Willkür

Seine Kindheit war kurz gewesen.

Er war drei, als sein Vater starb. Die bis dahin gut situierte Familie musste sparen. Die Kinder selbstverständlich mitarbeiten in Haus und Garten.

Die wenige freie Zeit verbrachte die Kinderschar auf dem Wasser.
Seine geliebte Küddow, die durch seine Heimatstadt floss.
Das war für ihn Freiheit.
Im Sommer im Ruderboot, im Winter als Wasserläufer auf Schlittschuhen.

Er war neun, als der Krieg begann. Das Konzert der Propaganda hatte seine gesamte Kindheit begleitet. Und wie fast alle kleinen Jungs, war er wohl durchaus auch fasziniert von dem, was dort erzählt wurde. Erzählt wurde von allen seinen Lehrern, von Freizeitbetreuern und natürlich in den Medien. Die man damals noch nicht so bezeichnete.

Kinder sind – wer weiß das nicht – sehr beeinfluss- und beeindruckbar. Die Erfolge der „eigenen“ Truppen erschienen atemberaubend. Welches Kind, wie viele Erwachsene wären nicht begeistert?

Er war das Lieblingskind seiner Mutter. Und entsprechend hing er sehr an ihr. Seiner Mutter aber war die katholische Kirche, das Christentum, wichtiger als das „Nazitum“. Für das Kind muss all das verwirrend gewesen sein. Die verschiedenen Botschaften, die nicht wirklich zusammenzupassen schienen.
Die einen – leise – Zuhause. Die anderen – sehr laut -, überall sonst.

Irgendwann, während er langsam in die Pubertät kam, waren die Nachrichten von der Front nicht mehr ganz so toll. Für sein Alter muss er das erstaunlich gut verstanden haben.
Als er zum Volkssturm eingezogen wurde, verweigerte er den Gehorsam. Ein sehr mutiges „NEIN!“ von einem 14-jährigen. Wahrscheinlich hatte er eine starke Persönlichkeit.
Er selbst fand sein „Nein“ gar nicht mutig.

Die Niederlage zeichnete sich ab wie ein Wetterleuchten: Der Einmarsch der polnischen und russischen Truppen in seine Heimatstadt stand bevor. Viele erlebten Furchtbares. Und diese Berichte verbreiteten sich schnell. Die Stadt hatte irgendeine strategisch wichtige Lage. Sehr viel war längst zerstört.

Sie konnten nur das Notwendigste mitnehmen. Die Familie spaltete sich auf. In irgendeinen Viehwaggon konnten sie sich hineinquetschen, seine Mutter mit den drei Jüngsten, von denen er der älteste Junge war. Sie kamen irgendwann in irgendeinem Lager an.

Es fühlte sich für ihn nicht an wie Sicherheit. Eher, als wären sie vom Regen in die Traufe gekommen.

Niemand wollte sie. Man hielt sie für verlaust. Für Menschen zweiter Klasse.

Nur, weil sie am „falschen“ Ort gewohnt und gelebt hatten.

Sie wurden irgendwann einem Hof zugeteilt, um dort zu wohnen und mussten selbstverständlich dort auch arbeiten. Hätten die Leute dort eine Fliegenklatsche gehabt, sie hätten sie sicher auch noch damit angetrieben. Oder sie weggeschickt, diese Flüchtlinge.

Er war so wütend. Was hatte er eigentlich getan, dass man ihn, seine Geschwister, seine Mutter so behandelte? Es kam ihm vor wie reine Willkür.      

