abc-Etüde 10./11.21 – Philosophisches

Wenn sie einem „eine Lektion erteilen wollen „, und ich mache mit bei der Klassenkeile – bin ich dann „moralisch gut“?
Wenn ich mich raushalte, denn es betrifft mich ja nicht, bin ich dann „moralisch gut“? 
Wenn ich dem Opfer helfe, mich mit ihm solidarisiere, bin ich dann „moralisch gut“?

Wenn ich wusste oder später erfuhr, dass das Opfer einst andere drangsaliert hatte, bin ich dann wegen meiner Solidarität mit ihm „moralisch schlecht“?

Wenn jemand im Internet etwas von sich gibt, was die Mehrheit für „moralisch anstößig“ hält, ist er dann ein „schlechter Mensch“? 
Wenn diese Mehrheit einen Shitstorm über ihn ausschüttet, sind das dann „gute Menschen“?

Wenn ich Masken nicht mag – und die Impfung mir für mich gefährlicher scheint,  als das Corona-Virus, bin ich dann „moralisch schlecht“? – Oder „gut“?
Wenn du Masken und Impfung für alle forderst, bist du dann „moralisch gut“? – Oder „schlecht“?

Je nach Sichtweise würde ich sagen, denn „gut“ und „schlecht“ sind schwammige Begriffe. 
Bewertungen. Urteile. 
Vorurteile? 
Es scheint kein Dazwischen zu geben:
Wenn ich die Maske weglasse, setze ich dich meinem Atem aus. Und das macht dir Angst. 
Wenn du dich mit deiner Forderung durchsetzt, werde ich zwangsgeimpft – oder darf nie wieder reisen, ins Restaurant oder Theater – schon gar nicht ohne Test. Und das macht mir Angst. 

Angst haben wir beide. Aber unsere Gründe, die sind verschieden. Welche sind gut? Welche schlecht? Welche richtig, welche falsch?

Können wir das wirklich wissen? Was heute der Mehrheit gut und richtig scheint, hält sie vielleicht morgen für schlecht und falsch.

Oder hat mein Gehirn hier was vertrödelt – und nur ich verstehe nicht, was doch jede andere Person zu sehen scheint: Den eindeutigen Unterschied zwischen guten und schlechten, richtigen und falschen Meinungen – und Menschen? 

Wer entscheidet,  was gut und was schlecht ist? Wer will entscheiden  – und nicht nur der Mehrheit folgen? 

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Wie immer mit Dank an Christiane für ihre Mühe mit den Etüden, deren Regeln hier (Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.21 | Wortspende von BerlinAutor | Irgendwas ist immer (wordpress.com)) zu finden sind. Und an René von BerlinAutor für die diesmalige Wortspende.
Und an Werner, der mit seiner Etüde „Plakatives“ und insbesondere mit dem dort verlinkten Artikel von Hajo Schumacher (den ich bei Werner schon kommentiert habe) für mich sozusagen als „Muse“ für diese Etüde fungiert hat … ;-).

abc-Etüde 10./11.21- Antrieb

Als Jugendlicher war er brutal überfallen worden von einer Gang. Sie warfen ihn die Treppe hinunter und traten und schlugen ihn bis zur Bewusstlosigkeit. Das Wort „Klassenkeile“ wäre verharmlosend. 

Ist es nicht verständlich, denke ich mir, wenn er seitdem unbedingt schnell weg sein können möchte? Wenn er keinen Blick für Schönheiten der Natur hat, niemals trödelt, immer schneller, sehr viel schneller sein will, als andere? Weg. Schnell ans andere Ende der Welt. – Oder auf den Mond, oder den Mars? 

Heute ist er eine Art Popstar, ob seiner technischen Visionen. Menschen, die Visionen haben, die groß denken und das auch umsetzen, werden nämlich selten zum Arzt geschickt (wie Helmut Schmidt es einst anregte …). Sondern stattdessen meist bewundert.

Eine Partei, die sich „Die Grünen“ nennt, rollte ihm den roten Teppich aus für den Bau einer Gigafabrik. In einem Trinkwasserschutzgebiet. In einem Bundesland, das seit Jahren mit Dürre kämpft. Bauvorschriften, sonst betonhart einzuhalten, wurden für ihn auf einmal schwammig und sehr beweglich.

