Gedankenfäden

gefertigt von Dörte Müller

Irgendwo habe ich die „Theorie“ gelesen, dass vor langer Zeit in der Menschheit zwei verschiedene „Gedankenfäden“ gewebt worden seien, die seitdem um die Welt reisten.

Das Wortbild gefällt mir. Denn tatsächlich habe ich den Eindruck, dass es bei Menschen zwei verschiedene Grundwebmuster gibt.

In dem Buch wurde der eine Faden als golden, der andere als schwarz bezeichnet. Der „Goldfaden-Gedanke“ besage, dass Mensch und Natur von ihrem grundsätzlichen Wesen her „gut“ und „edel“ seien. Hergeleitet worden sei das aus der Betrachtung der Natur als üppige Lebensspenderin, die fruchtbar und gütig ihren Überfluss verschenke.
Der schwarze Gedankenfaden hingegen sehe Mensch und Natur als im Grunde „schlecht“, grausam und „böse“ an. [Ich könnte mir vorstellen, dass das auch aus der Natur hergeleitet wurde. Von Menschen, die unter Naturkatastrophen und / oder Hunger litten.]

Das eigentlich Interessante ist aus meiner Sicht, dass die Schwarzfaden-Menschen den Ansatz haben, das, was sie als „schlecht“ wahrnehmen, verändern zu wollen. Und zwar im Außen. Sie wollen Natur und Menschen kontrollieren und „das Böse“ zerstören.

Wenn (reine) Goldfaden-Menschen etwas als „schlecht“ wahrnehmen, haben sie hingegen den Ansatz, ihre Wahrnehmung des Ereignisses zu ändern. Sie bleiben bei sich. Mit ihrer Vorstellung, dass tief im Innern jede*r „gut“ ist, sehen sie als Ausgangspunkt für Veränderungen im Außen das eigene Innere an. Sie versuchen, zu einer „besseren“ Welt beizutragen, indem sie üben, in sich Liebe zu kultivieren – und zwar unabhängig von den äußeren Gegebenheiten. Die äußeren Gegebenheiten sehen sie als Möglichkeit zur inneren Entwicklung. Sie versuchen daher weniger, die Gegebenheiten – als vielmehr ihre Einstellung zu diesen Gegebenheiten zu ändern.

Der Schwarzfaden-Mensch kann ob dieser Haltung sehr wütend werden. Er meint, die andere Person sei fatalistisch, tue nichts gegen das „Schlechte“ in der Welt. Sie lasse „böse“ Natur und „böse“ Menschen einfach gewähren, statt diese aktiv und im Außen sichtbar zu bekämpfen oder zumindest zu zähmen – zum vermeintlichen Nutzen aller.

Schwarzfaden-Menschen gehen davon aus, dass ihre Wahrnehmung des Äußeren „richtig“ sei, und eine „objektive Wahrheit“ darstelle. Die Anregung, die eigene Wahrnehmung zu ändern, ist für sie daher unverständlich bis beleidigend. Die Idee, dass seine Wahrnehmung der Welt in Teilen eine Projektion des eigenen Innern sein könnte, findet der (reine) Schwarzfaden-Mensch absurd. Er versteht gar nicht, was dieses „eigene Innere“ sein sollte.

Für den Schwarzfaden-Menschen ist das Urteil über andere wichtig, um die Welt zu „verbessern“. Es ist geradezu zwingend, um zu wissen, wen oder was man bekämpfen muss, um zum Helden zu werden.

Ich persönlich konnte mit Action-Filmen noch nie wirklich was anfangen. Ich habe nie verstanden, warum der „Held“ zum „Helden“ wurde, indem er zig Leute umgebracht hat. Dann sagt man mir: „Aber das waren ja die Bösen, die er umgebracht hat.“ „Aha, woher weiß ich, dass die „böse“ waren?“ „Na, die haben Menschen umgebracht.“ „Und WO genau ist jetzt der Unterschied zu dem „guten“ Helden?“ „Na, der hat das getan, um andere zu retten. Also mit einer „guten Absicht“. Damit ist er „gut“.“

Schwarzfaden-Menschen denken in Kategorien von „Täter“, „Opfer“ und „Retter“. Die meisten Menschen möchten gerne „Retter“ sein. Diese Rolle wirkt moralisch edel. Führt also zu einer guten Beurteilung durch die anderen im Außen.

