Alltagsrassismus

Vielfarbig; Künstlerin: Dörte Müller

In letzter Zeit gibt es immer mal wieder Diskussionen, weil eine Straße umbenannt werden soll, die einen abwertenden Begriff enthält. Oder nach jemandem benannt ist, dessen „Verdienste“ aus heutiger Sicht eher zweifelhaft erscheinen. Jede*r möchte deutlich machen, dass er oder sie gegen Rassismus ist. Selbst als Sternsinger wurden vielerorts vorsichtshalber drei blonde Mädchen ausgesucht, um bloß nichts „falsch zu machen“. Ich will mich nicht darüber lustig machen. Es ist nicht an mir, zu bewerten, ob und warum sich jemand diskriminiert oder beleidigt fühlt.

Was mich an dieser Debatte stört, ist vielmehr, dass sie mir scheinheilig erscheint. Denn für mich wird hier immer nur der Deckel einer Sache ausgetauscht, ohne dass man in das Gefäß darunter schaut. Und mir erscheint dieses Gefäß tief und immer noch sehr gefüllt.

Denn: Selbstverständlich sehen wir Menschen anderer Hautfarbe uns Weißen gegenüber als absolut gleichwertig an – Wenn sie sich denn verhalten, wie Weiße. Unsere Anschauungen, unsere Ansichten, unsere Weltsichten teilen. Dann können sie sogar amerikanischer Präsident oder Vizepräsidentin werden. Was wir feiern, weil wir es für Gleichberechtigung halten.

Wenn jedoch jemand wie vor 100 Jahren als Stammesältester seines kleinen Dorfes in Afrika leben möchte, mit tiefer Verbindung zu seinen Ahnen, zu der Kultur seiner Ahnen und zur Natur, – dann sehen wir das selbstverständlich als völlig rückständig an. Und meinen vielleicht noch, dem Dorf „Entwicklungshilfe“ geben zu müssen. Denn wir Weißen können es irgendwie schlecht ertragen, wenn jemand unsere Weltsicht NICHT teilen will. Dann neigen wir dazu, „nachzuhelfen“.

Ich persönlich halte es nicht für rassistisch, jemand als „Rothaut“ zu bezeichnen, wenn er eine rote Hautfarbe hat. Aber ich halte es für rassistisch, sich über die alten indigenen Kulturen lustig zu machen. Diese für „primitiv“ zu halten, ihre uralten Weisheiten zu übersehen. Ihrem „Schamanismus“ gerade mal folkloristischen Wert zuzubilligen. Oder ihn als neues, v.a. in Kreisen des westlichen weiblichen Bürgertums beliebtes, „Konsumgut“ anzusehen und nur als solches zu akzeptieren. Weil in unserer ach so entwickelten Kultur eben grundsätzlich alles am „Marktwert“ bemessen wird.

Und wir Weißen WISSEN schließlich, wie es geht und wie es zu geht auf dieser Welt. Was diese Welt im Innersten zusammenhält. Wer denn, wenn nicht wir mit unserer RATIONALEN Wissenschaft? Wer diesem Weltbild nicht folgt, kann ja nur rückständig sein … . Und dem muss natürlich geholfen werden … .

Allein der Begriff „Entwicklungshilfe“ ist für mich ein rassistischer. Weil er suggeriert, dass wir Weißen „entwickelt“ seien. Unsere Kultur die beste und am höchsten „entwickelte“ der Welt sei, sozusagen evolutionär weiter fortgeschritten als andere. Weil wir Technik – und das, was wir für Wissenschaft halten, – anbeten, halten wir Völker, die das nicht in dem Maße tun (und die eine andere Art Wissenschaft haben), für rückständig.

Hilfe in Afrika ist gut und wichtig. Nicht, weil dies „rückständige“ Völker sind, die zu unserer Vorstellung von technologischem Fortschritt hin entwickelt werden müssten, sondern weil die Industriestaaten seit der Kolonialzeit dort die alten Strukturen aus purem Eigennutz weitgehend zerstört haben. Und daher aus meiner Sicht eine moralische Verpflichtung dieser Staaten besteht, hier auch Reparaturarbeit zu leisten. (Und zwar nicht mit dem Ziel, möglichst viele neue Konsumenten für westliche Güter zu schaffen.)

Haben wir eigentlich jemals das DENKEN aus der Kolonialzeit wirklich hinterfragt? Haben wir jemals begonnen, Kulturen, die anders sind als unsere, wirklich als GLEICHWERTIG anzusehen?

Und warum sind wir eigentlich so oft der Meinung, es wäre PEINLICH, wenn wir Deutschen in irgendetwas, wie z.B. der uns so wichtig erscheinenden Digitalisierung, „schlechter abschneiden“, als Länder, die wir für weit unter uns stehend halten? Was steht für eine Denkweise dahinter, wenn jemand sagt: „Das bekommen sogar die in Albanien besser hin.“? Warum meinen so viele Menschen in Deutschland ganz selbstverständlich, dass wir Deutschen toller, besser, intelligenter, fortschrittlicher, besser organisiert etc. sind als andere???

Und warum meinen oft genug dieselben Menschen, dass sie antirassistisch seien, wenn sie sich über ein Straßenschild aufregen?

Zensur versus Kreativität

Künstlerin: Dörte Müller

Wie man bereits an meinem Beitrag „Die Weihnachtsbotschaft 2020...“ sehen kann, mag ich Kreativitätstechniken. Ich wünsche mir immer, dass Politik und Gesellschaft an neuartige oder auch bestehende Herausforderungen herangehen, indem sie kreativ und offen nach den besten Lösungsmöglichkeiten suchen. In der Theorie denke ich mir, dass das so schwer nicht sein könne, schließlich wird es in vielen Unternehmen so gehandhabt. In der Praxis weiß ich, dass Kreativität leider das Gegenteil dessen ist, was die gegenwärtigen Strukturen in Politik, Medien und weiten Teilen der Gesellschaft fördern und zulassen.

Das liegt an der Starrheit großer Strukturen. Es liegt zu einem ganz großen Teil am überbordenden Lobbyismus, der sehr effektiv erreicht, dass Politik sich zugunsten von starken Interessengruppen – und nicht zugunsten des Allgemeinwohls ausrichtet.

Und es liegt an einer ängstlichen Selbstbeschränkung der Politiker*innen, die medial gesteuert wird. Denn kritisiert wird bei uns nicht, wer mit veralteten Ideen kommt, sondern wer bereit ist, etwas Neues auszuprobieren, damit von einem Konsens abzuweichen und wohlmöglich Risiken einzugehen. Unsere Kultur akzeptiert keine „Fehler“. Sie ist begierig danach, „Schuldige“ zu suchen und anzuklagen, wenn etwas nicht wie gewünscht läuft. Weiterentwicklung und Kreativität sind so kaum möglich.

Nicht einmal innovative Vorschläge sind politisch wirklich möglich, denn wer etwas angeblich „Peinliches“ oder auch nur von der Mehrheitsmeinung Abweichendes – diese wohlmöglich sogar Kritisierendes – von sich gegeben hat, für den war es das mit der Karriere. Da könnten die vorherigen Verdienste des Betreffenden noch so groß gewesen sein. Wen interessiert das schon. Wer abweicht, wird „fertig gemacht“.

Gerne auch mit Hilfe „satirischer“ „Anti-Preise“. Angeblich lustig. Aber, ist das nicht einfach nur Mobbing?! Mobbing ist nicht „lustig“! Ganz und gar nicht! Aus meiner Sicht ist es eine gewalttätige Methode, Meinungen oder Personen, die einem nicht passen, zu unterdrücken. Eine besonders fiese Art der Zensur und ein miserables gesellschaftliches Vorbild.

Wettstreit um die beste Lösung für anstehende Probleme? Wie denn unter diesen Voraussetzungen? Stattdessen ähneln sich die politischen Angebote zwangsläufig immer mehr an.

Nirgendwo wurde das so deutlich, wie bei Corona. Die Mehrheitsmeinung verwies auf DIE Wissenschaft und DIE Zahlen. Sie gab sich damit den Anschein der Objektivität – und die vermeintliche Legitimität, jede andere Meinung zu „Fake-News“ zu stempeln.

Aber DIE Wissenschaft, die gibt es gar nicht. Wissenschaft ist so vielfältig, wie die Wissenschaftler*innen, oder sollte dies zumindest sein (ebenso, wie Politik dies sein sollte), wenn sie gut ist und unvoreingenommen. Leider ist sie Letzteres selten und schon gar nicht in der Medizin.

In der Medizin ist Kreativität wenig gefragt. Vielleicht bei der Diagnosefindung manchmal noch ganz gern gesehen. Wenn die Diagnose aber steht, darf im Grunde gar nicht kreativ und individuell behandelt werden, sondern schon aus Haftungsgründen ist „leitliniengerecht“ die für die betreffende Diagnose vorgesehene Behandlung einzuleiten. Schlägt diese nicht an, wird selten die Behandlung hinterfragt, sondern meist stattdessen Dosis und / oder Dauer der Behandlung verstärkt.

Was bedeutet all das, wenn ein „neues“ Problem auftaucht?

Normalerweise schauen Menschen dann zunächst, ob es schon mal etwas Ähnliches gab, und welche Lösung man dort gefunden hat. Als SARS-CoV 2 auftauchte, lag es daher nahe, zu schauen, wie man es bei SARS-CoV 1 gemacht hat. Als Experte für SARS-CoV 1 galt ein gewisser Prof. Drosten. Somit galt er von Beginn an auch als Experte für SARS-CoV 2. Damals war man mit einer schnellen Isolierung der Infizierten gut gefahren. Also versuchte man das auch jetzt. Verständlich.

Als sich zeigte, dass bei SARS-CoV 2 die Symptome sehr viel unspezifischer waren, die Ansteckungsrate aber deutlich höher, hätte man in der freien Wirtschaft vermutlich versucht, kreativ neu nachzudenken und nach anderen Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Denn ganz offensichtlich passte die alte Lösung nicht so richtig, weil das Problem sich anders darstellte.

In der Politik (und auch in der Medizin) ist das mit dem kreativen neu Nachdenken aus o.g. Gründen schwieriger. Für mich ein Grund, warum man stattdessen an der alten Lösung festgehalten hat, auch wenn diese nicht mehr so richtig zu dem neuen Problem passte. Man hat also versucht, die Isolierung dann eben auf alle Menschen (krank oder gesund) auszudehnen, koste es, was es wolle. Damit das alle möglichst klaglos mitmachen, wurde gleichzeitig das Problem gewissermaßen an die „Lösung“ angepasst: Indem man immer wieder den Ernst der Lage betont(e), mit merkwürdigen Statistiken jongliert(e) – und die Verantwortung für die eigenen Entscheidungen ablehnt(e), mit der Behauptung, das Virus erzwinge diese. Diese Behauptung wurde von der Presse völlig unhinterfragt übernommen, sogar zum Dogma erklärt. Und so hat uns seitdem „ein Virus fest im Griff“.

Nun ist aber 2020 etwas passiert, was für mich gewissermaßen den Aufbruch in eine Neue Zeit markiert: Diese starre und dogmatische Vorgehensweise wurde nicht nur längst nicht von allen klaglos hingenommen. Sondern es haben sich – aus eigenem Antrieb – und Besorgnis um das Allgemeinwohl eine Menge Expert*innen öffentlich zu Wort gemeldet. Viele haben den eingeschlagenen Weg kritisiert und andere Lösungen vorgeschlagen. Es ging los mit dem Virologen Prof. Streeck, der mit der Heinsberg-Studie vorgeprescht war und gezeigt hatte, dass ein Vielfaches der in den offiziellen Statistiken auftauchenden Menschen Antikörper gegen Covid-19 hatten, die Erkrankung also bei sehr vielen Menschen symptomlos verlaufen war. Es ging (bekanntermaßen) weiter mit dem Epidemiologen und Mikrobiologen Prof. em. Bhakdi und dem Lungenarzt, Gesundheitsexperten und langjährigen SPD-Europaabgeordneten Wodarg.
Das „Zentrum für evidenzbasierte Medizin“ wies in seinen Stellungnahmen immer wieder sehr prägnant darauf hin, dass die vom RKI präsentierten Statistiken in der Form, wie sie präsentiert wurden, nichts mit Evidenz und Wissenschaftlichkeit zu tun hatten.
Wissenschaftler*innen, die von Universitäten stammten, die bis dato in allen Wissenschaftskreisen als die renommiertesten der Welt galten, wiesen in der Erklärung von Great Barrington öffentlich darauf hin, dass sie die Politik der Lockdowns für schädlich halten.
Etliche Ärzt*innen haben sich in verschiedenen Konstellationen immer wieder zu Wort gemeldet und die Maßnahmen der Regierung kritisiert.
Immer wieder wiesen Wissenschaftler darauf hin, dass der PCR-Test zu Diagnosezwecken nicht geeignet ist – und die Zahl der positiven Testergebnisse keine seriöse Grundlage für politische Entscheidungen sein könne.
Einige Jurist*innen hinterfragten deutlich die Rechtfertigung für die fortwährenden Grundrechtseinschränkungen.
Philosophen hinterfragten das Menschen- und Gesellschaftsbild, das die Medien zu beherrschen schien, wonach der Mensch in erster Linie eine potentiell tödliche Gefahr für seine Mitmenschen darstelle.
Kinderpsycholog*innen wiesen auf die Folgen der Maßnahmen und der Berichterstattung für die Psyche von kleinen Kindern hin. Altersforscher*innen auf die Folgen für alte Menschen. Mathematiker und Statistiker werteten über Monate akribisch die Sterbezahlen in unterschiedlichen Ländern aus – und kamen zu Ergebnissen, die das von Politiker*innen immer wiederholte Mantra der hohen Sterblichkeit an Covid-19 so nicht bestätigen konnten.
Pflegepersonal wies auf die seit Jahren bestehenden strukturellen und personellen Probleme in den Kliniken und Altenheimen hin, die eine wesentliche Ursache für das Ausmaß an schwereren und tödlichen Verläufen (nicht nur bei Corona) sind.
Viele wiesen auf die für etliche Branchen verheerenden wirtschaftlichen Folgen der Lockdowns hin. Und auf die psychologischen Folgen durch Existenzbedrohungen. Die Zunahme von Depressionen. Die Zunahme häuslicher Gewalt. Die Vergrößerung der Schere von arm und reich. Die Erschwerung oder Verhinderung von Hilfsprojekten. Und so weiter.

