„Es ist wichtig, dass die Leute Angst haben!“ Geht´s noch?!

Künstlerin: Dörte Müller

Eine Psychologin wurde befragt. Zur Frage der Maskenpflicht, ob das nicht Menschen auch Angst mache. Ja, das mache Angst. Das sei ja auch ein wichtiger Grund für diese Maskenpflicht, „es ist wichtig, dass die Leute Angst haben!“ Wichtig, dass die Leute Angst haben??? Und das von einer Psychologin?! Ich hing fast unter der Decke vor Wut. Als Psychologin sollte sie doch wissen, was Angst mit Menschen macht! Und aus Menschen machen kann!

Und dann kam von ihr auch noch das tolle Argument mit der Evolution. Wir Menschen wären ja längst ausgestorben, wenn wir keine Angst hätten. Dann wären bereits in der Steinzeit alle Menschen vom Säbelzahntiger gefressen und damit ausgerottet worden.

Diese Säbelzahntigerstory wird gerade von Psychologen erstaunlich oft bemüht. Ich hätte mir gedacht, dass Psychologen eigentlich klar sein sollte, dass zwischen Angst, und der Fähigkeit, ein Risiko richtig einschätzen zu können, ein himmelweiter Unterschied besteht. Und ich glaube, die Frau war auch noch in der Lehre tätig. Himmelnochmal macht mich das wütend… . Denn jede Person, die schon mal Angst hatte, oder sich näher damit beschäftigt, weiß, dass Angst vor abstrakten Gefahren genau diese Fähigkeit blockiert. Die Fähigkeit, das Risiko einer abstrakten Gefahr realistisch einzuschätzen. Genau das ist das Wesen der Angst. Sie überhöht das Risiko dramatisch. [Angst vor einer konkreten Gefahr (also wenn der Säbelzahntiger mir direkt gegenüber steht und mich angreift) ist natürlich anders zu bewerten. Da überhöht Angst das Risiko nicht, sie erhöht aber auch nicht unbedingt die Überlebenschancen. Sehr komplex sind Ängste aufgrund erlittener Traumatisierungen, die ich aber hier nicht thematisieren möchte.]

Ich stelle mir vor, in den Steinzeithöhlen wären Fernseher gelaufen. In denen jeden Tag berichtet würde, dass da draußen gefährliche Säbelzahntiger ihr Unwesen trieben, die hinter jedem Busch lauern könnten, nur darauf aus, den nächsten unvorsichtigen Menschen anzufallen, der den Fehler gemacht habe, das Ganze nicht „ernst genug zu nehmen“. Diese Berichte sind unterlegt mit Bildern von zerfleischten Menschen, die ebenfalls jeden Abend wieder gezeigt werden. Gewürzt mit ein bis zwei Interviews (mit Bildern) mit Menschen, die dem Säbelzahntiger gerade noch schwer verletzt entkommen konnten. Was wäre wohl passiert? Genau! Die Steinzeitmenschen hätten Angst bekommen vor diesem Säbelzahntiger, der hinter jedem Busch stecken könnte, panische Angst.

Und nein, sie hätten die Evolution nicht voran getrieben. Sie wären in ihren Höhlen verhungert.

Vielleicht wäre der ein oder andere Mensch auch noch vorher an Herz-/ Kreislauferkrankungen gestorben. Psycholog*innen dürfte bekannt sein, dass Angst auch zu körperlichen Veränderungen führt. Dauerhafte Ausschüttungen von Stresshormonen tun dem Körper bekanntermaßen absolut nicht gut. Gerade in den Industrienationen haben wir damit ohnehin ein Problem. Dauerhafter erhöhter Stress gilt als einer der Hauptrisikofaktoren für viele Erkrankungen. Für das Jahr 2018 gibt das Statistische Bundesamt an, dass in Deutschland rund 345.300 Menschen an Herz-/ Kreislauferkrankungen gestorben seien. Wie bereits in den Vorjahren ist das die häufigste Todesart in Deutschland. 230.000 seien an Krebs gestorben und 71.700 an Erkrankungen des Atmungssystems (ja, es gab schon vor COVID-19 Erkrankungen des Atmungssystems, die gar nicht so selten waren und auch nicht wirklich harmloser). Insgesamt verstarben 954.874 Menschen in 2018.

An Angststörungen leidet laut Statistischem Bundesland gut jede vierte Person mindestens einmal im Leben. Das sind in Deutschland rund 20 Millionen Menschen! Und eine Angststörung ist nicht einfach nur eine „Störung“, sondern etwas, was die Betroffenen komplett aus ihrem Leben werfen kann.