Die Bewertung, wer „Täter“ und „böse“ ist, ist damit extrem wichtig. Und Schwarzfaden-Menschen erscheint es selbstverständlich, dass dieses Urteil nicht nur möglich, sondern auch „objektiv“ sei. Dafür kann dieses Urteil natürlich nicht „aus ihnen selbst“ kommen. Sie halten den Menschen solch einer Bewertung ja gerade nicht für fähig, zudem wäre solch eine Bewertung zwangsweise subjektiv. Sie brauchen also im Außen Vorgaben. Um als „objektiv“ und „richtig“ wahrgenommen werden zu können, müssen diese Vorgaben von einer unhinterfragbaren – also im Grunde göttlichen – Instanz stammen. Für die meisten Menschen ist das heute „DIE Wissenschaft“. [Der damit eine „religiöse“ Rolle aufgebürdet wurde, die das eigentlich Wissenschaftliche zerstört.]

Die Idee, dass Menschen in sich eine Instanz haben könnten, die ihnen sagt, was für sie „richtig“ ist, finden Schwarzfaden-Menschen folgerichtig ketzerisch. – Und auf das Schärfste zu bekämpfen.
[Derzeit kann man das sehr gut beobachten: Vokabular und Vorgehensweise der Schwarzfaden-Menschen gegen solche „Freigeister“ tragen stark religiöse und inquisatorische Züge (was sie allerdings vehement bestreiten würden).]

Engagierte Schwarzfaden-Menschen leg(t)en oft missionarischen Eifer an den Tag. (Kenne ich von mir auch… ;-).) Schließlich will man was erreichen. Und dafür muss die übrige Welt zum eigenen Glauben bekehrt werden. Notfalls mit Gewalt. In der Annahme der Unfehlbarkeit der eigenen Gottheit glaubt man zu wissen, was „gut“ und „richtig“ (für alle) ist. Somit wird die Missionierung nicht als Problem, sondern als „gute Tat“ angesehen.

Goldfaden-Menschen sehen die Verantwortung für das eigene Leben zunächst mal bei jedem selbst (Kinder ausgenommen). „Missionierungen“ sind damit eine Anmaßung, die niemandem zusteht, da niemand von Außen „wissen“ kann, was wirklich „gut“ für den anderen ist. Selbst „Solidaritätsbezeugungen“ haben aus dieser Sicht oft etwas Übergriffiges, insbesondere, wenn sie sich auf Gruppen beziehen. Weil den Gruppenmitgliedern dabei von Außen ein einheitliches Interesse unterstellt wird, das diese aber selten wirklich haben. [Zudem erscheint manche „Solidaritätsbezeugung“ wie eine Art Plakette: „Schaut her, ich bin „gut“.“]

Für Schwarzfaden-Menschen sind „Rettungsaktionen„, bei denen durch diese „Rettung“ andere zu Schaden kommen, immer besser, als gar nichts zu tun. Letzteres erscheint ihnen unerträglich (wie oft habe ich bei Corona gehört: „Das kann man doch nicht einfach laufen lassen!“).
Für Goldfaden-Menschen hingegen sind Rettungs- oder gar „Vergeltungs“aktionen, bei denen „Kollateralschäden“ einkalkuliert sind, Gewalttaten und keine „Rettung“. Nicht selten führ(t)en sie in eine Spirale von immer mehr Gewalt.

Ich weiß noch, wie sehr es mich als Kind irritierte, wenn ich in der (katholischen) Messe in einem Psalm darüber jubilieren sollte, dass „Gott die Ägypter ins Meer geworfen hat“, wo sie alle ertranken:
„Warum soll ich mich darüber freuen?“
„Die Ägypter waren böse, weil sie die Israeliten nicht aus Ägypten haben ziehen lassen.“
„Und sie dafür alle zu töten, war GUT?“
„Gerecht.“
„Das ist „gerecht“? Die waren doch vielleicht gar nicht alle „böse“, und die anderen vielleicht auch nicht alle „gut“? Außerdem dachte ich, Gott liebt alle Menschen? Das passt doch gar nicht zusammen.“
„Solche Fragen stellt man nicht.“ …

Was hat diese Geschichte über einen lang zurück liegenden Konflikt zwischen zwei Völkern eigentlich mit uns heute zu tun? Ich glaube sehr viel. Denn diese Idee, dass die Guten und die Bösen eindeutig zu unterscheiden seien, hat sich fest eingegraben. Die Bösen sind dabei selbstverständlich immer die anderen. Das andere Volk. Die andere Gruppe. Die andere Meinung.

