gleich

„Sei nicht so rebellisch, Kind. Nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester, die ist sanft und lieb, so wie Mädchen sein sollten!“

Wie Bea diese Ermahnungen hasste. Sie war nun einmal anders als ihre Schwester.

Aber sie wusste auch, dass sie mit ihrer temperamentvollen Art tatsächlich schon mal den einen oder die andere vor den Kopf gestoßen hatte. Und so bemühte sie sich, den Ermahnungen ihrer Mutter Folge zu leisten und ihr „Feuer“ so gut es ging zu unterdrücken.

Zum Studium endlich gelang es ihr, aus der engen Kleinstadt zu entkommen.

In der Großstadt stellte sie schnell fest, dass der Erzählstoff, der ihrer Mutter so heilig gewesen war, in der aufgeschlossenen weiten Welt längst vergilbt war. In den Kreisen, in denen sie sich jetzt bewegte, waren Männer und Frauen gleichberechtigt und niemand ermahnte sie, sanft zu sein.

Sie stürzte sich ins vibrierende Großstadtleben. Lernte jede Menge Männer kennen. Männer, die ihre temperamentvolle Art liebten.
Und einen davon liebte sie zurück. Sie war glücklich.
Der gemeinsame Sohn machte das Glück komplett.

Endlich gleichberechtigt! Was für eine Befreiung.

Das Auto war kaputt?
Sie lernte, es zu reparieren. Selbst ist die Frau!

Die Wohnung musste neu gestrichen werden?
Sie stand ihren Mann.

Und jetzt gerade stand sie vor dem großen Sessel, der für die Malerarbeiten zur Seite getragen werden musste. „Soll ich das nicht lieber machen, Schatz?“ Die Frage ihres Mannes empörte sie geradezu. Als ob sie das nicht selber schaffen würde! „Nein, danke!“ antwortete sie barsch.

… Und ihr Mann verließ leise das Zimmer.


Ein Beitrag zu den abc-Etüden, deren aktuelle Einladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/04/03/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-14-15-22-wortspende-von-katha-kritzelt/ zu finden ist.

Der Schmerz des Meeres

Nach einer langen Zeit der Dürre sind viele Seen nahezu oder sogar vollständig ausgetrocknet. Die Menschen sehnen sich nach Wasser.

Es zieht sie zum Meer, um dort das ersehnte Wasser zu finden. Aber das Meer ist salzig und schmeckt nach Tränen, und es ist voller Müll.
Die Tränen erinnern an Schmerz.

An einen Schmerz, der bereits über viele Generationen besteht. Der Müll hat sich über diese lange Zeit immer weiter im Meer ausbreiten können. Und niemand war da, der der Verschmutzung des Meeres durch diesen Müll Einhalt gebieten konnte.

Der kleine Zwerg fühlt den Schmerz des Meeres. Und er möchte das Meer retten. Er ist bereit, alles dafür zu tun. Denn tief in seinem Innern weiß er, wie wichtig das Meer für die Menschen ist und auch für ihn.

Er weiß nicht, dass er zum Opfer wird. Opfer von Kräften, die weit größer sind als er.

Er wird weiter leben. Aber sein Verhältnis zum Wasser wird getrübt sein. Er wird wütend sein.
Wütend auf den, von dem er denkt, dass er schuld sei an dem Müll im Meer. Er weiß nicht, dass dieser Müll bereits über sehr viele Generationen kreuz und quer in das Meer geworfen wurde.

Nur, wenn er versteht, dass er ein Opfer war, kann sein Verhältnis zum Wasser wieder rein werden.
Und er wird erkennen, wie gut ihm klares reines Wasser tut.

Er wird verstehen, dass er dem Meer nur insoweit helfen kann, als er selber keinen Müll hineinwirft – und versucht, den Müll, den er bereits hineingeworfen hat, wieder hinauszufischen.

Jeder, der Müll in das Meer geworfen hat, wird irgendwann mit diesem Müll konfrontiert werden. Denn das Meer muss jetzt gereinigt werden. Jede Person, die versucht, ihren Müll wieder herauszufischen, wird dabei von starken Kräften unterstützt werden.


