abc-Etüden 47.48.20; Wasser

Wasser ist für mich ein ganz besonderes Element. Das Element, aus dem das Leben kommt; das wir zum Leben zwingend benötigen; aus dem unsere Körper zum größten Teil bestehen.

Wasser, von uns Menschen oft vergeudet, verschmutzt, vergiftet, seiner Lebendigkeit beraubt. Wasser-Quellen, Lebenselixiere, von der Natur uns allen zur Verfügung gestellt – von Großkonzernen als ihr Eigentum angesehen, das kostbare Nass mit Süßungsmitteln und Farbstoffen verschandelnd und teuer verkaufend.

Ob Masaru Emoto mit seinen Wasserkristallen, Ulrich Warnke mit seinem „Bionischen Wasser“, den Wasserforscher Gerald Pollack, ich habe sie alle gelesen und noch in vielen weiteren Büchern zum Thema „Wasser“ gestöbert.

Wasser, das sich in fast jeder Hinsicht anders verhält, als man es physikalisch „erwarten“ würde. Wasser, über das als Ganzes ganz erstaunlich wenig bekannt ist. Wasser, über dessen Gedächtnis man immer noch streitet. Wasser, das in unserm Körper wohl größtenteils „Oberflächenwasser“ ist, H3O2, und damit geladen. Wasser, das Energie aus seiner Umgebung aufzunehmen scheint. Wasser, das nahezu nie „nur“ Wasser ist, weil es alles Wasserlösliche integriert.

Wasser, dessen Qualität in unserem Körper (und auf diesem Planeten) vielleicht der Schlüssel zu Gesundheit oder Krankheit ist? Wow! Faszinierend!

Etwas griesgrämig rufe ich mir in Erinnerung, das all das in der „Wissenschaft“ noch lange nicht „Mainstream“ ist.

Müsste zu diesem für diese Welt so unglaublich wichtigen einzigartigen Element nicht viel mehr Forschung betrieben werden? Müsste es nicht DAS Forschungsthema sein?! Es MÜSSTE, finde ich!

Aber es ist nicht lukrativ, gilt als „esoterisch“, also „igitt“. Die Ergebnisse würden vermutlich vielen IHR lukratives Geschäft verhageln. Wasser kann aus meiner Sicht „Wunder“ wirken, die bei näherem Hinsehen, vielleicht gar keine „Wunder“ sind. Und mir erscheint es leider kein Wunder, dass entsprechende Forschung genau deswegen so gerne mit dem Etikett der „Esoterik“ versehen und damit zum „Tabu“ erklärt wird.

Aber Wasser kann bekanntlich den härtesten Widerstand überwinden. …

Dank an Christiane für die Schreibeinladung ( Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.20 | Wortspende von Café Weltenall | Irgendwas ist immer (wordpress.com) ) und an Ulli von Café Weltenall für die Wortspende!

Haltung zeigen

Künstlerin: Dörte Müller

Schon seit einigen Jahren fällt mir auf, wie oft es allenthalben heißt, man müsse „Haltung zeigen gegen …“. Ich bin dann immer ganz unglücklich. Nicht wegen der „Haltung“, sondern wegen des Wortes „gegen“.

Es gilt als tugendhaft, „Haltung zu zeigen gegen“ Menschen, die einem zu „rechts“, zu „links“, zu „islamisch“ (islamistisch) oder sonst irgendwie „extremistisch“ vorkommen. „Haltung“. „Klare Kante.“ Dem Menschen „mutig“ sagen, was man von ihm oder ihr hält. Das wird gefeiert. Ein Held, wer sich das traut!

Ich bin bei Heldentum immer etwas skeptisch. Und oft genug erscheint es mir nicht einmal besonders heldenhaft, wenn ich – sicher in der Mehrheitsmeinung eingebettet – einer „Randgruppe“ sage, was ich von ihr halte, so als Mensch. Dann wirkt das auf mich nicht mutig, sondern irgendwie billig. So, als käme es mir mehr auf die Anerkennung der anderen an, als darauf, etwas „Gutes“ zu bewirken. Welche Absicht steht hinter dem „Haltung zeigen“? Das ist für mich die Frage. Was will man erreichen?

Ich frage mich das deshalb, weil das „Haltung zeigen“ nach meiner Wahrnehmung oft so erfolgt, dass dem Menschen aus der „Randgruppe“ gesagt oder bedeutet wird: „Du bist böse. Das, was du denkst, darfst du nicht denken. Wir wollen dich nicht.“

Mit welcher Erwartung sagt man das? Erwartet man, dass dieser Mensch dann reumütig nickt und antwortet „Danke für den Hinweis. Ich werde an mir arbeiten.“?

Ich fürchte, das widerspräche allen psychologischen Erfahrungen. Irgendwie erscheint es mir deutlich wahrscheinlicher, dass dieser Mensch wütend wird, sich unverstanden fühlt, seinerseits nun auch erst recht „Haltung zeigt“ und sich weiter radikalisiert. Was hat man dann durch die „Haltung“ gewonnen? Außer vielleicht, dass man sich gut und mutig fühlt, weil man sich getraut hat, dem anderen zu sagen, dass man ihn nicht mag und sein Verhalten „nicht toleriert“? Im Zweifel hat man damit erreicht, dass sich die Fronten weiter verhärten. Und dass man genau das verstärkt hat, was man eigentlich „weg haben“ wollte. (Statt den eigenen Anteil an der Situation wahrzunehmen, beschweren sich die „Haltung Zeigenden“ dann leider oft nur über die „Aggressivität“ der anderen Seite. Und sehen sich nun natürlich erst recht berechtigt oder gar in der Pflicht „Haltung zu zeigen“. Die Spirale dreht sich … .)

