Fakt, Fake-News oder beides?

Wir bauen uns die Welt, wie sie uns gefällt – oder vielmehr, wie wir sie sehen… ; Künstlerin: Dörte Müller

Man müsse sich entscheiden, so wird es mir in Medien, Politik und auch in vielen Blogs etc. suggeriert: „Vernünftige“ Menschen glauben an „harte wissenschaftliche Fakten“ und legen diese ihrer Weltsicht zugrunde. „Die anderen“, das sind „weltfremde Esoteriker*innen“, oder gar „Verschwörungstheoretiker*innen“, die ihren Gefühlen mehr trauen, als den „Fakten“, – und denen man deshalb nicht trauen könne… . Und die man bekehren müsse. Hin zu einer „wissenschaftlichen“ Weltsicht.

Frühere Geistesgrößen wie Pythagoras und Platon (auf die die Begriff der „Esoterik“ möglicherweise zurückgeht) oder auch Newton hätten eine solche Ab- und Ausgrenzung vermutlich absurd und sicherlich nicht besonders „vernünftig“ gefunden, denn sie waren beides. Wissenschaftler und Esoteriker. Und hoch intelligent. Und ich nehme an, dass sie ihre Bewertung dessen, was sie wahrnahmen, auch nicht zwingend als die einzig „richtige“ Bewertung ansahen.

Eine einfache Weltsicht

Heutzutage ist Abgrenzung hingegen en vogue. Nicht nur zwischen Meinungen, sondern insbesondere auch zwischen Menschen. Eine Wissenschaft, die in ihrer Fixierung auf das messbare Detail immer einseitiger wurde, brauchte einen Gegenpol, so scheint es. Esoterik gilt heute als Synonym für „unwissenschaftlich“ und damit als „Unsinn“. Eine „Wissenschaft“, die sich ausschließlich auf das Außen konzentrierte, versucht(e) sich aufzuwerten, indem sie „das Innere“ abwertet(e). Inzwischen pocht in unserer Gesellschaft nahezu jede*r auf vermeintliche äußere „Fakten“, die niemand in Frage stellen dürfe. Wer sich auf „Fakten“ beruft, will in der Regel „wissenschaftlich“ und klug erscheinen. Wer die „Fakten leugnet“, ist damit automatisch „unwissenschaftlich“ und „dumm“. So wird es ständig suggeriert. Eine einfache Weltsicht.

Leider unterscheidet dabei kaum jemand zwischen „Fakten“ und „Bewertungen“. Es wird als selbstverständlich unterstellt, dass es unumstößliche und bewertungsfreie Fakten gibt und zwar jede Menge. Es ist der Traum von der „objektiven Wahrheit“.

Wahrheit? Oder Wahrnehmung?

Was gilt denn bei uns als Fakt?

Etwas, was durch eine „wissenschaftliche Studie eindeutig belegt ist“?

Ist es nicht bereits eine Bewertung, wozu ich eine Studie mache – und wozu nicht? Folge ich nicht bei dem Design der Studie und bei meiner Interpretation automatisch meiner Weltsicht, die ich ohnehin habe? Kann das dann „objektiv“, „wahr“, „nicht hinterfragbar“ sein?

Ich interessiere mich seit vielen Jahren für das Thema „gesunde Ernährung“ und finde es häufig geradezu lustig: Ob „vegan“, „Paleo“, „Rohkost“, „Vollwert“, usw., jede*r kann für die von ihm / ihr propagierte Ernährungsform auf Hunderte von Studien verweisen, wonach genau diese Ernährungsform jeweils die Gesündeste von allen sei. Manchmal werden für gegenteilige Ernährungsformen sogar die gleichen Studien zitiert, nur jeweils gegensätzlich interpretiert. Fakt? Oft heißt es auch: „Vor ein paar Jahren dachten wir noch aufgrund entsprechender Studien, z.B. zum Thema „Fette“, dass „gesättigte Fette“ sehr ungesund sind; heute „wissen“ wir aufgrund anderer Studien, dass das so nicht stimmt …“ . „Wissen?“ Es ist jeweils der aktuelle Stand der Forschung im Außen, der sich jederzeit wieder ändern kann. Natürlich ist es gut, wenn Forschung sich weiter entwickelt. Aber das heißt eben auch, was wir jetzt glauben, werden wir in einigen Jahren vielleicht schon nicht mehr glauben. Denn wir Menschen „wissen“ längst nicht so viel, wie viele Menschen „glauben“ (sorry, ich liebe solche Wortspielereien…). Ein Grund dafür könnte sein, dass die meisten Menschen heutzutage denken, es wäre klug, äußeren „Fakten“ und Bewertungen von „Experten“ mehr zu trauen, als der inneren Weisheit.

