länger und länger. Obwohl sie sich selbst eher als „sonnensüchtig“, als als „mondsüchtig“ bezeichnet hätte, war es längst selbstverständlich für sie geworden, das Büro erst weit nach Sonnenuntergang zu verlassen. Schließlich wollte sie ihre Pflicht erfüllen. Die ihr aufgetragene Arbeit vom Schreibtisch schaffen.

Bis … sie sich entschloss, die Dinge zu verändern. Und „Nein!“ zu sagen.

Der Kollege reagierte mit Kopfschütteln. Der Chef mit einem „väterlichen“:
„Nehmen Sie sich mal einige Tage Urlaub, gute Frau.“.

Das tat sie. Und begann, die Dinge zu verändern… . Sie sprach mit ihren Kollegen. Jedem einzelnen. Einzeln.

Als sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte, war die Stimmung in der Firma verwandelt. Wenn jemand sagte: „Nein! Das überschreitet meine Grenzen!“, wurde das AKZEPTIERT. Von allen. Gemeinsam suchte man dann nach einer für alle besseren Lösung.
Alle arbeiteten MITEINANDER (nicht mehr gegeneinander).

Der Chef hob die Anweisung auf, Arbeiten nach Zeiteinheiten zu bewerten. Die vorher mit dieser Bewertung beschäftigten Mitarbeiter kehrten zur inhaltlichen Arbeit zurück und entlasteten so die anderen.

Und, was noch viel wichtiger war:
Der Chef hatte verstanden!
Es war nicht ER, der am „längeren Hebel“ saß … .


Ein Beitrag zu den abc-Etüden, deren aktuelle Schreibeinladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/05/01/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-18-19-22-wortspende-von-myriade/ zu finden ist.

Glaubensfragen

„Ehre sei … „.

Irgendwie haben wir Menschen es mit „Ehre“ und mit „Macht“. Sogar in den Himmel haben wir akribisch Hierarchien eingezogen: Da gibt es einfache Engel und Erzengel. Die Erzengel stehen „über“ den Engeln. Und auch zwischen den Erzengeln selbst gibt es wohl eine Hierarchie, wenn ich es recht verstanden habe.
Dass sie männliche Namen tragen, wirkt fast selbstverständlich.

Eine Welt ohne Hierarchien scheinen wir Menschen uns nicht vorstellen zu können. Nicht einmal im Himmel … . Macht finden wir toll. Macht beten wir an.

Gleichzeitig beklagen wir Ungerechtigkeit. Sind wütend, wenn wir sehen, dass jemand anderen Schmerzen zufügt, nur weil er oder sie die Macht dazu hat.
In Gedanken wünschen wir uns dann oft, dieses A…loch möge genau diese Schmerzen doch einfach mal am eigenen Leib erfahren. Um daraus zu lernen… .

Vielleicht aber ist diese Welt in Wahrheit absolut gerecht?

Vielleicht habe auch ich in irgendeinem früheren Leben mir meinen Königskuchen schmecken lassen und dabei genüsslich zugesehen, wie zu meinen Sklaven gewordene Kriegsgefangene von meinen Leuten gepiesackt und gequält wurden?
Vielleicht haben diese Sklaven innerlich gefleht, dass ich A…loch doch mal am eigenen Leib erfahren möge, wie es sich anfühlt, Mächtigeren hilflos ausgeliefert zu sein und sinnlos gepiesackt und gequält zu werden?

All die Krankheiten, Schmerz und Leid, die ausgerechnet immer die nettesten Menschen zu treffen scheinen. Menschen, die nie im Leben auch nur davon geträumt hätten, jemand anderem Schmerzen zuzufügen.
Sind das vielleicht einfach „elegante“ Methoden der Seele, alte Schulden abzubezahlen?

Mein Verstand findet diese Erklärung durchaus annehmbar. Sie gäbe Schmerzen und Leiden einen Sinn (auch wenn sie nicht die Frage nach dem Sinn des Lebens löst).

Aber mein Herz, mein Herz, das möchte Liebe, Frieden, Freude und Glückseligkeit für alle Wesen dieser Welt!!!
Jetzt und sofort!!!

Und es fragt sich, warum das nicht möglich sein sollte.


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Ein Fass ohne Boden

Ihre Kindheit war wundervoll gewesen: Von Anfang an waren sie für ihre Eltern nicht „nur“ Prinz und Prinzessin, sondern König und Königin.

Wenn sie Geburtstag hatten, gab es nicht irgendeinen Kuchen. Es gab einen „Königskuchen“ oder einen „Königinnenkuchen“. Und die tollsten Geburtstagsfeiern, die man sich nur vorstellen konnte.

Sie bestimmten jede Wochenendgestaltung. Und wenn es ihnen irgendwo, wo sie gerne hingewollt hatten, dann doch nicht gefiel, fuhren ihre Eltern selbstverständlich mit ihnen dort sofort wieder weg. Woanders hin. Wo es ihnen beiden weniger langweilig zu sein versprach.

Wenn sie Wunschzettel schrieben, konnten sie sicher sein, dass ihre Eltern jeden der dort notierten Wünsche akribisch erfüllen – und noch einige Überraschungsgeschenke obendrauf tun würden. Niemals hätten ihre Eltern zugelassen, dass sie wohlmöglich irgendwo blöd dastehen würden, weil andere mehr oder bessere Sachen hatten, als sie.

Dass sie ihren Teller nicht leer essen mussten, wenn ihnen – nach einmal probieren – etwas nicht schmeckte, verstand sich von selbst. Sie bekamen sofort etwas anderes.

Ihre Eltern sparten niemals mit Lob und Anerkennung bei allem, was die beiden taten. Bei jeder Gelegenheit ließen sie erkennen, wie unglaublich stolz sie auf ihren „König“ und auf ihre „Königin“ waren.

Jetzt waren die beiden erwachsen. Und eigentlich hatten sie alles, wovon andere träumten: Spannenden Beruf. Viel Geld. Attraktive Partner.

Nur glücklich – glücklich waren sie irgendwie nicht. Immer war da das Gefühl, mehr haben zu wollen.
Sie wussten selbst nicht recht, von was eigentlich sie „mehr“ wollten.
Aber irgendetwas in ihnen fühlte sich immer leer an. Leer wie ein Fass ohne Boden. Süchtig danach, dass jemand von Außen dieses Fass ständig nachbefüllte.

Und doch würde dieser jemand niemals erreichen können, dass es auch nur halbvoll würde.


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