Menschenbilder – oder: Auf dem Weg in eine gesündere Welt?

Gute Besserung?; Künstlerin: Dörte Müller

Die meisten Menschen scheinen sich einig zu sein, dass unsere derzeitige Gesellschaft fast weltweit in gewisser Weise krank ist. Nein, ich meine nicht Corona. Sondern die Ungerechtigkeiten in der Welt. Die gigantischen Umweltprobleme. Kriege. Ausbeutungen. Unterdrückung von Frauen. „Anbetung“ von Macht und Geld. Die Welt ist schon seit langer Zeit in vieler Hinsicht völlig aus dem Gleichgewicht.

Es muss sich etwas ändern. Da würde ich dem gerade viel zitierten Klaus Schwab recht geben. Ohne sein Buch zum „Great Reset“ oder zur „4. industriellen Revolution“ gelesen zu haben, haben mir die Interviews mit ihm – die ich gelesen habe – den Eindruck vermittelt, er setze dabei vor allem auf KI und wolle den Kapitalismus im Grundsatz beibehalten (aber privates Vermögen teilweise umverteilen). Und das scheint mir tatsächlich auch der Ansatz zu sein, den die meisten westlichen Regierungen derzeit verfolgen.

Dahinter steht für mich ein bestimmtes Menschenbild, (das auch hinter dem Denken stehen dürfte, das den derzeitigen Umgang mit Corona bestimmt):

Mensch und Natur sind zwei völlig voneinander getrennte Entitäten.
Die Natur ist etwas Gefährliches, wenn der Mensch sie nicht mit seinen technischen Mitteln „unter Kontrolle bringen“ kann.
Der Mensch selbst ist ebenfalls etwas Gefährliches.
Sein Körper ist getrennt von seinem „Verstand“ und diesem gegenüber etwas Minderwertiges / Sündiges. Kein Wunderwerk, das in einem komplexen Gleichgewicht voller Lebendigkeit und Selbstheilungskräften eingebunden ist. Sondern eine störanfällige Maschine, die man im Bedarfsfall unbedingt „Experten“ anvertrauen sollte. Und die von diesen mit Eingriffen von außen wieder funktionsfähig gemacht werden muss.
Der menschliche Geist wiederum ist zu schlimmen Gräueltaten fähig. Er handelt oft nicht „vernünftig“.
Nach diesem Menschenbild gibt es die Vorstellung einer objektiven „Vernunft“, an die die Menschen heran geführt werden müssten.
Gefühle seien per se gefährlich. Menschen werden daher davon abgehalten, auf ihr Gefühl zu hören. Sowohl Geist wie Gefühle der Massen müssen aus dieser Sicht von außen gesteuert und unter Kontrolle gehalten werden.
Man weiß, dass Menschenmassen verführbar sind, und man weiß vom „Herdentrieb“ der Menschen. Man versucht, diesen zu nutzen, um sicherzustellen, dass sie zum „Guten“ und „moralisch Richtigem“ verführt werden. Hierfür braucht es Eliten, die das Volk führen, und ihm sagen, was es zu glauben, zu fühlen und zu tun hat.
Wer sich widerspenstig zeigt, ist potentiell gefährlich und damit zu bekämpfen – und wieder unter Kontrolle zu bringen. Wenn einmal die Kontrolle verloren ist, dann werden aus dieser Sicht desaströse Szenarien Wirklichkeit: Es droht ein „exponentielles Wachstum des Bösen“ (das scheint die Lehre aus der Nazizeit).
Die Eliten sollten möglichst „objektiv“ und „moralisch integer“ sein oder zumindest so wahrgenommen werden, was man am ehesten „der Wissenschaft“ zutraut. Denn diese gilt per se als „objektiv“. Das mache sie aus.
Noch „objektiver“ ist KI. Die allerdings wiederum von jemandem programmiert werden muss…. . Man glaubt, dass die Eliten so integer seien, dass sie diese Tatsache nicht für sich ausnutzen würden.