Angst ist eine Emotion, für die Menschen sehr anfällig sind, die sehr ansteckend ist, und die verheerende Auswirkungen haben kann. Für den einzelnen betroffenen Menschen und auch für das Miteinander der Menschen.

„Es ist gut, dass die Menschen Angst haben“ – vor COVID-19. Geht`s noch, Frau Psychologin?! Sie sagen damit implizit, dass Sie es sinnvoll finden, Menschen über Angst machen zu einem Verhalten zu „erziehen“, von dem Sie meinen, dass es ein wünschenswertes Verhalten sei. Gruselig!

Ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, ob die Dame danach auch noch irgendetwas gesagt hat, was vielleicht bei mir auf Verständnis gestoßen wäre. Ich war nach diesem Eingangsstatement so angefressen, dass ich den Fernseher wutentbrannt ausgeschaltet habe … .

Erziehung

In Reih und Glied…. ; Künstlerin: Dörte Müller

„Du mit deinem moralischen Zeigefinger…“, sagt mein Mann immer liebevoll, wenn ich mal wieder predige, dass man Menschen dazu bringen müsse, mehr zum Schutz ihrer Umwelt zu tun. (Dass ich zum „moralischen Zeigefinger“ neige, sieht man z.B. deutlich in meinem Beitrag „Die Krone der Schöpfung“ …;-)). Dabei kannst gerade Du es überhaupt nicht haben, wenn jemand Dich „erziehen“ will!“

Das stimmt. Es ist ein Grund, warum ich auf diese Corona-Diskussion so stark reagiere. Ich kann es nicht ausstehen, wenn ich das Gefühl habe, dass Leute meinen, mich erziehen zu müssen. Mich in ihrem Sinne „verbessern“ wollen: Hin zu mehr „Gehorsam“ und weniger Unabhängigkeit. Das geht gar nicht!

Aber beim Umweltschutz … wenigstens so ein klein wenig… . Das müsste doch möglich sein. Wäre schließlich zum Nutzen aller…!

Erziehung? Vom Verstand her weiß ich, dass das nicht klappen wird. Ich kann Menschen meine Bedürfnisse und Gefühle mitteilen. Aber, ob sie meinen Bedürfnissen folgen wollen, muss ich wohl ihnen überlassen. Denn sie haben möglicherweise ganz andere Bedürfnisse, sehen etwas ganz anderes als „zum Nutzen aller“ an. Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten, zum Beispiel. Manch eine*r braucht auch einen „ordentlichen“ Garten, mag weder „Unkraut“ noch Insekten. Oder ärgert sich – so wie ich die letzten Wochen …-, wenn die Vögel doch tatsächlich ganz dreist alle Trauben wegfressen, bevor sie reif sind.;-).

Dennoch: Fast alle Menschen neigen dazu, andere „erziehen“ zu wollen. Jede*r ist immer der Meinung, genau zu wissen, was für andere (oder für alle) gut ist.

Erziehungsformen

Erziehung läuft über Strafe. Tatsächlich scheinen erschreckend viele Menschen es sehr zu mögen, andere zu bestrafen. Wer sich nicht „an die Regeln hält“, müsse bestraft werden. So heißt es bei diesen „Corona-Regeln“ oft. Ob eine Regel sinnvoll ist oder nicht – und wer eigentlich bestimmt, ob sie sinnvoll ist, das sind zweitrangige Fragen. Die Regel ist da. Also muss sie eingehalten werden. Und wer sie nicht einhält, ist zu erziehen, indem er bestraft wird. Und wenn die Regel noch gar nicht da ist, wie die Maskenpflicht bei den Großdemonstrationen im Freien gegen die Corona-Regeln, dann wird sie eben im Nachhinein geschaffen. Auch eine Art Strafmaßnahme (denn die Infektionszahlen hatten ja gar nicht zugenommen nach den Demos, Infektionsschutz konnte also nicht wirklich die Begründung sein…).

Selbst gegenüber anderen Staaten ist diese Art des Erziehungsversuchs sehr beliebt. Zumindest was Russland angeht, meinen erstaunlich viele Politiker*innen, sie müssten dieses Land „erziehen“ über Strafmaßnahmen (Sanktionen).

Solche Art „Erziehung“ überzeugt die „zu Erziehenden“ allerdings so gut wie nie. Sie tun vielleicht kurzzeitig, was von ihnen erwartet wird (andere Staaten tun auch das eher selten). Aber nicht, weil sie es nunmehr aus ganzem Herzen tun wollen, sondern weil sie die Strafe vermeiden wollen. Die innere Auflehnung gegen die „Erziehenden“ nimmt hingegen meistens zu.