Leute aus verschiedensten Fachrichtungen boten an, ihre Expertise einzubringen.

Das hätte man als Geschenk ansehen können: Jede Menge ausgewiesener und bis dato hoch angesehener Expert*innen, die ihre Hilfe anbieten in einer neuartigen Situation. Hätte.

Tatsächlich hat man diese Leute keineswegs als „Geschenk“ angesehen, sondern – als Störenfriede. Sie störten die Geschichte der „Alternativlosigkeit“ des politischen Handelns.

Störenfriede nerven. Also hat man alles getan, um das Ansehen aller Kritiker*innen soweit wie möglich zu diskreditieren – und sie ansonsten zu ignorieren. Im Mobbing ist man in unserer Gesellschaft eben leider geübt… . Diejenigen Wissenschaftler*innen, die die Maßnahmen der Regierung gut hießen, waren offensichtlich ebenfalls nicht an einem möglichen Erkenntnisgewinn interessiert, sondern daran, die „Abweichler*innen“ nieder zu schreien (im übertragenen Sinn). Youtube hat offenbar kräftig mitgeholfen und gelöscht wie noch nie zuvor. Warum auch immer.

Sogenannte Fakten-Checker, also Menschen, die es als ihren Beruf anzusehen scheinen, unerwünschte Meinungen zu zensieren, suchten Irrtümer oder ungeschickte Formulierungen, die ein Kritiker der Maßnahmen irgendwann eventuell einmal von sich gegeben hatte. Und versuchten so zu begründen, dass man diese Personen nicht ernst nehmen könne (wenn man nichts Passendes fand, wurde der Person zumindest unterstellt, „rechts“ zu sein. Diese Unterstellung diskreditiert zuverlässig.). Offensichtliche Irrtümer von Herrn Drosten hingegen waren Zeichen einer „Weiterentwicklung der Wissenschaft“ – und der Mann wurde zum Helden stilisiert.

Nun ja. Das KANN man alles so machen (offensichtlich). Aber MUSS man es so machen?!

Muss man sich selbst von Anfang an so sehr auf EINE Lösung fixieren, dass man fast gezwungen ist, alle anderen Vorschläge als unerwünscht und angeblich „nicht gangbar“ zu zensieren?

Muss man Menschen persönlich diskreditieren, nur, weil einem deren Meinung nicht passt?

Wäre es nicht vielleicht gut, bei neu auftauchenden Problemen offen nach allen Seiten nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen?

Wäre es nicht vielleicht gut, bereit zu sein, einmal beschrittene Lösungswege auch immer wieder zu hinterfragen? Statt verbissen daran festzuhalten – und verzweifelt zu versuchen, sie als erfolgreich und alternativlos darzustellen? (Und noch einen Lockdown! Und wenn der wieder nichts bringt, dann eben noch strenger! Und länger!! Kein Hinterfragen der „Behandlung“, sondern immer weiteres Verstärken von Dosis und Dauer…)

Wäre es nicht vielleicht gut, andere Meinungen als wichtig und weiterführend zu betrachten, statt als „störend“?

Wäre es nicht vielleicht gut, Kreativität bei der Lösungssuche zuzulassen und zu fördern, statt sich von vorneherein selbst zu beengen und zu beschränken?

Wäre es nicht vielleicht gut, verschiedene Lösungsmöglichkeiten auszuprobieren, statt von vorneherein nur die Lösung zuzulassen, die dem entspricht, „wie man es immer gemacht hat“?

Wäre es nicht vielleicht gut, zuzuhören? Statt „überzeugen“ und – wo das nicht – geht, erzwingen zu wollen?

Stattdessen behauptet man lediglich immer wieder, dass man mit den aufgestellten „Regeln“ das Problem in den Griff bekommen würde. Den offensichtlichen Widerspruch zur Realität erklärt man damit, dass sich eben diese Kritiker der Maßnahmen nicht an diese halten würden, und das sei der Grund, warum es das Virus noch gebe. Ein klassischer Zirkelschluss, bei dem man eine Hypothese mit einer durch nichts bewiesenen Behauptung zu belegen sucht, weil man die Hypothese nicht hinterfragen will. Kreativität geht anders. Wissenschaftlichkeit auch.

Resümee: Für den Umgang mit Corona war vielleicht noch nicht wirklich zu erwarten, dass ein kreativeres Denken politisch (und medizinisch) möglich wäre.

Aber 2020 scheint mir gezeigt zu haben, dass es gesellschaftlich möglich ist und auch bereits geschieht – trotz aller Repressalien. Und das stimmt mich durchaus hoffnungsfroh.

„Gesundheit geht vor.“ Oder …???

Künstlerin: Dörte Müller

„Gesundheit geht vor.“ Das höre ich seit Monaten sehr oft. Es ist DIE Begründung für die Corona-Maßnahmen. Als grundsätzlich kritischer und v.a. als seit vielen Jahren chronisch (schwer) kranker Mensch bin ich mir da allerdings nicht ganz so sicher. Geht sie das?? Wessen Gesundheit? Und vor was geht sie?

Gerade habe ich mal wieder ein Buch ausgelesen, das davon handelte, wie man Krankheiten wie Demenz und insbesondere Alzheimer möglichst vermeiden oder zumindest hinauszögern kann. (Brant Cortright, Das Bessere Gehirn, in deutsch 2017 im Scorpio-Verlag erschienen.)

Man weiß inzwischen, dass das Gehirn prinzipiell lebenslang zur Neurogenese, also zur Neubildung von Hirnzellen, in der Lage ist. Man kennt Möglichkeiten, diese Neurogenese zu fördern. Und man weiß, was man vermeiden sollte, weil es den gegenteiligen Effekt hat.

Im Grunde ist es einfach, sagt der Autor: „Was will das Gehirn? Es will mit der Welt in Beziehung treten und seine Fähigkeiten nutzen, um sein Potential auszuschöpfen. Es will, dass es uns gut geht, dass wir lieben und unser Leben auf allen Ebenen genießen: Mit Körper, Herz, Geist und Bewusstsein. Warum sollten wir uns dem widersetzen?“ Tja, dachte ich, genau, warum sollten wir das tun?? Gesundheit geht schließlich vor … .

Was sollte man aus Sicht der Gehirngesundheit unbedingt vermeiden?

Isolation und Einsamkeit; Mangel an intellektueller Stimulation; mangelndes Gefühl von Sinnhaftigkeit; mangelnden Zugang zu spirituellen Praktiken bzw. Menschen.

Der Grund: Neurogenese braucht zwingend Stimulation, denn nur dann bleiben neu gebildete Hirnzellen bestehen. Wenn man ältere Menschen Isolation und Einsamkeit aussetzt, nimmt die Neurogenese zwingend ab. Und das ist kein vorübergehendes Phänomen. Mehrere Monate Isolation sind in jedem Alter extrem schädlich für das Gehirn und die Gesundheit. Bei alten Menschen richten sie nicht wieder gut zu machende Schäden an.

Geht Gesundheit vor, wenn wir Isolation und Einsamkeit gerade Älterer und auch kranker Menschen über Monate in erheblichem Maße fördern? Geradezu erzwingen?

Ein weiterer Hauptrisikofaktor ist chronischer Stress. Dieser fördert u.a. chronische Entzündungen, aber auch Depressionen, was sich beides negativ auf das Gehirn auswirkt.

Geht Gesundheit vor, wenn die unter dieser Überschrift ergriffenen Maßnahmen viele Menschen um ihre wirtschaftliche Existenz bangen lassen?? Wenn Maßnahmen, die strenge Kontrolle ihrer Einhaltung, und die Berichterstattung über Maßnahmen und Virus Angst und Stress verbreiten? Über Monate?? Wenn Mechanismen zum Stressabbau wie Sport, Tanzen, Kultur, menschliche Nähe im Gegenzug stark eingeschränkt bis nahezu unmöglich gemacht worden sind??

Wie anfällig das Gehirn eines Menschen für Stress ist, wird teilweise bereits im Mutterleib – oder noch davor – entschieden. Denn traumatisierte Mütter (und Väter) können sich nicht so um ihren Nachwuchs kümmern, wie dieser es gerade in den ersten zwei Lebensjahren für eine optimale Gehirnentwicklung bräuchte. Die für Angst zuständigen Gehirnregionen dieser Kinder sind von Beginn an sehr viel stärker ausgeprägt, als bei mit viel Liebe und Körperkontakt betreuten Babys. Ob sich das im späteren Leben jemals komplett ausgleichen lässt, ist offen.

Es ist davon auszugehen, dass auch ein großer Teil der in dieser Pandemie handelnden Personen in diesem Punkt eine schlechte Ausgangslage hat. Es ist die Generation, deren Eltern oder Großeltern durch den 2. Weltkrieg traumatisiert wurde. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum viele Entscheidungen in dieser Pandemie aus einem anscheinend eher negativen Menschen- und Weltbild heraus und nicht ganz so besonnen getroffen werden, wie ich es mir wünschen würde?

Gerade hörte ich einen Wissenschaftler im Radio stolz bemerken, dass er mit einer Studie festgestellt habe, dass Kinder und Jugendliche sich in der „Corona-Krise“ Sorgen machten um das Wohlergehen ihrer Eltern und Großeltern, und Angst hätten, diese wohlmöglich anzustecken. Das sei verantwortungsbewusst von der jungen Generation.

Ist es verantwortungsbewusst von den Erwachsenen, insbesondere von Wissenschaftler, auszublenden, was solche Ängste und Sorgen in Psyche und Gehirn von Kindern und Jugendlichen anrichten, auch langfristig? Und auch in Psyche und Gehirnen von Erwachsenen, insbesondere, wenn diese ohnehin anfällig sein sollten für Depressionen oder Angststörungen? Gesundheit geht vor…??

Was mich persönlich seit Monaten am meisten stört, sind gar nicht mal unbedingt die Maßnahmen an sich (jedenfalls nicht alle). Sondern die mit dem „Verkaufen“ dieser Maßnahmen einhergehende Bewusstseinsvermüllung.

Ich wünsche mir ein Programm, das es mir ermöglicht, zum Stichwort „Corona“ ausschließlich sachliche Informationen zu bekommen (Todesfälle im Vergleich zu anderen Erkrankungen und anderen Jahren um dieselbe Zeit; Intensivbettenbelegungen im Vergleich zu anderen Erkrankungen und Jahren im Herbst / Winter etc.) und sonst bitte nichts!
Ich will nicht „getröstet“ werden, weil – aufgrund der „unsichtbaren Bedrohung“ – „die Zeiten so schwer“ seien. Schon gar nicht von Leuten, die das, was für mich „diese Zeiten schwer“ macht, durch ihre eigenen Entscheidungen oder das „Promoten“ dieser Entscheidungen selbst herbei geführt haben und dies ständig weiter tun.

Ich lebe seit 30 Jahren mit teilweise starken Schmerzen (im Grunde nie wirklich schmerzfrei) und kontinuierlich schlimmer werdenden Bewegungseinschränkungen. Und dieses Gejammere über das „böse Virus, das so viel Schweres erzwingt“ nervt mich, – zumal ein Virus nichts erzwingen kann. Ich bin ein empathischer Mensch. Ich höre zu, wenn mir jemand erzählt, dass es ihm / ihr schlecht geht und nehme Anteil. Wenn mir aber in Nachrichtensendungen emotional rührselig aufbereitete Geschichten über Leute aufgezwungen werden, die Corona überstanden haben – und immer noch leiden, weil es so schlimm war… Dann reagiere ich aggressiv! Nicht gegenüber diesen Leuten, aber gegenüber den Journalist*innen, die deren Schicksal für ihre Zwecke missbrauchen.
Und ich will auch nicht täglich Zahlen zu Corona ohne jeden Zusammenhang und Bilder von einem beatmeten Menschen auf der Intensivstation vorgesetzt bekommen.
So etwas sind für mich keine journalistisch sachlich informativen Nachrichten, sondern Müll. Journalistische Quacksalberei mit dem einzigen Ziel, Menschen in ANGST zu halten. Gesundheit geht vor? Dass ich nicht lache … .

Von den „Corona-Maßnahmen“ selbst bin ich dabei an und für sich kaum betroffen. Ich bin aufgrund meiner Erkrankung, die sich dieses Jahr nochmal verschlimmert hat, inzwischen so stark bewegungseingeschränkt, dass ich das Haus wegen der damit für mich verbundenen Anstrengung ohnehin nur selten verlasse. Meinen Versuch, im Fitnessstudio dem Muskelverfall entgegen zu wirken, hatte ich schon vor dem 1. Lockdown nahezu aufgegeben. Danach komplett. Ich war noch nie eine große Arztgängerin, insofern stört es mich auch nicht, dass ich meine Hausärztin seit diesen „Hygiene-Maßnahmen“ nicht besuchen könnte. Denn ich müsste auf dem Flur anstehen und warten, bis es in der Praxis leer genug ist für alle Abstände. Ich kann nicht längere Zeit stehen. Und um den Block laufen ist für mich auch keine mögliche Option, wenn Sitzbänke Fehlanzeige oder (aus Abstandsgründen) gesperrt sind. Das wird Menschen, die Arztbesuche dringender bräuchten, als ich, möglicherweise nicht anders gehen. Ich kann auch nicht vor Läden anstehen und warten, bis es dort leer genug ist, damit ich rein darf. Macht nichts. Wir bekommen schon seit Jahren unsere Gemüsekiste vom Ökohof geliefert. Aber andere?

