Definitionen, Zitate, Nachdenklichkeiten

gemalt von Dörte Müller

Ja ja, blödes Thema. Ich weiß … Erst recht zu Ostern … . Aber manche Wörter begegnen mir in letzter Zeit so oft, dass sie eben einfach etwas auslösen – und m.E. eines genaueren Blickes lohnen. Also:

Exponentielles Wachstum = Ein mathematisches Modell, bei dem sich die Bestandsgröße in jeweils gleichen Zeiträumen immer um denselben Faktor vervielfacht.

„Infektion = Aufnahme eines Krankheitserregers und seine nachfolgende Entwicklung oder Vermehrung im menschlichen Organismus.
Infektionskrankheit (übertragbare Krankheit) = Durch Krankheitserreger oder deren toxische Produkte, die unmittelbar oder mittelbar auf den Menschen übertragen werden, verursachte Krankheit.“
(§ 2 Infektionsschutzgesetz)

Diese Definitionen entsprechen auch heute noch der „Keimtheorie“ Louis Pasteurs. Dieser hatte sein Wissen über Keime wohl zumindest teilweise über sehr „großzügige Auslegungen des Urheberrechts“ gewonnen von Antoine Béchamp, der allerdings zur Entstehung von Krankheiten eine andere Theorie vertrat:

Wenn ein Mensch erkrankt, müssen bereits zelluläre Dysfunktionen, totes Gewebe und Dinge im Körper vorhanden sein, die bereits „krank“ waren. Der Keim dringt in den Körper ein und vermehrt sich dort, weil dieser ihm einen idealen Nährboden liefert. Keime sind danach nur die natürliche „Müllabfuhr“ für totes und krankes Gewebe. (Sichtweise Béchamp)

„Könnte ich mein Leben noch einmal leben, würde ich mich dem Beweis widmen, dass Keime nur krankes Gewebe als ihr natürliches Umfeld aufsuchen, anstatt es zu verursachen. Vergleichbar mit Moskitos, die stehende Gewässer aufsuchen, Wasser aber nicht in solche verwandeln.“ (angeblich Rudolf Virchow im Alter).

Seltene Erkrankung = „In der EU gilt eine Erkrankung als selten, wenn nicht mehr als 5 von 10.000 Menschen in der EU von ihr betroffen sind. Da es mehr als 6.000 unterschiedliche Seltene Erkrankungen gibt, ist die Gesamtzahl der Betroffenen trotz der Seltenheit der einzelnen Erkrankungen hoch.“ (Bundesgesundheitsministerium)

FFP-2 Maskenpflicht: „Nur in gut belüfteten Räumen mit ausreichender Sauerstoffzufuhr tragen. Vor dem Tragen sprechen Sie bitte mit ihrem Industriehygieniker oder dem Betriebsarzt.“ (Nur mit Lupe zu lesende Hinweise auf der Packung unserer FFP2-Masken)

Meine Fragen dazu ????:

Ständig höre ich irgendwas von „exponentiellem Wachstum“. Was genau wächst denn da angeblich exponentiell? Was ist die Bezugsgröße? Die Gesamtzahl der Tests, die gemacht werden? Das käme mir plausibel vor. Aber diese Zahl wird leider nicht veröffentlicht, jedenfalls nicht so, dass es für mich ohne weiteres nachvollziehbar wäre. Je mehr Tests gemacht werden, desto mehr sind logischerweise „positiv“, auch „falsch positiv“:
„In einer Population mit niedriger Prävalenz, z.B. 3 %, wie bevölkerungsweit bei COVID-19 anzunehmen …, ist der positive Vorhersagewert äußerst schwach. …
Der positive Vorhersagewert errechnet sich als Quotient aus der Zahl der richtig positiv Getesteten und der Summe aller Personen mit positivem Testergebnis (bei Prävalenz von 3 %: richtig positiv 21 von 30, falsch negativ=9; richtig negativ: 921 von 970, falsch positiv=49): 21 plus 49 = 70. Er ist mit 0,30 erschreckend gering – 70 % der als positiv getesteten Personen sind also gar nicht positiv.“ (Die Aussagen sind entnommen aus dem Dt. Ärzteblatt 2020, 117 (24), Schlenger, Ralf.L)