Erziehung läuft über Verbote. „Mit denen lässt DU dich nicht auf der Straße blicken! Wir sind schließlich eine anständige Familie. Und mit solchem „Gesindel“ wollen wir nichts zu tun haben!“

Erziehung läuft über Angst machen. Das mag bei Kindern funktionieren: „Wenn du auf die heiße Herdplatte fast, wirst du großes Aua haben.“ Wenn das Kind die Liebe spürt, die hinter der Aussage steckt, wird es sich vielleicht von sich aus daran halten. Erwachsenen zu sagen, „Wenn du keine Maske trägst, wirst du dich mit einer ganz furchtbar gefährlichen Krankheit infizieren.“, ist anscheinend für viele, aber durchaus nicht für jede*n überzeugend. Erwachsene, die sich die Zeit nehmen, Statistiken zu lesen, nachzudenken und Fragen zu stellen, könnten sich hier als „schwer erziehbar“ erweisen. Zumal Liebe hinter der Aussage auch nicht wirklich spürbar ist. …

Erziehung läuft über Beschämung. Auslachen. Lächerlich machen. Auch das ist immer wieder sehr beliebt. Was gibt es nur alles für „absurde Verschwörungstheorien“, ha ha … ! Wie dumm manche Leute sind, ha ha … !

Erziehung läuft über Manipulation. Angst machen gehört dazu. Aber auch Schuldzuweisungen: „Du bist schuld, dass Mami traurig ist, wenn DU …“. „Du bist schuld, wenn andere sterben, weil DU keine Maske trägst.“

Erziehung läuft über Belohnungen. Lob. Anerkennung. Den Wunsch, „dazu zu gehören“.

Viele dieser „Erziehungsformen“ scheinen zunächst zu funktionieren. Menschen, denen man Angst gemacht hat, sind oft sehr bereit, alles Mögliche zu tun, was von ihnen erwartet wird. Wenn sie damit ihre Angst reduzieren können.

Aber wehe, sie kommen irgendwann auf den Gedanken, dass sie manipuliert wurden… ! Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand versucht hat, mir Angst zu machen, um mich zu manipulieren und für eigene Ziele zu instrumentalisieren, werde ich zum einen wütend und neige zum zweiten dazu, diesem jemand nie wieder irgendetwas zu glauben. Und das geht sicher nicht nur mir so.

Schuldzuweisungen und Beschämungen führen bei den so „Behandelten“ ohnehin normalerweise nicht dazu, dass sie sich den „Erziehenden“ verbunden fühlen und künftig von ganzen Herzen auf deren Wünsche eingehen werden. Mit dieser „Erziehungsform“ schreckt man vielleicht die schweigende Mehrheit ab, sich wohlmöglich bei nächster Gelegenheit genauso zu verhalten, wie die Beschämten. Das kommt auf den persönlichen Charakter der Leute in der „schweigenden Mehrheit“ an. Manch eine*r macht gerne mit bei den Schuldzuweisungen und Beschämungen (Teile der sogenannten Comedy-Szene scheinen gar davon zu leben nach meinem Eindruck). Manch eine*r fühlt aber auch den eigenen Gerechtigkeitssinn angesprochen und solidarisiert sich „jetzt erst recht“ mit den „Ausgestoßenen“.

Belohnungen, Lob und Anerkennung funktionieren begrenzt, schleifen sich aber ab. Selbst schon bei Kindern, erst recht bei Erwachsenen.

Tja, irgendwie: Andere „zu erziehen“ erscheint den meisten Erwachsenen wichtig. Aber sobald man als Erwachsene*r merkt, dass andere einen selbst „erziehen“ wollen, reagieren die wenigsten Erwachsenen erfreut. Denn als „Erziehende*r“ maßt man sich ja immer an, es besser zu wissen / klüger zu sein, als die zu Erziehenden. Und diese empfinden die Ansicht, dass sie „erzogen“ werden müssten, dann eben meist auch als Anmaßung und Beleidigung – und sind entsprechend empört.

Deshalb ist es m.E. eher kontraproduktiv, wenn die Verantwortlichen in öffentlich rechtlichen Medien denken, sie müssten einen „Erziehungsauftrag“ erfüllen. Von wem auch immer sie meinen, diesen „Auftrag“ erhalten zu haben. Komischerweise wundern sie sich oft sehr, wenn die, die sie „erziehen“ wollten, darüber gar nicht so begeistert zu sein scheinen. Und finden deren Empörung dann wieder total unverschämt, denn schließlich wollten sie ja „nur das Beste“ für alle. Und selbstverständlich wissen sie auch ganz genau, was dieses Beste ist. … .

Was wollen wir erreichen mit unserer „Erziehung“?