„Gesundheit geht vor.“

Was mir fehlt, sind meine Cafébesuche. Bisher hatte ich Wartezeiten zwischen Terminen in kleinen Cafés überbrückt. Dort gab es Stammkundschaft meist älterer Menschen. Einige freuten sich immer, wenn ich auftauchte, denn ich bin (trotz meiner chronischen Schmerzen) ein fröhlicher Mensch. Ihre Freude freute mich dann wiederum. Ob es diese Cafés noch gibt, weiß ich nicht. Ob es den 90-jährigen Stammgast noch gibt, für den sein täglicher Besuch dort DAS Highlight war, auch nicht. Er war bis auf seine Schwerhörigkeit körperlich und geistig sehr fit, hatte sicher keine Angst vor Corona und vor dem Tod ohnehin nicht. Aber er war sehr einsam seit dem Tod seiner Frau.

„Wir schützen die Alten.“ Tun wir das…???

Ich persönlich mag es ja sogar, dass die Adventszeit dieses Jahr besinnlicher wirkt. Menschen, die bisher allerdings hauptsächlich aktivistisch nach außen gerichtet gelebt haben (und das ist in unserer Zeit deutlich die Mehrheit), macht das erzwungene Aufsichzurückgeworfensein oft unruhig und aggressiv. Wenn das ohnehin schon unruhig aufgewühlte Bewusstsein dann noch täglich medial mit diesen Geschichten rund um Corona vollgemüllt wird, macht es das nicht besser.

Natürlich würde ich mich über diese Corona-Maßnahmen nicht ärgern, wenn ich den Eindruck hätte, dass damit die Zahl von Todesfällen und schweren Erkrankungen insgesamt gesenkt würde. Leider habe ich den Eindruck nicht. Die meisten Todesfälle treten in Pflegeheimen auf. In hoher Zahl während des Frühjahrs- und des Herbstlockdowns, also trotz (oder wegen?) dieser Maßnahmen. Realistischerweise wird man Infektionen in Pflegeheimen nicht völlig verhindern können. Und weitgehende Isolation macht alte Menschen nicht gerade weniger anfällig für Tod durch Covid-19 oder andere Erkrankungen. Es gibt einige Hinweise, dass man mit regelmäßigen Vitamin-D3-Gaben schwere Verläufe von Covid-19 in Pflegeheimen reduzieren oder gar verhindern könne. „Selbstverständlich“ wird diesen Hinweisen nicht nachgegangen bzw. sie werden klein geredet. Man könnte es zumindest versuchen (und mit Vitamin C zusätzlich) finde ich. Man tut es nicht. Gesundheit geht vor??

Die zugrunde liegenden und jetzt durch diese Maßnahmen so deutlich werdenden Probleme sind alle nicht neu. Es gab schon bisher erhebliche Unterschiede zwischen arm und reich, sowohl in Deutschland wie weltweit. Zwischen denen, die eine „gute Lobby“ hatten, und denen, die kaum gehört wurden. Zwischen denen, die profitieren und denen, zu deren Lasten dies geht. Die Schere ist durch die Corona-Maßnahmen eben nur nochmal deutlich weiter auseinander gegangen. Schon bisher waren die am Rand der Gesellschaft denen in der Mitte weitgehend gleichgültig. Die Hilfsangebote sind bedingt durch die Corona-Maßnahmen eben nur noch erheblich weniger geworden. Schon bisher war Alterseinsamkeit ein großes Problem, nicht nur in Pflegeheimen. Die Corona-Maßnahmen werfen nur ein Schlaglicht darauf.

Vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Vieles wird einfach sichtbarer und damit vielleicht ein deutlicherer Anstoß zum Umdenken.

Alleinsein zu können, sich nach innen zu wenden – und das Alleinsein vielleicht sogar als All-Eins-Sein zu spüren, das muss man üben. Wer das kann, wird sich nicht isoliert fühlen. Vielleicht können diese Corona-Maßnahmen insofern sogar eine Chance sein?

Gesundheit und Wohlergehen gehen vor. Also: Radio, Fernsehen, Computer und Handy aus – und Meditieren :-)!

Ja, statt seit Monaten weltweit wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren, und sich von einem Virus oder vielmehr den rund um dieses Virus erzählten Geschichten hypnotisieren zu lassen (und wohlmöglich auf eine fragwürdige Impfung zu warten, um wieder am Leben teilnehmen „zu dürfen“), könnten wir aus meiner Sicht Sinnvolleres tun. Denn ich bin überzeugt:

TIEF IM INNERN WISSEN WIR MENSCHEN ES LÄNGST BESSER!

Corona: Gesprächsangebot einer Andersdenkenden

Künstlerin: Dörte Müller

Hinweis: Dieser Beitrag ist ein Versuch, für mich die Hintergründe und Ursachen der sehr verschiedenen Bewertungen des Umgangs mit Corona zu beleuchten und zu verstehen. Ich hoffe, damit auch zum Verständnis meiner Sicht bei anderen beizutragen. Ich hole dabei etwas weiter aus, als man das bei dem Stichwort „Corona“ gewohnt ist und beschreibe verschiedene Stränge, die hier für mich eine Rolle spielen. Es ist meine Sicht und selbstverständlich muss niemand meine Bewertung und Wahrnehmung teilen. Wer bei dem Stichwort „Corona“ mit starken Ängsten oder sonstigen erheblichen Emotionen reagiert, sollte den Beitrag eher nicht lesen. Ich möchte niemanden verärgern. Mein Ziel ist im Gegenteil, mehr Verständnis zu schaffen. Über konstruktive Kommentare freue ich mich.

Die Bibel, Darwin und das Unterbewusstsein

„Macht euch die Erde untertan!“ Ich weiß noch, dass ich völlig entsetzt war, als vor vielen Jahren die Kanzlerin in einem Interview – gefragt nach ihrem Lieblingszitat aus der Bibel – diesen Satz nannte. Vielleicht war das für sie eine Möglichkeit, Christentum und Naturwissenschaft für sich zu verbinden. Ich weiß es nicht. Aber ich muss in letzter Zeit öfter daran denken, weil ich mich ja seit etlichen Monaten frage, warum die Corona-Politik so läuft, wie sie läuft. Inzwischen glaube ich, auch durch diese Blogs hier, das besser verstanden zu haben.

Ich stelle immer wieder fest, dass der überwiegende Anteil aller Menschen – zumindest in den Industrienationen – die Natur als etwas grundsätzlich Feindliches betrachtet. Auch mir ist das keineswegs fremd. So habe ich z.B. (eine mir unverständliche) Angst, von Tieren „angefallen“ zu werden; und eine Nacht alleine im Wald wäre mir unmöglich.

Wilde Natur scheint in dem Unterbewusstsein fast aller etwas Bedrohliches zu haben. Selbst bei Naturschützer*innen ist oft – zumindest unterschwellig – die Vorstellung da, die Natur einfach „machen zu lassen“, gehe nicht. Der Mensch könne es in jedem Fall besser. Und wenn der Mensch nicht eingreife, würde das verheerende Auswirkungen haben.

Entsprechend ist die als normal geltende Sicht auf Bakterien, Viren oder Parasiten, dass es sich um ganz widerliche „Waffen“ der Natur handele. Einen solchen „Angriff“ müssen wir selbstverständlich mit Gegenangriffen bekämpfen, um als Spezies zu überleben. Dass diese „Waffen“ der Natur für uns nicht unmittelbar sichtbar sind, macht sie noch heimtückischer.

Ich persönlich habe vor Viren und Bakterien relativ wenig Angst. Das dürfte in erster Linie der Tatsache zu verdanken sein, dass meine Mutter keine Angst davor hatte. Mir wurde eine entsprechende Angst daher nie, auch nicht unterschwellig, anerzogen.

Hinzu kommt aber, dass ich immer schon auch eine andere Stimme in mir gehabt habe. Die Stimme, die die Theorien Darwins bereits als Kind unlogisch fand. Die Stimme, die mir sagt „du bist ein Teil der Natur, und nicht GETRENNT von dieser„. Die Stimme, die dankbar ist für all wundervollen Gaben der Natur, und traurig, dass Menschen diese Gaben so wenig würdigen und stattdessen so oft zerstören. Weil sie meinen, die Erde wäre ihr „Untertan“.

Und diese Stimme wird lauter, je älter ich werde.

Das Gefühl der Trennung von der (als tendenziell böse wahrgenommenen) Natur ist aus meiner Sicht wesentlich ein Erbe der großen patriarchalischen Religionen und deshalb so verbreitet und auch in meinem Unterbewusstsein verankert. Darwin hat diese Religionen im Grunde durch einen neuen Mythos ersetzt und seine Ideen kamen (und kommen) bestimmten Interessen entgegen. Das macht seine Theorien vermutlich so langlebig. Sie wurden interpretiert als „survival of the fittest“, dienten der Rechtfertigung des „Rechts des Stärkeren“ und der Idee, dass es in dieser Welt zuvörderst um Konkurrenz und nicht um Kooperation geht. All das passte (und passt) in eine kapitalistische Welt.

Inzwischen gibt es zu meiner Freude jede Menge Bücher und Filme, die auf der Grundlage entsprechender Forschung, zeigen, dass in der Natur Kooperation evolutionär der wichtigere Faktor zu sein scheint. Und auch entsprechend verbreitet ist. Wir nur bisher zu selten den Blick dorthin gerichtet haben. Auch der Mensch ist ja, wie man inzwischen weiß, ein komplexes Kooperationssystem, das mehr Bakterien und sonstige Mikroorganismen beherbergt, als „eigene“ Zellen. Und ohne Bakterien auch gar nicht lebensfähig wäre.

Weil wir aber wissen, dass Bakterien auch krank machen können, sind wir ihnen gegenüber nicht etwa dankbar, sondern pauschal negativ eingestellt. Dabei ist bekannt, dass nicht ein Bakterium (oder Virus), sondern die Umgebung, die wir ihm bieten, bestimmt, ob (und wie sehr) es uns „krank macht“ oder nicht.

Aus meiner Sicht wäre es deshalb unbedingt sinnvoll, nicht ein Bakterium (oder Virus) zu „bekämpfen“, sondern für eine der Gesundheit förderliche Umgebung zu sorgen. Immer und überall. Aus meiner Sicht wäre es der Menschheit dienlich, den Fokus nicht auf das „gegen“, sondern auf das „mit“ zu legen. Mit der Natur. Und nicht mit riesigem Aufwand dagegen. Auch bei Corona.

Aus der gängigen Weltsicht heraus, befindet sich der Mensch in einem ständigen Überlebenskampf sowohl untereinander wie mit der Natur. Den Kampf mit der Natur hat er bisher nur deshalb überstanden, weil er dieser Natur kraft seiner Geistesgaben (wo auch immer die bei einem „Zufallsprodukt“ herkommen…;-)) überlegen sei. Das Virus ist nach dieser Wahrnehmung ein bedrohlicher Angriff aus der unberechenbaren und tendenziell feindlichen Natur, den man unbedingt „unter Kontrolle bekommen“ müsse.

Meine Sicht, wonach es eine Illusion ist, dass man ein Virus „unter Kontrolle bekommen“ könne, sondern mit ihm leben müsse, macht deshalb Angst. Das verstehe ich jetzt besser. Und auch, warum es der Politik in dieser Situation so schwer fällt, Hilflosigkeit und Ratlosigkeit zuzugeben. Das Gefühl von „Kontrollverlust“ weckt bei vielen Urängste. Die Illusion von Kontrolle ist bei den meisten von uns in fast jedem Lebensbereich erstaunlich ausgeprägt. Und ich verstehe, dass es beängstigend ist, wenn diese Illusion zerstört wird.

Mein Wunsch, statt einen Virus „zu bekämpfen“, den Fokus der Maßnahmen darauf zu legen, das Immunsystem des potentiellen „Wirts“ und die Natur zu stärken (indem man in diese weniger eingreift), das hieße wohl quasi „Kapitulation vor dem Feind“: Anzuerkennen, dass wir ein Teil der Natur sind, und es ein Irrweg sein könnte, sich die „Erde untertan zu machen“, weil der Mensch damit auf längere Sicht seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört. Das wäre nicht einfach nur eine andere Corona-Politik, das wäre Revolution. Denn es wäre genau das Gegenteil von allem, was wir jetzt tun.

Keine Maßnahmen „gegen“ das Virus, sondern stattdessen Maßnahmen FÜR das Leben zu ergreifen, ist in der gängigen darwinistischen Weltsicht keine Option. Das wird mir inzwischen klar. Auch, dass die überwiegende Zahl der Menschen Maßnahmen einfordert, weil sie ihnen ein Gefühl der Sicherheit in einer als bedrohlich empfundenen Lage geben. Sie WOLLEN, dass der Staat, dass die Regierenden für sie „sorgen“. Und während ich sowohl die Masken, als auch die Schließung von Kulturstätten, die Verhinderung von Berufsausübung in vielen Branchen, von Tourismus, von Feiern (im Freien; gegen ein Feuerwerksverbot hätte ich allerdings nichts ;-)) oder Präsenzseminaren, das Schließen von Sportstätten, Cafés, usw. als „gegen das Leben“ empfinde – und damit als kontraproduktiv, sehen sie sie als wichtige Maßnahmen „gegen das Virus“. Und die Lage als so gefährlich, dass man keine Zeit verlieren dürfe, indem man erst lange das Für und Wider abwägt.