Können wir nicht stattdessen vielleicht besser „Haltung für“ etwas zeigen? Für Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe? Für gegenseitiges Verständnis?

Das bedingt ein offenes Ohr, auch gegenüber Menschen, deren Meinung man zunächst völlig daneben findet. Während es vielleicht manchmal mutig ist, Haltung „gegen“ jemanden zu zeigen, erscheint es mir wahrhaft groß und schwierig und auch mutig, Haltung für positive Werte zu zeigen, wenn das Gegenüber einem genau das nicht gerade leicht zu machen scheint.

Sich über „Deppen“ aufzuregen, ist einfach. Das kann jede*r. Aber wer kann oder will dem betreffenden „Deppen“ schon wirklich zuhören? Ihn als „Mensch“ betrachten, auch dann, wenn dieser Mensch vielleicht gerade eine These von sich gegeben hat, bei der sich einem der eigene Mageninhalt umdreht? Aber vielleicht hat sich dieser Mensch ja auch einfach nur ungeschickt ausgedrückt? Vielleicht habe ICH etwas in seine oder ihre Meinungsäußerung hineininterpretiert, was dieser Mensch überhaupt nicht mit seiner Äußerung meinte?

ZUHÖREN. Gefühle wahrnehmen und eigene Gefühle äußern. Aus meiner Sicht scheint das der einzige Weg zu sein, wenn man als Gesellschaft Radikalisierung und Extremismus „bekämpfen“ will. [Ich verstehe unter „Extremisten“ Menschen, die so in eine Idee bzw. Ideologie verfangen sind, dass sie meinen, sie täten etwas „Gutes“, wenn sie andere Menschen um dieser Ideologie wegen verletzen oder gar töten wollen.] Zuhören und versuchen, zu verstehen. Mit „klarer Kante“ und Stigmatisierung hingegen befördert man meines Erachtens bei der betreffenden Person oft genug genau die Gefühle, die überhaupt erst zu ihrer Radikalisierung geführt haben. Gefühle wie Wertlosigkeit. Außenseiter sein. Sich nicht gesehen fühlen. Sich von einer Mehrheit unterdrückt fühlen. Seiner Würde oder Ehre beraubt fühlen. Sich chancenlos fühlen.

Solche Gefühle machen anfällig für das Anwerben durch radikale Gruppierungen, die die Anerkennung zu bieten scheinen, die die Mehrheitsgesellschaft verweigert. Natürlich sind die Umstände, warum jemand in die Fänge einer solchen Gruppierung gerät, immer komplex. Aber ich persönlich glaube, „klare Kante“ ist häufig die schlechteste aller Möglichkeiten für die Mehrheitsgesellschaft, damit umzugehen. Insbesondere, wenn es um Personen geht, deren Radikalisierung sich vielleicht noch nicht total verfestigt hatte.

Im Großen (bei „echten“ „Extremisten“) wie im Kleinen (bei gerne so genannten „Maskenverweigerern“, die erstaunlich vielen Menschen als neue „Extremisten“ gelten) bin ich der Meinung: Die meisten Menschen sind bunt und haben viele unterschiedliche Facetten und Motivationen. Ihnen EIN Label anzukleben, das einem dann ermöglicht, diesen Menschen mit „gutem moralischen Gewissen“ zu verurteilen, heißt aus meiner Sicht, sich die Sache ziemlich zu vereinfachen, sie manchmal vielleicht sogar auch zu verdrehen. Ohne damit etwas zu gewinnen, wenn man als Mehrheitsgesellschaft tatsächlich an der Zunahme „positiver“ Werte interessiert sein sollte. Andere zu verurteilen, weil sie bestimmte Dinge anders sehen, anders bewerten, als man selbst. Das spricht aus meiner Sicht selten dafür, dass man als (Ver-)Urteilende*r ein moralisch besserer Mensch ist.

Dieses gegenseitige Nichtzuhören, das man jeweils dem oder der anderen vorwirft. Meist voller Empörung – und ohne zu merken, wie wenig man diesem oder dieser gerade selber zugehört hat. Jeweils gefangen im eigenen Bunker. Das ist derzeit sehr in. Und längst nicht nur gegenüber „Extremisten“.

Spricht das wenigstens dafür, dass man sich seiner Sache sehr sicher ist? Zum Beispiel, weil man sich in der Mehrheit befindet? Oder spricht es nicht vielleicht sogar eher dafür, dass man sich seiner Sache überhaupt nicht sicher ist? Und genau deshalb – obwohl man sich in der Mehrheit befindet – Widerspruch, andere Ansichten, nicht dulden mag und kann? Weil man befürchtet, diese Mehrheit sonst möglicherweise zu verlieren?