Eigentlich streben die meisten Menschen doch an, glücklich zu sein. Und wollen das auch für ihre Kinder. Ist unsere Art, andere zu erziehen, vor diesem Hintergrund wirklich so toll? Ich habe den Verdacht, dass meist nicht einmal den „Erziehenden“ ihre Erziehungsversuche wirkliche Freude machen, wenn ich deren sorgenvollen und ernsten Gesichtsausdrücke bei ihren Äußerungen betrachte…(obwohl sie sich dabei natürlich sehr wichtig vorkommen). Denen, die Adressaten dieser Versuche sind, machen diese Erziehungsversuche meist noch viel weniger Freude. Als Kind kann man oft wenig dagegen tun und fügt sich mehr oder weniger. Es scheint halt dazu zu gehören. Als Erwachsener hingegen ist man verärgert, wenn man sich als Adressat eines Erziehungsversuchs anderer Erwachsener sieht, und fügt sich in der Regel nicht.

Denn Erziehung, wie wir sie praktizieren, fokussiert fast immer auf das, was wir als „Schwächen“ anderer Personen (oder auch von uns selbst) wahrnehmen. Wir beurteilen, was eine Schwäche oder ein Fehlverhalten einer anderen Person sei, und wollen diese „ausmerzen“. Das Fehlverhalten macht uns Sorgen. Wir spüren die „Last der Verantwortung“, dieses Fehlverhalten korrigieren zu müssen. Selbstverständlich zum Besten der betreffenden Person. Und zum Besten aller. So rechtfertigen wir unsere Erziehungsversuche.

Was genau aber ist ein „Fehlverhalten„? Und wer bestimmt das? Ich persönlich neige dazu zu sagen, Fehlverhalten ist alles, was andere Lebewesen quält (auch über Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen), – also z.B. Massentierhaltung … . Andere sehen dies ganz anders. Und würden sich von mir mit dieser Aussage schwer beleidigt fühlen. Insbesondere, wenn ich dann wohlmöglich auch noch behaupte, die Abschaffung der Massentierhaltung wäre auch zu ihrem Besten und würde sicherlich auch ihrem Charakter gut tun… . Und dem Planeten sowieso.

Gerade die Debatte um die Landwirtschaft zeigt es m.E. gut: Mit „moralischem Zeigefinger“ erreicht man nichts, sondern erzeugt verärgerte Landwirte. Mit „freiwilligen Selbstverpflichtungen“ erreicht man auch nichts, wenn diese nicht aus dem eigenen Wunsch der betreffenden Menschen heraus entstehen, wirklich etwas verändern zu wollen. Dieser Wunsch wiederum hat etwas mit den eigenen Werten und Bewertungen zu tun, denke ich.

Natürlich kann man eigene Werte den eigenen Kindern vermitteln, indem man sie ihnen vorlebt. Und bei anderen Erwachsenen? Denen kann man sie ebenfalls vorleben. Aber zwangsweise „überbraten“? Aus solchen Versuchen sind furchtbare Religions- und Ideologiekriege entstanden. Weil Menschen meinten, ihre Werte anderen (gewaltsam) aufdrängen zu müssen. Und sich dabei noch eingebildet haben, sie täten ein gutes Werk.

Wenn wir mit unserer „Erziehung“ wirklich eine bessere Welt anstreben, vielleicht sollten wir es genau anders herum versuchen? Vielleicht ist der gesamte Gedanke mit der schwächenorientierten Erziehung eigentlich ein „Fehlgedanke“? Ich mag die positive Psychologie, die ganz klar davon ausgeht, dass Erziehung stärkenorientiert sein sollte. Aus dieser Sicht sollten Erziehende vorhandene Stärken fördern bei den ihnen Anvertrauten, statt zu versuchen, deren echte oder vermeintliche „Schwächen“ auszumerzen.

Auf die Bereicherung schauen, nicht auf die Schwächen

Inzwischen würde ich persönlich sogar noch einen Schritt weiter gehen. Ich finde, Erziehung sollte in erster Linie dankbarkeitsbasiert sein. Nicht versuchen, das Kind in irgendeine Richtung zu „ziehen“, von der man aus dem eigenen Leben heraus denkt, es wäre für das Kind die „richtige“. Sondern täglich zu üben, die Bereicherung wahrzunehmen, die das eigene Kind bietet und dafür ihm und der Schöpfung unendlich dankbar zu sein. Und darauf vertrauen, dass das Kind die für sie oder ihn „richtige“ Richtung selbst finden wird… . Nicht sich auf die vermeintlichen Schwächen des Kindes zu konzentrieren, von denen man denkt, dass sie seinem späteren „Erfolg“ im Leben entgegen stehen könnten. Sondern das einzigartige Wunder sehen, das jedes Kind ist.