Goldfaden-Menschen sehen die Möglichkeit, dass der andere ein Spiegel ihrer selbst sein könnte. Dass also das, was sie als „böse“ im anderen wahrnehmen, im Grunde etwas ist, was ihnen in sich selbst nicht gefällt. Reine Schwarzfaden-Menschen meinen zwar manchmal, anderen einen Spiegel vorzuhalten, vermögen aber niemals selbst in diesen Spiegel zu blicken. Denn „das Böse“ liegt aus ihrer Sicht eben im Außen, also im Anderen.

Auch das Verständnis darüber, was Mitgefühl eigentlich ist, scheint mir ein Unterschiedliches. Für die einen ist das im Grunde dasselbe wie „Nächstenliebe“: „Behandle jeden Menschen mit Liebe und denke über jeden in Liebe, so wie du auch behandelt und gedacht werden möchtest.“ Für die anderen ist das: „Fühle mit den Leidenden, als wäre es dein eigenes Leid – und wenn die leidende Person wütend ist, dann teile auch diese Wut – und kämpfe gegen die, die dieses Leid aus eurer gemeinsamen Sicht verursacht haben.“ Diese Idee des Mitgefühls würden (reine) Goldfaden-Menschen hingegen für eher schädlich halten.

Goldfaden-Menschen und Schwarzfaden-Menschen sind somit auf ganz unterschiedlichen Wellenlängen unterwegs. – Und reden dadurch vollständig aneinander vorbei.

Die meisten Menschen dürften heutzutage allerdings wohl in gewisser Weise „Mischwesen“ sein. Denn der schwarze Faden ist eben im Äußeren um die Welt gereist. So oft, dass er sich fest darum herumgewickelt hat. Während der goldene den inneren Weg gewählt hat und nicht ganz so sichtbar, aber als eine Art Sehnsucht für viele spürbar ist.

Das Problem ist, dass diese Sehnsucht bei Menschen mit einem stark schwarzen Webmuster dazu zu führen scheint, dass sie die Welt über das Äußere „gut“ machen wollen. Sie wollen „retten“ und „helfen“ und „solidarisch“ sein. Und da sie ja eine „gute Absicht“ haben, scheint es ihnen okay, dabei Gewalt und Zwang anzuwenden (das war bereits bei vielen kirchlichen Missionaren nicht anders). Es ist aus dieser Sicht völlig in Ordnung, Menschen einzusperren, um andere zu retten (schließlich machen wir das in unseren Gefängnissen schon immer), ihnen Spritzen aufzudrängen als „Akt der Solidarität“ (mit wem auch immer). Ihnen alles Mögliche zu verbieten. Sie zu anderem zu zwingen (auch das machen wir schon immer). Da Menschen „böse“ sind, würden sie ohne solche Vorgaben und Gewaltandrohungen ganz sicher egoistisch, schlecht und grausam gegen andere handeln aus Sicht der Schwarzfaden-Menschen.

Das ultimativ Beste aus Schwarzfaden-Sicht wäre daher, die Gehirne der Menschen so zu kontrollieren und zu manipulieren, dass sie zu Gewalt und sonstigem „Bösen“ nicht mehr fähig sind. Dieses Denken beherrscht durchaus nicht nur die Bill Gates dieser Welt, sondern ist (aus meiner Sicht) erschreckend weit verbreitet und in der Forschung wohl auch schon recht weit gediehen (so dass der Verdacht, dass diese gerade sehr angepriesenen Spritzen genau dafür den Weg bereiten sollen, möglicherweise nicht völlig aus der Luft gegriffen sein muss …).

Aus meiner Sicht geht es dabei um die extremste Gewalttat, die Menschen überhaupt jemals versucht haben: Nicht nur die Körper, sondern auch den Geist und das Bewusstsein möglichst vieler anderer zu beherrschen (um sie „zum Guten“ zu zwingen). Menschen, die so etwas tun (wollen), sind m.E. „besessen“ von dem „Bösen“ als Konzept. Was vermutlich mehr über sie, als über die Welt an sich aussagt… .

Mit extremer Gewaltanwendung Gewalt verhindern zu wollen, erscheint mir persönlich keine gute Idee. Eine friedliche Welt werden wir aus meiner Sicht wohl erst haben, wenn die Menschen versuchen, den Goldfaden in sich zu entdecken.

[Man kann dabei ja klein anfangen: Ich bin schon immer ganz zufrieden mit mir, wenn ich bemerke, dass ich irgendwo projiziere, oder es mir tatsächlich mal gelingt, die Reaktion eines anderen als Spiegel zu sehen :-).]

