abc-Etüden 03.04.21; Romantik

Der Sonnenuntergang war phantastisch. Der ganze Himmel schien in eine orangenes Licht getaucht, das jetzt langsam in ein Rosa überging. Irma genoss jede Sekunde. Hier auf der Terrasse ihres Hauses. Zusammen mit Udo, ihrem Mann. Mit einem Glas guten Rotwein in der Hand. Sie hatten den Wein einst geschenkt bekommen und schon lange probieren wollen. Heute schien endlich die Gelegenheit dafür. Und der Wein war richtig gut. Fanden sie beide. Es war der perfekte Abschluss eines perfekten Abends. Sie hatten gemütlich zusammen zu Abend gegessen, sich angeregt unterhalten und dabei immer wieder in die Augen geschaut. Selten hatte Udo so auf ihre Fragen geantwortet und echtes Interesse an dem gezeigt, was sie bewegte. Und jetzt hatten sie noch zusammen diesen wundervollen Sonnenuntergang genossen.

Seit fast vierzig Jahren waren sie nun verheiratet, und Irma überlegte, wann sie zuletzt so einen schönen Abend miteinander gehabt hatten. Es erschütterte sie, dass sie sich nicht erinnern konnte. Es musste ewig her sein.

Die Sonne war inzwischen unter gegangen. Langsam wurde es kühl. Sie standen auf und – wow-, Udo kam auf sie zu, nahm sie in die Arme und gab ihr einen langen und innigen Kuss.

Während sie durch die Terassentür zurück ins Wohnzimmer gingen, machte Irma sich eine mentale Notiz:
„Morgen früh, während Udo unter der Dusche ist, gleich als Erstes den Fernsehtechniker anrufen. Und ihn bitten, den Lautsprecher, oder was auch immer an dem Fernsehgerät defekt sein mochte, bitte NICHT zu reparieren.
Jedenfalls noch nicht morgen … .“

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Mit Dank an Christiane für ihre Mühe mit den Etüden und den Etüdelingen. Alles Wissenswerte zu den Etüden findet sich auf ihrem Blog (Schreibeinladung für die Textwochen 03.04.21 | Wortspende von blaupause7 | Irgendwas ist immer (wordpress.com))

Und mit Dank an Blaupause 7 für die Wortspende.

abc-Etüden 03.04.21; Retro

„Und Sie? Wie hätten Sie ihn gerne? Pink, orange, blau, grün oder lieber ganz bunt? Ich kann Ihnen auch violett anbieten diese Woche. Sehr gefragt gerade. Mit bunten Zuckerstreuseln.“

„Häh?!“ Er zuckte zusammen. „Nein, nichts davon, BITTE. “ Er flehte die Dame hinter dem Tresen regelrecht an. „Schwarz, bitte. Ganz pur. Ganz ohne was.“ „Schwarz haben wir nicht. Pur haben wir nicht. Und „ohne was“ haben wir sowieso nicht.“ Sie musterte seine altmodisch wirkende Erscheinung mit einem geringschätzenden Blick und setzte hinzu: „Alte Filme sind in. Alte Musik ist hip. Aber doch nicht alte Getränke. So was Bitteres trinken, mag heutzutage kein normaler Mensch mehr. Jeder will es SÜSS.“ Ihr Blick ließ deutlich erkennen, dass sie ihn NICHT für „normal“ hielt. Sie ließ ihn stehen und wandte sich mit einem zuckersüßen Lächeln dem nächsten Kunden zu.

Er war erschüttert. Dabei hatte es hier so nett ausgesehen. Ein echter Lichtblick in dieser fremden Stadt, in der alles auf ihn so unangenehm grell und futuristisch wirkte. Es hatte ihn erinnert. An eines der Kaffeehäuser, wie er sie von früher kannte. Richtig schön retro. Ja, es hatte seine (Sehn-)Sucht geweckt nach echtem puren Kaffee, wie früher. Und dann das. 