Wissen? Oder Manipulation?

Wünschenswert wäre für mich, wenn von diesen „Experten“ zumindest offen gelegt würde, was sie „wissen“, und was nicht. Wenn sie die Ganzheit des Systems jeweils ebenso im Blick haben würden, wie das Detail. Wenn sie „Weisheit“ genauso gelten lassen würden, wie äußere Messungen. Und wenn sie aufhören würden aus der Tatsache, dass es zu etwas keine Studien gibt, den logisch fehlerhaften Umkehrschluss zu ziehen, dass es das dann auch nicht gebe. Man kann z.B. aus fehlenden Langzeitstudien zu Impfnebenwirkungen nicht den Schluss ziehen, es gebe keine unerwünschten Langzeitwirkungen. Weil es für solche Wirkungen ja keine „Beweise“ gebe. Während man für die Gefährlichkeit von COVID-19 vermutlich bald „Beweise“ präsentieren wird. So etwas sind klassische (interessengeleitete) Zirkelschlüsse, die aber unter Verweis auf den „positivistischen“ Wissenschaftsbegriff bei uns als normal gelten und wenig hinterfragt werden. „Fakt“?

Nur Studien und Statistiken gelten zu lassen, hat für „interessierte Kreise“ den Vorteil, dass sie so anlegen und auslegen lassen können, wie es ihnen gefällt. Wenn sie das entsprechende Geld dazu habe. Sonst eher nicht, denn zu kleine Studien sind natürlich schon wegen der nicht repräsentativen Gruppe immer angreifbar.

Zahlen gelten bei uns gern als unumstößlicher Fakt. Was könnte „objektiver“ sein? Die gleiche Zahl kann allerdings je nachdem, in welchen Zusammenhang ich sie setze – oder eben nicht setze -, eine völlig andere Aussage beinhalten. Auch das sieht man in der Corona-Diskussion deutlich. „Objektiv“?

Geht so heutzutage „Wissenschaft“? Geht es wohlmöglich hauptsächlich darum, mit meinen Studien den Anschein zu erwecken, ich arbeite seriös und „faktenorientiert“?

Dogmatisch

Keine komische „Esoterik“, sondern „echte harte Wissenschaft“! Da glaubt man doch gleich viel mehr dran… . Wie das so ist mit dem „Glauben“ … ;-). Denn tatsächlich scheint mir persönlich das, was heutzutage so als „Wissenschaft“ verkauft wird, oft viel mehr mit Glauben zu tun zu haben, als mit Wissenschaft. Manches scheint gar sehr dogmatisch geworden zu sein. Ich habe im Internet unter „brandeins“ eine schöne Definition dazu gefunden: „Dogmatismus ist ein unselbständiges, von Glaubenslehren – den Dogmen – abhängiges Denken, im sozialpsychologischen Sinne eine Einstellung mit der starken Neigung, Auffassungen, die der eigenen widersprechen, strikt zurückzuweisen, ohne die Fähigkeit zu haben, Informationen anderer für sich selbst zu verwenden.“

Dogmatisches Denken wird von „Wissenschaftsjünger*innen“ gerne „Esoteriker*innen“ unterstellt, die angeblich irgendwelchen Gurus hinterher liefen und deren Glaubenslehren unhinterfragt übernähmen.

Aber, wenn ich mit dem Finger auf andere zeige, zeigen immer vier Finger auf mich selbst… . Die allermeisten „Wissenschaftsjünger*innen“ scheinen mir die Lehren ihrer Gurus (ebenfalls) völlig unhinterfragt zu übernehmen. Gar nicht auf den Gedanken zu kommen, dass vielleicht nicht alles ganz so „wissenschaftlich“ ist, wie es daher zu kommen scheint. Aber sehr empört zu sein, wenn andere diese „Wissenschaftlichkeit“ zu hinterfragen wagen. („Der Mann ist schließlich Virologe, wie können Sie dessen Aussagen in Zweifel ziehen…?“)

Mit dem Label „Fake-News“ wird dann versucht, die Auffassung, die der eigenen widerspricht, als „absichtlich falsch“ zu brandmarken und damit als etwas, woran nur „Dummköpfe“ glauben.