Haltung zeigen

Künstlerin: Dörte Müller

Schon seit einigen Jahren fällt mir auf, wie oft es allenthalben heißt, man müsse „Haltung zeigen gegen …“. Ich bin dann immer ganz unglücklich. Nicht wegen der „Haltung“, sondern wegen des Wortes „gegen“.

Es gilt als tugendhaft, „Haltung zu zeigen gegen“ Menschen, die einem zu „rechts“, zu „links“, zu „islamisch“ (islamistisch) oder sonst irgendwie „extremistisch“ vorkommen. „Haltung“. „Klare Kante.“ Dem Menschen „mutig“ sagen, was man von ihm oder ihr hält. Das wird gefeiert. Ein Held, wer sich das traut!

Ich bin bei Heldentum immer etwas skeptisch. Und oft genug erscheint es mir nicht einmal besonders heldenhaft, wenn ich – sicher in der Mehrheitsmeinung eingebettet – einer „Randgruppe“ sage, was ich von ihr halte, so als Mensch. Dann wirkt das auf mich nicht mutig, sondern irgendwie billig. So, als käme es mir mehr auf die Anerkennung der anderen an, als darauf, etwas „Gutes“ zu bewirken. Welche Absicht steht hinter dem „Haltung zeigen“? Das ist für mich die Frage. Was will man erreichen?

Ich frage mich das deshalb, weil das „Haltung zeigen“ nach meiner Wahrnehmung oft so erfolgt, dass dem Menschen aus der „Randgruppe“ gesagt oder bedeutet wird: „Du bist böse. Das, was du denkst, darfst du nicht denken. Wir wollen dich nicht.“

Mit welcher Erwartung sagt man das? Erwartet man, dass dieser Mensch dann reumütig nickt und antwortet „Danke für den Hinweis. Ich werde an mir arbeiten.“?

Ich fürchte, das widerspräche allen psychologischen Erfahrungen. Irgendwie erscheint es mir deutlich wahrscheinlicher, dass dieser Mensch wütend wird, sich unverstanden fühlt, seinerseits nun auch erst recht „Haltung zeigt“ und sich weiter radikalisiert. Was hat man dann durch die „Haltung“ gewonnen? Außer vielleicht, dass man sich gut und mutig fühlt, weil man sich getraut hat, dem anderen zu sagen, dass man ihn nicht mag und sein Verhalten „nicht toleriert“? Im Zweifel hat man damit erreicht, dass sich die Fronten weiter verhärten. Und dass man genau das verstärkt hat, was man eigentlich „weg haben“ wollte. (Statt den eigenen Anteil an der Situation wahrzunehmen, beschweren sich die „Haltung Zeigenden“ dann leider oft nur über die „Aggressivität“ der anderen Seite. Und sehen sich nun natürlich erst recht berechtigt oder gar in der Pflicht „Haltung zu zeigen“. Die Spirale dreht sich … .)

Können wir nicht stattdessen vielleicht besser „Haltung für“ etwas zeigen? Für Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe? Für gegenseitiges Verständnis?

Das bedingt ein offenes Ohr, auch gegenüber Menschen, deren Meinung man zunächst völlig daneben findet. Während es vielleicht manchmal mutig ist, Haltung „gegen“ jemanden zu zeigen, erscheint es mir wahrhaft groß und schwierig und auch mutig, Haltung für positive Werte zu zeigen, wenn das Gegenüber einem genau das nicht gerade leicht zu machen scheint.

Sich über „Deppen“ aufzuregen, ist einfach. Das kann jede*r. Aber wer kann oder will dem betreffenden „Deppen“ schon wirklich zuhören? Ihn als „Mensch“ betrachten, auch dann, wenn dieser Mensch vielleicht gerade eine These von sich gegeben hat, bei der sich einem der eigene Mageninhalt umdreht? Aber vielleicht hat sich dieser Mensch ja auch einfach nur ungeschickt ausgedrückt? Vielleicht habe ICH etwas in seine oder ihre Meinungsäußerung hineininterpretiert, was dieser Mensch überhaupt nicht mit seiner Äußerung meinte?