Die Haltung gegenüber „Autoritäten“

Viele suchen in dieser von ihnen als sehr beängstigend empfundenen Situation einer unsichtbaren Bedrohung, die jederzeit „zuschlagen“ kann, nach Leitlinien und Halt. Sie sind daher dankbar, wenn es „Expert*innen“ gibt, die diesem Wunsch nach Leitlinien nachkommen, und Regierende, die sich sicher zu sein scheinen, welchen „Expert*innen“ man vertrauen kann und welchen nicht.

Dass man seinen eigenen Gefühlen und Wahrnehmungen nicht vertrauen dürfe, sondern „Expertenwissen“ höher zu schätzen habe, ist in unserer Gesellschaft ohnehin Konsens.

Mir allerdings kommt eine solche Sichtweise so vor, als wäre ich einer Kirche gelandet, die von mir verlangt, das „überlegene Wissen ihrer Priester“ unhinterfragt zu akzeptieren. Und auch die Bewertung ohne wenn und aber zu akzeptieren, welche Priester*innen die „Wahrheit“ verkünden, und welche „Sektenführer*innen“ seien, die man meiden müsse.

Nur, ich mag das nicht einfach so akzeptieren. Viele Menschen finden es normal und selbstverständlich, „Obrigkeiten“ und „Autoritäten“ bedingungslos zu vertrauen. Andere sind da aus biografischen oder sonstigen Gründen weitaus kritischer. Bei mir ist es im Wesentlichen meine langjährige Beschäftigung mit Medizin. Bei der ich immer wieder darauf gestoßen bin, wie sehr hier finanzielle Interessen eine Rolle spielen, wie oft Verflechtungen und Interessen das Handeln bestimmen, und nicht der Leitsatz des Gemeinwohls. Das hat nichts damit zu tun, dass die Handelnden schlechte Menschen sind, sondern mit dem Bezahlungssystem in der Gesundheitspolitik und dem erheblichen Einfluss der Pharmaindustrie auf diesem Gebiet. Daher ist es für mich normal, mir medizinische Ratschläge immer auch unter diesem Gesichtspunkt anzuschauen und mir in jedem Fall verschiedene Meinungen und Experten anzuhören.

Ich vertraue nicht bedingungslos und entsprechend empfinde ich es als anmaßend und bevormundend, wenn Regierende sich wie „Eltern“ gerieren, die tief in mein Leben eingreifen und mir (notfalls mit Zwangsmitteln) sagen, was ich zu tun und zu lassen habe, mit der Begründung, dies sei „alternativlos“. Insbesondere dann, wenn sie behaupten, mich und alle anderen damit vor einer Gefahr schützen zu wollen, die ich als medial aufgebauscht und in Teilen konstruiert empfinde. (Dass ich das so empfinde, liegt natürlich auch an meiner grundsätzlich kritischen Haltung zu „Obrigkeit“.) Dann läuten bei mir Alarmglocken. Während andere diesen erzwungenen Schutz als fürsorglich ansehen und mich als „verantwortungslos“. Und vielleicht sehe ich mich hier auch tatsächlich zu wenig in der Verantwortung für andere.

Natürlich bin ich hier zudem auch inkonsistent. Denn auf anderen Gebieten hätte ich durchaus gerne mehr staatliche Eingriffe: Zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen, damit dieser Planet auch künftig lebenswert bleibt. Nicht Eingriffe in das Leben Einzelner, sondern (weltweite) Vorgaben an die Wirtschaft, diesen Planeten nicht zu zerstören. Notfalls finanziell abgefederte Vorgaben. Corona zeigt für mich, hier geht Einiges, wenn man es denn politisch will.

Die Frage der Spiritualität

Hinzu kommt, dass die meisten Menschen (Darwin folgend) an eine zufällige Evolution glauben. Aus meiner Sicht tun sie das nicht, weil dies irgendwie wahrscheinlich wäre (das sich etwas so Komplexes, wie ein Mensch „zufällig“ gebildet hat, ist mathematisch unmöglich), sondern weil ihnen alles andere zu sehr nach den Religionen klingt. Und die hatten sie als aufgeklärte Menschen hinter sich zu lassen geglaubt. Die heutige Wissenschaft definiert sich geradezu aus dieser Abgrenzung heraus. Das hat Folgen für die Sicht auf das eigene Leben, auf den Tod und auch auf diese Welt, der man damit natürlich nicht trauen kann. Und es hat Folgen dahingehend, dass man die eigentlichen Fragen des Lebens nicht oder kaum erforscht, sondern sich auf die messbare Materie fokussiert, obwohl diese in unserem Universum eine geringe Rolle spielt.

Menschen wie ich, die sich und die Welt nicht als reine Zufallsprodukte ansehen, folgen offensichtlich einer Weltsicht, die so etwas wie Spiritualität zulässt und einbezieht. DAS aber will man in weiten Teilen von Wissenschaft, Politik und Wirtschaft unter gar keinen Umständen. Die scharfe Abgrenzung zu „Esoterik“ ist für viele Wissenschaftler*innen Grundbedingung der Wissenschaftlichkeit. Also werden Menschen wie ich zu „esoterischen Spinnern“. Weil man uns als genau solche sieht. Wir weichen ab von einem langjährigen Konsens. Dass es auch mehr und mehr Wissenschaftler*innen gibt, insbesondere solche, die sich mit Quantenphysik beschäftigen, die diese Abgrenzung für veraltet halten, macht es aus der Sicht der Konservativen in der Wissenschaft nicht besser, vielleicht sogar eher noch schlimmer.

Denn in der gängigen Weltsicht gilt „Abgrenzung“ als positiv. Sie sieht es deshalb als normal und sogar als wichtig an, sich auch von Menschen abzugrenzen. Von Menschen mit „falschen“ Meinungen. In der spirituelleren Weltsicht hingegen gilt Trennung tendenziell als Illusion und das ständige Abgrenzen und gegenseitige Bekämpfen und Bekriegen als Irrweg.

Schuldzuweisungen

Das führt zu dem Punkt, der mir an der Corona-Geschichte überhaupt nicht gefällt: Durch das Narrativ, wir könnten das Virus „unter Kontrolle bekommen“, entsteht eine Art Zwang, Schuldige zu suchen, warum das denn immer noch nicht geklappt hat mit der Kontrolle. Ob „Maskenverweigerer“, die angeblich „den Tod anderer in Kauf nehmen“ oder „menschliches Versagen“ bei Ausbrüchen in Pflegeheimen, das „es nicht geben dürfe“. Gerade auch Politiker*innen sind hier mit „Schuldzuweisungen“ alles andere als zimperlich.

Dass nach den bisherigen Großdemonstrationen ohne Maske die Infektionszahlen nie signifikant stiegen, will niemand wissen. Dass man mit Schuldzuweisungen in Pflegeheimen nicht nur Menschen beleidigt, die sich meist aufopferungsvoll um andere gekümmert haben, sondern auch noch Gefahr läuft, dass Infektionen aus Angst vor Strafe und Stigmatisierung wohlmöglich verschwiegen werden, auch nicht.

„Schuldige“ zu haben, beruhigt die Menschen anscheinend. Es eröffnet die Möglichkeit, alles wäre „gut“, gebe es nur nicht diese Querulanten. Damit dürfen diese ihre andere Meinung auch selbstverständlich nicht sozial ungestraft verbreiten. Wer das tut, läuft Gefahr, ausgegrenzt und seiner Karriere und Freundschaften beraubt zu werden, denn er oder sie wird damit zu den „Schuldigen“ gezählt (vgl. zu diesem Punkt auch meinen kleinen Beitrag „Meinungsfreiheit…“).

Natürlich stört mich dieses „Schuldige“ suchen der anderen Seite genauso. Plakate mit Drosten, Gates oder sonstigen in Sträflingskleidung finde ich ebenso daneben, wie die Bezeichnung von Politiker*innen und Journalist*innen als „Verbrecher“.

Und ich glaube auch nicht, dass die verbreitete Hoffnung auf die „erlösende“ Impfung als Folge einer „Verschwörung“ einer Elite oder als Versuch, eine „Diktatur“ zu errichten, zu bewerten ist. (Meine Haltung zum Impfen allgemein siehe „Ein kleiner Pieks…“)

Das politische Handeln folgt vermutlich schlicht und einfach einer Weltsicht, die ich persönlich für veraltet halte. Und die aus meiner Sicht deutlich mehr den Interessen des globalen Kapitals, als denen der Menschen dient. Die aber die Weltsicht ist, der derzeit noch der weit überwiegende Teil der Menschen zu folgen scheint.

Ich bin überzeugt, dass sich das ändern wird. Dass wir uns derzeit in einer Phase des Übergangs befinden, die vielleicht auch dazu führt, dass gerade besonders hart gekämpft wird um Deutungshoheiten. Wenn langjährige „Gewissheiten“ plötzlich gar nicht mehr „gewiss“ erscheinen, wächst logischerweise die Unsicherheit. Einige versuchen, sich das zunutze zu machen, andere haben einfach Angst. Und wissen nicht mehr, was sie glauben sollen. Und ich persönlich habe mit dem Wort „sollen“ ein Problem … .

P.S.: Mein Lieblingszitat aus der Bibel ist übrigens „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“.

Haltung zeigen

Künstlerin: Dörte Müller

Schon seit einigen Jahren fällt mir auf, wie oft es allenthalben heißt, man müsse „Haltung zeigen gegen …“. Ich bin dann immer ganz unglücklich. Nicht wegen der „Haltung“, sondern wegen des Wortes „gegen“.

Es gilt als tugendhaft, „Haltung zu zeigen gegen“ Menschen, die einem zu „rechts“, zu „links“, zu „islamisch“ (islamistisch) oder sonst irgendwie „extremistisch“ vorkommen. „Haltung“. „Klare Kante.“ Dem Menschen „mutig“ sagen, was man von ihm oder ihr hält. Das wird gefeiert. Ein Held, wer sich das traut!

Ich bin bei Heldentum immer etwas skeptisch. Und oft genug erscheint es mir nicht einmal besonders heldenhaft, wenn ich – sicher in der Mehrheitsmeinung eingebettet – einer „Randgruppe“ sage, was ich von ihr halte, so als Mensch. Dann wirkt das auf mich nicht mutig, sondern irgendwie billig. So, als käme es mir mehr auf die Anerkennung der anderen an, als darauf, etwas „Gutes“ zu bewirken. Welche Absicht steht hinter dem „Haltung zeigen“? Das ist für mich die Frage. Was will man erreichen?

Ich frage mich das deshalb, weil das „Haltung zeigen“ nach meiner Wahrnehmung oft so erfolgt, dass dem Menschen aus der „Randgruppe“ gesagt oder bedeutet wird: „Du bist böse. Das, was du denkst, darfst du nicht denken. Wir wollen dich nicht.“

Mit welcher Erwartung sagt man das? Erwartet man, dass dieser Mensch dann reumütig nickt und antwortet „Danke für den Hinweis. Ich werde an mir arbeiten.“?

Ich fürchte, das widerspräche allen psychologischen Erfahrungen. Irgendwie erscheint es mir deutlich wahrscheinlicher, dass dieser Mensch wütend wird, sich unverstanden fühlt, seinerseits nun auch erst recht „Haltung zeigt“ und sich weiter radikalisiert. Was hat man dann durch die „Haltung“ gewonnen? Außer vielleicht, dass man sich gut und mutig fühlt, weil man sich getraut hat, dem anderen zu sagen, dass man ihn nicht mag und sein Verhalten „nicht toleriert“? Im Zweifel hat man damit erreicht, dass sich die Fronten weiter verhärten. Und dass man genau das verstärkt hat, was man eigentlich „weg haben“ wollte. (Statt den eigenen Anteil an der Situation wahrzunehmen, beschweren sich die „Haltung Zeigenden“ dann leider oft nur über die „Aggressivität“ der anderen Seite. Und sehen sich nun natürlich erst recht berechtigt oder gar in der Pflicht „Haltung zu zeigen“. Die Spirale dreht sich … .)

Können wir nicht stattdessen vielleicht besser „Haltung für“ etwas zeigen? Für Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe? Für gegenseitiges Verständnis?

Das bedingt ein offenes Ohr, auch gegenüber Menschen, deren Meinung man zunächst völlig daneben findet. Während es vielleicht manchmal mutig ist, Haltung „gegen“ jemanden zu zeigen, erscheint es mir wahrhaft groß und schwierig und auch mutig, Haltung für positive Werte zu zeigen, wenn das Gegenüber einem genau das nicht gerade leicht zu machen scheint.

Sich über „Deppen“ aufzuregen, ist einfach. Das kann jede*r. Aber wer kann oder will dem betreffenden „Deppen“ schon wirklich zuhören? Ihn als „Mensch“ betrachten, auch dann, wenn dieser Mensch vielleicht gerade eine These von sich gegeben hat, bei der sich einem der eigene Mageninhalt umdreht? Aber vielleicht hat sich dieser Mensch ja auch einfach nur ungeschickt ausgedrückt? Vielleicht habe ICH etwas in seine oder ihre Meinungsäußerung hineininterpretiert, was dieser Mensch überhaupt nicht mit seiner Äußerung meinte?

ZUHÖREN. Gefühle wahrnehmen und eigene Gefühle äußern. Aus meiner Sicht scheint das der einzige Weg zu sein, wenn man als Gesellschaft Radikalisierung und Extremismus „bekämpfen“ will. [Ich verstehe unter „Extremisten“ Menschen, die so in eine Idee bzw. Ideologie verfangen sind, dass sie meinen, sie täten etwas „Gutes“, wenn sie andere Menschen um dieser Ideologie wegen verletzen oder gar töten wollen.] Zuhören und versuchen, zu verstehen. Mit „klarer Kante“ und Stigmatisierung hingegen befördert man meines Erachtens bei der betreffenden Person oft genug genau die Gefühle, die überhaupt erst zu ihrer Radikalisierung geführt haben. Gefühle wie Wertlosigkeit. Außenseiter sein. Sich nicht gesehen fühlen. Sich von einer Mehrheit unterdrückt fühlen. Seiner Würde oder Ehre beraubt fühlen. Sich chancenlos fühlen.