Vielleicht ist die Prävalenz inzwischen deutlich höher? Nicht auszuschließen. Aber auch nicht zwingend. Das Ganze ist verwirrend. Muss das so sein? Könnte man nicht Darstellungen wählen, die ein klares Bild ergeben?
Die Anzahl der positiven Tests an sich ist nichtssagend (erst recht, ohne die Anzahl aller Tests dazu zu sagen.). Die Anzahl der tatsächlichen Erkrankungen wird nicht veröffentlicht. Kennt man sie überhaupt?
Keine Ahnung. In jedem Fall dürfte sie deutlich niedriger sein, als die Zahl der täglich veröffentlichten „Fälle“, deren hauptsächlicher Sinn es zu sein scheint, Angst zu erzeugen.
Wenn es so viele Menschen gibt mit „Seltenen Erkrankungen“, wie oben dargestellt – und zig Millionen Menschen mit „häufigen Erkrankungen“, warum reden wir dann seit über einem Jahr so ausschließlich von einer? Weil das Risiko so viel höher ist, diese eine zu bekommen, als eine der vielen anderen? Rein mathematisch gesehen erscheint mir das zweifelhaft…. .

Was mir aber viel problematischer erscheint: Folgt nicht das ganze Infektionsschutzgesetz einer veralteten Sichtweise auf Viren und Bakterien? Einer Sichtweise, die schon zu Pasteurs Zeit umstritten war, aber inzwischen doch eigentlich längst als widerlegt gelten sollte?
Wir WISSEN doch inzwischen, dass wir alle, jeder Mensch, Millionen von Bakterien und Viren beherbergen. Und ohne auch gar nicht leben würden.
Wir WISSEN, dass viele davon wichtige Funktionen haben, nur welche im Einzelnen, das wissen wir noch nicht so genau.
Wir WISSEN, dass unser Mikrobiom auch für unser Immunsystem eine wichtige Rolle spielt. Nur welche, das wissen wir noch nicht so genau.

Und wir wissen, dass unter den uns besiedelnden Mikroorganismen auch solche sind, die uns potentiell krank machen können – aber wohl nur, wenn das Gleichgewicht verloren geht, sie also aus irgendeinem Grund überhand nehmen.

Wir WISSEN NICHT, was genau passiert, wenn wir einfach mal unbedarft (bei mehr oder weniger gesunden Menschen) in das Gleichgewicht eingreifen. Aber genau das tun wir immer wieder gerne. Mit Impfungen, Antibiotika, sonstigen Medikamenten im Menschen (vielleicht sogar mit FFP2-Masken, deren längeres Tragen definitiv nicht gesund ist); mit Pestiziden, Insektiziden und sonstigen Giften in der Natur. Wir führen Krieg, weil wir etwas, was wir nicht genau kennen, zum Gegner erklärt haben. Und wenn die Natur es dann wagt, sich zu wehren, oder einfach nur trotz unserer Eingriffe zum Weiterleben tendiert, z.B. durch Mutationen, dann reagieren wir noch aggressiver.

Ist das wirklich sinnvoll? Ist die kriegerische Sichtweise, die dem Infektionsschutzgesetz zugrunde liegt, nicht einer alten Denkweise geschuldet? Einer, die nur 0 oder 1 kennt, „gut“ oder „böse“ und kein „dazwischen“ oder „sowohl, als auch“?

Mit dieser Sichtweise haben wir Menschen schon unglaublich viel Schaden angerichtet bei dem Versuch, irgendwelche Krankheiten zu bekämpfen. Eindrucksvoll in dem sehr lesenswerten, hier Keimtheorie | Medizinisches Coaching (medizinisches-coaching.net) verlinkten, Beitrag beschrieben.
Haben wir daraus irgendetwas gelernt?

