Nein, ich mag keine Erpresser!

gefertigt von Dörte Müller

Mal wieder eine kleine satirische Geschichte:

Eine Bande Krimineller ist des Nachts durch die Stadt gezogen und hat in jedem Gebäude der Stadt die Fenster zerstört.
Anschließend ging eine Abordnung von ihnen zum Bürgermeister und sagte: „Einige von uns haben (versehentlich?) alle Fenster an euren Gebäuden zerstört [Biowaffenforschung, Laborunfall(?)]. Das ist gefährlich für euch, denn es ziehen überall Einbrecher durch die Gegend. Und vor allem Ältere und Kranke, die sich nicht wehren konnten, wurden von diesen Einbrecher auch schon aufgesucht, die ihnen bös zugesetzt haben.

Aber: Keine Sorge!

Wir haben da schon mal was vorbereitet... .

Das erforschen wir schon lange, es ist eine Supersache. Hat bisher noch nicht so richtig geklappt. Aber jetzt ist DIE Gelegenheit.

Gebt uns etliche Hundert Millionen Goldtaler aus eurem Stadtsäckel und wir garantieren, in nicht einmal einem Jahr werden wir euch ganz neuartige Fenster präsentieren:
Das Raffinierte ist, dass der Kitt mit dem Gebäude, in das die Fenster eingesetzt werden, zusammenarbeitet, sozusagen von dem Gebäude selbst produziert wird.

Und wenn das hier klappt, dann werden wir ungeahnte Möglichkeiten haben mit dieser Technologie. Das wird jeden Goldesel übertreffen, den es je gab.“


Wer jetzt erwartet, dass der Bürgermeister die Bande vom Hof jagt [Schließung aller Biowaffenlabore] und das Vermögen ihrer Hintermänner konfisziert, um damit den angerichteten Schaden zu bezahlen: NEIN!

– Er lädt die Abordnung zum Galadinner. Und gibt ihnen schon mal etliche Millionen Goldtaler vorab.

In Windeseile werden Verträge über die milliardenfache Lieferung und Bezahlung der angepriesenen neuartigen Fenster unterzeichnet.
Die Stadt erklärt sich in den Verträgen bereit, die Bande für alle durch die neue Technologie eventuell eintretenden Schäden an Gebäuden von der Haftung zu befreien.
Die verspricht im Gegenzug, die Stadt dabei zu unterstützen, JEDE Haftung soweit wie möglich zu vermeiden:
„Das ist einfach, ihr müsst euch nur geeignete Gutachter und Sachverständige suchen, die bestätigen, dass eventuelle Schäden an den Gebäuden auf bereits vorhandene Vorschäden – und nicht etwa auf unseren Fensterkitt zurückzuführen sind.
Und keine Sorge, wir werden euch durchgehend beraten. Und euch auch die Hilfe einflussreicher Freunde von uns zur Verfügung stellen.“

Die Stadtregierung schickt ihre Rufer an jede Ecke und auf jeden Marktplatz, und lässt verkünden, dass alle Zuhause bleiben müssen, die Regierung aber verspreche, in nicht einmal einem Jahr DIE Erlösung aus dieser misslichen Lage zu präsentieren. Wer sich nicht an die Vorgaben halte, werde bestraft.
Wer kooperationswillig sei, solle sich eine Fahne ans Haus hängen [Maskenpflicht], das würde Einbrecherbanden signalisieren, dass man der Regierung vertraue und sei deshalb ein wirksamer Schutz.

In dieser Stadt gibt es nun aber einige alteingesessene Glaser, Maurer und Schreiner, teilweise schon im Ruhestand, die den neuartigen Fensterkitt für gar keine gute Idee halten. (Und die Fahne für nutzlos.)
Sie haben stets gute Arbeit geleistet und einen guten Ruf, und sie sagen den Leuten: „Dieser Fensterkitt, der greift euer Gebäude an. Und er wird es nach und nach kaputt machen. In älteren Gebäuden wird dieser Kitt ohnehin nicht funktionieren. Jeder Einbrecher wird das Fenster dort leicht eindrücken können. Und auch in vielen jüngeren Gebäuden wird es Verklumpungen im Mauerwerk geben und nach und nach könnte das Mauerwerk sogar zerfressen werden.
Es gibt andere Möglichkeiten, eure Fenster zu reparieren. Viel kostengünstiger und sicherer.“
Sie fertigen Broschüren an, um ihre Bedenken und ihre Lösungsvorschläge zu erläutern.

Die Regierung fragt bei der Bande um Rat.

Und die sichert ihre Unterstützung zu,
– die Alteingesessenen mit Schimpf und Schande aus der Stadt zu jagen.
Sie mobilisiert ihre Helfertrupps und sorgt dafür, dass alle Broschüren dieser Betriebe verbrannt werden. Und ihnen die Ausübung ihrer Arbeit soweit wie möglich erschwert wird.

Und die Regierung ist zufrieden.

Geradezu euphorisch ist sie, als die neuen Fenster nach nicht einmal einem Jahr ausgeliefert werden.

Auf die normalerweise in dieser Stadt vorgeschriebene Zertifizierung der Fenster hat man verzichtet.
Es ist ja eine Notlage. Und die Bande wirkt ohnehin extrem seriös und vertrauenserweckend in ihrem kostbaren Zwirn. Die Stadtregierung sieht keinerlei Grund, deren Angaben in irgendeiner Form anzuzweifeln.
Außerdem versichert die Bande, dass man ja auch nach dem Einbau der Fenster weiter prüfen und nachhalten werde, wie gut sie funktionieren und wie sicher sie seien.