Echte Wissenschaft oder interessengeleitete Überheblichkeit?

Haben „echte“ Wissenschaftler*innen so etwas nötig? Würden „echte“ Wissenschaftler*innen jemals unterstellen, dass nur die eigene Auffassung „richtig“ sein kann? Würden sie nicht eher den Diskurs lieben? Die Blickrichtung von außen, die immer die Chance bietet, die eigene Wahrnehmung zu erweitern? Statt zu versuchen, sich mit vermeintlich unhinterfragbaren Fakten in einer Wagenburg zu verschanzen? Braucht man das? Warum? Warum besteht heutzutage in Wissenschaft, Politik und auch Medien so eine Angst vor dem gleichberechtigten Diskurs?

Meiner Ansicht nach lassen sich Fakten und Fake-News nicht mehr seriös voneinander trennen, sobald ich einen „Fakt“ mit einer Bewertung verbinde, – was nahezu immer der Fall ist. wenn ich dann unterstelle, dass meine Bewertung die einzig Richtige ist und von niemandem in Frage gestellt werden kann, dann wird der Fakt zu Fake-News. So gibt es z.B. in der Maskenfrage wissenschaftliche Versuche unter Laborbedingungen, die für bestimmte Masken zeigen, dass sie die Verbreitung von Tröpfchen und manche sogar von Aerosolen einzudämmen vermögen. Daraus den Schluss zu ziehen, dass ohne Masken die Infektionsrate signifikant steigen würde, ist jedoch unwissenschaftlich, denn für eine Infektion spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. So hat sich nach den Demonstrationen am 1.8. oder am letzten Wochenende sowie bei einer Techno-Boots-Party in diesem Sommer in Berlin gezeigt, dass sich die Infektionsrate nach keiner der Veranstaltungen signifikant oder überhaupt erhöht hatte. Obwohl auf allen diesen Veranstaltungen große Menschenmengen waren, kaum Masken getragen wurden und auch der „Abstand“ nicht immer eingehalten wurde. (Da alle Veranstaltungen im Freien stattfanden, war eine Erhöhung der Infektionsrate aus meiner Sicht auch kaum zu erwarten.) Auch die verbreitete Aussage, dass Deutschland wegen der Maskenpflicht „so gut durch die Krise gekommen sei“, ist durch nichts belegt. Es handelt sich um eine bloße Behauptung, dass zwischen den beiden Fakten (Maskenpflicht und wenig an COVID-19 Verstorbene) eine Kausalität bestünde. Es gibt bei vielen Menschen den Wunsch, dass es da eine Kausalität gibt, weil sie damit das Gefühl haben, etwas „gegen Corona“ tun zu können. Und sie glauben daher gern, dass es sich um einem „Fakt“ handele.

Das, was jemand als Fakt ansieht, ist in aller Regel keine „objektive Wahrheit“, sondern seine Wahrnehmung der Welt. Also seine subjektive Wahrheit. An und für sich ist das bekannt für jede*n, der / die sich für Kognitionswissenschaften interessiert. Leider tun das offenbar die wenigsten Politiker*innen und Journalist*innen.

Was hindert, die Wahrnehmungen anderer Menschen, einfach stehen zu lassen? Warum werden die Leute mit der anderen Ansicht bekämpft und versucht, sie „zu bekehren“? Oder, wenn sie die „Bekehrung“ nicht zulassen, sie in die Ecke zu drängen? Ihnen symbolisch einen „Aluhut“ aufzusetzen mit der Absicht, sie so als „dumm“ zu erniedrigen?

