Wut, eine schwierige Emotion

Künstlerin: Dörte Müller

Mit dem Thema „Wut“ setze ich mich jetzt schon seit langem vertieft auseinander. Autoimmunerkrankungen werden oft unter anderem mit (unterdrückter) Wut assoziiert. Und das wollte ich natürlich näher ergründen.

Wut und Aggression waren für mich mein Leben lang irgendwie negativ besetzte Emotionen. Sie schienen nicht kontrollierbar und machten mir Angst. Wütende Menschen neigen dazu, andere zu verletzen. So etwas wollte ich nicht. Ich wollte eine Welt der Liebe und Harmonie. Also versuchte ich, mir eine solche zu basteln. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto deutlicher wurde mir aber, dass das SO irgendwie nicht funktioniert … .

Vor einigen Monaten dann begegnete ich dem Thema „Kriegsenkel„. Und ich erkannte, wie sehr ich bereits in ein Energiefeld hineingeboren worden war, in dem (unterdrückte) Wut und auch verletzter Stolz omnipräsent waren. Meine Eltern haben beide als Kinder / Teenager den 2. Weltkrieg erleben müssen. Inklusive aller Schrecken von Flucht / Vertreibung (den „Rachegelüsten“ der vormaligen „Feinde“ im Grunde schutzlos ausgeliefert); Verlust der alten Heimat und des Besitzes; Ankunft im Lager; Einquartierung bei Menschen, bei denen sie alles andere als willkommen waren. Was macht so etwas mit einem heranwachsenden Kind?! Später dann Neuanfang bei Null. Ein Beruf, der nach Sicherheit und nicht nach Neigung gewählt wurde. Und insbesondere bei meinem Vater das Gefühl der Verantwortung für die Familie mit der gleichzeitigen ständigen Angst im Nacken, dass ihm wieder plötzlich alles genommen werden könnte. Natürlich war da viel Wut bei ihm und für den Rest der Familie die ständige Gefahr, dass diese Wut explodierte. Meine Mutter hingegen zeigte keinerlei Wut nach außen. Sie schien so etwas gar nicht zu können. Und war damit mein Vorbild im Traum von Harmonie.

Natürlich war Wut bei mir entsprechend negativ besetzt – und gleichzeitig in jeder meiner Zellen präsent.

Wut wird in gewisser Weise vererbt. Und – das ist bei den heutigen Flüchtlingen nicht anders – sie wird viel zu wenig erkannt. Der Gesellschaft reicht es, wenn sich jemand nach außen arrangiert und „integriert“ wirkt. Hilfestellung zur Bewältigung der Traumata wird wenig geboten. Immer noch besteht wenig Verständnis für Traumata und die Vererbung dieser Traumata. Menschen, die nicht klar kommen, gelten als selbst schuld. Sie „sollen sich am Riemen reißen“ oder werden gar bekämpft, was ihre Wut dann nicht gerade reduziert. Für mich sind diese nie bearbeiteten Traumata eine der Ursachen für Radikalisierungen von Menschen, ob nach rechts, links, islamistisch oder was auch immer. In Traumatherapien müsste aus meiner Sicht gesellschaftlich viel mehr investiert werden.

Wut, die aus Traumata entstanden ist, ist eine schwierige Emotion, weil sie sich im Ursprung gegen etwas aus der Vergangenheit richtet, was nicht mehr zu ändern ist. Es ist aber auch leider nicht so, dass man einfach die willentliche Entscheidung treffen könnte, diese Wut loszulassen – und puff, weg ist sie. Meines Erachtens funktioniert es auch nicht mit Kampfsport, auch wenn das oft versucht und propagiert wird. Körperliches Ausagieren kann ein kurzzeitiges Ventil sein, aber keine Heilung. Und es besteht immer die Gefahr, dass sich die Wut gegen völlig Unbeteiligte richtet.

Meine Eltern versuchten es mit der Kirche. Mein Vater zudem mit Aufenthalten in der Natur, die ihn deutlich entspannten. Meine Mutter mit dem Beisammensein mit anderen in geselliger Runde. Im Grunde genommen alles sinnvolle Ansätze. Aber ihre tief liegenden Wunden verheilten damit nicht. Therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, hätten sie vermutlich lächerlich und absurd gefunden. Eine Haltung, die aus ihrem Leben verständlich war, die aber leider auch heute noch weit verbreitet ist. Das Ansehen von psychisch / seelisch wirkenden Therapien ist immer noch deutlich schlechter, als das von rein körperlich wirkenden. Aus meiner Sicht ein großes gesellschaftliches Problem.

Wut, deren Ursprung erkannt und verarbeitet ist, kann m.E. durchaus auch positive Auswirkungen haben. Wenn sie zum Antrieb wird, sich konstruktiv gegen aktuelle Ungerechtigkeiten /Probleme zu richten, um so die Entstehung neuen Leids möglichst zu verhindern. Klar ist: Krieg, Gewalt (oder auch „Sanktionen“), die aus „unbearbeiteter“ Wut entstehen können, sind kein Mittel zur Problemlösung, sondern führen IMMER zu neuem Leid.

Lösen kann man sich von durch Trauma entstandener Wut wohl nur durch echte Vergebung. Aber das ist ein anderes schwieriges Thema … .