Obwohl die Bande bemüht ist, alle Daten weitgehend unter Verschluss zu halten, zeigt sich nach einem weiteren halben Jahr, der Kitt funktioniert bei vielen älteren Gebäuden nicht richtig. Neu hinzu gekommene Einbrecherbanden drücken dort weiterhin die Fenster einfach ein. Außerdem führt der Kitt bei vielen jungen und alten Gebäuden zu merkwürdigen kleinen Verklumpungen im Mauerwerk. Einige Gebäude sind sogar zusammengestürzt.
Genau so, wie die alteingesessenen Betriebe des Ortes es vermutet und befürchtet hatten…

Die Stadtregierung fragt wieder um Rat.

„Das ist ganz einfach“, sagt die Bande. „Ihr lasst eure Stadtrufer verkünden, dass ausschließlich UNSEREN Daten und Angaben zu vertrauen ist!
Und die Leute Geschichten über Verklumpungen keinen Glauben schenken sollten.
Eure Stadtrufer müssen immer wieder herausschreien, dass den Menschen viel Schlimmeres drohe OHNE unsere Fenster. Beschreibt die Brutalität von Einbrechern, malt schreckliche Szenen aus!“

Und dann wird die Bande deutlich:

„Verdammt nochmal, stellt endlich sicher, dass ALLE in der Stadt die neuen Fenster akzeptieren. Das kann doch nicht so schwer sein!
Drängt sie ihnen auf, überall! An jeder Ecke!
Verschenkt Bratwürste dazu und Karussellfahrten.

Die alten Gebäude haben wir.

Kümmert euch jetzt vor allem um die jungen Gebäude!

Sagt insbesondere den Bewohnern dieser Gebäude immer wieder, was für ein gutes Werk sie tun, wenn sie diese Fenster akzeptieren.“

„Machen wir alles. Aber es gibt einige „Unbelehrbare“ in unserer Stadt. Die bestehen darauf, ihre Gebäude selbst zu reparieren und zu schützen.“

„Dann müsst ihr eine härtere Gangart einlegen! Macht attraktive Veranstaltungen für die, die unsere Fenster eingebaut haben – und schließt die ohne unsere Fenster aus.

Droht ihnen, dass sie ihre Arbeit nicht mehr verrichten dürfen. Reisen ohnehin nicht. Sie müssen ja ihre Gebäude schützen … .

Zwingt sie, die Dichtigkeit ihrer selbst eingebauten Fenster ständig von euch testen zu lassen und lasst sie teuer dafür bezahlen.
Die Dichtigkeit UNSERER Fenstern testet ihr dann natürlich NICHT mehr! Wir wollen die Menschen schließlich nicht mit unerwünschten Ergebnissen „verwirren“, nicht wahr …?!

Und wenn selbst das alles nicht hilft, schließt ihr die „Fenster-Verweigerer“ eben ÜBERALL aus. Erlaubt ihnen nicht mal den Gang zum Einkaufsmarkt… .
Irgendwann habt ihr sie!

Dass ihr alle kriegt, ist WICHTIG, denn wenn erst alle unsere Fenster haben, wird NIEMAND mehr nachweisen können, dass sein Gebäude ohne unsere Fenster Einbrechern vielleicht besser stand gehalten hätte. Es gibt dann ja keine Vergleichsmöglichkeit mehr.“

Ein kleines Stimmchen meldet sich:

„Aber ist das, was wir jetzt machen, die ohne diese Fenster von allem auszuschließen, nicht irgendwie fast ein bisschen so, als würden wir eine Art unsichtbare Mauer in unserer Stadt zwischen den Gebäuden mit den neuen Fenstern und denen ohne errichten?
Ist es nicht vielleicht auch unethisch und unsolidarisch? Schließlich WISSEN wir doch gar nicht, was dieser Kitt wirklich für Folgen hat.
Und: Wenn diese Tests teuer zu bezahlen sind, können sich das doch unsere ärmeren Hausbesitzer gar nicht mehr leisten.“

„Dummerchen!“, antwortet die Bande, „Das ist doch der Sinn der Sache, dass die sich das nicht leisten können!
Wo ist das Problem? Sie brauchen doch nur unsere Fenster zu akzeptieren, und schon machen wir ihnen kaum noch Scherereien.
(Jedenfalls erstmal.
Solange der Kitt nicht erneuert werden muss… .)

Das mit der Mauer ist ein vollkommen unpassender Vergleich! Hast du es immer noch nicht verstanden: Was ethisch ist, das bestimmt IHR! Und ihr werdet schon eine Kommission finden, die euch bescheinigt, dass es ethisch ist, Menschen zu bestrafen, die über über Veränderungen an ihrem eigenen Haus selber bestimmen wollen, und die ihre Meinung frei sagen wollen, – anstatt Verantwortung für das Wohlergehen unserer Bande zu übernehmen.

Und, Dummerchen, du musst dich schon entscheiden, mit WEM du dich solidarisch erklären willst. Mit ein paar armen Bewohnern eurer Stadt, die euch zu nichts nutze sind, –
oder mit UNS?!

WIR sind reich und erfolgreich und haben sehr einflussreiche Freunde. Mit uns solidarisch zu sein, das ist klug, DAVON könnt ihr profitieren.“

Markus S. und Karl L. klatschen frenetisch Beifall, und der Rest des Rates der Stadt fällt schnell in diesen Beifall ein.
Besonders begeistert ist auch eine Gruppe grün Gekleideter, die zwar gar nicht in der Stadtregierung sitzt, sich aber gute Chancen ausrechnet, dort bald zu sein.
[Und jeder weiß, wer das anstrebt, sollte sich besser mit den RICHTIGEN solidarisch zeigen. Denen mit Macht, Geld und Einfluss … .]