„It´s the economy, stupid.“ (Bill Clinton). Ja, DAS wussten wir freilich schon vorher. „Gesundheitsschutz“ ist längst ein anderes Wort für „Wirtschaftswachstum“ und auch Kollateralschäden können dem „Wachstum“ dienen. Kleine und mittlere Unternehmen sind global gesehen wenig relevant. Die kann man opfern, so scheint es. Es wird wieder neue geben, denkt man vermutlich. Echtes „Wachstum“ spielt sich woanders ab. Das ist so. Aber wollen wir das?

Dass so viele Menschen, von denen ich angenommen hätte, dass sie „links“ seien – und die Globalisierung und ihre Folgen eher kritisch sehen -, sich ausgerechnet vor den Karren spannen lassen von Unternehmen wie Pfizer, billionenschweren Finanzunternehmen und -stiftungen und den großen Digitalkonzernen, das irritiert mich immer noch… .

Ich wünsche allen meinen Leser*innen frohe Ostertage, viel Spaß und Freude und ein gesundes Gleichgewicht!!!

Fehlerkultur

gemalt von Dörte Müller

Was für ein Debakel! Ein Osterdebakel … . Da wurde etwas über Nacht beschlossen, von dem man am nächsten Morgen feststellte, dass es eine dumme Idee war. Und was tut man? Man nimmt es direkt wieder zurück!

Juchhuuu! Ich war begeistert. Und das meine ich nicht ironisch. Politik gesteht einen Fehler unmittelbar ein – und macht ihn rückgängig. Wie sehr und wie oft habe ich mir das gewünscht, nicht erst seit dieser Corona-Geschichte.

Ich bin die einzige mit meiner Begeisterung. Die Kanzlerin und die meisten MPs „entschuldigen“ sich unmittelbar für ihren Fehler. Die Presse stürzt sich wie die Aasgeier auf diesen Fehler, stilisiert das Ganze zum Osterdebakel und kann – wie immer – nicht genug von „Debakel“ bekommen.

Für mich sollte ein Fehler nicht mit persönlicher Schuld und auch nicht mit Dummheit gleich gesetzt werden. Fehler sind normal und menschlich. Schuld sehe ich erst dann, wenn erkannte Fehler nicht eingestanden – und vor allem nicht rückgängig gemacht oder wiederholt werden.

Um Fehler zu erkennen, sollte Politik das, was sie tut, evaluieren. Unvoreingenommen und ehrlich evaluieren. Also eine Evaluation vornehmen, bei der das Ergebnis NICHT von vorneherein feststeht.

Und wenn sie aufgrund dieser Evaluation feststellt, dass eine Entscheidung sich im Ergebnis anders auswirkt, als sie vorab erwartet hatte, dann wünsche ich mir, dass sie den selbstverständlichen Mut hat, dieses zuzugeben – und die Entscheidung zu revidieren.

Und ich wünsche mir eine Presse und eine Öffentlichkeit, die genau das einfordert.

Leider haben wir jedoch eine Presse und eine ihr folgende Öffentlichkeit, die genau das Gegenteil tut. „Was haben Sie falsch gemacht?“ ist eine dümmliche Lieblingsfrage aller Journalist*innen an eine*n Politiker*in nach einer verlorenen Wahl. Gefolgt von der Erwartung oder gar Forderung eines „Schuldbekenntnisses“.

Fehlerkultur??? Oh nein! Wer als Politiker*in Fehler macht, ist schuldig, persönlich schuldig, zur medialen Bestrafung frei gegeben. „Fehlereingeständnisse“, „Schuldbekenntnisse“ vor laufender Kamera, das scheinen journalistische High-Lights zu sein.

Für mich hat das etwas von trivialem Voyeur-Journalismus, aber anscheinend bringt es Einschaltquoten.