Ich hätte es durchaus toll gefunden, so erzogen zu werden!

Kinder, denen auf diese Art Selbstliebe vermittelt aber auch gleichzeitig Dankbarkeit gegenüber der Schöpfung vorgelebt wird, werden vielleicht auch wundervolle dankbare Erwachsene werden. Die keinerlei Bedürfnis mehr haben werden, die o.g. „Erziehungsformen“ bei anderen (oder auch bei sich selbst) anzuwenden.

Utopie? Ja klar. Jedenfalls noch. Menschen in meinem Alter sind schließlich fast alle ganz anders aufgewachsen.

Und so gebe ich zu, ich muss noch ziemlich viel üben, um meinen „moralischen Zeigefinger“ zu stoppen und stattdessen die Bereicherung in den Menschen wahrzunehmen, die ihren Müll achtlos in die Gegend kippen… ! 😉 Tja, und manchmal will ich das auch gar nicht. Denn, auch wenn ich weiß, dass ich damit wenig bewirke: Manchmal tut es mir auch einfach nur saugut, meinem Ärger über Zeitgenossen, die ich als „ignorant“, „dumm“, „ihre Macht missbrauchend“ oder was auch immer ansehe, mal so richtig Luft zu machen… 🙂

Hierarchie der Ängste – Angst vor Corona als erwünschtes Vorbild?

Das Unterbewusstsein und die Wellen … ; Künstlerin: Dörte Müller

In den letzten Jahren gab es zwei Sorten von Ängsten, über die bei uns sehr viel geredet und geschrieben wurde / wird: Die Angst vor Fremden (Migranten / Flüchtlingen) und die Angst vor Corona.

Vor fünf Jahren war oft von „Flüchtlingsströmen“ die Rede. „Flüchtlingswellen“, die uns „überrollen“ und uns gefährlich werden. Es wurden „Obergrenzen“ diskutiert. Und viele Menschen hatten Angst.

Seit gut sechs Monaten findet nunmehr in Politik und Medien eigentlich nichts anderes mehr statt, als Corona. Jeden einzelnen Tag gibt es eine neue Welle. Also nicht eine Welle im Sinne stark erhöhter Infektionszahlen, sondern eine mediale Welle. Und was für eine … .

Ich persönlich habe im Allgemeinen keine Angst vor Fremden. Ich bin früher, als ich noch fitter war, gerne gereist, weil ich fremde Kulturen spannend finde. Ich habe auch keine Angst vor Viren. Weder den Masern noch Covid 19.

Aber ich verstehe, dass das bei vielen Menschen anders ist:

Fremde, die plötzlich in großer Anzahl im „eigenen“ Land auftauchten, verheißten im Laufe der Menschheitsgeschichte selten bis nie etwas Gutes. Die schlechten Erfahrungen, die gemacht wurden (vielleicht auch von den eigenen Vorfahren gemacht wurden), sind im kollektiven Menschheitsgedächtnis abgespeichert. Fast bei allen Menschen überall auf der Welt gibt es daher eine latente Angst und ein Gefühl von Unwohlsein, wenn plötzlich ganz viele Fremde dort ankommen. Erst, wenn man diese Fremden kennen gelernt hat, sie einem also nicht mehr wirklich „fremd“ sind, hat diese Angst eine Chance, sich zu verlieren.

Auch die Angst vor Infektionen ist im kollektiven Menschheitsgedächtnis abgespeichert. Es gab eben immer mal wieder Infektionswellen, denen eine große Anzahl Menschen zum Opfer gefallen ist. Meist in Zeiten, in denen ohnehin aufgrund von Kriegen, Hungersnöten, verseuchtem Trinkwasser und mangelnder Möglichkeiten für persönliche Hygiene, das natürliche Gleichgewicht in Mensch und Umwelt völlig aus dem Tritt geraten war. Diese Angst hätte vermutlich eine Chance, sich zu verlieren, wenn wir Menschen am Gleichgewicht in uns und um uns herum arbeiten würden.

Das tun wir nicht. Natürlich nicht.

Mir erscheinen beide Ängste in gewisser Weise ähnlich. Aber merkwürdigerweise bekommen wir inzwischen einen deutlichen Wertunterschied zwischen den beiden genannten Ängsten vermittelt:

Menschen mit Angst vor Fremden gelten in Deutschland als irgendwie dubios. Wer diese Angst zu laut äußert, läuft Gefahr, als „rechts“ und „intolerant“ beschimpft zu werden. So, als würden die Schimpfenden erwarten, dass man seine Angst wie einen Mantel einfach ablegen könne und das jetzt gefälligst mal tun solle.

