Vorspielen

Gleich wird sie auf die Bühne treten mit ihrer Geige.

Sie soll ein Solo vorspielen.

Der Zuschauerraum ist voll. Ihre Eltern, Großeltern und weitere Verwandte sitzen in der ersten Reihe.

Ihre Eltern hatten ihr die Geige gekauft, da war sie vier.
Seitdem spielt sie.
Insbesondere ihre Mutter, die selbst gerne berühmte Violinistin geworden wäre, setzt große Hoffnungen in ihre Karriere.

Sie hat Talent.
Aber wirklich Spaß hat ihr das tägliche mehrstündige Üben nie gemacht.
Jetzt ist sie 14.

Vergeblich hat sie versucht, ihre Mutter davon abzubringen, sie zu diesem Soloauftritt anzumelden.

Sie weiß: Ihre heutige Performance wird entscheidend für ihren weiteren Lebenslauf werden. Sie zittert wie Wackelpudding.

Ihr Auftritt.

Sie verbeugt sich kurz.

Und sagt dann laut, dass sie heute NICHT vorspielen wird. Dass sie überhaupt nicht mehr Geige spielen wird, weil IHR das keine Freude macht.
Dass es IHR Leben sei!

Sie rennt raus.
Und schluchzt haltlos:
„Es war furchtbar!!! Ich habe alle blamiert! Das letzte, was ich gehört habe, war, wie Mama mit der Taschentücherpackung geknistert und geweint hat.
Ich bin schuld, dass sie sich jetzt für mich schämen muss!“

Das Wesen, mit dem sie redet, lächelt unverdrossen:

„Nein, Clara.
Du warst großartig!
Unglaublich mutig!
Falls deine Mutter meint, sich schämen zu müssen, ist das ihr Problem. Wenn sie versucht, DIR die Schuld dafür zu geben, macht sie sich an dir schuldig.
Sie wird über ihre Enttäuschung hinwegkommen und vielleicht sogar die Chance ergreifen, daraus zu lernen.

Du aber hast heute einen für deine Entwicklung ganz wichtigen Schritt getan:
Einen großen Schritt dahin, dich von den Erwartungen anderer zu befreien.
Aufzuhören, ihnen etwas vorzuspielen, was du nicht bist, nur um sie nicht zu enttäuschen.

Damit, liebe Clara, bist du in deiner persönlichen Entwicklung sehr viel weiter, als es die allermeisten Erwachsenen heutzutage sind.

Ich bin stolz auf dich!“

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Wie immer mit besonderem Dank an Christiane für ihre liebevolle Betreuung der Etüden, deren aktuelle Einladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/01/16/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-03-04-22-wortspende-von-stachelbeermond/ zu finden ist und an Tanja von Stachelbeermond für die Wortspende!

Schwein gehabt?

Da hat man nun also dem ersten Menschen ein Schweineherz implantiert.

An unzähligen Pavianen hatte man vorher geübt. Den armen Affen Herzen dafür „geopferter“ Schweine eingenäht. Geschaut, wie lange die Affen dann überleben.
Was ist das Leben von Tieren schon wert, wenn es um einen „Menschheitstraum“ geht …?

Es sei wichtig, dass das Schweineherz möglichst virenfrei sei. Das erreiche man durch Testen, Medikamente, Impfungen, und indem man das Ferkel direkt nach der Geburt seiner Muttersau wegnimmt, denn die Muttermilch könne ja Viren übertragen.

Ich habe öfters gelesen, dass Herzimplantierte nach der Operation plötzlich Gelüste empfinden oder Gedanken haben, die denen des Toten entsprachen, dessen Herz sie bekamen.

Was mag das getötete Versuchsschwein wohl für Gefühle auf den jetzigen Träger seines Herzens übertragen …???

Zusätzlich habe man das Schwein mit menschlicher DNA „vorbehandelt“, um die Abstoßungsreaktion zu verringern.

Ob man so etwas denn in Deutschland auch dürfe, fragt der Moderator.
Ja, das dürfe man, antwortet der Virologe.

Mischwesen???

Offenbar hat man unter dem Corona-Segel die Gentechnikgesetzgebung auch in Deutschland heimlich still und leise komplett verändert.

Frankenstein steht nichts mehr im Wege.
Ethik???
Das war vorgestern.
Heute gilt in ethischer Hinsicht nichts mehr als unverzeihlich. Frankensteins finden im Gegenteil alles unverzeihlich, was sie NICHT ausprobieren dürfen, so scheint es mir.

Für herzkranke Patienten kann es vielleicht ein Hoffnungsschimmer sein.