ZUHÖREN. Gefühle wahrnehmen und eigene Gefühle äußern. Aus meiner Sicht scheint das der einzige Weg zu sein, wenn man als Gesellschaft Radikalisierung und Extremismus „bekämpfen“ will. [Ich verstehe unter „Extremisten“ Menschen, die so in eine Idee bzw. Ideologie verfangen sind, dass sie meinen, sie täten etwas „Gutes“, wenn sie andere Menschen um dieser Ideologie wegen verletzen oder gar töten wollen.] Zuhören und versuchen, zu verstehen. Mit „klarer Kante“ und Stigmatisierung hingegen befördert man meines Erachtens bei der betreffenden Person oft genug genau die Gefühle, die überhaupt erst zu ihrer Radikalisierung geführt haben. Gefühle wie Wertlosigkeit. Außenseiter sein. Sich nicht gesehen fühlen. Sich von einer Mehrheit unterdrückt fühlen. Seiner Würde oder Ehre beraubt fühlen. Sich chancenlos fühlen.

Solche Gefühle machen anfällig für das Anwerben durch radikale Gruppierungen, die die Anerkennung zu bieten scheinen, die die Mehrheitsgesellschaft verweigert. Natürlich sind die Umstände, warum jemand in die Fänge einer solchen Gruppierung gerät, immer komplex. Aber ich persönlich glaube, „klare Kante“ ist häufig die schlechteste aller Möglichkeiten für die Mehrheitsgesellschaft, damit umzugehen. Insbesondere, wenn es um Personen geht, deren Radikalisierung sich vielleicht noch nicht total verfestigt hatte.

Im Großen (bei „echten“ „Extremisten“) wie im Kleinen (bei gerne so genannten „Maskenverweigerern“, die erstaunlich vielen Menschen als neue „Extremisten“ gelten) bin ich der Meinung: Die meisten Menschen sind bunt und haben viele unterschiedliche Facetten und Motivationen. Ihnen EIN Label anzukleben, das einem dann ermöglicht, diesen Menschen mit „gutem moralischen Gewissen“ zu verurteilen, heißt aus meiner Sicht, sich die Sache ziemlich zu vereinfachen, sie manchmal vielleicht sogar auch zu verdrehen. Ohne damit etwas zu gewinnen, wenn man als Mehrheitsgesellschaft tatsächlich an der Zunahme „positiver“ Werte interessiert sein sollte. Andere zu verurteilen, weil sie bestimmte Dinge anders sehen, anders bewerten, als man selbst. Das spricht aus meiner Sicht selten dafür, dass man als (Ver-)Urteilende*r ein moralisch besserer Mensch ist.

Dieses gegenseitige Nichtzuhören, das man jeweils dem oder der anderen vorwirft. Meist voller Empörung – und ohne zu merken, wie wenig man diesem oder dieser gerade selber zugehört hat. Jeweils gefangen im eigenen Bunker. Das ist derzeit sehr in. Und längst nicht nur gegenüber „Extremisten“.

Spricht das wenigstens dafür, dass man sich seiner Sache sehr sicher ist? Zum Beispiel, weil man sich in der Mehrheit befindet? Oder spricht es nicht vielleicht sogar eher dafür, dass man sich seiner Sache überhaupt nicht sicher ist? Und genau deshalb – obwohl man sich in der Mehrheit befindet – Widerspruch, andere Ansichten, nicht dulden mag und kann? Weil man befürchtet, diese Mehrheit sonst möglicherweise zu verlieren?

Ich weiß es nicht. Aber immer, wenn ein Politiker sagt, man müsse als Mehrheitsgesellschaft „Haltung zeigen gegen …“ beschleicht mich ein ungutes Gefühl.

Demonstrationen gegen „Corona-Regeln“ und andere „Ungeheuer“lichkeiten

Mal in den Schuhen der anderen laufen … oder auch mal barfuß…? Künstlerin: Dörte Müller

In meinen Beiträgen „Die Welt ist eine sichere, oder…?“ und „November“ hatte ich es bereits anklingen lassen: Aus meiner Sicht leidet diese Welt unter einem „überschießenden Yang“. Einer völligen Überbetonung des „männlichen Elements“. Yang sieht überall Bedrohungen von außen. Gegner. „Ungeheuer“. Yang steht für Abgrenzung, Ausgrenzung, Krieg und Kampf. Für Härte und Strenge. Stärke und Machtdemonstration. Vernichtung des Gegners, auch wenn man dabei Kollateralschäden in Kauf nehmen muss.

So führen wir jetzt seit Monaten „Krieg“ gegen einen Virus. Und jede Person, die diesen „Krieg“ für übertrieben hält, wird gleich mit zum Gegner und ebenfalls bekämpft.