Der Glaube an die KI hat aus Sicht des bestehenden Systems den Vorteil, dass man weit möglichste Kontrolle über die Menschen bekommt, sie im wahrsten Sinne des Wortes „berechenbarer“ werden. Gleichzeitig kann man weiterhin dem Kapitalismus und dem Wachstumsgedanken frönen. Muss also nicht wirklich über das bestehende System hinaus denken oder als Angehörige*r der derzeitigen Elite stärkere Einschnitte für das eigene Leben befürchten.

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Der Gegenentwurf sieht Mensch und Natur als zusammengehörig und stellt den längst verloren gegangenen Bezug zu „Mutter Erde“ wieder her. Die Ansicht der „Gleichberechtigung“ von „Mutter Erde“ mit „Vater Gott“ führt zu einem anderen Stellenwert des Weiblichen an sich.
Statt dem Versuch, diese „unter Kontrolle zu bringen“, herrscht Dankbarkeit und Demut gegenüber der Erde und der Natur, die uns unser Leben überhaupt erst ermöglichen (und der Frauen, die dieses Leben weiter geben).
Körper und Geist sind untrennbar verbunden und beide stellen ein vom menschlichen Verstand nicht erfassbares „Wunder“ dar, das – auch hinsichtlich der schier unglaublichen körperlichen Selbstheilungskräfte – ebenfalls Dankbarkeit und Demut erzeugen kann (und Lust erzeugen darf). Experte für den eigenen Körper ist selbstverständlich jeder Mensch selbst. Die eigene Intuition immer der wichtigste Ratgeber.
Dass Mensch und Natur auch zerstörerische Aspekte haben, ist aus dieser Sicht kein Grund, sie sich untertan machen zu wollen, sie kontrollieren und beherrschen zu wollen. Aus dieser Sicht ist es die Verantwortung jedes Menschen selbst, seine eigenen zerstörerischen Anteile zu erkennen und zu bearbeiten. Um dann den in sich selbst erzeugten Frieden auch nach außen ausstrahlen zu können.
Eine absichtliche groß angelegte Manipulation des Bewusstseins anderer Menschen wird abgelehnt und als etwas Negatives und tendenziell Gefährliches angesehen. Der Glaube an eine objektive Wahrheit im Außen als eine Illusion, die von Menschen mit Eigeninteressen ausgenutzt werden kann und wird.
Menschen, die sich selbst für eine Elite halten, und meinen, anderen etwas vorschreiben und sie kontrollieren zu dürfen / müssen, sind aus dieser Weltsicht heraus NIEMALS moralisch besonders integer. Wer Macht über andere ausüben und diese kontrollieren möchte, hat im Gegenteil noch sehr viel an sich zu arbeiten. Um die eigene Sucht nach Macht in Liebe umzuwandeln. Die große Aufgabe unserer Zeit aus dieser Sicht, bei der sich gerade die Menschen, die sich für eine Elite halten, als die größten Bremsklötze erweisen.
Künstliche Intelligenz dient aus dieser Sicht nicht in erster Linie dem Menschen, sondern Kapitalinteressen. Und ist genauso kalt wie diese.
Technik und Geld sollten den Menschen dienen – und sie nicht beherrschen.
Eine Menschheit, deren Daseinszweck darin gesehen wird, der Technik und vor allem dem Geld zu dienen, ist ihres Menschseins beraubt.

Die Weiterführung des Kapitalismusgedankens scheint daher aus diesem anderen Menschenbild heraus ebenso wenig der richtige Weg zur Gesundung der Welt wie der Glaube an Eliten (zu denen die „herrschende Klasse“ sich tendenziell immer auch selbst zählt). Und der Glaube an KI schon mal gar nicht.