Ich weiß es nicht. Aber immer, wenn ein Politiker sagt, man müsse als Mehrheitsgesellschaft „Haltung zeigen gegen …“ beschleicht mich ein ungutes Gefühl.

abc-Etüden; Textwochen 47.48.20; Weisheit

Wie jeden Morgen machte sie sich auf, um in der geheimnisvollen Bibliothek des kleinen alten Klosters zu stöbern. Seit diese öffentlich zugänglich war, war sie hier zu finden. Immer auf der Suche nach Erkenntnis. Wo konnte sie näher dran sein als hier? Texte lesend, die heilige Männer vor langer Zeit aufgeschrieben hatten… . Voller Ehrfurcht.

Aber als sie heute Morgen das Kloster betreten wollte, war wie aus dem Nichts plötzlich ein alterslos erscheinender merkwürdig gekleideter barfüßiger Mann vor ihr aufgetaucht. „Möchtest du die Quelle der Weisheit und Erkenntnis finden?“ hatte er sie gefragt. Und dann hatte er sie mitgenommen. Nicht in das Kloster, sondern in den nahen Wald.

Inzwischen fragte sie sich, warum sie ihm so naiv gefolgt war. Immer dichter wurde das Gestrüpp, durch das er sie führte. Ihm schien das nichts auszumachen. Aber sie fühlte sich von den Zweigen geschlagen, blieb an Dornen hängen und bekam Angst vor Zeckenbissen. Sollte es Zecken nicht gerade in solch einer Umgebung zahlreich geben? Und wer weiß, was noch?! Sie wurde griesgrämig und wollte umkehren. Aber irgendwie schien es kein Zurück mehr zu geben. Was machte sie hier bloß? All ihre Freundinnen würden sie für verrückt erklären.

„Wie heißt du?“ fragte sie den Mann. „Menschen haben mir verschiedene Namen gegeben, je nach Zeitalter und Kultur.“ antwortete er und half ihr liebevoll durch das Gestrüpp. „???“

Und dann waren sie plötzlich angekommen. Wasser plätscherte sanft aus einem Felsvorsprung und ergoss sich in einen tiefblauen klaren See. Wunderschön sah die Szene aus und es duftete, wie nur ganz reines Wasser duftet. „Das ist die Quelle der Weisheit?“ fragte sie staunend und zugleich ungläubig. „Blick in den See, dann siehst du die Quelle.“ antwortete er. Sie sah hinein, konnte aber nichts anderes erkennen, als ihr eigenes Spiegelbild.

Fragend blickte sie auf. Doch er war verschwunden.

Mit herzlichem Dank an Christiane (https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/11/15/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-47-48-20-wortspende-von-cafe-weltenall/) für die Schreibeinladung und an Café Weltenall für die Wortspende!

abc-Etüde; Textwochen 47.48.20

Ich stöbere in alten Erinnerungen und spüre den Schmerz. 
Fühle die Quelle der Trauer – und mir schmerzt das Herz. 

Warum habe ich ihr nicht mehr Dankbarkeit und Liebe gegeben?
Damals, als sie noch weilte in diesem Leben?

Warum war ich so oft griesgrämig und urteilte hart? 
Fühlte mich nicht ausreichend geliebt, war wenig zart?

Habe ihr heimlich Vorwürfe gemacht
und dabei doch nur an mich gedacht?

Ihr Bemühen gar nicht gesehen? 
Nicht wirklich versucht, sie zu verstehen?

Ich konnte nicht anders. Das weiß ich genau. 
Bin weder Übermensch noch Überfrau.

Was geschehen ist, ist geschehen. 
Und doch fällt es mir so schwer, es einzusehen. 

Es ist nicht meine Schuld, ich konnte nichts dafür. 
Warum nur klopfen diese Schuldgefühle an meine Tür? 

Ich will sie nicht. Ich weiß, dass sie unberechtigt sind:
Sie kommen von meinem – sich zu oft schuldig fühlenden – inneren Kind.

Dank wie immer an Christiane für die Schreibeinladung (https://wordpress.com/read/feeds/23737740/posts/3023061134) und an Cafe Weltenall für die Wortspende!

„Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“

schrieb jemand in die Kommentarspalten einer meiner letzten Beiträge.

„Wie wahr!“ dachte ich. Oder?!

Ich kann nicht beurteilen, wie der Kommentarschreiber diesen Satz genau meinte. Nur, wie er bei mir ankam: Schon Rosa Luxemburg hatte diesen Satz vermutlich eher als Forderung an „die andere Seite“ verstanden, als dass sie bereit gewesen wäre, der anderen Seite diese Freiheit auch selbst zuzugestehen.

Mir scheint dieser Satz auch heute noch meist einseitig verwendet zu werden. Jede*r möchte für sich die Freiheit, „anders zu denken“. Aber wer möchte dieselbe Freiheit schon jemand zugestehen, der oder die eine andere Meinung hat, als man selbst? Nach meiner Wahrnehmung fällt es dabei den wenigsten Menschen auf, dass ihre Forderung einseitig ist. Denn sie ziehen die Grenze, etwas Anderes denken zu dürfen, als sie, dort, wo sie „nun einmal Recht haben“. Da, wer Anderes denkt, damit automatisch „im Unrecht“ ist, darf er oder sie DAS dann natürlich nicht denken. Denn, was „richtig“ ist, müsse nun einmal jede*r akzeptieren. Dass der Andersdenkende etwas Anderes für „richtig“ hält, wird vielfach nicht als dessen Freiheit, sondern als Zumutung empfunden.