Solche Gefühle machen anfällig für das Anwerben durch radikale Gruppierungen, die die Anerkennung zu bieten scheinen, die die Mehrheitsgesellschaft verweigert. Natürlich sind die Umstände, warum jemand in die Fänge einer solchen Gruppierung gerät, immer komplex. Aber ich persönlich glaube, „klare Kante“ ist häufig die schlechteste aller Möglichkeiten für die Mehrheitsgesellschaft, damit umzugehen. Insbesondere, wenn es um Personen geht, deren Radikalisierung sich vielleicht noch nicht total verfestigt hatte.

Im Großen (bei „echten“ „Extremisten“) wie im Kleinen (bei gerne so genannten „Maskenverweigerern“, die erstaunlich vielen Menschen als neue „Extremisten“ gelten) bin ich der Meinung: Die meisten Menschen sind bunt und haben viele unterschiedliche Facetten und Motivationen. Ihnen EIN Label anzukleben, das einem dann ermöglicht, diesen Menschen mit „gutem moralischen Gewissen“ zu verurteilen, heißt aus meiner Sicht, sich die Sache ziemlich zu vereinfachen, sie manchmal vielleicht sogar auch zu verdrehen. Ohne damit etwas zu gewinnen, wenn man als Mehrheitsgesellschaft tatsächlich an der Zunahme „positiver“ Werte interessiert sein sollte. Andere zu verurteilen, weil sie bestimmte Dinge anders sehen, anders bewerten, als man selbst. Das spricht aus meiner Sicht selten dafür, dass man als (Ver-)Urteilende*r ein moralisch besserer Mensch ist.

Dieses gegenseitige Nichtzuhören, das man jeweils dem oder der anderen vorwirft. Meist voller Empörung – und ohne zu merken, wie wenig man diesem oder dieser gerade selber zugehört hat. Jeweils gefangen im eigenen Bunker. Das ist derzeit sehr in. Und längst nicht nur gegenüber „Extremisten“.

Spricht das wenigstens dafür, dass man sich seiner Sache sehr sicher ist? Zum Beispiel, weil man sich in der Mehrheit befindet? Oder spricht es nicht vielleicht sogar eher dafür, dass man sich seiner Sache überhaupt nicht sicher ist? Und genau deshalb – obwohl man sich in der Mehrheit befindet – Widerspruch, andere Ansichten, nicht dulden mag und kann? Weil man befürchtet, diese Mehrheit sonst möglicherweise zu verlieren?

Ich weiß es nicht. Aber immer, wenn ein Politiker sagt, man müsse als Mehrheitsgesellschaft „Haltung zeigen gegen …“ beschleicht mich ein ungutes Gefühl.

„Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“

schrieb jemand in die Kommentarspalten einer meiner letzten Beiträge.

„Wie wahr!“ dachte ich. Oder?!

Ich kann nicht beurteilen, wie der Kommentarschreiber diesen Satz genau meinte. Nur, wie er bei mir ankam: Schon Rosa Luxemburg hatte diesen Satz vermutlich eher als Forderung an „die andere Seite“ verstanden, als dass sie bereit gewesen wäre, der anderen Seite diese Freiheit auch selbst zuzugestehen.

Mir scheint dieser Satz auch heute noch meist einseitig verwendet zu werden. Jede*r möchte für sich die Freiheit, „anders zu denken“. Aber wer möchte dieselbe Freiheit schon jemand zugestehen, der oder die eine andere Meinung hat, als man selbst? Nach meiner Wahrnehmung fällt es dabei den wenigsten Menschen auf, dass ihre Forderung einseitig ist. Denn sie ziehen die Grenze, etwas Anderes denken zu dürfen, als sie, dort, wo sie „nun einmal Recht haben“. Da, wer Anderes denkt, damit automatisch „im Unrecht“ ist, darf er oder sie DAS dann natürlich nicht denken. Denn, was „richtig“ ist, müsse nun einmal jede*r akzeptieren. Dass der Andersdenkende etwas Anderes für „richtig“ hält, wird vielfach nicht als dessen Freiheit, sondern als Zumutung empfunden.

Wenn die Person, die den o.g. Satz zitiert, eine Mehrheitsmeinung vertritt, ist sie sich ihrer Wahrnehmung „richtig“ zu liegen, meist besonders sicher, so scheint es mir. Schließlich sagen das doch alle, die „Ahnung“ haben von der Sache. Alle, außer ein paar „Außenseiter*innen“ eben. Und wie viel Freiheit sollte man Außenseiter*innen, die mit merkwürdigen Ideen und Ansichten kommen, geben? Und warum? Die verunsichern doch im Zweifel nur, oder? Was verunsichert, will man nicht, sagt man mir. Unsicherheit gebe es schon genug. Menschen sehnten sich nach eindeutigen Antworten, alles andere mache Angst. Und wo Angst herrsche, dürfe – nein müsse man sogar – Freiheit beschränken. (Auch wenn es zu den Ursachen dieser Angst verschiedene Sichtweisen geben kann.)

Ich bin in einem Alter, in dem man oder frau genug Lebenserfahrung hat, um gelernt zu haben, dass das mit den „eindeutigen Antworten“, dem „richtig“ und dem „falsch“ selten so „eindeutig“ ist. Mehrheitsmeinungen bilden sich aus meiner Sicht, insbesondere heutzutage, selten dadurch, dass ihre „Richtigkeit“ auf der Hand liegt, sondern dadurch, dass man sie oft genug zu hören bekommt. Man kennt das Phänomen aus der Werbebranche. Aber „Markenware“ ist längst nicht immer qualitativ besser, als das „No-name-Produkt“. Es wurde eben nur mehr Geld in das Marketing gesteckt.

Und wenn man genauer hinschaut, erscheint in dieser Welt auch das Wenigste „schwarz“ oder „weiß“. Sondern zum Glück ist das Meiste sehr bunt. Zumindest aber grau in allen Schattierungen …. Deshalb neige ich persönlich dazu, immer sofort alles zu hinterfragen, was mir jemand als „eindeutig schwarz“ oder „eindeutig weiß“ präsentiert. Wenn ich dann noch das Gefühl habe, dass sozusagen „institutionell vorgegeben“ wird, was „schwarz“ oder „weiß“ ist, dann beginnt meine „rote Lampe“, auf „ALARM“ zu schalten.

Bunt denken zu dürfen, ohne dass mich jemand dafür verurteilt. Und ohne, dass mir jemand sagt, dass ich SO nicht denken DÜRFE. Das ist für mich Freiheit. Die Freiheit der Andersdenkenden.   

Dieser Freiheit fühle ich mich beraubt, wenn jemand von oben herab festlegt, was ich als „richtig“ zu akzeptieren habe. Wenn mir gar gesagt wird, dass ich das Denken doch bitte „den Experten“ zu überlassen habe, weil MIR für das Denken die formale Ausbildung auf dem betreffenden Gebiet fehle. Dann wähne ich mich in einer Art (die eigene Unfehlbarkeit reklamierenden) Religion gelandet – und nicht in der „Wissenschaft“.

Die Freiheit der Wissenschaft, die Freiheit des Diskurses, bedingen sie nicht gerade, stets offen zu sein für die gegenteilige Ansicht? Immer wieder jede Hypothese zu hinterfragen? Ist ein zuvorderst sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlende*r Wissenschaftler*in nicht vielleicht sogar dankbar für jeden Anstoß, der den eigenen Blick erweitern könnte? Auch am (konstruktiven) „Laienblick“, insbesondere aber am fachübergreifenden Blick zu dem betreffenden Thema interessiert? Gerade, weil diese Blicke aus einer anderen Perspektive kommen? Es vielleicht erleichtern können, den Wald zu sehen, wo man als hochspezialisierte*r Wissenschaftler*in den Blick nur noch auf die Äderchen des einzelnen Blattes eines bestimmten Baumes gerichtet hatte?

Bin ich als Wissenschaftler*in wirklich an einer steten Erweiterung des eigenen und des allgemeinen Wissens interessiert, wenn ich fordere, dass ein Diskurs zu einem Thema, das alle oder viele Menschen betrifft, auf die eigene Zunft beschränkt sein solle? Bin ich wirklich an einer Erweiterung des eigenen und allgemeinen Wissens interessiert, wenn ich dabei offene Diskussionen mit „ketzerischen“ Abweichler*innen aus der eigenen oder benachbarten Zünften nicht führe, weil diese „nur Unruhe schüren“ würden? Oder mir meine Zeit „zu schade ist“?

Bei Themen, die alle Menschen betreffen und in das individuelle Leben jedes Einzelnen eingreifen: Reicht es da, wenn man sagt, dass man „den Laien“ einfach nur gut „erklären“ müsse, was diese dann zu akzeptieren – und in ihrem Leben umzusetzen hätten?

Mir jagt diese durchaus verbreitet erscheinende Ansicht ein Schauer über den Rücken. Es ist für mich eine Wissenschaft, die sich als eine nicht hinterfragbare Elite versteht. Und als solche festlegt, dass „Abweichler*innen“ „nicht ernst zu nehmen“ seien und der breiten Masse keine weitere Mitsprache zukomme als ein: „Ja und Amen, Herr oder Frau Professor*in, und vielen Dank!“… Ist das noch Wissenschaft? Oder doch eher Kirche?

Mit dem Hinweis auf nicht hinterfragbare „Expertenmeinungen“ Politik zu machen, ist aus meiner Sicht ein unmittelbarer Angriff auf die (Meinungs-)Freiheit. Denn auch „Experten“ sind nur Menschen. Und Menschen ist nun einmal zu eigen, dass sie sich irren können. Manchmal gewaltig. Umso unverständlicher erscheint es mir, wenn Politik nicht einmal abweichenden „Expertenmeinungen“ ein Forum geben möchte, aus Angst, dies könne Unsicherheit schüren.

Ich persönlich würde mich hingegen deutlich „sicherer“ fühlen, wenn ich den Eindruck hätte, dass vor der politischen Entscheidung möglichst viele verschiedene Meinungen und Expert*innen aus den unterschiedlichsten Richtungen gehört wurden. – Und wenn ich den Eindruck hätte, dass man bereit wäre, einmal getroffene Entscheidungen auch immer wieder völlig offen zu hinterfragen. Aber vielleicht geschieht all dies auch, und nur mein anderer Eindruck täuscht mich?

 

Die Freiheit der Andersdenkenden zu akzeptieren, heißt für mich selbstverständlich nicht, dass ich die Meinung der andersdenkenden Person für mich übernehmen muss. Es heißt auch nicht, dass ich diese Meinung nicht hinterfragen und der Person sagen darf, dass ich die Sache anders sehe. Aber es heißt für mich, dass ich der Person die Freiheit zugestehen muss, dass auch sie IHRE Meinung behalten darf. Ohne, dass ich die Person für diese von mir für „falsch“ gehaltene Meinung innerlich oder äußerlich verurteile.

Das nimmt leider nach meiner Wahrnehmung sehr zu. Das öffentliche Verunglimpfen und Verurteilen von Personen, die eine Meinung geäußert haben, die einem selbst nicht passt. Wenn dieses Verunglimpfen dann auch noch durch Institutionen geschieht, wie Medien oder Politik, sehe ich es besonders kritisch. Solche Institutionen haben eine besondere Macht und damit auch eine besondere Verantwortung. Selbstverständlich dürfen auch Menschen in Medien und Politik Meinungen haben. Aber wenn aus so einer Position heraus andere Meinungen immer wieder verunglimpft werden, ist das für mich eine äußerst bedenkliche Entwicklung. Aber auch hier sind natürlich letztlich Menschen am Werk mit all ihren Irrungen und Wirrungen.

Andere zu Verurteilen scheint uns allen schon lange zu unserer zweiten Natur geworden zu sein. Das ganz aufzugeben, schaffen meiner Meinung nach nur wahrhaft „erleuchtete“ Menschen, wovon ich persönlich weit entfernt bin. Aber ist es nicht wert, es trotzdem zu üben? Sich zumindest bewusst zu machen, dass man den Anspruch, den man an andere stellt, auch selber erfüllen darf? Insbesondere als Inhaber*in einer Machtposition?

Für die Zunahme von Freiheit und Friede auf dieser Welt?!

Wobei: Kann der Friede wirklich zunehmen, wenn wir mehr Freiheit zulassen? Oder passiert genau das Gegenteil, weil die Menschen nicht „reif genug“ sind für zu viel Freiheit? Müssen sie „geführt“ werden, durch die Kirche, durch wissenschaftliche Expert*innen oder durch Politiker*innen? Nach meiner Wahrnehmung haben diese Institution allesamt eine gewisse Tendenz, sich als „Eltern“ erwachsener Menschen zu verstehen. Was ich nicht leiden kann. Was andere aber möglicherweise sogar erwarten.

Der Mensch, der in meinem Blog kommentiert hat, sagte Toleranz habe Grenzen. Wie ist es mit den Grenzen der Freiheit der Meinungsäußerung, frage ich mich. Darf, oder muss man diese Freiheit begrenzen? Welche Grenze wäre die „richtige“? Hat zum Beispiel Rosa Luxemburg eine solche Grenze überschritten, soweit sie zu Gewalt und Anarchie aufgerufen hat?  

Artikel 5 Grundgesetz sieht die Grenze (von mir etwas vereinfacht ausgedrückt) dort, wo man mit seiner Meinungsäußerung gegen Gesetze (oder das Recht der persönlichen Ehre eines anderen) verstößt. Aber Rosa Luxemburg hat nicht in der Zeit des Grundgesetzes gelebt. Und vielleicht kann es Situationen geben, in denen ein Gesetzesverstoß der Menschheit mehr dienen kann, als die Befolgung? Wer will das beurteilen – und nach welchem Maßstab?