Aus meiner Sicht gibt es dafür nur eine Erklärung: Weil es nämlich „in Wahrheit“ auch bei den „Verleihern“ des Aluhuts, den „Faktencheckern“ und denen, die so gerne mit dem Label der „Verschwörungstheoretiker*innen“ bei der Hand sind, um Gefühle geht. Und gerade nicht um Fakten. Es geht meines Erachtens um Angst und Irritation:

Esoteriker*innen“ im Wortsinn, also Menschen, die vor allem auf die eigene innere Wahrnehmung hören, irritieren in einer Welt, die die äußere Sicherheit „eindeutiger Fakten“ braucht. In einer Welt, die „gut“ und „böse“ eindeutig unterscheiden können möchte. Die „das Böse“ im Außen bekämpfen möchte – und nicht im eigenen Innern.

Leute, die nicht so richtig in irgendeine Schublade passen, die mehr auf ihre Gefühle und ihre innere Stimme hören, als auf das, was man ihnen sagt, scheinen wie ein störender Stachel zu wirken in dieser Gesellschaft.

Zumindest, solange der größte Teil dieser Gesellschaft wenig Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen hat. Und deshalb bereitwillig den äußeren Vorgaben folgt.

Ich persönlich bin jemand, die noch übt mit dem Zugang zu den eigenen Gefühlen. Aber durchaus schon jetzt am liebsten auf die eigene innere Stimme hört. Das gilt für die Ernährung ebenso wie für die Medizin und erst recht für Impfungen!

Denn das mit den „Fakten“, das erscheint mir persönlich leider viel zu manipulierbar. Natürlich sind auch Gefühle manipulierbar. Bei Angst geschieht das (nicht nur derzeit) in großem Stil. Häufig werden für diese Manipulation angebliche „Fakten“ genutzt. Auch bei Wut oder Hass geht das. Diese Manipulation ist aber nur möglich bei Menschen, deren Wahrnehmung im Wesentlichen nach außen gerichtet ist, die „Gurus“ oder „Experten“ brauchen, die ihnen sagen, was „richtig“ und was „falsch“ sei.

Ist das das eigentliche Problem? Das plötzlich immer mehr Menschen auftauchen, die ihrer eigenen Wahrnehmung folgen? Und sich nicht mehr so viel von außen sagen lassen? „Unverbesserlich“ sind? (Diesen Ausdruck des Berliner Bürgermeisters fand ich sehr vielsagend … .)

Wer Zugang zur eigenen (Körper-)Weisheit hat, braucht keine Ernährungsstudien. Und vermutlich auch keine Impfung gegen COVID-19. Er muss sich nicht sagen lassen, welchen „Fakten“-Bewertungen er zu glauben hat, und welchen nicht. Er traut sich, der eigenen inneren Bewertung zu folgen.

Fakt? Oder Fake-News? Selbst schon die Auswahl, wie oft ein „Fakt“ (wie z.B. ein Video) gezeigt wird, und welche „Fakten“ überhaupt gezeigt werden, und welche nicht, sind Bewertungen. Und als solche wirken sie manipulativ.

Die problematischen Fake-News, das sind für mich deshalb nicht die eindeutigen „Falschaussagen“, Theorien von „Echsenmenschen“, oder was auch immer es da gibt. Da ist für mich unmittelbar erkennbar, ob ich das nachvollziehbar finde, oder nicht. Problematisch finde ich die Aussagen, die so tun, als seien sie faktenbasiert und wissenschaftlich und unzweifelhaft „richtig“, mir unter diesem Mantel aber im Grunde nur eine bestimmte Bewertung „verkaufen“ wollen. Meine Wahrnehmung in eine bestimmte Richtung drängen wollen. Denn da brauche ich Zeit, die Möglichkeit zum Nachdenken und oft auch etwas Hintergrundwissen, um zu erkennen, dass man die Sache vielleicht auch ganz anders sehen könnte.

Echte Wissenschaft heißt für mich deshalb Fragen zuzulassen. Alles immer und immer wieder auch selbst zu hinterfragen. Ein*e echte*r Wissenschaftler*in wird für mich skeptisch, wenn jemand etwas als „unumstößlichen Fakt“ darstellt. Und echte Wissenschaft ist für mich kein Gegensatz zu Esoterik. Warum denn?

Dieses Bedürfnis, Menschen in „gut“ und „böse“, „vernünftig“ und „unvernünftig“, „klug“ und „dumm“, „wissenschaftlich faktenorientiert“ und „esoterisch verschwörungstheoretisch“ zu trennen, das Politik und Medien zu haben scheinen, halte ich für fatal. Solche Entwertungen anderer Menschen haben schon viel Leid auf dieser Welt hervor gebracht. Und sie erscheinen mir so unnötig!