Wenn die Person, die den o.g. Satz zitiert, eine Mehrheitsmeinung vertritt, ist sie sich ihrer Wahrnehmung „richtig“ zu liegen, meist besonders sicher, so scheint es mir. Schließlich sagen das doch alle, die „Ahnung“ haben von der Sache. Alle, außer ein paar „Außenseiter*innen“ eben. Und wie viel Freiheit sollte man Außenseiter*innen, die mit merkwürdigen Ideen und Ansichten kommen, geben? Und warum? Die verunsichern doch im Zweifel nur, oder? Was verunsichert, will man nicht, sagt man mir. Unsicherheit gebe es schon genug. Menschen sehnten sich nach eindeutigen Antworten, alles andere mache Angst. Und wo Angst herrsche, dürfe – nein müsse man sogar – Freiheit beschränken. (Auch wenn es zu den Ursachen dieser Angst verschiedene Sichtweisen geben kann.)

Ich bin in einem Alter, in dem man oder frau genug Lebenserfahrung hat, um gelernt zu haben, dass das mit den „eindeutigen Antworten“, dem „richtig“ und dem „falsch“ selten so „eindeutig“ ist. Mehrheitsmeinungen bilden sich aus meiner Sicht, insbesondere heutzutage, selten dadurch, dass ihre „Richtigkeit“ auf der Hand liegt, sondern dadurch, dass man sie oft genug zu hören bekommt. Man kennt das Phänomen aus der Werbebranche. Aber „Markenware“ ist längst nicht immer qualitativ besser, als das „No-name-Produkt“. Es wurde eben nur mehr Geld in das Marketing gesteckt.

Und wenn man genauer hinschaut, erscheint in dieser Welt auch das Wenigste „schwarz“ oder „weiß“. Sondern zum Glück ist das Meiste sehr bunt. Zumindest aber grau in allen Schattierungen …. Deshalb neige ich persönlich dazu, immer sofort alles zu hinterfragen, was mir jemand als „eindeutig schwarz“ oder „eindeutig weiß“ präsentiert. Wenn ich dann noch das Gefühl habe, dass sozusagen „institutionell vorgegeben“ wird, was „schwarz“ oder „weiß“ ist, dann beginnt meine „rote Lampe“, auf „ALARM“ zu schalten.

Bunt denken zu dürfen, ohne dass mich jemand dafür verurteilt. Und ohne, dass mir jemand sagt, dass ich SO nicht denken DÜRFE. Das ist für mich Freiheit. Die Freiheit der Andersdenkenden.   

Dieser Freiheit fühle ich mich beraubt, wenn jemand von oben herab festlegt, was ich als „richtig“ zu akzeptieren habe. Wenn mir gar gesagt wird, dass ich das Denken doch bitte „den Experten“ zu überlassen habe, weil MIR für das Denken die formale Ausbildung auf dem betreffenden Gebiet fehle. Dann wähne ich mich in einer Art (die eigene Unfehlbarkeit reklamierenden) Religion gelandet – und nicht in der „Wissenschaft“.

Die Freiheit der Wissenschaft, die Freiheit des Diskurses, bedingen sie nicht gerade, stets offen zu sein für die gegenteilige Ansicht? Immer wieder jede Hypothese zu hinterfragen? Ist ein zuvorderst sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlende*r Wissenschaftler*in nicht vielleicht sogar dankbar für jeden Anstoß, der den eigenen Blick erweitern könnte? Auch am (konstruktiven) „Laienblick“, insbesondere aber am fachübergreifenden Blick zu dem betreffenden Thema interessiert? Gerade, weil diese Blicke aus einer anderen Perspektive kommen? Es vielleicht erleichtern können, den Wald zu sehen, wo man als hochspezialisierte*r Wissenschaftler*in den Blick nur noch auf die Äderchen des einzelnen Blattes eines bestimmten Baumes gerichtet hatte?

Bin ich als Wissenschaftler*in wirklich an einer steten Erweiterung des eigenen und des allgemeinen Wissens interessiert, wenn ich fordere, dass ein Diskurs zu einem Thema, das alle oder viele Menschen betrifft, auf die eigene Zunft beschränkt sein solle? Bin ich wirklich an einer Erweiterung des eigenen und allgemeinen Wissens interessiert, wenn ich dabei offene Diskussionen mit „ketzerischen“ Abweichler*innen aus der eigenen oder benachbarten Zünften nicht führe, weil diese „nur Unruhe schüren“ würden? Oder mir meine Zeit „zu schade ist“?

Bei Themen, die alle Menschen betreffen und in das individuelle Leben jedes Einzelnen eingreifen: Reicht es da, wenn man sagt, dass man „den Laien“ einfach nur gut „erklären“ müsse, was diese dann zu akzeptieren – und in ihrem Leben umzusetzen hätten?