Wie ist es denn eigentlich mit den Fehlern? Ist es überhaupt wirklich so eindeutig, was „richtig“ und was „falsch“ ist?

Wenn man sich breit beraten lässt, und aus meiner Sicht sollte man das als Politiker*in unbedingt tun, wird es (fast) immer verschiedene Ansichten geben. Denn ein eindeutiges „richtig“ oder „falsch“ gibt es in der Politik fast nie. Die meisten Entscheidungen haben zwei oder noch sehr viel mehr Seiten. Was dem einen nutzt, kann dem anderen schaden. Und was der eine Experte vorab so sieht, sieht der andere Experte vorab ganz anders. Auch bei Experten kommt vieles auf den eigenen Erfahrungshorizont und die eigene Wahrnehmung an.

Weil das so ist, wäre es aus meiner Sicht in wichtigen Fragen die beste Methode, sich die verschiedensten Ansichten und Interessen anzuhören, gegeneinander abzuwägen und aufgrund dieser Abwägung dann eine politische Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung, deren Ergebnisse man sich unvoreingenommen anschaut. Und die man selbstverständlich wieder revidiert, wenn die Ergebnisse in der Praxis nicht den Erwartungen entsprechen. Also NICHT: Das ist jetzt so und bleibt jetzt so, bis in alle Ewigkeit (und so stellen wir weiter zweimal im Jahr unsere Uhren um… ).

Leider ist eine solche Art der Politik aber nicht (mehr) möglich, war es vielleicht auch nie.

Heutzutage haben wir eine Presse, die suggeriert, – und eine Öffentlichkeit, die glaubt, – dass es ein eindeutiges „richtig“ und „falsch“ gebe. Und was, „richtig“ und „falsch“ sei, darüber befinde „DIE Wissenschaft“. Denn „DIE Wissenschaft“, die verkünde „objektive Wahrheiten“. „Fakten“.

Die Medien sehen ihren eigenen Qualitätsanspruch nicht mehr in guter Recherche und intellektuellem Diskurs, sondern darin, DER Wissenschaft ein Forum zu geben, so scheint es mir. Echter Diskurs ist nicht mehr erwünscht. Gute Recherche zeitlich und personell selten möglich.

Aber, wenn es DIE Wissenschaft wirklich gebe, dann wäre es ja gar keine Wissenschaft, sondern ein tönernes Lehrgebäude, in dem eine Einheitslehre verkündet wird, die nicht am Erkenntnisgewinn, sondern an der Verkündung interessiert ist.

Von Außen betrachtet habe ich leider in den letzten Jahren tatsächlich verstärkt den Eindruck einer Einheitslehre vermittelt bekommen, statt einer „Wissenschaft“. Aber trotz einer gewissen Vereinheitlichung im westlich wissenschaftlichen Denken gibt es dann doch immer wieder erfreulich unterschiedliche Meinungen und Ansichten zu vielen Fragen und Problemstellungen.

Politiker*innen freilich stellt genau das vor ein Dilemma. Denn, wenn eine komplexe Frage auftaucht, müssen sie sich entscheiden, auf wen sie hören wollen. Sie müssen entscheiden, welche „Experten“ die „guten“ sind, und welchen sie nicht trauen sollten.

Denn, dass „Experten“ desselben Fachgebiets zu einer Frage völlig unterschiedliche Meinungen haben, kommt in der Öffentlichkeit leider gar nicht gut an.

Das hieße ja, es wäre gar nicht eindeutig, was „richtig“ und was „falsch“ ist. Das hieße ja, es gebe bei den meisten Fragen gar keine eindeutige „objektive Wahrheit“. Das hieße ja, es gebe einen Unsicherheitsfaktor. Und Politik ist doch dafür gewählt, Sicherheit zu geben.

Nichts wird von der Presse und ihren Konsumenten mehr verrissen, als Unsicherheit eines Politikers. Gleichgesetzt mit Unfähigkeit, mangelnder Führungsstärke, eben fehl am Platze.