Letztlich muss wohl jede*r mit dem eigenen Gewissen vereinbaren, was er oder sie veröffentlicht. Gedanken Anderer kann man ohnehin nicht beschränken. Nur den öffentlichen Ausdruck dieser Gedanken.

Ich persönlich denke, in einer gut funktionierenden Demokratie sind die Regelungen des Art. 5 GG ein geeigneter Maßstab für eine Schranke der zulässigen Meinungsäußerung.

Aber alle anderen Meinungen sollten sich in all ihrer Vielfalt überall ausdrücken lassen dürfen und sich in den sozialen und den „offiziellen“ Medien in genau dieser Vielfalt auch widerspiegeln. Niemand sollte wegen irgendeiner Meinung, die nicht der „herrschenden“ entspricht, mit unliebsamen Konsequenzen und persönlichen Ausgrenzungen und Angriffen rechnen müssen oder gar öffentlich lächerlich gemacht werden. „Herrschende“ Meinungen sollten der Vergangenheit angehören!

Das ist für mich die „Freiheit der Andersdenkenden“. Und für Euch?

Dank an den Menschen, der mich mit seinen Kommentaren zu meinem Beitrag „Schubladen…“ zu diesen Gedanken angeregt hat!      

Schubladen und Feindbilder

Schubladen; Künstlerin: Dörte Müller

Wer gibt schon zu, „in Schubladen zu denken“? Niemand. Klingt irgendwie doof. So irrational. Aber unsere Gehirne tun genau das. Deshalb wirken sogenannte Frames so gut. Unsere Gehirne sind im Grundsatz „faul“. Sie hinterfragen normalerweise nicht, sondern sortieren zu. Gegen einen einmal von jemandem als Wahrheit akzeptierten Frame braucht man daher als andersdenkende Person nicht wirklich zu argumentieren zu versuchen. Man rennt gegen eine Mauer. (Fast jede*r versucht es trotzdem immer wieder, denn ansonsten müssten wir auf die Gefühle der Andersdenkenden eingehen, und das sind wir nicht gewohnt… .)

Diese prinzipiell ja ökonomische Vorgehensweise unseres Gehirns wäre vielleicht auch gar nicht so schlimm. Wenn wir nicht dazu tendieren würden, die Menschen, die wir in „die andere“ Schublade gestopft haben, gleichzeitig zum Feindbild zu erklären.

Solche Gedanken kommen mir dieser Tage sehr oft.

Für viele von uns ist Donald Trump das Feindbild und der „Spalter“ in Person. Ich habe auch immer dazu geneigt, alles, was mir an der amerikanischen Politik nicht gefiel, ihm persönlich in die Schuhe zu schieben. Während ich bei Obama für alles, was mir nicht gefiel, die Umstände und die schwierigen Mehrheitsverhältnisse verantwortlich gemacht habe. Obama wirkt eben als Mensch auf mich einfach deutlich sympathischer…. Allerdings bin mir ziemlich sicher, dass die Demokraten die Grundidee des „America first“, gar nicht so viel anders sehen, als Trump. Staatenlenker, die die echten oder vermeintlichen Interessen ihres Landes nicht an erster Stelle sehen, haben es in unserer derzeitigen Welt immer noch schwer. Denn diese Welt ist leider eine egoistische. Diese Welt lebt nach den Konzepten des „ich zuerst“ und „der Stärkere hat recht“. Für mich die Ursachen vieler, wenn nicht aller, unserer Probleme auf dieser Erde.

Der oder die Stärkeren, das sind natürlich auch die, für die es leichter ist, Frames zu setzen – und damit eine Mehrheit dazu zu bringen, der gewünschten Meinung zu folgen. Trump hat das sogar über Twitter „perfektioniert“. WARUM man letztlich einer bestimmten Ansicht folgt, hat m.E. aber immer tiefer liegende Gründe. Das hat etwas mit der eigenen Weltsicht zu tun. Mit Glaubenssätzen, Kindheitserfahrungen, der Anfälligkeit für bestimmte Ängste. Nur mit (rationalen) Argumenten, Studienergebnissen usw. hat es meist sehr wenig zu tun.

Bei Corona ist das gut sichtbar. Es gibt Studienergebnisse in die unterschiedlichsten Richtungen. Die Vorstellungen über die beste Vorgehensweise gehen auch bei Experten weit auseinander. Die Evidenz, dass Alltagsmasken tatsächlich den Schutz bieten, den sich die meisten Menschen davon zu versprechen scheinen, ist dünn bis nicht vorhanden. Mit Ausnahme von „Abstand“ und „Isolierung symptomatischer Personen“ weiß eigentlich niemand so richtig, was Schutz bietet und sinnvoll ist, und was nicht. Es gibt Vermutungen, Prognosen (und auch Studien), die je nach Weltsicht so oder so ausfallen.

Ich habe (vielleicht auch aufgrund der Kommentare zu meinem letzten Beitrag) durchaus Verständnis dafür, dass die Politik dazu neigt, im Zweifelsfall lieber zu viel als zu wenig zu tun und zu hoffen, das Ganze irgendwie in den Griff zu bekommen. Auch, wenn ich persönlich genau das für eine Illusion halte. Und natürlich habe ich viel Verständnis dafür, dass viele Menschen HOFFEN, dass die Maßnahmen schützen – und alleine wegen dieser Hoffnung geneigt sind, daran zu glauben.

Was MIR Angst macht, ist jedoch, dass die jeweils andere Seite zum Feindbild geworden ist.

Ich mag diese Verschwörungsidee nicht, nach der irgendeine „Weltelite“ das alles geplant habe. Ich kann verstehen, dass Menschen auf diese Idee kommen, weil sich vieles an dieser Pandemie so merkwürdig anzufühlen scheint. Sie suchen für sich nach einer Erklärung für bestimmte Handlungsweisen der Regierungen und der Medien, fragen sich dann, „wem nützt das Ganze“ und landen bei Bill Gates. Damit werden Bill Gates und andere zum Feindbild dieser Gruppen und das halte ich für gefährlich.

Genauso wenig mag ich das so verbreitete Narrativ, wonach „Maskenverweigerer“ und andere Kritiker der Corona-Maßnahmen „schuld sind“, dass sich weiterhin Menschen an dem Virus anstecken. Obwohl nicht erwiesen ist, dass Alltagsmasken einen wirklichen Schutz bieten (und so, wie sie meist gehandhabt werden, sogar eher das Gegenteil der Fall sein dürfte), sind Menschen ohne Maske längst zum Feindbild Nummer 1 geworden. Und das wird immer weiter geschürt mit Worten wie „verantwortungslos“, „unbelehrbar“ o.ä., wenn jemand wagt, den Nutzen von bestimmten Maßnahmen zu hinterfragen. So setzt man Frames, denen dann leider eben auch nicht mehr mit Argumenten begegnet werden kann.

Von Beginn an haben die Medien selten bis nie gefragt: „Nutzen die Maßnahmen oder schaden sie?“ Sondern „Werden sie eingehalten?“ Ständig wurde und wird suggeriert, dass, wer sie nicht einhält, damit allen schade, egal, um welche Maßnahme es gerade ging.

Wer aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen darf, wird nicht nur gezwungen, überall ein Attest mit genauer Diagnose vorzuzeigen (normalerweise sollte die ärztliche Diagnose niemanden etwas angehen), sondern meist selbst trotz Attest angefeindet. Die anderen hören gar nicht zu, oder halten das Attest für „erschummelt“. Es kommt zu widerlichen Szenen, viele Betroffene trauen sich kaum noch in Geschäfte oder öffentliche Verkehrsmittel, nicht einmal zum Arzt.

Die Heftigkeit des Ganzen erinnert mich an Religionskriege. Nur, dass die Gewalt heute glücklicherweise meist eher verbaler Art ist.

Die Reaktionen wären nicht so heftig, wenn dahinter nicht starke Gefühle und Emotionen stünden: Angst. Die Angst vor dem eigenen Tod oder schwerer eigener Erkrankung, bzw. vor Tod oder Erkrankung geliebter Menschen.

Diese Angst wurde und wird politisch und medial mit Worten und Bildern extrem getriggert. Das wiederum ruft bei vielen von denen, die die Maßnahmen kritisch sehen, ein ungutes Gefühl hervor. Das Gefühl von „Da muss doch etwas dahinter stehen, wenn die das so befördern mit der Angst. Das macht man doch nicht als verantwortliche*r Politiker*in, wenn man damit nicht irgendetwas (Ungutes) bezwecken würde.“ Die Bill Gates – Theorie … .

Der von Medien und Politik gesetzte Frame, wonach Kritiker „egoistisch“ und „unsolidarisch“ seien, erhöht das Vertrauen von Kritiker*innen der Maßnahmen in Politik und Medien nicht gerade.

Menschen, die durch die Maßnahmen unmittelbar ihre wirtschaftliche Existenz bedroht sehen, wohlmöglich gar Gefahr laufen, in die Obdachlosigkeit zu rutschen, bewerten die Frage nach Egoismus und Solidarität möglicherweise ohnehin ganz anders. Und auch Ältere und Kranke, denen man in ihrer ohnehin nur noch begrenzten Lebensspanne viel von dem nimmt, wofür es sich für sie noch zu leben lohnte, hätten vielleicht lieber eine andere Art der Solidarität. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Mich stört diese selbstverständliche Annahme, dass es jeder älteren Person lieber sei, möglicherweise zu vereinsamen, als Coronaviren abzubekommen.

Tatsächlich geht es wohl auch weniger um das Wohlergehen der älteren Personen an sich, sondern darum, dass diese möglichst nicht die Intensivbetten „verstopfen“ sollen.

Gerade weil die Interessenlagen so vielfältig sind und das tatsächliche „Wissen“ so gering, hätte ich mir von Politik und Medien eine Kommunikation gewünscht, die sich jeder Schuldzuweisung enthält. Eine Kommunikation, die Fronten ab- und nicht aufgebaut hätte! Denn Fronten gibt es in dieser Welt ohnehin schon genug.

Ich glaube, dass die Politik sich und uns mit einer anderen Kommunikation zu diesem Virus und auch zu ihren Maßnahmen einen großen Gefallen getan hätte. Einer Kommunikation, die die Frage der Gefährlichkeit des Virus von Anfang an etwas sachlicher und weniger marktschreierisch beurteilt hätte. Bei Donald Trump haben sich viele von uns immer wieder eine sachlichere Kommunikation gewünscht. Bei diesem Virus hingegen fällt vielen das Marktschreierische und Spalterische an der offiziellen Kommunikation nicht einmal auf.

Es ist ein Virus, der sich – unabhängig von den ergriffenen Maßnahmen – bei kälteren Temperaturen offenbar gut verbreiten kann; bei dem nicht erwiesen ist, dass Masken vor der Ansteckung schützen; bei dem man nicht weiß, wer, warum zum „Superspreader“ wird, und wie sich eine Ansteckung jeweils wirklich auswirkt.

Wie kann man da Menschen beschuldigen, mit ihrem „unverantwortlichen Handeln“ andere zu gefährden?! Das ist eine Beschuldigung, die auf bloßen vagen Vermutungen beruht (und der Hoffnung, mit dem eigenen Handeln „richtig“ zu liegen). Sind es nicht genau solche Schuldzuweisungen, die „unverantwortlich“ sind?! Was will man damit bezwecken? Einen Sündenbock kreieren?! Wenn Politik und Medien Menschen zu Sündenböcken für die Verbreitung einer ansteckenden Erkrankung machen, dann weckt das in mir sehr ungute Gefühle.

Warum kann man als Politiker*in heutzutage nicht zugeben, dass man nicht weiß, ob man mit den Maßnahmen richtig liegt, und damit das erreichen wird, was man sich erhofft? Dass man zu wenig über das Virus weiß und dass es sich auch nicht wirklich „eliminieren“ lassen wird, auch nicht durch Impfungen? Weil die Menschen sich dann nicht „gut betreut“ fühlen? Für wie erwachsen oder nicht erwachsen hält man denn die Menschen bei uns??

Die Aussage „Es liegt an uns allen, ob sich Covid-19 noch eindämmen lässt.“ geht von sehr vereinfachten Denkweisen aus (bzw. von einem völligen Kontaktverbot über die gesamte kalte Jahreszeit).

Liegt es nicht stattdessen an uns allen, ob sich diese Fronten weiter verhärten?! Und wäre es nicht im Interesse aller, dass sie es nicht tun?!! Eine ehrlichere Kommunikation von Politik und Medien würde ich persönlich da als sehr hilfreich empfinden. Sie würde es auch den Verschwörungstheorien schwerer machen.

Kein (politisches) Handeln ist jemals „alternativlos“. Das dürfte aus meiner Sicht gerne deutlicher werden!

Corona: Wie Kommunikation Verantwortlichkeiten verschleiern kann

Schattenspiele; Künstlerin Dörte Müller

„Die Lage ist sehr sehr ernst.“ „Das Virus fordert“, dass wir nahezu überall Masken tragen. „Das Virus lässt nicht mit sich spaßen.“ „Unsere Gesundheitsämter sind überlastet.“ „Es ist jetzt nicht die Zeit für Sozialkontakte.“

Tja, da wird ein Virus vermenschlicht und die Verantwortung für getroffene politische Entscheidungen diesem Virus zugeschoben (oder auf „unpassende Zeiten“ oder Ämter verwiesen). So, als ließe dieses böse Ding (und diese „schweren Zeiten“) einfach keine Alternativen.