Ansprechen durfte er das nicht. Jeder Flüchtling hatte Angst, dass es zum Eigentor würde, über Gefühle wie Wut oder Ungerechtigkeit zu sprechen. „Die Deutschen haben selbst schuld.“ hieß es. „Die haben den Krieg angefangen und viel Leid über andere gebracht. Denen steht es nicht zu, selbst zu klagen.“

ER hatte keinen Krieg angefangen. Seine Mutter auch nicht.
Oft kam das Redeverbot von Menschen, die selbst gar nicht so viel verloren hatten. Die sich vielleicht für ihre eigenen Eltern schämten und dieses Schuldgefühl in die ganze Nation projizierten. Dass es auch deutsche Opfer gab, schien ihnen nur gerecht.
Individuelle Schicksale völlig unwichtig – so lange es nicht das eigene war.  
So kam es ihm vor.
AUSGESPROCHEN hätte er das NIEMALS.

Er verschloss alles in sich. Wut, Trauer, Bitterkeit, Angst. Vermutlich hoffte er, dass dieses Loch, dieses Sommerloch, das Krieg, Flucht und Unerwünschtsein in seine Seele gerissen hatten, irgendwann vernarben würde.
Dass er dieses Gefühl, wertloser zu sein, als andere, irgendwann nicht mehr spüren würde.

Er suchte Sicherheit, immer und überall. Denn er wusste genau, alles konnte einem von heute auf morgen genommen werden. Wie ein Glühwürmchen, an dem man sich gerade erfreut: Da ist es auch schon verglüht.

Er klammerte sich an die Kirche. Dort traf er andere, mit ähnlichen Schicksalen. Eine davon wurde seine Frau. Die Kirche war für viele Flüchtlinge und Heimatvertriebene der einzige Anker. Eine Art Heimatersatz. Eine Institution, wo man sich ein wenig willkommen fühlte in einer Welt, die einen nicht mochte. Vielleicht auch empfand man eine Art „Dankesschuld“ gegenüber Gott. Immerhin hatte man überlebt. Das war nicht gerade jedem vergönnt gewesen.

Zu seinen Söhnen fand er wenig Zugang. Er konnte ihre Bedürfnisse, ihre Persönlichkeit nicht sehen. Das hätte wohl bedeutet, SEINE Bedürfnisse als Kind spüren zu müssen. Wie hätte er das können?

Seine Tochter wollte er schützen vor dem Bösen der Welt. Ihre kindlichen Prinzessinnenwünsche wurden ignoriert. Stattdessen gab es einen Jungenkurzhaarschnitt, eine schrecklich aussehende Brille und oft Kleidung der Brüder. Sie hätte so gerne lange Haare gehabt.
Erst Jahrzehnte später vermochte sie, gedankliche Beziehungen zu dem herzustellen, was er im Krieg und auf der Flucht gesehen haben musste. Was er vielleicht damals als Jugendlicher verhindern wollte – und nicht konnte.

Irgendwie ging das Leben nach der Flucht für ihn weiter. Er konnte eine Lehre machen. Sicher nicht sein Traumberuf. Aber er war froh, überhaupt die Möglichkeit zu haben, Geld zu verdienen. Endlich ein Anfang. Abends besuchte er das Abendgymnasium, sobald es ging, und machte das Abitur nach. Dann ein „sicherer“ Job. Wiederum nicht gerade ein Traumberuf. Aber ein „sicheres“ Einkommen.

Er war fleißig und sehr sehr sparsam. Und so baute er sich und seiner jungen Familie eine bescheidene neue Existenz auf. Über Ideen wie „Dachbegrünung“ hätte er verächtlich gelacht.

Reisen, die Welt kennenlernen, das war der einzige „Luxus“, den er sich mit der Familie gönnte. Erst nahe dran an der neuen Heimat. Später auch weiter weg, wenn auch nicht zum Similaungletscher. Die Sehenswürdigkeiten wurden abgehakt wie in einer To do -Liste.  

Echte Lebensfreude zeigte er selten. Den ersten Café-Besuch im Urlaub gönnte er sich, da war er bereits weit über 60. Und er tat es seiner Tochter zuliebe.

Nur die Aussicht auf Rudern oder auf Schlittschuhlaufen vermochte stets, seine Lebensgeister zu wecken. Und ihm noch als Rentner eine kindliche Freude zu bereiten, die sonst sehr selten zu sehen war bei ihm.