Also muss man sich schnell entscheiden, welchen Experten man zuhört- und welchen nicht. Da sich das sachlich selten begründen lässt, erfolgt eben zur Begründung ein Rückgriff auf unsachliche Kriterien. Auf das ganz Große. So wird der eine Experte als „gut“ dargestellt und der mit der anderen Meinung als „böse“ oder zumindest als „Spinner“.

Das wiederum erscheint mir fatal. Denn wenn ich mich einmal festgelegt habe, dass jemand „böse“ oder „ein Spinner“ ist, KANN ich auf dessen Meinung nicht mehr zurückgreifen. Auch dann nicht, wenn ich einige Monate nach einer Entscheidung merke, dass die Experten, auf die ich gehört habe, vielleicht fachlich gar nicht die besten waren. Und selbst, wenn diese Experten selber nach einiger Zeit merken, dass ihre Ideen vielleicht doch gar nicht die besten aller Möglichkeiten waren, können auch sie nicht mehr zurück. Besser, sich dann in immer gleicher erscheinenden Worthülsen zu verheddern, als zuzugeben, dass man eventuell von vorneherein falsch lag. Denn dann hätte es sich mit dem Expertentum. Und mit der politischen Führungsstärke auch … .

Also neigen die Beteiligten dazu, mehr von dem zu machen und zu fordern, was NICHT funktioniert hat. Denn dann kann man immer noch sagen, es habe nur deshalb nicht funktioniert, weil man nicht ALLES ausgeschöpft habe, was möglich sei. Eine komplette Kehrtwende jedoch wäre ein Eingeständnis, dass man von vorneherein auf das falsche Pferd gesetzt haben könnte. Und das verzeiht die geneigte Öffentlichkeit leider nicht.

Wir leben in einem föderalen System. Das könnte und sollte einmal dem Wettbewerb um die beste Lösung dienen. Doch wenn man so tut, als gebe es nur EINE Lösung, dann geht das nicht mit dem Wettbewerb. Dann muss man mehr Zentralismus fordern. Sonst hätte man wohlmöglich das Ergebnis, dass ein Land – ähnlich wie in den USA z.B. Florida – ohne Maskenpflicht und ohne Lockdown bei den Zahlen zu Corona (und zu Kollateralschäden natürlich ohnehin) besser dasteht, als ein Land – wie in den USA z.B. Kalifornien – mit strenger Maskenpflicht und strengem Lockdown. DAS wiederum kann man nur zulassen, wenn man sich auch mal getäuscht haben dürfte, als Politiker*in.

Aus meiner Sicht ist es völlig normal und selbstverständlich, dass Politiker*innen Fehler machen. Es sind schließlich Menschen wie du und ich.

Für gefährlich halte ich es aber, wenn sie vergessen zu haben scheinen, dass sie Menschen wie du und ich sind (eine Krankheit, für die Politiker*innen, Unternehmer*innen, Wissenschaftler*innen und Journalist*innen eine besondere Anfälligkeit haben). Und noch gefährlicher erscheint es mir, wenn andere Menschen wie du und ich sie in diesem Vergessen auch noch unterstützen und „Führung(sstärke)“ von ihnen einfordern.

Ich persönlich möchte mir meinen Weg selber suchen. Ich will ganz sicher keinen alten oder neuen Führer. Ich will niemanden, der oder die vergessen hat, ein Mensch wie du und ich zu sein – und mich und alle anderen auf einen Weg zwingen möchte, den er oder sie im Wahn einer gewissen Unfehlbarkeit für den Stein der Weisen hält.

Denn der Wahn von „Unfehlbarkeit“ erscheint mir persönlich weitaus gefährlicher, als das Zulassen und Eingeständnis einer gewissen Unsicherheit.