Ehrliche Kommunikation der gestern verabredeten Maßnahmen, das wäre gewesen:

„Wir haben uns dafür entschieden, Restaurants, Hotels, Veranstaltungen, Sportstätten usw. bis auf Weiteres zu schließen. Wir wissen, dass wir damit unzählige wirtschaftliche Existenzen vernichten, was für die Betroffenen unzweifelhaft zu hohen existenziellen und psychischen Belastungen führen wird. Wir halten diese Berufsverbote dennoch für unumgänglich, weil wir Covid-19 für eine so gefährliche Erkrankung halten, dass uns jede Grundrechtseinschränkung gerechtfertigt erscheint, um die Ansteckungsgefahr an der Erkrankung einzudämmen.

Unsere Einschätzung der extremen Gefährlichkeit (trotz im Verhältnis zur Gesamtsterblichkeit in Deutschland sehr niedriger Todeszahlen an dieser Erkrankung) beruht auf folgenden Zahlen … und Prognosen … (, wobei uns bekannt ist, dass die Prognosen von Herrn Drosten bereits in der „ersten Corona-Welle“ nicht zutrafen und auch bei der Schweinegrippe sehr weit daneben lagen).

Wir gehen davon aus, dass unser Gesundheitssystem überfordert werden könnte, wenn wir diese Maßnahmen jetzt nicht ergreifen, weil … . Diese Prognose stützt sich auf folgende Fakten … . Unter „Überforderung“ verstehen wir …. .

Wir halten die jetzt getroffenen Maßnahmen für geeignet, die Ansteckungsgefahr an Covid-19 zu reduzieren, weil … .

Dass die Mehrzahl der betroffenen Restaurant- und Hotelbetreiber*innen, ebenso wie die Veranstaltungsbranche über die letzten Monate hohen Aufwand betrieben hat, um alle vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen vorbildlich umzusetzen, ist uns bekannt. Wir halten dies für nicht ausreichend, weil wir nicht wissen, wo und wie die Menschen sich tatsächlich anstecken. Dass wir dies nicht wissen, nehmen wir zum Anlass, ALLES zu schließen. Eine Abwägung im Einzelnen ist uns nicht zumutbar, weil … .

Die vorbeugende und immunstärkende Wirkung von Sport, gerade auch von gemeinschaftlich betriebenem Sport ist uns bekannt. Wir halten es dennoch für unumgänglich, alle Sportstätten und Schwimmhallen zu schließen, weil … .

Die immunschwächende und Lebenssinn zerstörende Wirkung mangelnder Sozialkontakte gerade auch bei älteren Menschen ist uns bekannt. Wir wissen, wie schädlich und Depressionen fördernd eine solche starke Eindämmung von Sozialkontakten, auch von gemeinsamen Sport oder sonstigen Veranstaltungen ist (nicht nur, aber ganz besonders für ältere Menschen). Wir haben das und auch die aufgrund der Einschränkungen zu erwartenden höheren Todesfälle an anderen Erkrankungen sehr sorgsam abgewogen, als wir unsere Maßnahmen beschlossen haben. Wir halten diese Einschränkungen dennoch für absolut unumgänglich, weil …. .

Wir wissen, dass wir trotz der zugesagten 11 Milliarden „Staatshilfe“ einen großen Teil der jetzt zwangsweise von uns geschlossenen Betriebe nicht und schon gar nicht über einen längeren Zeitraum werden retten können. Aber … .

Psychische Hilfestellungen für die Betroffenen, denen wir mit diesen Maßnahmen teilweise das Lebenswerk zerstören, halten wir nicht für notwendig, weil … .

Wir wissen, dass das Geld für diese Staatshilfen nicht vom Himmel fällt, sondern erwirtschaftet werden müsste. Wir wissen, dass unsere Maßnahmen dafür sorgen, dass stattdessen über längere Zeit deutlich weniger erwirtschaftet werden kann. Die daraus entstehenden Belastungen werden also in voller Höhe den nachfolgenden Generationen aufgebürdet und müssen anderswo irgendwann wieder eingespart werden. Das halten wir für gerechtfertigt, weil … .

Die Möglichkeit, die Betriebe offen zu lassen und stattdessen mehr Geld in das Gesundheitssystem zu stecken, das aufgewendete Geld also nicht zu „verbrennen“, sondern eher zukunftsfördernd einzusetzen, haben wir nicht gewählt, weil … .

Obwohl auch Virologen immer wieder darauf hinweisen, dass wir mit dem Virus leben lernen müssen, da dieser nicht plötzlich wieder verschwinden wird (auch nicht durch einen oder fünf Impfstoffe…), halten wir die jetzt getroffenen Maßnahmen für unumgänglich, weil … .

Wir erhoffen uns, dass wir die Ansteckungszahlen über den Winter auf einem Niveau halten können, von dem wir aus … Gründen annehmen, dass … . Diese Hoffnung gründet sich auf folgende Überlegungen … , denen folgende Fakten zugrunde liegen….

Wir haben bei unserem Vorgehen folgendes klares Ziel vor Augen … . Wenn sich unsere Überlegungen so nicht erfüllen, werden wir (den Lockdown bis zum Frühjahr verlängern …. ?! Und dann jedes Jahr wieder über das Winterhalbjahr …???) … .

Obwohl auch viele Ärzte empfehlen, sich bei einer Erkrankung, die bei dem weit überwiegenden Teil der Betroffenen mit wenig oder gar keinen Symptomen verläuft, auf die Risikogruppen zu konzentrieren, meinen wir, dass die Gesundheitsämter jeden Kontakt nachverfolgen sollten, weil … .

Obwohl unser Gesundheitssystem (zum Glück) nicht vergleichbar ist mit dem in vielen unserer Nachbarländer, machen wir deren Erfahrungen in überfüllten Krankenhäusern (anders als in jeder bisherigen Krankheitswelle, wie Grippe o.ä.) für uns bei Covid-19 zum Maßstab, weil … .

Wir wissen, dass Viruserkrankungen im Herbst / Winter generell zunehmen und dass manche unserer Maßnahmen (ständiges Lüften im Unterricht / ständiges Maskentragen) diese Viruserkrankungen befördern werden. Gerade auch bei Kindern, von denen wir andererseits wissen, dass sie für Covid-19 wenig anfällig sind. Wir halten dies für hinnehmbar, denn … .

Obwohl wir nicht wissen, wie und wo Menschen sich tatsächlich an Covid-19 anstecken (s.o.), halten wir das Tragen von Alltagsmasken und all unsere sonstigen Maßnahmen für unumgänglich, weil … . Hierzu verweisen wir auf folgende Studien …, wobei wir die Studien …, die auf die negativen Folgen verweisen selbstverständlich dagegen abgewogen haben.

Wir halten Covid-19 für eine durch politische Maßnahmen verhinderbare Erkrankung, weil … . Wir sind der Ansicht, dass ALLE Möglichkeiten zur „Verhinderung“ ergriffen werden sollten. Unabhängig von einem Wirksamkeitsnachweis. Und unabhängig von den Schäden und Kosten, die durch diese Maßnahmen entstehen.

Die jährlich rund 230.000 Todesfälle durch Krebserkrankungen und rund 350.000 Todesfälle durch Herz-/Kreislauferkrankungen in Deutschland sehen wir hingegen als unabwendbares Schicksal an, die durch politische Maßnahmen, wie z.B. Pestizidverbote oder Reduzierung der Strahlenbelastungen o.ä., nicht beeinflusst werden können. Wir kommen zu dieser Einschätzung, weil ….

Leider sehe ich eine solche Kommunikation und Begründung nicht. Stattdessen wird mit der Platitüde von dem „Ernst der Lage“ Alternativlosigkeit suggeriert. Damit versuchen die politischen Entscheidungsträger, sich gewissermaßen aus der Verantwortung zu stehlen: „Wir konnten ja nicht anders … .“

Doch, Ihr könntet anders! Das nicht zuzugeben, ist feige und verantwortungslos. Es heißt noch nicht, dass Ihr zwingend anders müsst, aber ich möchte wenigstens diese Abwägung sehen. Ich möchte sehen, dass Ihr all den Menschen ins Auge blicken könnt, deren Existenz Ihr zerstört, weil Ihr mit gutem Gewissen sagen könnt, dass Ihr wirklich alles abgewogen habt. Ich möchte den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit bei staatlichen Eingriffen auch bei Covid-19 gewahrt sehen!!!

Denn aus meiner Sicht sind nicht „die Zeiten schwer“. Sondern wir Menschen machen uns diese Zeit schwer. Schwerer, als jede Generation vor uns sich „solche Zeiten“ vermutlich gemacht hätte.

Meine Meinung. Und Eure?

Von Mainstream, Masken und Moral

Kein „Mainstram“; Künstlerin: Dörte Müller

Ich war schon immer etwas sonderbar. Schon als Kind wusste ich nicht, welches Spielzeug „man“ zu haben hatte, welche Klamotten „man“ zu tragen hatte. Später dann auch nicht, welche Musik „man“ zu hören, welche Bücher zu lesen oder welche Filme zu schauen hatte. Um „in“ zu sein. Ich weiß all das bis heute nicht.

Stephen King war hip? Nachdem ein Mitschüler mal ein Buch von ihm im Deutschunterricht vorgestellt hatte, wusste ich nur, dass ich ganz sicher nie nie niemals freiwillig auch nur ein Augenzwinkern in eines der Bücher von diesem Herrn stecken würde. Hingegen war ich völlig fasziniert, als wir in der Oberstufe Goethes Faust lasen. Schon damals war ich offensichtlich esoterisch angehaucht.

Mainstream? Ich hätte gar nicht gewusst, was das sein sollte. Und – es interessierte mich auch nicht. Noch heute schaue ich nur groß, wenn jemand mit einem Zitat aus irgendeinem Film kommt, den absolut jede*r gesehen hat. So was wie Star Trek oder Star Wars zum Beispiel. Jede*r, außer mir eben.

Trotzdem war ich nie unbeliebt. Auch in meinen Jobs nicht. Ich war und bin sehr politisch interessiert. In meinen Jobs ein Muss. Aber auch da stellte ich fest, dass ich irgendwann begann, mir mehr und mehr Fragen zu stellen. Fragen, die sich andere nicht zu stellen schienen.

Nachdem ich nicht mehr in diesen Jobs arbeite, wurden die Fragen mehr, schon alleine weil ich mehr Zeit habe, mir vertiefte Gedanken zu machen. Und ich stelle plötzlich fest, mit Fragen erregt man Anstoß. Wenn ich Mainstreammeinungen in Frage stelle, ziehen Menschen, die in diesem Strom schwimmen, sich von mir zurück. Reagieren verärgert. Wie kann ich etwas in Frage stellen, was doch jede*r denkt?

Da regt sich jemand auf über Menschen, die bei Demonstrationen im Freien keine Maske tragen, und erwartet meine Bestätigung für seine Entrüstung. Und ich sage, „Ich sehe das ganz anders, als Sie.“ Ups. Versteinerung. Da brauche ich mit einem Vortrag über den CO2-Gehalt unter diesen Masken, den Bakterien-, Viren- und Hefepopulationen, die man sich da züchtet – und einatmet, nicht zu kommen. Natürlich nicht. Ich habe bereits mit meinem „anders sehen“ längst verschissen. Schließlich hört man in den Medien jeden Tag nur Leute mit gegenteiligen Meinungen. Also ist klar, wo die Wahrheit ist.

Und, was mich wirklich umtreibt: Ich gelte plötzlich als moralisch verachtenswert mit meiner gegenteiligen Meinung. So wird es mir jeden Tag in den öffentlich rechtlichen Medien präsentiert.

Mein Leben lang war mir egal, was Mainstream war, und was nicht. Und es hat niemanden gestört, dass mir das egal war. Zwar darf ich auch heute noch Goethe einem Stephen King vorziehen. Aber mit meinen Meinungsäußerungen, da habe ich vorsichtig zu sein.

Denn heutzutage hat sich „der Mainstreammeinungsmensch“ zum moralisch besseren Menschen erkoren, so scheint es mir. Sich eine Maske des moralischen Anstands aufgesetzt, sich zur moralischen Instanz erhoben, an der sich jede*r zu messen habe. Wer das nicht tut, wird erbarmungslos gemobbt.

Das ist nicht erst seit Corona so, aber seitdem ist es sogar äußerlich erkennbar. Die Maske ist zum sichtbaren Symbol der „Anständigen“ geworden. Wie wissenschaftlich, objektiv, zahlen- und faktenbasiert das ist, das ist weniger entscheidend. Wer will das schon wirklich beurteilen? Wissenschaftler / Ärzte sind da durchaus unterschiedlicher Meinung. Aber die, die anderer Ansicht sind, sind damit nicht mehr „anständig“ und werden dementsprechend „selbstverständlich“ normalerweise nicht zitiert in den Medien.

Es ist nicht ganz neu, das Ganze: Bereits bei der Frage der Einführung der Masernimpfpflicht hatte ich laut offizieller medialer Version nicht etwa nur eine andere Meinung, sondern ich „gefährdete Menschenleben“.

Eine aus meiner Sicht äußerst gefährliche gesellschaftliche Entwicklung so ein Hauptstrom, der keine Nebenströme mehr zulässt. Und Menschen, die gegen den Strom schwimmen, der Hetze zum Fraß vorwirft.

Wie moralisch hochstehend ist jemand, der sich für moralisch „besser“ hält als andere, nur weil er tut, was ihm „von oben“ gesagt wird? Wie moralisch hochstehend sind Medien, die keine andere Ansicht mehr zulassen, als die von ihnen vorgegebene, die sie für „moralisch gut“ halten?

Sind das die Guten, weil sie der Meinung sind, das Gute zu fördern?! Oder sind das vielleicht eher die Anti-Mephistos? Und damit ein Teil jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft?!