Man hat ihm seine Kindheit geraubt.
Man hat ihm seine Jugend geraubt.

Er hat gekämpft für sein Stück vom Leben.
Um die vielen Wunden auf seiner Seele hat sich nie jemand gekümmert.

Er war mein Vater.    

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Wie immer mit Dank an Christiane für ihre liebevolle Betreuung der Etüden. Die Regeln zum Sommerpausenintermezzo sind hier zu finden: https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/07/11/7-aus-12-etuedensommerpausenintermezzo-ii-2021/

Freiheit

Da haben wir nun also 20 Jahre lang „unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt“.

Was GENAU wollten wir da? Keine Ahnung. Ob der damalige Bundesverteidigungsminister Struck, von dem diese markigen Worte stammten, eine Vorstellung hatte? Ich weiß es nicht.

Vielleicht steht dahinter tatsächlich die Annahme, dass jede andere Weltanschauung – als die westliche – eine „Bedrohung“ für diese sei? Dass andere Weltanschauungen uns irgendwann überrennen würden und wir sie deshalb „vorbeugend“ vernichten müssen? Passt auch nicht so richtig, denn im eigenen Land sind wir da ja toleranter. Dass andere ganze Völker andere Weltanschauungen haben, scheint aber aus „westlicher“ Sicht irgendwie schwer tolerierbar. Vielleicht kratzt es einfach am eigenen Überlegenheitsgefühl.

Aber eigentlich hatte der Einsatz vermutlich ohnehin deutlich mehr strategische als weltanschauliche Gründe (denn, wenn es z.B. um Frauenrechte ginge, wäre man wohl nicht gar so gut mit Saudi-Arabien befreundet).

Wie dem auch sei: Es war halt eine NATO-Operation auf Wunsch der USA, und selbstverständlich sind „wir“ dann dabei.

Die USA, die sich wohl ein klassisches Eigentor geschossen hatten, als sie in ihrer strategischen „Klugheit“ meinten, die Taliban als „Gegengewicht“ gegen Russland unterstützen und damit militärisch erst groß machen zu müssen. Damals. Als Russland das Land militärisch zu beherrschen versuchte.

Vielleicht war es auch gar kein Eigentor, vielleicht war es sogar genau so gewollt?

Es scheint viele Kräfte auf dieser Welt zu geben, die Krieg und Destabilisierung bestimmter Länder als probates Mittel ansehen, den eigenen Reichtum und die eigene Macht zu vergrößern. Ob Syrien, Jemen, Irak, Iran oder Afghanistan. Manchmal habe ich den Eindruck, diese Kräfte sehen die Menschen, die dort leben, als eine Art mehr oder weniger lästige Fliegen an. Und sich als die Herren der Fliegenklatsche. Einer Fliegenklatsche, die sie nach ihrem Gutdünken mal den einen, mal den anderen zur Verfügung stellen. Hauptsache, der Konflikt schwelt weiter.
Wie viele Lebensgeister der jeweils einheimischen Bevölkerung dabei ausgehaucht werden, scheint ihnen einerlei.

Das solche „Einsätze“ nach Außen hin begleitende mediale Konzert verkündet, man wolle Freiheit bringen, Menschenrechte, das „Böse“ bekämpfen.

Was bringt man wirklich: Waffen und militärische Ausbildung.

Ja, auch Hilfsprojekte. Aber das Trinkwasser, die „Dachbegrünung“ in den Dörfern, die stammesübergreifenden – den Dorfbewohnern unmittelbar nutzbringenden – gemeinsamen Projekte scheinen (zumindest nach meinem Blick von Außen) nicht im Vordergrund gestanden zu haben.