Kommunikation – aneinander vorbei – Eskalation

gemalt von Dörte Müller

Das für mich eindrücklichste Seminar, was ich in meinem Leben je besucht habe, war im Fach Sozialpsychologie. Es hatte nichts mit meinem eigentlichen Studium zu tun, aber das machte es für mich umso interessanter. Es ging um Kommunikation und Verhandlungen in Gruppen. Und vor allem um die innerhalb der Gruppen ablaufenden Prozesse.

Wir wurden nach dem Losverfahren in zwei Gruppen geteilt. Jede Gruppe bekam eine eigene „Regieanweisung“. Die enthielt die Ziele der Gruppe, ihre Möglichkeiten, Machtmittel, Verbündete etc. . Schnell stellte sich im Laufe des „Spiels“ Folgendes heraus:
1. Die Ziele der beiden Gruppen waren unvereinbar.
2. Die Möglichkeiten, Machtmittel, Verbündeten etc. waren sehr ungleich verteilt zwischen den Gruppen. Die, der ich zufällig angehörte, war die mächtige. Die andere im Grunde genommen chancenlos.

Was dann passierte, war interessant: Je mehr uns klar wurde, dass wir die Macht hatten – und die anderen nicht -, desto arroganter wurden wir. Es machte uns Spaß, die anderen spüren zu lassen, dass sie keine Chance hatten. In den Zwischenabsprachen der Gruppenmitglieder untereinander überlegten wir uns, wie wir das Maximale herausholen könnten. Den anderen weniger als nichts lassen, die Möglichkeiten dazu schienen wir ja zu haben. Die Mitglieder der „Gruppe chancenlos“ wurden rauer und aggressiver im Tonfall, aber das ließ uns nur umso mehr unsere Machtmittel ausspielen. Jetzt schien uns das noch gerechtfertigter, schließlich wirkte die andere Gruppe ja zusehends unangenehmer.
Wir „spielten“ einen ganzen Tag lang. Spannung und Wut im Raum waren zum Schluss mit Händen greifbar.

Das Ganze hätte uns vermutlich kaum Erkenntnisse gebracht (es schien ja eigentlich normal), wären wir nicht den gesamten Tag gefilmt worden von der Seminarleitung. Jede Verhandlungsrunde, jede Zwischenabsprache.

Die nächsten Seminartage verbrachten wir damit, uns diese Filme anzusehen und unser Verhalten zu analysieren:
Wir waren entsetzt. Ich muss dazu sagen: Jede*r Teilnehmer*in hatte bereits zuvor mindestens Basiskenntnisse in Theorien zu „guter“ Kommunikation. Und auf der Grundlage dieser Kenntnisse erschien es uns unverständlich, wie wir so sehr und so automatisch in diese Arroganz der Macht gerutscht waren. Dass wir in keiner Weise daran interessiert waren, „den anderen“ wenigstens ein Stück weit ihr Gesicht zu lassen. Ganz im Gegenteil. Wie wir die Wut „der anderen“, die letztlich deren einziges Ventil war, auch noch als Rechtfertigung für uns genutzt hatten, noch fieser aufzutreten. Warum wir so überhaupt nicht daran interessiert waren, Spannungen abzubauen – und den anderen Lösungen anzubieten-, mit denen sie wenigstens auch ein Stück weit hätten leben können.

Das hat mich tief beeindruckt. Tief beeindruckt hat mich auch der „Profi-Deeskalierer“, der uns später in diesem Seminar Einblick in seine Tätigkeit gab. Sein Job war es, bei Geiseldramen zu versuchen, auf die Geiselnehmer einzuwirken und sie zur Freilassung ihrer Geiseln zu bewegen. Er war einer der international bekanntesten seiner Zunft: Deeskalation, sagte er, bedeutet immer, die Anliegen des / der anderen (Schwächeren) anzuhören und ihnen die Möglichkeit der Gesichtswahrung zu geben.