Bedürfnisse

Künstlerin: Dörte Müller

Es handelt sich hier um einen Nachtrag zu meinem Beitrag: Warum versuchen wir es nicht mal mit Kommunikations-Regeln statt mit Corona-Regeln?“

Es ist mir jetzt doch ein Bedürfnis…, noch einmal meine Bedürfnisse ausdrücklich zu benennen, die meine Haltung in dieser Corona-Geschichte prägen:

  1. Ich hätte das Gefühl haben wollen, zu Dingen, die das (Zusammen)Leben relativ stark beeinflussen, in den öffentlich rechtlichen Medien neutral, sachlich und ausgewogen informiert zu werden. Dazu hätte für mich z.B. gehört, dass man die täglich als „Infektionszahl“ veröffentlichte Zahl positiver Testergebnisse immer ins Verhältnis setzt mit der Anzahl der insgesamt an diesem Tag Getesteten. Die bloße Zahl der positiven Testergebnisse ermöglicht keine Aussage zum Infektionsgeschehen. Dazu hätte für mich auch gehört, dass man nicht pauschal von „Tausenden Toten“ spricht, die an dem Virus gestorben seien, sondern auch hier die Zahlen ins Verhältnis setzt. Also z.B.: In den 6 Monaten mit SARS-CoV2 in Deutschland sind unter den rund 450.000 insgesamt in diesem Zeitraum in Deutschland Verstorbenen rund 9.000 Verstorbene, die das Virus in sich trugen. Ob sie an (und nicht nur „mit“) dem Virus verstorben sind, ist bekannt bei … % Der Altersdurchschnitt verteilt sich wie folgt: …; bei … waren folgende Vorerkrankungen bekannt…. . Bei … % sind Beatmungen erfolgt. Beatmungen erfolgen bei CoVid-19 nach folgenden Kriterien … (Letzte Aussage fände ich deshalb wichtig, weil nach Kritiker*innen bei COVID-19 zu oft und zu schnell und damit auch zu lange beatmet wird, was für die Betroffenen u.U. ein höheres Risiko darstelle, als die Erkrankung an sich.)
  2. Ich hätte das Gefühl haben wollen, dass vor weitreichenden politischen Entscheidungen, die unser aller Leben treffen, verschiedenste Expert*innen aus unterschiedlichen Richtungen angehört werden. Und dass man in diesen Runden in sachlichen unaufgeregten Gesprächen offen diskutiert, welche Maßnahmen in der Situation sinnvoll und gut sein könnten. Und die Ergebnisse entsprechend öffentlich kommuniziert und begründet.
  3. Ich hätte nicht das Gefühl haben wollen, dass in dieser Sache von Beginn an medial in großem Stil Angst geschürt wird, und verbal mit Beschimpfungen und mehr oder weniger passenden Zuschreibungen Stimmung gemacht wird gegen Andersdenkende. So dass sich das Aggressionspotential auf beiden Seiten ständig weiter erhöht hat.
  4. Ein weiteres Bedürfnis von mir ist, meine Sauerstoffzufuhr nicht durch eine Maske vor meinem Gesicht erheblich behindern zu müssen. So etwas bewirkt bei mir leichte Panikanfälle und ist bei meiner ohnehin bestehenden schweren Autoimmunerkrankung für mich ein großes zusätzliches Erschwernis. Auch möchte ich gerne mal wieder das Lächeln meiner Mitmenschen in den öffentlichen Verkehrsmitteln sehen … ;-).
  5. Ja, und mir ist es auch ein großes Bedürfnis, mein ohnehin überschießendes Immunsystem nicht durch eine Impfung zusätzlich reizen zu müssen – mit für mich unabsehbaren Folgen. (Bei der bisherigen offiziellen Rhetorik zu Corona, halte ich die Einführung der Pflichtimpfung leider für mehr als wahrscheinlich.)
  6. Und schlussendlich ist es mir ein Bedürfnis, dass in dieser Welt auch eine andere Haltung möglich wird: Eine Haltung, die Viren und Bakterien nicht pauschal als „böse“ und zu bekämpfen ansieht, sondern als etwas, was zu unserem Leben dazu gehört. Bakterien ermöglichen uns überhaupt erst unser Leben und auch längst nicht jedes Virus ist einfach nur schädlich. Im übrigen leben wir bekanntermaßen seit langem mit Corona-Viren und auch COVID19 wird uns wohl weiter begleiten.