Irgendwann in den zwanzig Jahren wird „dem Westen“ klar gewesen sein, dass man die strategischen Ziele in Afghanistan ebenso wenig erreichen würde, wie Russland zuvor. Vielleicht hat man sich dann selbst versichert, dass es immer um „humanitäre Anliegen“ gegangen sei, – bis man selbst davon überzeugt war? Ich weiß es nicht.

Aber die Annahme, dass die Leute dort die „westliche Weltanschauung“ voller glücklicher Dankbarkeit übernehmen würden, wenn man sie ihnen nur entsprechend aufdrängt.. .. Notfalls eben mit Gewalt. Es ist doch klar, dass das westliche Denken überlegen ist. Sieht man doch an unseren tollen Waffen … . Das war entweder naiv oder arrogant und ignorant. Oder alles drei.

Hat man sich wirklich gewundert, dass das, was man den Leuten überstülpen wollte, dort offenbar als etwas Fremdes angesehen wurde? Und damit etwas war, was ohne ständige „Energetisierung“ von Außen wie ein Glühwürmchen innerhalb einer Nacht erlosch?

Prinzipiell finde ich persönlich es gut, dass „der Westen“ sich zurückgezogen hat aus Afghanistan, denn ich halte es für eine Anmaßung, ein Land mit Gewalt verändern zu wollen. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass es Mächte gibt, wie China (vielleicht auch Russland in einem neuerlichen Anlauf), die versuchen werden, das nun entstandene Macht-Sommerloch in ihrem Sinne zu nutzen. Subtiler. Geschickter als „der Westen“. Ist das negativ? Ich weiß es nicht.

Dass der USA bei ihrem überstürzten Abzug offensichtlich gravierende Fehleinschätzungen unterlaufen sind, bestätigt für mich die These der westlichen Arroganz. Waren die überhaupt gewillt und in der Lage, sich in die Befindlichkeiten des anderen Landes hinein zu versetzen? Die CIA habe gedacht, dass Kabul erst in 6 bis 9 Monaten falle, weil man doch die Armee so gut ausgebildet habe und so viele tolle Waffen zur Verfügung gestellt habe.

Das klingt für mich, als war man davon ausgegangen, dass die Taliban Kabul zwar erobern würden, dass es aber vorher noch jede Menge Gemetzel in dem Land geben würde, weil die Armee sich „heldenhaft“ wehren würde. Wofür auch immer man dachte, dass die Armee, die vermutlich nicht einmal mehr (viel) Sold erhielt, kämpfen wollte / sollte. Für „westliche Werte“??
Dass die Armeeangehörigen sich gegen dieses Gemetzel entschieden haben, finde ich an und für sich gut. Dass die Taliban jetzt jede Menge „toller“ amerikanischer Waffen besitzen werden, weniger.

Die deutsche Botschaft in Kabul scheint das sich ankündigende Wetterleuchten besser wahrgenommen zu haben, als die CIA. Leider hielt das Auswärtige Amt die „Expertise“ der USA aber wohl für „hochwertiger“, als die der eigenen Mitarbeiter vor Ort.

So wurde der gesamte Abzug jetzt zu einer einzigen Propagandashow für die Taliban: Die westlichen „Großmächte“, die in heilloser Panik vor ihnen aus dem Land fliehen.
Die Afghanen, die auf den Schutz dieser „Mächte“ gebaut hatten, wie selbstverständlich im Regen stehen lassend.
Der von diesen westlichen Mächten unterstützte Präsident bereits mit Koffern voller Geld außer Landes.
Was für Bilder! Was für Symbole!

Ist es ein Wunder, wenn vielen Afghanen die Taliban jetzt wohlmöglich wie eine Art überirdische Wasserläufer vorkommen, jedenfalls sehr mächtig? Und wohlmöglich vertrauenerweckender als die, von denen sie gerade im Stich gelassen wurden?