Für viele Jugendliche ist er ein Idol. Er scheint geradezu die Verkörperung des technischen Fortschritts. 

Nur mir in meiner Rückwärtsgewandheit macht er Angst: Was treibt ihn an, und warum muss es so groß sein? All diese Satelliten, die er ins All schickt. Für einen technischen Fortschritt, den ICH so nicht will.

Was treibt Menschen an, die eigene technische oder digitale oder auch medizinische – die gesamte Menschheit umfassende – Visionen umsetzen wollen? Was für Biografien, was für Erlebnisse mögen dahinter stehen?

Visionen müssen nicht schlecht sein. Aber Visionen, deren Ergebnisse anderen gegen deren Wunsch und Willen aufgezwungen werden, sind aus meiner Sicht auch fast nie gut.

Warum werden deren Urheber so gern bewundert  – und Menschen, die einfach vor sich hintrödeln, mit sich und der Welt glücklich und zufrieden sind, niemals jemand anderen etwas gegen dessen Willen aufzwingen würden,- nicht?

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Wie immer mit Dank an Christiane für ihre Mühe mit den Etüden, deren Regeln hier (Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.21 | Wortspende von BerlinAutor | Irgendwas ist immer (wordpress.com) ) zu finden sind. Und diesmal an René von BerlinAutor für die Wortspende.

abc-Etüde 07.08.21- eine sanfte Masche

Herrlich! Endlich mal in Ruhe arbeiten. Seit zwei Stunden hatten ihre Zwillinge jetzt schon Besuch von ihren beiden Kitafreundinnen. Und alle zusammen waren oben gemeinsam brav am Spielen. Sie hörte nichts von ihnen. 

Nichts! 

Nichts?! … – Das war doch eigentlich total ungewöhnlich. War das wohlmöglich eine trügerische Ruhe? Vielleicht sollte sie doch besser mal nachsehen. 

Sie öffnete die Tür zum Kinderzimmer. Vier Kinder saßen vergnügt auf dem Boden. Zwischen ihnen lag ihr Strickzeug mit den fünf verschieden farbigen Wollknäueln, aus denen sie sich eine Strickjacke hatte machen wollen. Genauer gesagt lag da das, was mal ihr Strickzeug gewesen war. Das Gestrickte war weitgehend aufgeribbelt und die Fäden verwurschtelt. Jedes Kind hatte ein Knäuel in der Hand, mit der es am Strickzeug zog. 

JETZT NICHT EXPLODIEREN!…. Warum hatte sie ihr Strickzeug auch so herumliegen lassen, dass die Kinder es entdeckt hatten?! Bunt und weich wirkt nun einmal anziehend auf Kinder. …

Einatmen und Aaaauuuusatmen. Einatmen und Aaaauuuusatmen. Einatmen und … – Sie nahm das fünfte Knäuel auf. 

Eine halbe Stunde später kugelten sich vier Kinder und eine Erwachsene lachend in den Fäden herum, in die sie sich gegenseitig einwickelten. Sie hatte schon lange nicht mehr so ausgelassen einfach nur Spaß gehabt. Und eigentlich war das mit dem Stricken einer Jacke ohnehin viel zu viel Arbeit. 

Als der Besuch später abgeholt wurde, brachte sie die Mädchen zur Tür. Eines drehte sich nochmal um, strahlte sie an, drückte ihr einen Kuss auf den Bauch und sagte dann zu ihrer Mutter „das ist die tollste Frau der Welt und ich will bald wieder hierher“.  

Was für ein Kompliment! Den etwas eifersüchtigen Blick der anderen Mutter genoss sie geradezu. Und den verwirrten Blick, als sie ihr erklärte: „Wir haben meine angefangene Strickjacke aufgeribbelt.“, noch viel mehr.  – Es war es ein richtig schöner Tag gewesen. 

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Wie immer mit Dank an Christiane für ihre Mühe mit den Etüden, deren Regeln hier ( Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.21 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram | Irgendwas ist immer (wordpress.com)) zu finden sind, und an Sabine von Wortgeflumselkritzelkram für die diesmalige Wortspende!