Mir jagt diese durchaus verbreitet erscheinende Ansicht ein Schauer über den Rücken. Es ist für mich eine Wissenschaft, die sich als eine nicht hinterfragbare Elite versteht. Und als solche festlegt, dass „Abweichler*innen“ „nicht ernst zu nehmen“ seien und der breiten Masse keine weitere Mitsprache zukomme als ein: „Ja und Amen, Herr oder Frau Professor*in, und vielen Dank!“… Ist das noch Wissenschaft? Oder doch eher Kirche?

Mit dem Hinweis auf nicht hinterfragbare „Expertenmeinungen“ Politik zu machen, ist aus meiner Sicht ein unmittelbarer Angriff auf die (Meinungs-)Freiheit. Denn auch „Experten“ sind nur Menschen. Und Menschen ist nun einmal zu eigen, dass sie sich irren können. Manchmal gewaltig. Umso unverständlicher erscheint es mir, wenn Politik nicht einmal abweichenden „Expertenmeinungen“ ein Forum geben möchte, aus Angst, dies könne Unsicherheit schüren.

Ich persönlich würde mich hingegen deutlich „sicherer“ fühlen, wenn ich den Eindruck hätte, dass vor der politischen Entscheidung möglichst viele verschiedene Meinungen und Expert*innen aus den unterschiedlichsten Richtungen gehört wurden. – Und wenn ich den Eindruck hätte, dass man bereit wäre, einmal getroffene Entscheidungen auch immer wieder völlig offen zu hinterfragen. Aber vielleicht geschieht all dies auch, und nur mein anderer Eindruck täuscht mich?

 

Die Freiheit der Andersdenkenden zu akzeptieren, heißt für mich selbstverständlich nicht, dass ich die Meinung der andersdenkenden Person für mich übernehmen muss. Es heißt auch nicht, dass ich diese Meinung nicht hinterfragen und der Person sagen darf, dass ich die Sache anders sehe. Aber es heißt für mich, dass ich der Person die Freiheit zugestehen muss, dass auch sie IHRE Meinung behalten darf. Ohne, dass ich die Person für diese von mir für „falsch“ gehaltene Meinung innerlich oder äußerlich verurteile.

Das nimmt leider nach meiner Wahrnehmung sehr zu. Das öffentliche Verunglimpfen und Verurteilen von Personen, die eine Meinung geäußert haben, die einem selbst nicht passt. Wenn dieses Verunglimpfen dann auch noch durch Institutionen geschieht, wie Medien oder Politik, sehe ich es besonders kritisch. Solche Institutionen haben eine besondere Macht und damit auch eine besondere Verantwortung. Selbstverständlich dürfen auch Menschen in Medien und Politik Meinungen haben. Aber wenn aus so einer Position heraus andere Meinungen immer wieder verunglimpft werden, ist das für mich eine äußerst bedenkliche Entwicklung. Aber auch hier sind natürlich letztlich Menschen am Werk mit all ihren Irrungen und Wirrungen.

Andere zu Verurteilen scheint uns allen schon lange zu unserer zweiten Natur geworden zu sein. Das ganz aufzugeben, schaffen meiner Meinung nach nur wahrhaft „erleuchtete“ Menschen, wovon ich persönlich weit entfernt bin. Aber ist es nicht wert, es trotzdem zu üben? Sich zumindest bewusst zu machen, dass man den Anspruch, den man an andere stellt, auch selber erfüllen darf? Insbesondere als Inhaber*in einer Machtposition?

Für die Zunahme von Freiheit und Friede auf dieser Welt?!

Wobei: Kann der Friede wirklich zunehmen, wenn wir mehr Freiheit zulassen? Oder passiert genau das Gegenteil, weil die Menschen nicht „reif genug“ sind für zu viel Freiheit? Müssen sie „geführt“ werden, durch die Kirche, durch wissenschaftliche Expert*innen oder durch Politiker*innen? Nach meiner Wahrnehmung haben diese Institution allesamt eine gewisse Tendenz, sich als „Eltern“ erwachsener Menschen zu verstehen. Was ich nicht leiden kann. Was andere aber möglicherweise sogar erwarten.

Der Mensch, der in meinem Blog kommentiert hat, sagte Toleranz habe Grenzen. Wie ist es mit den Grenzen der Freiheit der Meinungsäußerung, frage ich mich. Darf, oder muss man diese Freiheit begrenzen? Welche Grenze wäre die „richtige“? Hat zum Beispiel Rosa Luxemburg eine solche Grenze überschritten, soweit sie zu Gewalt und Anarchie aufgerufen hat?  

Artikel 5 Grundgesetz sieht die Grenze (von mir etwas vereinfacht ausgedrückt) dort, wo man mit seiner Meinungsäußerung gegen Gesetze (oder das Recht der persönlichen Ehre eines anderen) verstößt. Aber Rosa Luxemburg hat nicht in der Zeit des Grundgesetzes gelebt. Und vielleicht kann es Situationen geben, in denen ein Gesetzesverstoß der Menschheit mehr dienen kann, als die Befolgung? Wer will das beurteilen – und nach welchem Maßstab?

Letztlich muss wohl jede*r mit dem eigenen Gewissen vereinbaren, was er oder sie veröffentlicht. Gedanken Anderer kann man ohnehin nicht beschränken. Nur den öffentlichen Ausdruck dieser Gedanken.