Ich hoffe sehr, dass es jetzt NICHT zu der befürchteten Willkür-Herrschaft in Afghanistan kommen wird. Dass die Taliban vielleicht „bessere“ Menschen sind, als ihr vermutlich etwas einseitiger Ruf im Westen es vermuten lassen könnte. Dass sie Liebe, Achtung und Wertschätzung für ihre Frauen und Töchter empfinden und auch leben. Zumindest etliche von ihnen, und sich das von diesen dann weiter verbreitet.

Und ich hoffe, dass die USA (und ihnen folgend auch Deutschland) wenigstens aus diesem Debakel endlich lernt, dass es keine gute Idee ist, sich als „Supermacht“ anzusehen. Andere „kontrollieren“ zu wollen. Und die eigene Weltanschauung anderen – ob außerhalb oder innerhalb des eigenen Landes – gewaltsam aufzudrängen!

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Wie immer mit Dank an Christiane für ihre liebevolle Betreuung der Etüden! Die Regeln sind hier zu finden:

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/07/11/7-aus-12-etuedensommerpausenintermezzo-ii-2021/

Auf den „Similaungletscher“ und auch auf das natürliche Gewässer habe ich diesmal verzichtet, es passte so gar nicht zum Thema … .

Evolution (Etüden-Sommerpausen-Intermezzo)

„Das ist nicht euer Ernst! Jetzt laufen wir hier drei Tage um diesen blöden Similaungletscher herum auf der Suche nach irgendeiner Höhle – und jetzt fällt euch beiden ein, dass ihr euch vielleicht verhört habt?! Dass es vielleicht gar nicht der Similaungletscher war, wo die Höhle ist, sondern irgendein Gletscher im Himalaya, der wohlmöglich so ähnlich klang?! Wenn ich jetzt eine Fliegenklatsche hätte, dann würde ich euch damit … .“

„Ist ja gut, Hannes, reg dich ab. Komm, da unten, da ist ein kleiner See, der nicht gefroren ist. Sieht aus wie ein kleines Sommerloch in dieser Kälte hier. Da können wir unser Zelt aufschlagen. Und dann erzählen wir dir erstmal, WAS wir eigentlich wirklich suchen in dieser Höhle.“

„Ich denke, einen Schatz?“

„Ja, aber einen anderen, als du vermutlich dachtest.“

Später am Lagerfeuer:

„Weißt du, wir haben doch dieses kleine alte Haus an der Elbe geerbt.“

„Das mit der verwunschenen Dachbegrünung, die voller Feen und anderer kleiner Wesen zu sein schien. Weitab von jedem Ort, quasi im Nirgendwo. Ja, ich weiß. Das habt ihr mir erzählt.“

„Ja, und da saßen wir vor einigen Wochen in einer seltsamen Nacht auf dem Dachboden und inspizierten, was dort so herumlag. Krempel das Meiste.
Es lag Gewitterstimmung in der Luft. Aber es kam kein Regen. Aber dann plötzlich – eine Art Wetterleuchten. Und genau in dem Moment fiel unser Blick auf ein Buch, das wie erleuchtet schien durch diese Wettererscheinung. Das Buch war voller Staub und Spinnweben. Aber der Einband wunderschön und mit seltsamen Verzierungen versehen.
Es sah jedenfalls aus wie ein Buch.
Aber als wir es öffneten, waren die Seiten leer.
Und trotzdem schien es uns, als würden wir es lesen. Wir sahen auf die Seiten – und hatten Wörter im Kopf. Beide dieselben, wie wir anschließend feststellten. Es war völlig verrückt – und doch völlig real.
Aber wir verstanden nicht alles. Manche Wörter und Sätze wirkten sehr fremdartig. Und so muss es auch zu dem Missverständnis mit dem Gletscher gekommen sein. Wir verstanden „Similaungletscher“. Wohl weil wir den kannten. Und man ja immer denkt, das, was man kennt, das muss es sein.. .“

„Und was ist jetzt an der Höhle so wichtig, dass ihr sie unbedingt finden wollt, und behauptet habt, vielleicht hinge das Schicksal der Menschheit davon ab?“