Während er deprimiert aus der Tür trat, hörte er noch, wie aus dem Lautsprecher der Musikanlage Ella Fitzgerald erklang: „I’m feelin‘ mighty lonesome, haven’t slept a wink. I walk the floor and watch the   door, and in between I drink. Black Coffee. „

Er weinte… .

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Teilweise inspiriert durch meinen Ärger, dass aus unseren Nahrungsmittel, Obst und Gemüse, schon seit vielen Jahren tendenziell überall die Bitterstoffe rausgezüchtet werden (und zwar ohne, dass es für mich als Kundin überhaupt möglich ist, noch z.B. Pampelmusen zu erhalten, die so bitter sind, wie sie früher waren). Übersüßte und bunte Nahrungsmittel gelten als normal. Und bezüglich Obst und Gemüse heißt es dann, diese Süßzüchtungen seien nur eine Anpassung an den Geschmack der Leute. Der Heilpraktikerin in mir graust es dabei ein wenig, denn Bitterstoffe sind für die Gesundheit unglaublich wichtig, und sie sollten definitiv nicht nur in Kaffee vorkommen … (dort tun sie das ja bisher zu meiner Zufriedenheit noch :-)) . Ich würde gerne wenigstens die Möglichkeit haben, auch die alten bitteren Arten Obst und Gemüse wieder erwerben zu können. Ich mag es retro … ;-).

Wie immer mit Dank an Christiane für ihre Mühe mit den Etüden, zu denen hier alles Wissenswerte zu finden ist (Schreibeinladung für die Textwochen 03.04.21 | Wortspende von blaupause7 | Irgendwas ist immer (wordpress.com)) Und an Ulrike von Blaupause 7 für die Wortspende.

abc-Etüden 01.02.21; Menschenkenntnis

Es geht wieder los mit den abc-Etüden im Neuen Jahr :-). Die „Spielregeln“ wie immer bei Christiane (Ludwig Zeidler | Irgendwas ist immer (wordpress.com), der ich herzlich danke für ihre Mühe mit dem Projekt!

Er hatte sie ganz nett gefunden, als sie sich vorgestellt hatte vor rund fünf Wochen. Die Frau, die in die Wohnung über ihn gezogen war.

Aber seitdem … .

Jeden Sonntag pünktlich morgens um 9.00 Uhr drehte sie ihre Musikanlage auf volle Lautstärke. Jeweils eine halbe Stunde. Jedesmal ein anderer Musikstil. Er kochte vor Wut, wenn er nur an sie dachte. Wenn er nur nicht so weichmütig wäre! Zu gerne wäre er hoch gestürmt und hätte Zetermordio geschrien, bis dieses Miststück NIE wieder ihre Anlage auch nur angestellt hätte. Aber Schreien war einfach nicht sein Ding. 

Vorgestern war er ihr im Treppenhaus begegnet. Wie sie ihn angesehen hatte, mit so einem hinterhältigen Grinsen. Machte sich offenbar lustig über ihn. In der Luft hätte er sie zerreißen können, diese Tussi! … Stattdessen hatte er gerade mal ein lahmes „Hallo“  heraus gebracht. Immer noch ärgerte er sich schwarz darüber. Und gleich würde die Musik wieder …

„ATEMLOS ….“ Helene Fischer! Jetzt reichte es endgültig. Schlager! Das war Zuviel! Selbst für ihn… .

Noch bevor er ihre Wohnungstür erreicht hatte, ging diese auf. Sie strahlte ihn an. „Endlich! Seit Wochen versuche ich, dich zu mir hoch zu locken, aber keine der Musik schien dir zu gefallen.
Aber vorgestern, als ich dich im Treppenhaus getroffen habe, da fiel mir erst richtig auf, wie weichmütig du doch wirkst. Und da wusste ich es plötzlich: Schlager!“ Sie gluckste vor Freude. „Komm rein! Ich habe Brötchen für uns gebacken. „