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Jeder Mensch hat (noch) die freie Entscheidungsmöglichkeit, welchem Menschenbild er oder sie folgen möchte. Welche Zukunft er oder sie der Menschheit wünscht.

Stell dir vor, EINIGE Menschen wollen Macht über andere ausüben – und niemand gibt sie ihnen.

abc-Etüden 03.04.21; Romantik

Der Sonnenuntergang war phantastisch. Der ganze Himmel schien in eine orangenes Licht getaucht, das jetzt langsam in ein Rosa überging. Irma genoss jede Sekunde. Hier auf der Terrasse ihres Hauses. Zusammen mit Udo, ihrem Mann. Mit einem Glas guten Rotwein in der Hand. Sie hatten den Wein einst geschenkt bekommen und schon lange probieren wollen. Heute schien endlich die Gelegenheit dafür. Und der Wein war richtig gut. Fanden sie beide. Es war der perfekte Abschluss eines perfekten Abends. Sie hatten gemütlich zusammen zu Abend gegessen, sich angeregt unterhalten und dabei immer wieder in die Augen geschaut. Selten hatte Udo so auf ihre Fragen geantwortet und echtes Interesse an dem gezeigt, was sie bewegte. Und jetzt hatten sie noch zusammen diesen wundervollen Sonnenuntergang genossen.

Seit fast vierzig Jahren waren sie nun verheiratet, und Irma überlegte, wann sie zuletzt so einen schönen Abend miteinander gehabt hatten. Es erschütterte sie, dass sie sich nicht erinnern konnte. Es musste ewig her sein.

Die Sonne war inzwischen unter gegangen. Langsam wurde es kühl. Sie standen auf und – wow-, Udo kam auf sie zu, nahm sie in die Arme und gab ihr einen langen und innigen Kuss.

Während sie durch die Terassentür zurück ins Wohnzimmer gingen, machte Irma sich eine mentale Notiz:
„Morgen früh, während Udo unter der Dusche ist, gleich als Erstes den Fernsehtechniker anrufen. Und ihn bitten, den Lautsprecher, oder was auch immer an dem Fernsehgerät defekt sein mochte, bitte NICHT zu reparieren.
Jedenfalls noch nicht morgen … .“

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Mit Dank an Christiane für ihre Mühe mit den Etüden und den Etüdelingen. Alles Wissenswerte zu den Etüden findet sich auf ihrem Blog (Schreibeinladung für die Textwochen 03.04.21 | Wortspende von blaupause7 | Irgendwas ist immer (wordpress.com))

Und mit Dank an Blaupause 7 für die Wortspende.

Alltagsrassismus

Vielfarbig; Künstlerin: Dörte Müller

In letzter Zeit gibt es immer mal wieder Diskussionen, weil eine Straße umbenannt werden soll, die einen abwertenden Begriff enthält. Oder nach jemandem benannt ist, dessen „Verdienste“ aus heutiger Sicht eher zweifelhaft erscheinen. Jede*r möchte deutlich machen, dass er oder sie gegen Rassismus ist. Selbst als Sternsinger wurden vielerorts vorsichtshalber drei blonde Mädchen ausgesucht, um bloß nichts „falsch zu machen“. Ich will mich nicht darüber lustig machen. Es ist nicht an mir, zu bewerten, ob und warum sich jemand diskriminiert oder beleidigt fühlt.

Was mich an dieser Debatte stört, ist vielmehr, dass sie mir scheinheilig erscheint. Denn für mich wird hier immer nur der Deckel einer Sache ausgetauscht, ohne dass man in das Gefäß darunter schaut. Und mir erscheint dieses Gefäß tief und immer noch sehr gefüllt.

Denn: Selbstverständlich sehen wir Menschen anderer Hautfarbe uns Weißen gegenüber als absolut gleichwertig an – Wenn sie sich denn verhalten, wie Weiße. Unsere Anschauungen, unsere Ansichten, unsere Weltsichten teilen. Dann können sie sogar amerikanischer Präsident oder Vizepräsidentin werden. Was wir feiern, weil wir es für Gleichberechtigung halten.