„Es hieß in dem Buch, es würde Höhlen auf der Erde geben, in denen noch echte „Homo Sapiens“ leben, und bei diesem Gletscher sei eine davon.“

„Häh?? Spinnt ihr???!“

„Das Buch sagte, die Evolution der Menschheit wäre ganz anders, als wir denken.
Ursprünglich seien Menschen riesengroße gasartige Wesen gewesen. Viel größer als der größte Dinosaurier.“

„Ah jaa… . Ihr meint, die Dinosaurier wären für diese Menschen so eine Art „Glühwürmchen“ gewesen? Wesen, aus deren Maul es leuchtet, und die dann später zu feuerspeienden Drachen wurden…?“

„Quatsch! Nein. Du nimmst uns nicht ernst!“

„Komisch … .“

„Die Menschen lebten damals noch auf dem Jupiter! Da haben sie sich vor Ewigkeiten erstmals aus dem All-Einen Geist entwickelt. Indem dieser sich in viele aufgespalten hat. Also: Aus einem Lebensgeist wurden viele Lebensgeister. Diese Menschen waren dementsprechend hauptsächlich Geist und sie schufen sich gemeinsam ein Paradies.
Aber dann habe sich irgendwann nach langer Zeit der Wunsch in ihnen entwickelt, die wunderschönen Pflanzen, die sie erschaffen hatten, auch fühlen zu können. Ihren Duft riechen zu können.

So mussten sie Sinne entwickeln und ihr Körper wurde dichter, damit ihre Hände fühlen und ihre Nase riechen konnte.
Und irgendwann noch viel später wollten sie dann auch schmecken, Genuss spüren. In einen Apfel beißen können.
Dafür musste ihr Körper noch wesentlich dichter werden. Sie wurden entsprechend erheblich kleiner und sie mussten einen Stoffwechsel bekommen.
Der Jupiter war für dieses Leben nicht mehr geeignet, und so wechselten alle, die das wollten, auf den Mars.“

„Was sonst … .“

„Dort probierten sie dann alles aus, was sie erleben konnten. Sie taten, was sie wollten. Sie merkten nicht, wenn sie sich oder jemanden verletzten, da sie sich wieder zusammensetzen konnten und keinen Schmerz fühlten.
Das Spiel gefiel ihnen. Weil sie sich aber schnell langweilten, musste es immer größer werden dieses Spiel. Immer krasser.
Über die Zeit vergaßen die meisten völlig, wo sie hergekommen waren, und wer und was sie gewesen waren. Sie kannten keine Grenzen mehr. Sie hatten Spaß am Zerstören und wollten immer mehr zerstören.
Aber sie konnten zwar sich wieder zusammensetzen; aber nicht, was sie auf dem Mars zerstörten. Durch ihre Kriege, mit denen sie sich vergnügten, gingen die Bedingungen, unter denen sie auf dem Mars leben konnten, vor dem ursprünglich geplanten Ende ihres Aufenthalts dort kaputt.
Sie brauchten Wasser zum Leben, aber sie hatten alles Wasser auf dem Mars zerstört. Es war verdampft oder vergiftet durch ihre Kriegsspiele. So konnten sie dort nicht mehr leben.
Es war ein riesengroßes Eigentor. Denn auf den Jupiter zurück konnten sie auch nicht mehr. Die Bedingungen dort ließen nur „reine“ Wesen zu, die wieder vollständig feinstofflich werden konnten. Nach ihren Kriegen konnten sie diese Bedingungen nicht mehr erfüllen.“