Ein Beitrag zu den abc-Etüden, deren aktuelle Einladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/02/06/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-06-07-22-wortspende-von-kain-schreiber/ zu finden ist. Von Kommentaren bitte ich abzusehen.

Passivität

gemalt von Dörte Müller

Ich liebe ja das daoistische Prinzip des wu wei. Wu wei wird im Deutschen meist übersetzt mit „nichts tun“ oder „Passivität“.

Beides hat hier einen schlechten Ruf. Meist wird es gleichgesetzt mit „faul“, „träge“, „alles mit sich machen lassen“ oder ähnlichen negativ besetzten Worten.

„Passivität“ entspricht im chinesischen Yin/Yang-Symbol dem weiblichen Prinzip – und ist mindestens ebenso wichtig, wie das aktive männliche Prinzip.
Leider ist das Verständnis für Passivität heutzutage verloren gegangen.

Passivität im ursprünglichen Sinn meint, sich dem Fluss des Lebens hingeben.
Dem Leben vertrauen.

Wir leben heute in einer Welt, die dem Fluss des Lebens aus irgendwelchen Gründen zutiefst misstraut.
Der Sinn des Lebens scheint heutzutage für viele darin zu bestehen, den Fluss ständig nach Felsbrocken absuchen zu lassen (und/oder selbst abzusuchen), an denen möglicherweise irgendwann jemand zerschellen könnte.
Da wird dann das Flussbett mit großem Aufwand umgeleitet, und überall werden Verbots- und Vorsichtsschilder aufgestellt, damit auch ja nie jemand vergessen kann, wie gefährlich das Leben ist.

Hört jemand davon, dass irgendwo jemand von einem Fisch gebissen und übel verletzt worden sei, dann fängt der heutige Mensch nahezu zwangsläufig (und zwanghaft) an, den gesamten Fluss zu vergiften. Es wird alles getan, damit auch bestimmt alle gefährlichen Fische erwischt und getötet werden – und so etwas nie wieder passieren kann.
Dass auch alles andere dadurch getötet wird – und auch der Mensch dann in einer Giftbrühe schwimmt -, das ist für den aktiv aktionistischen Menschen zweitrangig.
Besser, als „nichts tun“ – und wohlmöglich auch gebissen werden. Denn dann würde jeder sagen: „Das hätte doch verhindert werden können / müssen!“

Der Mensch, der nach dem aktiven Prinzip lebt, macht sich ständig Sorgen. Er widmet sein Leben zu einem großen Teil der Angst vor dem Verlust und vor dem Tod. („Bleib gesund! …“)

Der Mensch, der dem passiven Prinzip folgt, genießt es hingegen, sich von dem Wasser des Flusses tragen zu lassen. Er nimmt wahr, was es um ihn herum an Schönheit gibt und erfreut sich daran.

Er macht sich keine Sorgen darum, dass irgendwo nach 200 km vielleicht ein Felsbrocken im Wasser sein – und er daran zerschellen könnte. Warum sollte er sich um etwas Sorgen machen, was eventuell eintritt, und sich mit solchen sinnlosen Sorgen und Grübeleien sein Leben im Jetzt verderben?

Er WEISS, dass er diesen Fluss irgendwann auf die ein oder andere Art wieder verlassen wird. Aber er ist nicht in diesen Fluss gestiegen, um die Zeit, die er darin hat, hauptsächlich damit zu verbringen, Angst davor zu haben, diesen Fluss irgendwann wieder verlassen zu müssen.

Was hätte er dann überhaupt davon, in diesem Fluss zu sein? Er würde niemals auf die Idee kommen, in einer Giftbrühe schwimmen zu wollen, nur weil es gefährliche Fische geben könnte.
Und er würde sich auch nicht seine schöne Aussicht auf die Umgebung mit lauter Verbotsschildern zustellen. Mit Schildern, deren Sinn es ist, Angst zu machen.

Er vertraut dem Leben. Und er genießt es.

Warum nur fällt das der heutigen Menschheit derartig schwer?