Warum versuchen wir es nicht mal mit „Kommunikations-Regeln“ statt mit „Corona-Regeln“?

Gerne auch „sanktionsbewehrt“: Bei Verstoß 50 Ct in die Kaffeekasse…;-)?; Künstlerin: Dörte Müller

„Wir sollten mehr mit- als übereinander reden.“ Den Satz habe ich schon oft gehört. Nur erleben tue ich ihn selten – und schon gar nicht beim Thema „Corona“.

Miteinander ist etwas anderes als GEGENeinander!

Um mit einem heutzutage offenbar klassischen Missverständnis aufzuräumen: Miteinander reden heißt nicht, dass ich dem Gegenüber jetzt mal ordentlich die (eigene) Meinung sage, ihm sozusagen mit der eigenen Meinungskeule eins überbrate, damit auch dieser „Idiot“ endlich versteht, dass ICH recht habe…!

Ich habe dann nämlich gerade nicht versucht, MIT dem anderen zu reden, sondern GEGEN ihn. Es erscheint wenig verwunderlich, dass das dem Gegenüber meist nicht gefällt. Er holt seine eigene „Keule“ heraus, und das war’s dann mit der „Kommunikation“. Übrig bleibt dann nur die Erkenntnis, dass man mit dem / der anderen sowieso nicht reden könne – und der Streit, wer „schuld“ ist.

Echte Kommunikation hat viel mit Zuhören zu tun. Natürlich möchte man „die anderen“ von der eigenen Meinung überzeugen. Das liegt vermutlich in der Natur der Menschen. Und ich will das natürlich auch (schon alleine deshalb, damit diese Alltags-Gesichtsmasken endlich der Vergangenheit angehören… ;-)). Aber ich versuche zu verstehen, was die Menschen mit der „anderen Meinung“ antreiben könnte. Menschen, die so vehement die „Corona-Sicherheitsregeln“ einfordern, sie verschärfen und ständig kontrollieren wollen. Immer höhere Sanktionen gegen jede*n fordern, der / die gegen diese „Regeln“ verstößt.

Und ich wünschte mir, dass „die andere Seite“ mir genau das auch mitteilt. Was ist denn das eigene Bedürfnis, das hinter diesen Forderungen steht?

Ein existenzielles Sicherheitsbedürfnis aus Angst vor dem Tod durch das Virus? Dieser Angst könnte man mit einem neutraleren Blick, einer echten wissenschaftlichen Einordnung der vorliegenden wenigen Daten und Zahlen doch möglicherweise begegnen. Indem man sich die Todeszahlen unvoreingenommen anschaut und mit der jeweiligen Einwohnerzahl, der Zahl der positiv Getesteten, der Zahl der insgesamt Getesteten und den Todeszahlen aus anderen Ursachen ins Verhältnis setzt. Wenn man das ganz unvoreingenommen machen würde, könnte man eventuell auch erkennen, ob, und was die „Corona-Regeln“ gebracht haben könnten (in jeder Richtung). Auch könnte man dieser Angst medial begegnen, wenn man in den Berichten über Covid-19 die weit überwiegende Anzahl der ohne größere Komplikationen Gesundeten in den Vordergrund stellen würde, statt ständig Einzelfälle mit schweren Verläufen zu präsentieren.

Steht hinter diesen Forderungen das Bedürfnis, die Angst vor dem unsichtbaren Virus in Wut auf einen sichtbaren Feind umwandeln zu können? Nämlich auf die „Maskenverweigerer“, die damit in der Wahrnehmung der Befürworter sozusagen selbst zum Virus geworden sind? Zum „Sündenbock“, an dem man seinen Frust abreagieren kann? (Manch einer der wütenden Personen ist früher mit jedem grippalen Infekt zur Arbeit gegangen, nachdem sie sich „etwas eingeworfen hatten“, ohne sich je Gedanken zu machen, dass jeder Infekt Menschen mit schwachem ebenso wie Menschen mit überschießendem Immunsystem gefährden kann.)