„Aha… . Und dann?“

„Daraufhin wurden sie zu Schulungszwecken auf die Erde geschickt. Denn die Erde bot die Bedingungen, unter denen sie auch die Folgen ihres Tuns erfahren konnten. Sie konnten Schmerz und Leid erfahren. Um daraus zu lernen.
Ihre Körper waren für die Erde noch deutlich kleiner und kompakter geworden.
Aber einige wenige Menschen hatten die Kriegsspiele auf dem Mars nie mitgespielt und so ihr ursprüngliches Wissen in der Zeit auf dem Mars bewahrt. Sie erklärten sich bereit, die neuen Erdenbewohner zu unterstützen, damit deren Absturz nicht gar zu hart würde.
Die Erdbewohner nannten diese größeren und feinstofflicheren Wesen „Homo Sapiens“ und waren anfangs sehr dankbar. Denn das Wissen dieser Wesen erleichterte ihnen ihr Erdenleben sehr.
Aber über die Jahrtausende wurden die Erdmenschen immer roher, immer grobstofflicher. Und irgendwann wollten die meisten von ihnen diese „Homo Sapiens“ nicht mehr, die immer alles besser zu wissen schienen. Sie verfolgten sie und töteten sie. So dass diese die Erde verließen.
Ab und zu kam trotzdem nochmal einer von ihnen auf die Erde, aber die Erdmenschen hörten ihnen nicht zu. Oder sie verdrehten, was diese sagten, und machten etwas anderes daraus.
Denn längst nannte der große Teil dieser Erdmenschen sich selbst „Homo Sapiens“. Und sie taten so, als wären sie die Herren der Erde und diese ihnen untertan.
Sie zimmerten sich ein eigenes Bild von der Welt und verlachten alles, was nicht in ihr Weltbild passte. Den Gedanken, dass Menschen mal über das Wasser gehen konnten, fanden sie absurd. Wasserläufer waren für sie Insekten.
Menschliche Fähigkeiten hielten sie für sehr begrenzt und sich für den Höhepunkt einer ihnen irgendwie mickrig erscheinenden Evolution. Irgendwann meinten sie gar, sie würden von Affen abstammen.
Sie nannten sich „sapiens“, aber sie wussten nichts mehr.
Und voller Willkür wollten die meisten von ihnen auch noch darüber bestimmen, was alle anderen tun und glauben sollten.“

„Okay, da sind wir in einer gewissen Realität angekommen … . Und was hat das jetzt mit der Höhle zu tun?“

„Es heißt, dass einige wenige der Homo Sapiens damals, als die Verfolgung losging, sich in unzugängliche Höhlen zurückgezogen haben. Und sie seitdem dort in einer Art Winterschlaf verharren und warten, bis die Menschheit wieder bereit ist für ihre Botschaft und ihr Wissen.
Und wir würden so ein Wesen wahnsinnig gerne finden. Denn wir glauben, dass es gerade jetzt sehr wichtig sein könnte.“

„Warum?“

„Na ja, wenn jetzt alles gut geht, wird die Menschheit in nunmehr etwa 400.000 Jahren auf die Venus wechseln, die dann ideale Bedingungen bieten wird. Für die nächste Stufe der Evolution. Dort wird die Menschen eine wunderbare Zeit erwarten. Voller Liebe.
Aber wenn die Menschen es jetzt wieder vermasseln, so wie damals auf dem Mars…, was dann?? Wo werden die Menschen dann landen??“

„Ja, wo bloß …?“ Augenroll … .

Von einem Moment auf den anderen erlosch das Lagerfeuer der drei. Das Konzert der Grillen und Mücken, das sie bisher begleitet hatte, verstummte.
Es war urplötzlich stockfinster und unheimlich still.
Und auf einmal zog ihnen ein leicht modrig wirkender Geruch in die Nase. …    

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Mit herzlichem Dank an Christiane, die sich für ihre liebevolle Betreuung der Etüden und der Etüdelingen nicht einmal eine wirkliche Sommerpause gönnt… . Die Regeln für das Intermezzo sind hier

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/07/11/7-aus-12-etuedensommerpausenintermezzo-ii-2021/ zu finden.

Es hat mir Spaß gemacht, wieder alle 12 Wörter zu verwenden … 😊.