Ich persönlich denke, in einer gut funktionierenden Demokratie sind die Regelungen des Art. 5 GG ein geeigneter Maßstab für eine Schranke der zulässigen Meinungsäußerung.

Aber alle anderen Meinungen sollten sich in all ihrer Vielfalt überall ausdrücken lassen dürfen und sich in den sozialen und den „offiziellen“ Medien in genau dieser Vielfalt auch widerspiegeln. Niemand sollte wegen irgendeiner Meinung, die nicht der „herrschenden“ entspricht, mit unliebsamen Konsequenzen und persönlichen Ausgrenzungen und Angriffen rechnen müssen oder gar öffentlich lächerlich gemacht werden. „Herrschende“ Meinungen sollten der Vergangenheit angehören!

Das ist für mich die „Freiheit der Andersdenkenden“. Und für Euch?

Dank an den Menschen, der mich mit seinen Kommentaren zu meinem Beitrag „Schubladen…“ zu diesen Gedanken angeregt hat!      

abc-Etüden; Textwochen 45.46.20; Nummer 2

Abschreckung

Zufrieden betrachtete er seine Konstruktion. Nach dem ersten unliebsamen Besuch hatte er nur ein Nachtlicht mit Bewegungsmelder angebracht an dem Zaun. In der Hoffnung, dass das helle Licht das Tier abschrecken würde. Aber die Hoffnung hatte getrogen. Das Tier kam wieder. Nicht auszudenken, wenn aus dem Einzelgänger wohlmöglich noch ein Rudel werden würde. Er musste vorher handeln!

Er war immer stolz darauf gewesen, seine Kuhherde artgerecht auf der Weide zu halten. Und jetzt das. Dreimal hatte der Wolf seine Herde heimgesucht. Drei Kälber. Übel zugerichtet. Der Elektrozaun hatte nichts genutzt. Seine Kühe waren panisch inzwischen. Und dann dieses liebliche Gesäusel dieser Naturschützer: „Der Wolf gehört in unsere Wälder.“ Wie er das hasste! Die hatten leicht reden! Er lebte von seinen Tieren!

Falls es Konsequenzen und Strafen geben würde, würde er sie tragen. Aber mit diesem Vieh würde er seine Kühe nicht mehr teilen! Er nicht. Und die anderen Bauern würden es ihm danken.

Die Selbstschussanlage war für ihn pure Notwehr. Sie war so eingestellt, dass sie genau auf die Bewegungen eines Wolfes reagieren würde, nicht auf Menschen. Lange hatte er getüftelt. Er stellte die Anlage scharf für die Nacht und ging die 500 Meter zurück zum Auto.

„Ada!“

Verdammt, wo war seine geliebte Hündin? Sie hörte aufs Wort, und er hatte ihr doch extra befohlen am Auto zu warten.

„Ada?“

KRAWUMM!!! Das Geräusch des Schusses aus seiner Anlage zerriss ihm fast das Herz … .

Die Etüde ist inspiriert durch eine kurze Reportage, die ich vor einigen Wochen gesehen habe, über die verschiedenen Reaktionen auf die Rückkehr der Wölfe. Das Wort „Abschuss“ fiel mehrfach … .

Dank wie immer an Christiane für die Schreibeinladung (https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/11/01/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-45-46-20-wortspende-von-kain-schreiber/) und natürlich auch an Kain Schreiber für die Wortspende!

abc-Etüden; Textwochen 45.46.20

Märchenhaft

Den ganzen Tag waren die Geschwister hungrig durch den Wald gelaufen. Außer ein paar Beeren hatten sie nichts zum Essen gefunden. Es war dunkel im Wald und kalt. Sie hatten sich völlig verlaufen, und ihre Angst, im Wald verhungern zu müssen, nahm mit jedem Schritt zu. Doch plötzlich nahmen sie zwischen den Bäumen einen Lichtschein war. Mit neuer Kraft liefen sie darauf zu und gelangten so zu einem kleinen windschiefen Häuschen, dessen Nachtlicht einladend die Eingangstür beleuchtete. Das Haus schien einen verführerisch lieblichen Duft zu verströmen nach frisch gebackenen Lebkuchen und anderen Leckereien. Die Tür war unverschlossen und die Kinder traten ein.

In der Stube stand eine alte Frau, die die Kinder erfreut ansah. „Ihr seht hungrig aus. Bedient euch! Ich habe genug gebacken und teile gerne mit euch.“ Nachdem die Kinder ihren Hunger gestillt hatten, bereitete die Frau ihnen zufrieden lächelnd eine Bettstatt zu.

Am nächsten Morgen erklärte sie ihnen den Weg zurück ins Dorf. Da die Kinder ihr erzählt hatten, dass im ganzen Dorf großer Hunger herrschte, gab sie ihnen noch Taschen voller Lebkuchen für die Dorfbewohner mit.

Doch manch Menschen sind ein neidisches gieriges Völkchen. Und so ließen die Dorfbewohner sich von den Kindern den Weg zu dem Häuschen zeigen. Dort nahmen sie der alten Frau gewaltsam alle Lebkuchen und auch all ihren sonstigen Besitz weg – verdrehten die Tatsachen, erfanden das Märchen „Hänsel und Grethel“ und machten die liebenswerte alte Kräuterfrau im Wald zur „bösen Hexe“.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so erzählen sie noch heute das ein oder andere Märchen … .