Ist es das, was die Frankensteins treibt?
„Man darf nicht vergessen, der erste Mensch, dem ein Menschenherz implantiert wurde, lebte auch nur 24 Stunden.“ erinnert der Virologe.
Interessierte jemand sich wirklich für diesen Menschen?
Den Namen seines Herzchirurgen aber hob der Virologe noch einmal stolz und bewundernd hervor.

Diesmal hat man wohl extra einen Ex-Straftäter genommen für den ersten Menschenversuch. Noch lebt er. Wie er sich fühlt, dürfte zweitrangig sein.

Man hat einen „Sieg“ errungen über die Natur.

Mich gruselt´s.

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Ich habe das Interview mit einem „Virologen für Transplantationsmedizin“ gerade gehört – und war so entsetzt, dass das jetzt erstmal raus musste … .

Wie immer geht ein besonderer Dank an Christiane, deren aktuelle Etüdeneinladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/01/02/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-01-02-22-wortspende-von-ludwig-zeidler/ zu finden ist.

Passivität

gemalt von Dörte Müller

Ich liebe ja das daoistische Prinzip des wu wei. Wu wei wird im Deutschen meist übersetzt mit „nichts tun“ oder „Passivität“.

Beides hat hier einen schlechten Ruf. Meist wird es gleichgesetzt mit „faul“, „träge“, „alles mit sich machen lassen“ oder ähnlichen negativ besetzten Worten.

„Passivität“ entspricht im chinesischen Yin/Yang-Symbol dem weiblichen Prinzip – und ist mindestens ebenso wichtig, wie das aktive männliche Prinzip.
Leider ist das Verständnis für Passivität heutzutage verloren gegangen.

Passivität im ursprünglichen Sinn meint, sich dem Fluss des Lebens hingeben.
Dem Leben vertrauen.

Wir leben heute in einer Welt, die dem Fluss des Lebens aus irgendwelchen Gründen zutiefst misstraut.
Der Sinn des Lebens scheint heutzutage für viele darin zu bestehen, den Fluss ständig nach Felsbrocken absuchen zu lassen (und/oder selbst abzusuchen), an denen möglicherweise irgendwann jemand zerschellen könnte.
Da wird dann das Flussbett mit großem Aufwand umgeleitet, und überall werden Verbots- und Vorsichtsschilder aufgestellt, damit auch ja nie jemand vergessen kann, wie gefährlich das Leben ist.

Hört jemand davon, dass irgendwo jemand von einem Fisch gebissen und übel verletzt worden sei, dann fängt der heutige Mensch nahezu zwangsläufig (und zwanghaft) an, den gesamten Fluss zu vergiften. Es wird alles getan, damit auch bestimmt alle gefährlichen Fische erwischt und getötet werden – und so etwas nie wieder passieren kann.
Dass auch alles andere dadurch getötet wird – und auch der Mensch dann in einer Giftbrühe schwimmt -, das ist für den aktiv aktionistischen Menschen zweitrangig.
Besser, als „nichts tun“ – und wohlmöglich auch gebissen werden. Denn dann würde jeder sagen: „Das hätte doch verhindert werden können / müssen!“

Der Mensch, der nach dem aktiven Prinzip lebt, macht sich ständig Sorgen. Er widmet sein Leben zu einem großen Teil der Angst vor dem Verlust und vor dem Tod. („Bleib gesund! …“)

Der Mensch, der dem passiven Prinzip folgt, genießt es hingegen, sich von dem Wasser des Flusses tragen zu lassen. Er nimmt wahr, was es um ihn herum an Schönheit gibt und erfreut sich daran.

Er macht sich keine Sorgen darum, dass irgendwo nach 200 km vielleicht ein Felsbrocken im Wasser sein – und er daran zerschellen könnte. Warum sollte er sich um etwas Sorgen machen, was eventuell eintritt, und sich mit solchen sinnlosen Sorgen und Grübeleien sein Leben im Jetzt verderben?

Er WEISS, dass er diesen Fluss irgendwann auf die ein oder andere Art wieder verlassen wird. Aber er ist nicht in diesen Fluss gestiegen, um die Zeit, die er darin hat, hauptsächlich damit zu verbringen, Angst davor zu haben, diesen Fluss irgendwann wieder verlassen zu müssen.

Was hätte er dann überhaupt davon, in diesem Fluss zu sein? Er würde niemals auf die Idee kommen, in einer Giftbrühe schwimmen zu wollen, nur weil es gefährliche Fische geben könnte.
Und er würde sich auch nicht seine schöne Aussicht auf die Umgebung mit lauter Verbotsschildern zustellen. Mit Schildern, deren Sinn es ist, Angst zu machen.

Er vertraut dem Leben. Und er genießt es.

Warum nur fällt das der heutigen Menschheit derartig schwer?