Ich habe eine Menge Ängste, die ich gerne los würde. Leider funktioniert das mit dem Ablegen wie einen Mantel nicht … . Und dabei ist es natürlich völlig egal, ob eine Angst „objektiv gerechtfertigt“ ist, oder nicht. Ängste sind nicht „objektiv“ und auch nicht „rational“ und es hilft herzlich wenig, ihnen so begegnen zu wollen. Wer das denkt, hat von der Natur der Angst wenig verstanden. Ängste haben etwas mit unserem Unterbewusstsein zu tun. Sie sprechen besonders auf emotionsgeladene Bilder an, die sich unserem Unterbewusstsein einprägen. Auch häufige Wiederholung prägt sich natürlich ein und ist ein gutes Mittel, um Ängste weiter zu schüren und zu vergrößern. Ein emotional erzähltes persönliches Schicksal, mit dem wir in Resonanz gehen können. All das wirkt angstverstärkend. Es handelt sich im Grunde um eine Form von Massenhypnose, wie sie bei uns selbstverständlich geworden ist.

Ängste haben in unserer Gesellschaft dennoch normalerweise ein eher schlechtes Image. Angst steht einem strahlenden Erfolg, wie er bei uns als erstrebenswert gilt, tendenziell entgegen. Man solle Ängste also möglichst „loslassen“. Viele Menschen scheinen zu denken, es wäre eine Willensentscheidung, ob man Angst hat, oder nicht.

Nur bei Corona, da ist alles ganz anders. Da hat die Angst plötzlich ein vorzügliches Image. Und man soll sie auch unter keinen Umständen „loslassen“. Da gilt es als rational und vernünftig, so viel Angst, wie nur irgend möglich zu haben. Da werden jeden Tag Bilder gezeigt, die diese Angst immer fester im Unterbewusstsein untermauern sollen. Bilder von überfüllten Krankenhäusern, Friedhöfen bis hin zu Sargträgern, die in voller Schutzmontur einen Sarg zum Friedhof tragen: Ein Virus, das so gefährlich und heimtückisch ist, dass es noch aus dem Sarg krabbeln könnte …, so scheint es suggeriert zu werden.

Menschen, die ohnehin latente Angst vor Infektionen haben, werden so jeden Tag neu angetriggert. Sie besprühen alles Mögliche und Unmögliche mit Desinfektionsmitteln, waschen sich tausendmal die Hände, tragen Masken und Visiere – und empören sich über jede Person, die keine Angst hat. Sie sehen diese Menschen als Gefahr für sich an. So werden Menschen zu Gegnern. Stellvertretend für das unsichtbare Virus.

Und auch das wird jeden Tag in den Medien geschürt: Feiernde Jugendliche ohne Abstand und Maske?! Das muss bestraft werden! So hart, wie möglich! Überhaupt müsse viel mehr kontrolliert werden.

Abstand und Maske werden zur höchsten Staatsbürgerpflicht. Politiker*innen und Journalist*innen, die Videoüberwachungen in sogenannten kriminalitätsgefährdeten Standorten früher kritisch kommentiert haben, werden zu Kontrollfreaks, die ständige Polizeipräsenz fordern, damit jeder Verstoß gegen „Corona-Regeln“ geahndet werde. „Was denken die sich denn?! Sehen die keine Nachrichten?“ empört sich die Berliner Gesundheitssenatorin über die Feiernden. Genau! Es ist ein Virus, das in weiten Teilen (nur) in den Nachrichten und sonstigen Medien stattfindet. Wie in einer Art Parallelrealität. Selbst für mich. Obwohl ich ja schon „positiv“ war. Ohne diesen alles entscheidenden Test wäre ich eben einfach davon ausgegangen, mir irgendeinen „normalen“ Infekt eingefangen zu haben, wie es schon mal passiert, wenn man aus dem Gleichgewicht geraten ist. Ich war dann eigentlich ganz zufrieden, dass der Test „positiv“ war, denn das hieß, dass mich dieser ganze Hype von jetzt an überhaupt gar nichts mehr anginge. Was sollte ein besserer Schutz sein, als eine durchgemachte Infektion? Dachte ich, aber da habe ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Bei Corona müsse zunächst ein „zuverlässiger“ Antikörpertest her. Die derzeitigen seien nicht „zuverlässig“. Also für die Impfstudien natürlich schon, sonst könnte man die schlecht durchführen. Aber ansonsten völlig unzuverlässig. Und eine durchgemachte Infektion? Ja, die schützt, natürlich, normalerweise, klar, aber bei Corona…? Da warten wir dann doch besser auf die Impfung, denn DA ist der Schutz dann natürlich erwiesen… (Ein Schelm, wer Böses dabei denkt …).