Dank für die Schreibeinladung an Christiane (https://wordpress.com/read/feeds/23737740/posts/2997503448) und für die Wortspende an Kain Schreiber!

abc-Etüden; Textwochen 43.44.20; Fortsetzung

Hinweis: Es handelt sich um die Fortsetzung zu meiner Geschichte Textwochen 43.44.20 vom 19.10.20. Es empfiehlt sich, diese vorab gelesen zu haben.

„Darf ich in die Pfütze vor deiner Bank hüpfen, Onkel?“ Die Stimme des kleinen Jungen weckte ihn. „Mama sagt immer „Schmutzfink“, wenn ich in Pfützen hüpfe. Aber es macht sooo Spaß!“ „Wo ist denn deine Mama?“ „Da drüben! Bei den Polizisten. Weißt du, jemand hat unser Geld gemopst. Deshalb kam Polizei. Erst wars aufregend. Aber jetzt reden die so lang, und da hat Mama gesagt, ich darf zu dir rüber gehen. Sie hat gesagt, du bist ein guter Mensch. Du weißt, wie das ist, wenn einem alles weggenommen wird. Stimmt das?“

Er schluckte. Der Jutebeutel brannte wie Feuer in seinen Händen.

„Haben Sie etwas Verdächtiges bemerkt?“ Die beiden Polizisten und die Mutter waren zu ihnen getreten. „Nein.“ „Darf ich mal einen Blick in Ihren Jutebeutel werfen?“ Wie aus weiter Ferne hörte er diese Frage des Polizisten. In seinem Kopf begann eine Art Karussell. Ihm wurde heiß und kalt. Es wäre nicht schlimm, ins Gefängnis zu müssen, aber die Beschämung vor dem Kind und seiner Mutter! Er wollte versinken.

„Nein“, erklang scharf die Stimme der Frau. „Sehen Sie nicht, wie unangenehm es dem armen Mann ist, wenn Sie ihm das letzte Stück Privatsphäre nehmen, das er noch hat, und in seinen wenigen Habseligkeiten herumstöbern? Lassen Sie ihn in Ruhe!“ „Wie Sie meinen, junge Dame.“ Die vier gingen weiter.

PUH! Es gab noch Wunder!!! Und mit dieser Erkenntnis durchfluteten ihn plötzlich wieder lange vergessene Zuversicht und Energie: Er würde einen Weg finden, der jungen Mutter die Börse unauffällig wieder zukommen zu lassen. Schließlich war er immer berühmt gewesen für seine fabelhaft verrückten Ideen.

Zwei Leben bisher. Sein drittes Leben würde er dafür nutzen, andere -und damit auch sich-, glücklich zu machen. Das schwor er sich, während er Mutter und Sohn nachblickte. Und sein drittes Leben begann JETZT.

abc-Etüden; Textwochen 43.44.20

Lieben Dank an Christiane für die Schreibeinladung (https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/10/18/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-43-44-20-wortspende-von-mutiger-leben/) und an Mutiger leben für die Textspende: Schmutzfink, fabelhaft, mopsen

„Du spielst ja schon wieder in der Pfütze, mein süßer kleiner Schmutzfink.“ hörte er die Mutter auf dem Spielplatz dahinten liebevoll zu ihrem kleinen Sohn sagen. „Schmutzfink“ dachte er, während er mit seinem Jutebeutel auf die Parkbank mit dem zerschlissenen Schlafsack zuging, „der Begriff passt zu MIR.“. Es war lange her, dass er in seiner Penthousewohnung unter der Farblicht-Regendusche gestanden hatte. Damals. Als erfolgreicher Werbetexter hatte er ein Leben auf der Überholspur geführt. Tolle Wohnung, jede Menge Geld, superschöne Frau, großer Freundeskreis. „Freunde“, dachte er bitter.

Eine Routineuntersuchung beim Arzt. Die Diagnose dort hatte ihn wie ein Fallbeil getroffen. Ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. IHM konnte so etwas doch nicht passieren! Allen anderen, aber ihm nicht! Er war doch unangreifbar! Top in Form. Eigentlich unsterblich. Das Fallbeil zerschmetterte sein Innerstes. Seine Gewissheit.

Sein Körper wurde mit den modernen Medikamenten geheilt. Um seine Seele kümmerte sich niemand. Sein Leben zerbröselte vor seinen Füßen. Seine Kreativität war ihm ebenso abhanden gekommen, wie sein Job. Seine Frau war noch schneller weg gewesen, als sein gesamtes Erspartes. Er konnte die Wohnung nicht mehr bezahlen und bekam auch keine andere. Die wenigen „Freunde“, die während der Krankheit noch zu ihm gehalten hatten, hatten ihm längst den Rücken gekehrt. Mit einem auf der Verliererstraße wollte niemand etwas zu tun haben. Erfolg war das, was in seinen Kreisen gezählt hatte.

„Das Leben kann hart sein.“ dachte er, während er sich auf die Bank setzte. Er warf einen verstohlenen Blick in seinen Jutebeutel. Na ja, immerhin war der Tag fabelhaft gelaufen: Gleich fünf Geldbörsen hatte er mopsen können. Die letzte hatte der Mutter dahinten auf dem Spielplatz gehört. „War er deshalb ein schlechter Mensch?“ fragte er sich. Von irgendetwas musste er leben … .