An dieses lang zurück liegende Seminar musste ich gerade wieder denken, weil ich zum allseits beliebten Thema Conora so oft lese: „Ich habe ja versucht mit den anderen zu sprechen. Aber es ist sinnlos. DIE wollen einfach nicht verstehen.“ Und ich dann immer verzweifelt denke: „Aber ich versuche doch zu kommunizieren. Ich habe ganz viele Angebote auf meinem Blog gemacht.“ Die aber offensichtlich nicht als „Angebote“ empfunden wurden … .

Im Gedanken an mein damaliges Seminar nehme ich inzwischen an, diese gegenseitige Verständnislosigkeit liegt daran, dass beide Gruppen völlig verschiedenen „Regieanweisungen“ folgen. Regieanweisungen in der Frage, wie man bei komplexen Sachverhalten in Themen, bei denen man kein Fachmensch ist, zu seinem Urteil kommt. Also, was man glaubt und was nicht.

Wir leben in einer komplexen Welt und uns ist immer wieder beigebracht worden: „Achten Sie auf vertrauenswürdige Quellen.“ Und das ist das, was die Mehrheit tut. Sie hat sich entschieden, bestimmten Quellen zu vertrauen – und anderen nicht.

Ich hingegen bin vom Typ her ohnehin – und als Juristin nochmal deutlich verstärkt – darauf trainiert und konditioniert, auf Inhalt und Art einer Argumentation zu schauen. Wer sich als Jurist von einem „glanzvollen Namen blenden lässt“ und deshalb versäumt, nach der Substanz hinter einer Argumentation zu schauen, hat aus meiner Sicht den Beruf verfehlt.
Wenn mir also lauter Zahlen ohne jede Bezugsgröße präsentiert werden; mit Behauptungen operiert wird, für die man mir keinen Beleg nennt; jemand versucht, Emotionen zu schüren, ohne mit Argumenten zu kommen; dann ist das für mich eine sehr schwache und dünn geratene Argumentation, bei der ich sofort dazu neige, sie in der Luft zu zerreißen.
Wenn diese aus meiner Sicht schlechte Argumentationslinie dann ständig wiederholt wird, und zwar von allen möglichen Leuten, dann wird sie für mich damit keinen Deut besser. Aber ich bin irritiert, insbesondere, wenn ich diese Leute einer „intelligenteren“ Argumentation für fähig gehalten hätte.
Und, – vielleicht ist das auch besonders typisch für Juristen – ich beginne eine Strategie dahinter zu vermuten. Warum sonst sollten intelligente Leute so aus meiner Sicht merkwürdig agieren?
DANN beginne ich, mich in „alternativen“ Medien zu informieren. Und stelle fest, es gibt eine Menge Menschen, die die offizielle Argumentationslinie schwach und die angebotenen „Lösungen“ falsch finden. Darunter auch etliche Fachleute, die den eigentlichen Sachverhalt weit besser beurteilen können als ich. Und deren Argumentation für mich irgendwie deutlich konsistenter und auch gehaltvoller rüber kommt, als die „offizielle“ Linie.
Und wenn ich dann sehe, dass diese Fachleute nicht nur totgeschwiegen, sondern ihre Videos gelöscht und sie selbst diskreditiert werden, dann leuchten bei mir alle Warnlampen. Und meine Vermutung einer Strategie wird zu einer Art Gewissheit für mich.

Wenn ich hingegen zu der anderen Gruppe gehören würde, würden mir argumentative Schwächen meiner Quelle gar nicht auffallen. Und was mir auffiele, würde ich irgendwie entschuldigen. Weil ich der betreffenden Quelle vertraue. Das ist nicht naiv, sondern völlig normal. Wenn dann ganz viele dasselbe sagen, wäre das natürlich erst recht ein Beleg für die Richtigkeit meiner Quelle. Mein Glauben an die Richtigkeit würde zu einer Art Gewissheit.
Und wenn dann jemand um die Ecke käme – und sagt: „Die sagen alle dasselbe, da steckt eine Strategie dahinter. Da muss man genauer hinschauen!“, würde ich diesen jemand folgerichtig für einen „Verschwörungstheoretiker“ halten… . Schließlich sieht er ausgerechnet das, was für mich Beweis meines Richtigliegens ist, als Beleg, dass hier etwas nicht stimme. Klar fände ich das absurd.