Bei Corona zähle ich plötzlich zu den „Bösen“, weil ich keine Angst habe. Obwohl ich Corona schon hatte, werde ich selbstverständlich nicht von diesen tollen Regeln ausgenommen. Damit könnte ich ja ein schlechtes Vorbild abgeben. Und die Angst, die Angst scheint auf gar keinen Fall abnehmen zu dürfen. Sie nimmt ja automatisch ab, wenn man „den Gegner“ kennt. Und Menschen, die die Erkrankung bereits hatten, sehen diesen „Gegner“ nicht mehr unbedingt als besonders gefährlich an.

Letztens gab es in den Nachrichten eine Zahl, die ich sehr interessant fand. Insbesondere die Art, wie darüber berichtet wurde: Es gebe jetzt rund 600.000 Menschen weltweit, die mit (nicht „an“, denn das weiß man nicht) Covid 19 gestorben seien. Wow, dachte ich, eigentlich doch eine schöne Nachricht. Nachdem Virologen zu Beginn der Erkrankung von Millionen Toten nur für Deutschland ausgegangen waren, gab es jetzt nach rund acht Monaten mit dem Virus nur 600.000 Menschen weltweit, die im Zusammenhang mit dem Virus gestorben waren. Verkündet wurde diese Zahl in den Nachrichten mit dem Zusatz: „Eine Zahl, die betroffen macht.“ Warum? Weil überhaupt Menschen daran sterben? Die allermeisten Menschen, die sich angesteckt haben, sterben nicht. Das weiß man längst. Vielleicht hätte man diese Zahl einfach mal ins Verhältnis setzen sollen zu anderen Zahlen. Zum Beispiel zu der „normalen“ jährlichen Gesamttodeszahl, die wohl so bei 55 Millionen Menschen liegt. 55 Millionen. Denn ja, Menschen sterben. Jeden Tag. Und plötzlich kommt einem diese Zahl von 600.000 in gut acht Monaten dann nicht mehr ganz so groß vor, zumal darunter sehr viele Menschen mit Herz-Kreislauferkrankungen sein werden, die immer noch mit weitem Abstand Todesursache Nummer 1 sind (also „Corona-Tote“, die eigentlich an einer Herzerkrankung gestorben sind).

Warum erscheint die Berichterstattung hinsichtlich Corona vielfach so unseriös? Warum versucht man auf Teufel komm raus, das Ganze hochzuspielen, statt Menschen tendenziell zu beruhigen? Lust am Skandal? Machtinteressen? Oder doch die Impfung, die unbedingt durchgesetzt werden soll? (vgl meinen Beitrag „Ein kleiner Pieks – zuallererst nicht schaden“). Vermutlich alles drei – und die auch bei den handelnden Personen latente Angst vor Infektionen.

Ja, es wird mehr Infektionen geben, wenn man auf alle „Corona-Regeln“ verzichtet. Insbesondere in Krankenhäusern, in Alten- und Pflegeheimen sollte man das sicher nicht tun. Das Virus ist offenbar sehr ansteckend. Und es wird auch mehr Tote geben, wenn die Infektionszahlen stark steigen, natürlich. Vermutlich keine Massen, aber sicher mehr, als jetzt. Ich kann verstehen, dass Politiker*innen das nicht wollen.

Die Frage ist für mich, wo WILL man hin? Alles auf die Karte der Impfung zu setzen, erscheint mir ein gefährliches Spiel. Was, wenn die Impfung nicht funktioniert? Auf ewig Masken- und Abstandspflicht / Lock-Down? Oder einfach so tun, als hätte sie funktioniert – und nicht mehr drüber reden? Das könnte einen Versuch wert sein, aber dann bräuchte man die Impfung nicht, denn DAS wäre auch jetzt möglich … ;-). Und was, wenn die Impfung vermeintlich funktioniert – und man in einigen Jahren feststellt, dass es sehr ernsthafte unerwünschte Nebenwirkungen gibt? So tun, als wären es keine Nebenwirkungen der Impfung, sondern die Zunahme von Leukämie, Lymphdrüsenkrebs, Autoimmunerkrankungen, neurologischen Erkrankungen oder was sonst noch so passieren könnte, wenn man zu unbedarft ins Immunsystem eingreift, käme von irgendwoher? Aber ganz sicher nicht von der Impfung?

Immer nach dem Motto: Hauptsache, wir haben bewiesen, dass wir Infektionskrankheiten „erfolgreich bekämpfen“ können. Alles andere ist dann zweitrangig. … Und alle Ängste, die nicht mit Infektionskrankheiten zu tun haben, die kriegen wir auch noch „bekämpft“. Wir sind schließlich die Krone der Schöpfung…!