Wut ist machtvoll

Wut hat viele Facetten. Sie ist eine machtvolle Energie. Und sie hat auch nicht immer traumatische Ursprünge. Sie kann durchaus auch das sein, was man früher „heiliger Zorn“ nannte. Fast jede*r ist mal wütend. Auf sich selbst, auf andere oder auch auf „vorgegebene“ Strukturen oder Regeln. Menschen, die zu ihrer Wut stehen, wirken auf mich häufig lebendiger und authentischer als Menschen, die stets versuchen, zu allen nett und freundlich zu sein – und sich dabei zu sehr selber zurücknehmen. So wie ich das auch oft getan habe.

Braucht es nicht Wut, um Veränderungen überhaupt anzustoßen? Wenn Dinge irgendwie „falsch“ laufen, Strukturen sich verhärtet haben, Denkweisen erstarrt sind, „Mächtige“ sich zu bequem eingerichtet haben und meinen, es sei ihr „gottgegebenes“ Recht, sich über ihre Mitmenschen zu stellen. Arroganz und Ignoranz eine Kommunikation verhindern.

Zunächst ist da bei den meisten Menschen Angst. Zwar spürt man tief im Innern, dass etwas in eine ungute Richtung läuft, aber aus Angst vor Repressalien oder der Angst, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, arrangiert man sich. Um aufzubegehren braucht es Mut. Und der entsteht meist erst, wenn die Wut groß genug geworden ist, um die Angst zu überwinden.

Ich habe mich z.B. mit unserem medizinischen System trotz eines unguten Gefühls auch lange mehr oder weniger arrangiert. Durchaus auch aus Angst, als eine Art Idiotin dazustehen, über die man sich einfach nur lustig machen würde. Was würde es schon bewirken, wenn ICH mich gegen diese reine Medikamentenmedizin stellen würde?

Die von mir in meinem Beitrag „Auf ein Wort liebe Mediziner*innen“ zitierten Ärzt*innen waren ebenfalls ganz offensichtlich nicht glücklich mit dem derzeitigen System. Ganz im Gegenteil wirkten sie gefrustet und desillusioniert. Aber sie hatten sich dennoch arrangiert – und empfanden wahrscheinlich gerade deshalb meine Kritik von außen als besonderes Sakrileg.

Aber wie soll sich etwas Grundlegendes ändern an der Gesundheitspolitik, wenn niemand offensiv Änderungen einfordert? Weder die Patient*innen noch die Mediziner*innen selbst? Aus meiner Sicht sollten Gesundheitssystem und Pharmaindustrie den Patient*innen dienen. Für die ist das System doch eigentlich gemacht! Tatsächlich scheint es aber eher umgekehrt zu sein: Das System wird von der Pharmaindustrie beherrscht und alle anderen Player, inklusive der Patient*innen, dienen dieser Industrie. Für mich ein klarer Missstand!! Und das Ansprechen meines Ärgers darüber tat mir dann auch durchaus gut.

Ob Wut eine „positive“ oder „negative“ Emotion ist, lässt sich aus meiner Sicht nicht beantworten. Sie ist wie Feuer. Hilfreich und nützlich; aber wehe, es gerät außer Kontrolle, oder es schwelt unerkannt unter der Oberfläche.

Die Herausforderung ist es, sich nicht von der Wut beherrschen zu lassen. Ähnlich wie bei Angst.

Das ist keine Kleinigkeit, denn in beide Emotionen kann man ganz schnell immer tiefer hineinrutschen. Beides wird medial gefördert, sowohl durch social media wie durch „seriöse“ Medien. In dieser Corona-Geschichte wird nach meiner Wahrnehmung interessanterweise durch dieselbe Berichterstattung je nach Menschentyp bei den einen die Angst gefördert, bei den anderen die Wut. Die Wütenden fragen sich, wie man so unvernünftig sein könne, auf so unverantwortliche Art permanent Angst und Panik in der Bevölkerung zu schüren. Die Ängstlichen fragen sich, wie man so unvernünftig sein könne, auf so unverantwortliche Art die Expertise „anerkannter“ Fachleute in Frage zu stellen. Ich neige in dieser Frage zu den Wütenden. Allerdings habe ich auch generell ein Problem mit Obrigkeit…. .

Zu viel Wut allerdings kann einen auszehren. Sie macht auch angreifbarer. Nicht nur das. Wut wird für mich immer dann zu einem Problem, wenn sie sich in erster Linie gegen bestimmte Menschen richtet und nicht gegen Strukturen. Und dann, wenn man sich in diese Wut verbeißt und gar nicht mehr loslassen kann. Denn, wer in Wut stecken bleibt und immer tiefer hinein rutscht, tut sich und anderen damit nichts Gutes. Wut kann aufgrund des damit zusammenhängenden Dopamin-Ausstoßes einen gewissen Suchtfaktor auslösen. Und Süchtige gefährden sich und andere.

Über Wut ließe sich noch ganz viel sagen und schreiben. Aber, der Beitrag ist jetzt eh schon viel zu lang geworden… . Und was solls: Auf der derzeitigen Entwicklungsstufe der Menschheit wird es vermutlich ohne Wut nicht gehen. Wut, die dann hoffentlich als Zündfunke für den Mut zu Veränderungen / Verbesserungen fungiert. Knospen einer solchen Veränderung scheinen mir sogar schon sichtbar in der Welt. Und auch in Teilen der Medizin … . Und zum Glück gibt es ja auch noch viele Möglichkeiten außerhalb der etablierten Schulmedizin. 🙂