Erziehung

In Reih und Glied…. ; Künstlerin: Dörte Müller

„Du mit deinem moralischen Zeigefinger…“, sagt mein Mann immer liebevoll, wenn ich mal wieder predige, dass man Menschen dazu bringen müsse, mehr zum Schutz ihrer Umwelt zu tun. (Dass ich zum „moralischen Zeigefinger“ neige, sieht man z.B. deutlich in meinem Beitrag „Die Krone der Schöpfung“ …;-)). Dabei kannst gerade Du es überhaupt nicht haben, wenn jemand Dich „erziehen“ will!“

Das stimmt. Es ist ein Grund, warum ich auf diese Corona-Diskussion so stark reagiere. Ich kann es nicht ausstehen, wenn ich das Gefühl habe, dass Leute meinen, mich erziehen zu müssen. Mich in ihrem Sinne „verbessern“ wollen: Hin zu mehr „Gehorsam“ und weniger Unabhängigkeit. Das geht gar nicht!

Aber beim Umweltschutz … wenigstens so ein klein wenig… . Das müsste doch möglich sein. Wäre schließlich zum Nutzen aller…!

Erziehung? Vom Verstand her weiß ich, dass das nicht klappen wird. Ich kann Menschen meine Bedürfnisse und Gefühle mitteilen. Aber, ob sie meinen Bedürfnissen folgen wollen, muss ich wohl ihnen überlassen. Denn sie haben möglicherweise ganz andere Bedürfnisse, sehen etwas ganz anderes als „zum Nutzen aller“ an. Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten, zum Beispiel. Manch eine*r braucht auch einen „ordentlichen“ Garten, mag weder „Unkraut“ noch Insekten. Oder ärgert sich – so wie ich die letzten Wochen …-, wenn die Vögel doch tatsächlich ganz dreist alle Trauben wegfressen, bevor sie reif sind.;-).

Dennoch: Fast alle Menschen neigen dazu, andere „erziehen“ zu wollen. Jede*r ist immer der Meinung, genau zu wissen, was für andere (oder für alle) gut ist.

Erziehungsformen

Erziehung läuft über Strafe. Tatsächlich scheinen erschreckend viele Menschen es sehr zu mögen, andere zu bestrafen. Wer sich nicht „an die Regeln hält“, müsse bestraft werden. So heißt es bei diesen „Corona-Regeln“ oft. Ob eine Regel sinnvoll ist oder nicht – und wer eigentlich bestimmt, ob sie sinnvoll ist, das sind zweitrangige Fragen. Die Regel ist da. Also muss sie eingehalten werden. Und wer sie nicht einhält, ist zu erziehen, indem er bestraft wird. Und wenn die Regel noch gar nicht da ist, wie die Maskenpflicht bei den Großdemonstrationen im Freien gegen die Corona-Regeln, dann wird sie eben im Nachhinein geschaffen. Auch eine Art Strafmaßnahme (denn die Infektionszahlen hatten ja gar nicht zugenommen nach den Demos, Infektionsschutz konnte also nicht wirklich die Begründung sein…).

Selbst gegenüber anderen Staaten ist diese Art des Erziehungsversuchs sehr beliebt. Zumindest was Russland angeht, meinen erstaunlich viele Politiker*innen, sie müssten dieses Land „erziehen“ über Strafmaßnahmen (Sanktionen).

Solche Art „Erziehung“ überzeugt die „zu Erziehenden“ allerdings so gut wie nie. Sie tun vielleicht kurzzeitig, was von ihnen erwartet wird (andere Staaten tun auch das eher selten). Aber nicht, weil sie es nunmehr aus ganzem Herzen tun wollen, sondern weil sie die Strafe vermeiden wollen. Die innere Auflehnung gegen die „Erziehenden“ nimmt hingegen meistens zu.

Erziehung läuft über Verbote. „Mit denen lässt DU dich nicht auf der Straße blicken! Wir sind schließlich eine anständige Familie. Und mit solchem „Gesindel“ wollen wir nichts zu tun haben!“

Erziehung läuft über Angst machen. Das mag bei Kindern funktionieren: „Wenn du auf die heiße Herdplatte fast, wirst du großes Aua haben.“ Wenn das Kind die Liebe spürt, die hinter der Aussage steckt, wird es sich vielleicht von sich aus daran halten. Erwachsenen zu sagen, „Wenn du keine Maske trägst, wirst du dich mit einer ganz furchtbar gefährlichen Krankheit infizieren.“, ist anscheinend für viele, aber durchaus nicht für jede*n überzeugend. Erwachsene, die sich die Zeit nehmen, Statistiken zu lesen, nachzudenken und Fragen zu stellen, könnten sich hier als „schwer erziehbar“ erweisen. Zumal Liebe hinter der Aussage auch nicht wirklich spürbar ist. …

Erziehung läuft über Beschämung. Auslachen. Lächerlich machen. Auch das ist immer wieder sehr beliebt. Was gibt es nur alles für „absurde Verschwörungstheorien“, ha ha … ! Wie dumm manche Leute sind, ha ha … !

Erziehung läuft über Manipulation. Angst machen gehört dazu. Aber auch Schuldzuweisungen: „Du bist schuld, dass Mami traurig ist, wenn DU …“. „Du bist schuld, wenn andere sterben, weil DU keine Maske trägst.“

Erziehung läuft über Belohnungen. Lob. Anerkennung. Den Wunsch, „dazu zu gehören“.

Viele dieser „Erziehungsformen“ scheinen zunächst zu funktionieren. Menschen, denen man Angst gemacht hat, sind oft sehr bereit, alles Mögliche zu tun, was von ihnen erwartet wird. Wenn sie damit ihre Angst reduzieren können.

Aber wehe, sie kommen irgendwann auf den Gedanken, dass sie manipuliert wurden… ! Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand versucht hat, mir Angst zu machen, um mich zu manipulieren und für eigene Ziele zu instrumentalisieren, werde ich zum einen wütend und neige zum zweiten dazu, diesem jemand nie wieder irgendetwas zu glauben. Und das geht sicher nicht nur mir so.

Schuldzuweisungen und Beschämungen führen bei den so „Behandelten“ ohnehin normalerweise nicht dazu, dass sie sich den „Erziehenden“ verbunden fühlen und künftig von ganzen Herzen auf deren Wünsche eingehen werden. Mit dieser „Erziehungsform“ schreckt man vielleicht die schweigende Mehrheit ab, sich wohlmöglich bei nächster Gelegenheit genauso zu verhalten, wie die Beschämten. Das kommt auf den persönlichen Charakter der Leute in der „schweigenden Mehrheit“ an. Manch eine*r macht gerne mit bei den Schuldzuweisungen und Beschämungen (Teile der sogenannten Comedy-Szene scheinen gar davon zu leben nach meinem Eindruck). Manch eine*r fühlt aber auch den eigenen Gerechtigkeitssinn angesprochen und solidarisiert sich „jetzt erst recht“ mit den „Ausgestoßenen“.

Belohnungen, Lob und Anerkennung funktionieren begrenzt, schleifen sich aber ab. Selbst schon bei Kindern, erst recht bei Erwachsenen.

Tja, irgendwie: Andere „zu erziehen“ erscheint den meisten Erwachsenen wichtig. Aber sobald man als Erwachsene*r merkt, dass andere einen selbst „erziehen“ wollen, reagieren die wenigsten Erwachsenen erfreut. Denn als „Erziehende*r“ maßt man sich ja immer an, es besser zu wissen / klüger zu sein, als die zu Erziehenden. Und diese empfinden die Ansicht, dass sie „erzogen“ werden müssten, dann eben meist auch als Anmaßung und Beleidigung – und sind entsprechend empört.

Deshalb ist es m.E. eher kontraproduktiv, wenn die Verantwortlichen in öffentlich rechtlichen Medien denken, sie müssten einen „Erziehungsauftrag“ erfüllen. Von wem auch immer sie meinen, diesen „Auftrag“ erhalten zu haben. Komischerweise wundern sie sich oft sehr, wenn die, die sie „erziehen“ wollten, darüber gar nicht so begeistert zu sein scheinen. Und finden deren Empörung dann wieder total unverschämt, denn schließlich wollten sie ja „nur das Beste“ für alle. Und selbstverständlich wissen sie auch ganz genau, was dieses Beste ist. … .

Was wollen wir erreichen mit unserer „Erziehung“?

Eigentlich streben die meisten Menschen doch an, glücklich zu sein. Und wollen das auch für ihre Kinder. Ist unsere Art, andere zu erziehen, vor diesem Hintergrund wirklich so toll? Ich habe den Verdacht, dass meist nicht einmal den „Erziehenden“ ihre Erziehungsversuche wirkliche Freude machen, wenn ich deren sorgenvollen und ernsten Gesichtsausdrücke bei ihren Äußerungen betrachte…(obwohl sie sich dabei natürlich sehr wichtig vorkommen). Denen, die Adressaten dieser Versuche sind, machen diese Erziehungsversuche meist noch viel weniger Freude. Als Kind kann man oft wenig dagegen tun und fügt sich mehr oder weniger. Es scheint halt dazu zu gehören. Als Erwachsener hingegen ist man verärgert, wenn man sich als Adressat eines Erziehungsversuchs anderer Erwachsener sieht, und fügt sich in der Regel nicht.

Denn Erziehung, wie wir sie praktizieren, fokussiert fast immer auf das, was wir als „Schwächen“ anderer Personen (oder auch von uns selbst) wahrnehmen. Wir beurteilen, was eine Schwäche oder ein Fehlverhalten einer anderen Person sei, und wollen diese „ausmerzen“. Das Fehlverhalten macht uns Sorgen. Wir spüren die „Last der Verantwortung“, dieses Fehlverhalten korrigieren zu müssen. Selbstverständlich zum Besten der betreffenden Person. Und zum Besten aller. So rechtfertigen wir unsere Erziehungsversuche.

Was genau aber ist ein „Fehlverhalten„? Und wer bestimmt das? Ich persönlich neige dazu zu sagen, Fehlverhalten ist alles, was andere Lebewesen quält (auch über Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen), – also z.B. Massentierhaltung … . Andere sehen dies ganz anders. Und würden sich von mir mit dieser Aussage schwer beleidigt fühlen. Insbesondere, wenn ich dann wohlmöglich auch noch behaupte, die Abschaffung der Massentierhaltung wäre auch zu ihrem Besten und würde sicherlich auch ihrem Charakter gut tun… . Und dem Planeten sowieso.

Gerade die Debatte um die Landwirtschaft zeigt es m.E. gut: Mit „moralischem Zeigefinger“ erreicht man nichts, sondern erzeugt verärgerte Landwirte. Mit „freiwilligen Selbstverpflichtungen“ erreicht man auch nichts, wenn diese nicht aus dem eigenen Wunsch der betreffenden Menschen heraus entstehen, wirklich etwas verändern zu wollen. Dieser Wunsch wiederum hat etwas mit den eigenen Werten und Bewertungen zu tun, denke ich.

Natürlich kann man eigene Werte den eigenen Kindern vermitteln, indem man sie ihnen vorlebt. Und bei anderen Erwachsenen? Denen kann man sie ebenfalls vorleben. Aber zwangsweise „überbraten“? Aus solchen Versuchen sind furchtbare Religions- und Ideologiekriege entstanden. Weil Menschen meinten, ihre Werte anderen (gewaltsam) aufdrängen zu müssen. Und sich dabei noch eingebildet haben, sie täten ein gutes Werk.

Wenn wir mit unserer „Erziehung“ wirklich eine bessere Welt anstreben, vielleicht sollten wir es genau anders herum versuchen? Vielleicht ist der gesamte Gedanke mit der schwächenorientierten Erziehung eigentlich ein „Fehlgedanke“? Ich mag die positive Psychologie, die ganz klar davon ausgeht, dass Erziehung stärkenorientiert sein sollte. Aus dieser Sicht sollten Erziehende vorhandene Stärken fördern bei den ihnen Anvertrauten, statt zu versuchen, deren echte oder vermeintliche „Schwächen“ auszumerzen.

Auf die Bereicherung schauen, nicht auf die Schwächen

Inzwischen würde ich persönlich sogar noch einen Schritt weiter gehen. Ich finde, Erziehung sollte in erster Linie dankbarkeitsbasiert sein. Nicht versuchen, das Kind in irgendeine Richtung zu „ziehen“, von der man aus dem eigenen Leben heraus denkt, es wäre für das Kind die „richtige“. Sondern täglich zu üben, die Bereicherung wahrzunehmen, die das eigene Kind bietet und dafür ihm und der Schöpfung unendlich dankbar zu sein. Und darauf vertrauen, dass das Kind die für sie oder ihn „richtige“ Richtung selbst finden wird… . Nicht sich auf die vermeintlichen Schwächen des Kindes zu konzentrieren, von denen man denkt, dass sie seinem späteren „Erfolg“ im Leben entgegen stehen könnten. Sondern das einzigartige Wunder sehen, das jedes Kind ist.

Ich hätte es durchaus toll gefunden, so erzogen zu werden!

Kinder, denen auf diese Art Selbstliebe vermittelt aber auch gleichzeitig Dankbarkeit gegenüber der Schöpfung vorgelebt wird, werden vielleicht auch wundervolle dankbare Erwachsene werden. Die keinerlei Bedürfnis mehr haben werden, die o.g. „Erziehungsformen“ bei anderen (oder auch bei sich selbst) anzuwenden.

Utopie? Ja klar. Jedenfalls noch. Menschen in meinem Alter sind schließlich fast alle ganz anders aufgewachsen.

Und so gebe ich zu, ich muss noch ziemlich viel üben, um meinen „moralischen Zeigefinger“ zu stoppen und stattdessen die Bereicherung in den Menschen wahrzunehmen, die ihren Müll achtlos in die Gegend kippen… ! 😉 Tja, und manchmal will ich das auch gar nicht. Denn, auch wenn ich weiß, dass ich damit wenig bewirke: Manchmal tut es mir auch einfach nur saugut, meinem Ärger über Zeitgenossen, die ich als „ignorant“, „dumm“, „ihre Macht missbrauchend“ oder was auch immer ansehe, mal so richtig Luft zu machen… 🙂