Corona-"Krise"

Krise…?; Künstlerin: Dörte Müller

Wenn ich abends die Nachrichten einschalte, erschrecke ich mich: Nahezu einziges Thema der Nachrichten ist seit geraumer Zeit, dass wir uns in einer „schlimmen Krise“ befänden.

Ich erschrecke mich, weil ich das Gefühl habe, dass unsere gesamte Journalistenschaft – vielleicht, weil viele zu jung sind; offensichtlich, weil sie alle sehr angepasst sind – sich nicht (mehr) als kritisch hinterfragende Journalist*innen zu verstehen scheinen. Sondern ausschließlich als Sprachrohr für eine „herrschende“ Meinung. Herrschend im Sinne von „beherrschend“ und andere Meinungen unterdrückend.

Ich erschrecke mich, weil sie nicht zu wissen scheinen, wie das Unterbewusstsein funktioniert, und was Hypnose ist. (Den Menschen jeden Tag stundenlang – und mit entsprechenden Bildern hinterlegt – einzutrichtern, dass sie Angst haben sollen, ist eine äußerst wirkungsvolle und sehr grausame Hypnose. Eine Hypnose, die in der Langzeitauswirkung extremistischen Strömungen zugute kommen dürfte – und auch deshalb für mich so erschreckend ist.)

Ich erschrecke mich, weil diese Journalist*innen jeden Abend fragen, ob es wohlmöglich „immer noch Menschen gebe, die sich nicht an die Vorschriften“ halten – und weil sie zu meinen scheinen, dass diese Menschen „bestraft“ werden müssten. Ich erschrecke mich nicht, weil ICH mich nicht „an die Vorschriften halte“ (ich kann das Haus wegen meiner Grunderkrankung ohnehin nur schwer verlassen), sondern weil mich solche Fragen ungut an Denunziantentum erinnern: Wer sich nicht 100 %ig an die Vorschriften einer Obrigkeit hält, ist zu bestrafen.

Ich bin irritiert, weil der Mann vom Robert-Koch-Institut, der offenbar derjenige ist, dessen Empfehlungen die Politik folgt, nahezu in Tränen ausbricht vor Empörung, dass es immer noch Menschen gebe (darunter auch Ärzte), die „ihm nicht glauben“. Sprich, die seine Wahrnehmung und Sicht der Dinge nicht für die einzig Mögliche und auch nicht unbedingt für die Richtige halten.

Ich bin irritiert, als die Medien fast stolz vom zweiten „Corona-Toten“ in Berlin berichten. In einer Großstadt wie Berlin sterben jeden Tag Menschen. Junge und Alte. An allem Möglichen. Der erste „Corona-Tote“, war über 90 Jahre alt und multimorbid, also an verschiedenen Erkrankungen leidend. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nicht erlebt, dass über den Tod eines über 90-Jährigen – nicht prominent in der Öffentlichkeit stehenden – multimorbiden Menschen in den Medien berichtet wurde … . Corona machts möglich … . Auch der zweite Tote war offenbar ein älterer Mann. Gestern Abend wurde in den Regionalnachrichten ein kurzer Ausschnitt aus einer Sitzung gezeigt, in der die Berliner Gesundheitssenatorin mit hysterischer Stimme eine Quarantäne für alle über 70ig-Jährigen fordert. In was für einem schlechten Film bin ich da gelandet?!!! Hatten Filme wie „Outbreak“ so einen fatalen Einfluss auf das Unterbewusstsein der Menschen, dass sie weltweit völlig aus der Balance geraten zu sein scheinen?

„Seid solidarisch! Lasst Menschen, insbesondere alte und kranke Menschen vereinsamen! Nähert Euch ihnen nicht! Gebt ihnen keine Umarmung! Berührt sie nicht!“ Was geht in Menschen vor, die solche menschenverachtenden Vorgaben machen – und das auch noch ausrechnet als „Solidarität“ verkaufen? Ist es diesen Menschen egal, wenn alte Leute an Einsamkeit leiden und sterben? Machen sie ihre eigene Todesangst zum Maßstab aller Dinge?

Menschen sterben – irgendwann. Alle. Der Tod gehört nun einmal zum Leben, auch wenn uns das nicht passt. Viren gehören ebenfalls zum Leben, manche haben sogar wichtige „Funktionen“ für uns und unser Leben. Bakterien ohnehin. Einen „Kampf“ gegen einen Virus kann man nicht gewinnen, ohne große Kollateralschäden anzurichten. Aber: Man kann für Heilung sorgen. In sich und in der Umwelt. Zum Nutzen aller.

Corona ist ein Virus und keine Krise. Die derzeitige „Krise“ ist die rasante Verbreitung von Angst. Und die ist menschengemacht.

So meine Meinung.