Zwischen der Wahrnehmung der beiden Gruppen gibt es keine wirkliche Schnittmenge. Und damit auch keine Kommunikationsbasis.

Schlimmer noch, aus meiner kritischen Sicht heraus scheint es eine „Gruppe Macht“ zu geben, die die gesamte Medienmacht hat, während die andere sich mit Löschungen ihrer Botschaften konfrontiert sieht, und zur „Gruppe chancenlos“ wird. Ich fühle mich letzterer Gruppe zugeordnet. Werde folgerichtig immer verzweifelter und sage immer lauter: „Ihr müsst doch SEHEN, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt.“ Und „Gruppe Macht“ schaut mich an und sagt: „Ja, das sehen wir. Mit DIR stimmt etwas nicht …“.

Und vielleicht ist das auch so. Vielleicht bilde ich mir Manches nur ein. Aber ich würde mich deutlich wohler fühlen, wenn es statt dieser professionellen Eskalierer, professionelle Deeskalierer gäbe. Professionelle Eskalierer sind für mich Leute, die es gezielt darauf anlegen, anderen ihr Gesicht zu NEHMEN. Ob wortwörtlich durch Löschungen, oder im übertragenen Sinne durch Beleidigungen („Covidioten“, „Aluhüte“ etc.), Zuschreibungen („rechts“, „Verschwörungstheoretiker“ etc.) oder auch „Faktenchecks“, mit denen keine „Fakten gecheckt“, sondern Personen diskreditiert werden, die nicht „auf Linie sind“. Warum macht man das?

Ob in internationalen Konstellationen der Weltpolitik oder im Kleinen: „Gruppe Macht“ hat in der Regel eine andere Wahrnehmung dessen, was „richtig“ ist, als „Gruppe chancenlos“. Aufgrund ihrer Wahrnehmung geht sie davon aus, dass es gerechtfertigt sei, „Gruppe chancenlos“ zu beleidigen und von ihr zu verlangen, ihre Bedürfnisse zurückzustellen und sich anzupassen, da deren Bedürfnisse eben falsch oder zumindest weniger wert erscheinen, als die eigenen. Und weil sie die Macht hat, neigt sie dazu, ein anderes Verhalten mit Sanktionen zu bestrafen. Und „Gruppe chancenlos“ neigt folgerichtig dazu, frustrierter und wütender zu werden.

Kommunikation kann in einem solchen Fall nur dann gelingen, wenn jede Seite bereit ist, sich auch ein Stück weit auf die Wahrnehmung der jeweils anderen Seite einzulassen. Deren Wahrnehmung für möglicherweise genauso richtig oder falsch zu halten, wie die eigene. Und deren Bedürfnisse als potentiell genauso wertvoll und wichtig wie die eigenen. Nur, wenn beide Seiten bereit sind, bei den eigenen Bedürfnissen auch zurückzustecken, sind Kompromisse möglich. Und nur dann ist es möglich, dass Kompromisse auch von beiden Seiten akzeptiert werden.

Der Versuch, Spannungen abzubauen und Kompromisse anzubieten, mit denen auch die „Gruppe chancenlos“ ein Stück weit leben könnte, muss dabei in solchen Konstellationen zwingend von der „Gruppe Macht“ ausgehen. Denn der „Gruppe chancenlos“ zu sagen, sie solle „Spannungen abbauen“ (aufhören mit ihrer Kritik), hieße nichts anderes, als zu fordern, sie solle gefälligst zur „Gruppe Macht“ übertreten und deren Ziele und Weltsicht übernehmen. Oder sie solle zumindest ihren Mund halten und aufhören, die „Gruppe Macht“ zu nerven. DAS ist kein Kompromiss. Und es hilft auch nicht!

Und das gilt längst nicht nur für Corona … .