Steht dahinter (insbesondere bei Politiker*innen) das Bedürfnis nach Machterhalt, oder -erlangung? Oder dem Erhalt von Ansehen, das man befürchtet zu verlieren, wenn man zugeben würde, sich geirrt zu haben? (S. dazu meinen Beitrag „Gesicht zeigen„).

Steht hinter diesen Forderungen die Meinung, wenn etwas staatlich vorgegeben sei, könne man selbstverständlich davon ausgehen, dass es gut und richtig und zum Wohle aller sei – und Menschen, die dagegen sind, damit das „Wohle aller“ gefährdeten und folglich „bekämpft“ werden müssten? Also vielleicht das Bedürfnis, „dem Staat“ und „den Experten“ unbedingt vertrauen zu wollen? Weil alles andere hieße, dass das Gefühl äußerer Sicherheit, an dem man sich bisher immer festgehalten hat, trügerisch war (vgl. meine Beiträge „Diese Welt ist eine sichere, oder?…“ und „Corona und die illusionäre Sehnsucht nach Sicherheit im außen„)?

Oder ist es gar nur ganz profan die Lust an der Abwertung Andersdenkender, weil man sich in der Mehrheit sicher und (moralisch) überlegen fühlt?

Ist es bei manch einem „Experten“ das Interesse, an dem Impfstoff mitzuverdienen? Oder die Sorge vor sozialer Ächtung, wenn man sich gegen die Mehrheitsmeinung stellt?

So ganz deutlich wird das in der öffentlichen Kommunikation nicht. Ich bemerke wenig „Ich-Botschaften„, in denen die Menschen mit der anderen Meinung mir mitteilen, welches Bedürfnis hinter ihrer Haltung steht und welche Gefühle. Das würde mein Verständnis fördern und mir eine echte Kommunikation mit Menschen anderer Ansichten erleichtern. Stattdessen jede Menge „Du-Botschaften“ im Sinne von „Du (also in dem Fall ich … ;-)) bist blöd.“

Auch habe ich wenig den Eindruck, dass MIR und MEINEN Bedürfnissen und Gefühlen offen und unvoreingenommen ZUGEHÖRT wird von den Menschen, die anderer Ansicht sind, als ich. Ganz im Gegenteil scheinen sie meine Motivation gerade nicht hören zu wollen. Warum eigentlich nicht? Weil man die eigene Ansicht unter keinen Umständen hinterfragen möchte? Es scheint so, denn statt Zuhören erlebe ich eher jede Menge klassische „Kommunikationskiller„, die geradezu systematisch angewendet zu werden scheinen:

Gewalttätige Kommunikation

Wer sich schon einmal mit der sogenannten „gewaltfreien Kommunikation“ nach Rosenberg beschäftigt hat, wird darauf gestoßen sein, dass es bestimmte typische Verhaltensweisen gibt, die jede echte Kommunikation nahezu unweigerlich verhindern. Kommunikationskiller.

Dazu gehören „moralische Urteile„. Man gibt dem anderen die Schuld. Bestimmt, wer RECHT hat. Definiert, wie der andere IST. All das kommt mir in der aktuellen Corona-Kommunikation sehr bekannt vor… . Besonders ärgerlich empfinde ich diese Versuche, zu definieren, wie ich bin. Nahezu täglich zu hören, was ich für ein Mensch bin, wenn ich die Corona-Regeln kritisiere. Dass ich Unrecht habe, ist selbstverständlich von vorneherein klar. Und ich habe das gefälligst auch endlich einzusehen.

Ein weiterer Kommunikationskiller sind „Vergleiche„, die oft der Erniedrigung dienen, Verallgemeinerungen verwenden und / oder falsche Maßstäbe verwenden. Auch dies ist verbreitet. Da werden z.B. plötzlich die Corona-Regeln mit der Gurt-Pflicht verglichen, nach dem Motto, wer gegen die Corona-Regeln sei, müsse ja „konsequenterweise“ jede staatliche Vorgabe ablehnen. Oder selbstverständlich auch gegen Hygieneregeln in Krankenhäusern sein. Ziemlich verquer, aber derzeit alles beliebte Vergleiche, die eine echte Kommunikation sofort zunichte machen. Weil unmittelbar deutlich wird, das Gegenüber will nicht wirklich kommunizieren, sondern abwerten.