Wenn jedoch jemand wie vor 100 Jahren als Stammesältester seines kleinen Dorfes in Afrika leben möchte, mit tiefer Verbindung zu seinen Ahnen, zu der Kultur seiner Ahnen und zur Natur, – dann sehen wir das selbstverständlich als völlig rückständig an. Und meinen vielleicht noch, dem Dorf „Entwicklungshilfe“ geben zu müssen. Denn wir Weißen können es irgendwie schlecht ertragen, wenn jemand unsere Weltsicht NICHT teilen will. Dann neigen wir dazu, „nachzuhelfen“.

Ich persönlich halte es nicht für rassistisch, jemand als „Rothaut“ zu bezeichnen, wenn er eine rote Hautfarbe hat. Aber ich halte es für rassistisch, sich über die alten indigenen Kulturen lustig zu machen. Diese für „primitiv“ zu halten, ihre uralten Weisheiten zu übersehen. Ihrem „Schamanismus“ gerade mal folkloristischen Wert zuzubilligen. Oder ihn als neues, v.a. in Kreisen des westlichen weiblichen Bürgertums beliebtes, „Konsumgut“ anzusehen und nur als solches zu akzeptieren. Weil in unserer ach so entwickelten Kultur eben grundsätzlich alles am „Marktwert“ bemessen wird.

Und wir Weißen WISSEN schließlich, wie es geht und wie es zu geht auf dieser Welt. Was diese Welt im Innersten zusammenhält. Wer denn, wenn nicht wir mit unserer RATIONALEN Wissenschaft? Wer diesem Weltbild nicht folgt, kann ja nur rückständig sein … . Und dem muss natürlich geholfen werden … .

Allein der Begriff „Entwicklungshilfe“ ist für mich ein rassistischer. Weil er suggeriert, dass wir Weißen „entwickelt“ seien. Unsere Kultur die beste und am höchsten „entwickelte“ der Welt sei, sozusagen evolutionär weiter fortgeschritten als andere. Weil wir Technik – und das, was wir für Wissenschaft halten, – anbeten, halten wir Völker, die das nicht in dem Maße tun (und die eine andere Art Wissenschaft haben), für rückständig.

Hilfe in Afrika ist gut und wichtig. Nicht, weil dies „rückständige“ Völker sind, die zu unserer Vorstellung von technologischem Fortschritt hin entwickelt werden müssten, sondern weil die Industriestaaten seit der Kolonialzeit dort die alten Strukturen aus purem Eigennutz weitgehend zerstört haben. Und daher aus meiner Sicht eine moralische Verpflichtung dieser Staaten besteht, hier auch Reparaturarbeit zu leisten. (Und zwar nicht mit dem Ziel, möglichst viele neue Konsumenten für westliche Güter zu schaffen.)

Haben wir eigentlich jemals das DENKEN aus der Kolonialzeit wirklich hinterfragt? Haben wir jemals begonnen, Kulturen, die anders sind als unsere, wirklich als GLEICHWERTIG anzusehen?

Und warum sind wir eigentlich so oft der Meinung, es wäre PEINLICH, wenn wir Deutschen in irgendetwas, wie z.B. der uns so wichtig erscheinenden Digitalisierung, „schlechter abschneiden“, als Länder, die wir für weit unter uns stehend halten? Was steht für eine Denkweise dahinter, wenn jemand sagt: „Das bekommen sogar die in Albanien besser hin.“? Warum meinen so viele Menschen in Deutschland ganz selbstverständlich, dass wir Deutschen toller, besser, intelligenter, fortschrittlicher, besser organisiert etc. sind als andere???

Und warum meinen oft genug dieselben Menschen, dass sie antirassistisch seien, wenn sie sich über ein Straßenschild aufregen?