Mit der Natur …

Künstlerin: Dörte Müller

Ich habe die Schmetterlinge vermisst dieses Jahr. Unser Schmetterlingsflieder, der Salbeistrauch und manch anderes wirkten dieses Jahr so seltsam leer. Sonst tummelten sich da viele bunte Schönheiten. Doch diesen Sommer glänzten sie weitgehend durch Abwesenheit.

Wenigstens bekommen wir noch Besuch von verhältnismäßig vielen Vögel. „Unsere“ Vögel, wie ich sie zu nennen pflege, weil sie uns oft schon lange treu sind: Das Starenpaar, das bereits seit mehreren Jahren regelmäßig zum Brüten wieder kommt. Die verschiedenen Meisenarten, die sich auch gerade jetzt wieder in unseren Vögelbädern putzen und dabei auch richtig putzig aussehen. Die Rotkehlchen; die Buntspechte, die sich immer mal wieder laut bemerkbar machen. Der oder die Kleiber. Die klugen Elstern und einige mehr. Nachdem ich bei dem informativen Blog von Linsenfutter gesehen habe, wie ein Grünspecht aussieht, bin ich mir ziemlich sicher, sogar ein solches Exemplar schon einmal hier gesehen zu haben.

Eine „unserer“ Tauben muss im Frühsommer gerissen worden sein, die Federn inklusive all der inneren Flaumfedern lagen verteilt auf unserer kleinen Wiese. Ich war erst ein wenig traurig ob des Dramas, das sich abgespielt haben musste. Aber dann rückte „unsere“ gut zehnköpfige Spatzenbrigade an … – und fein säuberlich wurde Feder für Feder in kleinen Schnäbeln abtransportiert. Wohl, um damit die eigenen Nester schön zu polstern. Süß sah das aus und ich war wieder versöhnt :-). Ja, und jetzt ist die Spatzenbrigade noch etwas größer und unsere Vogelfutterstellen sind noch schneller leer gefressen … .

Die Natur gab mir in diesem Jahr noch mehr Gelegenheiten, ihr Recyclingkonzept zu bewundern: Vermutlich war es ein Fuchs, der nachts recht dicht bei der Terassentür eine nicht gerade hübsch anzusehende Hinterlassenschaft abgelegt hatte. Reste von einer Maus waren noch in dem Haufen zu erkennen. Ich war wenig begeistert. Aber: Wie aus dem Nichts kam der Entsorgungstrupp angeflogen. Schmeißfliegen, die den Haufen innerhalb von zwei Tagen restlos beseitigten. Seitdem sehe ich diese Art Fliegen mit ganz anderen Augen ;-). Was für arbeitsame Tierchen! :-).

Es gab Verluste. Das Nest der Drosseln mit den vier Eiern darin war zu sichtbar, zu gut zu erreichen für Eichhörnchen oder „unsere“ Eichelhäherfamilie. Auch der Nachwuchs der Rotschwänzchen vor einigen Jahren, von den Eltern damals treu umsorgt, hat es möglicherweise nicht geschafft. Denn die Eichelhäher, die auch damals selbst Nachwuchs zu versorgen hatten, hatten den Nistkasten entdeckt…. . Nun ja, auch das ist Natur.

Wir füttern bisher nicht das ganze Jahr zu für die Vögel. Aber wir versuchen, den Vögeln ansonsten viel zu bieten: Es gibt eine Wildbeerenhecke und einige andere Leckereien an Strauch, Baum und Busch. Wir haben keinen Rasen, sondern eine kleine Wiese, in der alles wachsen darf, was will (und teilweise auf unserem Speiseplan landet). Verblühte Blumen von Rosen etc. schneiden wir nicht ab. Sie werden gerne von Insekten besucht und damit auch von den Vögeln. Und auch unsere Ecken mit Totholz sind alles andere als tot.

Klingt nach viel Natur? Ist es aber nicht … . Das Grundstück ist klein. Und vollständig umgeben von Nachbarn, die alle sehr viel Wert legen auf einen gepflegten grünen Rasen als Garten. Sie betreiben viel Aufwand dafür. Da wird vertikutiert und ab Blätterfall den gesamten Herbst laubgepustet und – gesaugt. In den immer regenärmeren Sommern jeden Abend gewässert. Fast jede Woche gemäht, immer mal wieder gedüngt und wohl leider manchmal auch gespritzt. Und keine Ahnung, was sonst noch alles. Irgendwas scheint für so einen grünen Rasen immer zu tun zu sein. Komischerweise macht ihnen das gar keinen Spaß, aber es ist ihnen wichtig.

Während mir völlig unverständlich ist, warum man sich so viel ungeliebte Arbeit macht und so viel Aufwand betreibt, um die Natur vor seiner Tür „zu bekämpfen“, ist den Nachbarn völlig unverständlich, wie man sich in unserem Chaos wohl fühlen kann. Zum Glück sind sie tolerant genug, sich nicht über unser „Unkraut“ zu beschweren. Jedenfalls nicht uns gegenüber … .

Wo sind nur die schönen bunten Schmetterlinge geblieben?!