Auch „Verantwortung weiterzugeben„, indem man die eigene Verantwortung an der Situation leugnet und stattdessen versucht, beim Gegenüber ein schlechtes Gewissen zu erzeugen, killt die Kommunikation. Das mit dem schlechten Gewissen läuft gerade auf eine Art ab, die ich als besonders perfide empfinde. Nicht nur, dass von Anfang an behauptet wurde, wer keine Maske trage, sei „unsolidarisch“ und gefährde andere. Inzwischen wird das kommunikativ auch noch mehr und mehr gemischt mit den beiden anderen „Killern“, den „moralischen Urteilen“ und den „Vergleichen“, indem wieder und wieder darauf hingewiesen wird, dass auch rechtsradikale Gruppierungen Demonstrationen gegen die Corona-Regeln angemeldet hätten. Offenbar will man damit implizieren, dass alle Kritiker*innen der Corona-Regeln eine Nähe zum Rechtsradikalismus hätten. Und damit an sich schon indiskutabel sind bzw. ein äußerst schlechtes Gewissen haben sollten, wenn sie sich nicht als rechtsradikal sehen, aber trotzdem ihre Meinung vertreten wollen. Den etablierten Parteien scheint dabei nicht aufzufallen, dass sie ihren Hafen für alle Corona-Kritiker*innen verweigern. Tatsächlich fühle ich mich in dieser Frage von keiner der etablierten Parteien vertreten. Das bedeutet nicht, dass ich deshalb eine „rechte“ Partei wählen würde. Aber, dass diese Parteien versuchen, hier offensichtlich brachliegendes Wähler*innenpotential für sich zu nutzen, erscheint mir naheliegend. Mit ihrer sehr einseitigen Kommunikation servieren die etablierten Parteien ein gewisses Wähler*innenpotential geradezu auf dem Silbertablett an „rechte Parteien“. Und kommen dabei aber ganz offensichtlich nicht auf den Gedanken, dass sie für entsprechende Wahlergebnisse eine gewisse eigene Verantwortung haben könnten.

Was genau verspricht man sich denn eigentlich von dieser doch sehr gewalttätigen Kommunikation in Sachen Corona? Gewaltfreie Kommunikation ist nicht einfach. Aber muss die Kommunikation hier wirklich derart gewalttätig sein – und vor „Killern“ nur so strotzen? Das ganze Thema wird doch damit immer schwieriger, und die Gefahr, dass wirklich Gewaltbereite Leute aufspringen, die mit Freiheitsrechten und bunter Vielfalt an sich wenig am Hut haben, immer größer.

Jetzt hat man in Berlin auch noch das Mittel der absoluten Nicht-Kommunikation gewählt: Demonstrationsverbot für die für diesen Samstag angemeldeten Demos gegen die Corona-Regeln. So etwas ist politisch selten klug. Kommunikativ sendet es ein aus meiner Sicht verheerendes Signal: Nicht nur: „Wir wollen Euch nicht zuhören.“ Sondern auch noch: „Wir wollen, dass Ihr Eure Meinung möglichst gar nicht erst ausdrücken könnt.“

Es sind doch dieselben Politiker*innen und Medienleute, die in vielen anderen Kontexten vor gewalttätiger Kommunikation warnen. Warum sind diese Menschen dann selber so oft so schlechtes Vorbild??? Und scheinen das nicht einmal zu bemerken?

Liebe Politiker*innen, liebe Medienvertreter*innen, bevor Sie sich das nächste Mal über Mobbing auf Schulhöfen beklagen, habe ich einen großen Wunsch an Sie: Bitte stellen Sie sich einmal die Frage, ob Sie sich eigentlich als „Vorbild“ in der Gesellschaft sehen. Falls ja, bitte versuchen Sie einmal so unvoreingenommen, wie es Ihnen möglich ist, „in den Spiegel zu schauen“ und sich ganz ehrlich zu fragen, welches (Vor-)Bild Sie in Sachen „Kommunikation“ abgeben (wollen)!

Und bitte, liebe Kritiker*innen der Corona-Maßnahmen bleibt friedlich! Kommuniziert gewaltfrei!