Letztes Wochenende gab es in Berlin eine größere Demo, deren Teilnehmer*innen deutlich machten, dass sie dieses Virus als für uns Menschen nicht ganz so bedrohlich ansehen. Die Empörung in Medien und Politik war riesig. Von allen Seiten wurden „harte Strafen“ gefordert. Auch dafür steht Yang.

Einfach mal ein Stück in den Schuhen der anderen laufen, also sich in deren Perspektive begeben, das ist dem Yang fremd. Barfuß, also versuchen, gar nicht zu urteilen / zu verurteilen, erst recht. Die Leute haben sich nicht an „die Regeln gehalten“, also sind sie zu bestrafen. Punkt. Gerade in Berlin sieht man es mit vielen Regeln sonst nicht immer ganz so eng. Aber bei Corona-Regeln, da gibt es kein Pardon.

Nun gibt es zugegebenermaßen ein zusätzliches Problem: Bei diesen Demos laufen anscheinend auch teilweise einige Menschen mit, die eine nationalistische Gesinnung zur Schau tragen.

Nationalismus (und auch Patriotismus) ist aus meiner Sicht komplett überschießendes Yang. Weil er Menschen bewertet, und Menschen der eigenen Nation für wertvoller hält, als Menschen anderer Herkunft. Weil er ausgrenzt. „Gegner“ im Außen zu brauchen scheint, die dann bekämpft werden. Ich halte so etwas für einen Irrweg.

Allerdings finde ich die mediale Reaktion darauf ebenfalls irgendwie merkwürdig. Da stellt sich eine*r nach dem oder der anderen in den Medien hin, zeigt mit den Fingern auf diese Leute und sagt mit großer Vehemenz und Verachtung: „Pfui, die sind böse!“ Und alle anderen Demonstrant*innen ebenfalls, weil sie sich nicht „abgegrenzt“ und diese Leute der Demonstration verwiesen hätten, was das Mindeste gewesen sei. Nun wäre es wahrscheinlich nicht so einfach gewesen, „diese Leute“ der Demonstration zu verweisen. Aber davon unabhängig stellt sich für mich noch eine andere Frage.

Die interviewten Politiker*innen und Journalist*innen scheinen es für ihre moralische Pflicht zu halten, diese Menschen als „böse“ zu bezeichnen. Abgrenzung, Ausgrenzung, „klare Kante gegen rechts“ gilt bei uns automatisch als gut und ganz wichtig. Das ist aufgrund der Gräueltaten von Nazis im 2. Weltkrieg verständlich und in Deutschland ein entsprechend schwieriges Thema.

Gerade, weil ich kein Fan rechtsnationalen Gedankenguts bin, möchte ich dieses Thema trotzdem aufwerfen. Weil ich mir nicht so sicher bin, dass das pauschale Ausgrenzen von Menschen die Beste aller Herangehensweise ist. Sich von Meinungen und Verhaltensweise abgrenzen, die man für eindeutig falsch hält, ja! Aber den ganzen Menschen ausgrenzen?

Bin ich denn wirklich moralisch höher stehender (als „die“), wenn ich ja letztlich ebenfalls andere Menschen als „böse“ bezeichne und ausgrenze? In dem Fall schon, weil ja klar ist, dass „solche Leute“ „böse“ sind? Durch und durch? Ich habe das auch lange gedacht und geäußert, aber inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher, ob mir dieses Urteil wirklich zusteht. Wenn ich Menschen, die ich nicht einmal kenne, ausgrenze und als durch und durch „böse“ herabwürdige mit der Begründung, dass diese andere Menschen ausgrenzen und herabwürdigen, schaue ich da nicht einfach nur in einen Spiegel?

Und vor allem: Glaubt wirklich irgendjemand, er oder sie würde auch nur eine*n Rechtsradikale*n „bekehren“, indem er oder sie mit dem Finger auf diese Person zeigt und ruft „Böse!“? Besteht nicht eher die Gefahr, dass genau das Gegenteil passiert, sich Strukturen verfestigen? Dass man Menschen, die sich ohnehin schon als außerhalb der (Mehrheits-)Gesellschaft stehend und unverstanden wahrnehmen, erst recht in diese Ecke drängt? Müsste man Menschen, die sich „verirrt“ zu haben scheinen, nicht gerade ganz anders begegnen, wenn man Rechtsradikalismus wirklich eindämmen möchte? Sich viel mehr die Ursachen anschauen?

Ähnlich wie bei Erkrankungen des menschlichen Körpers, bin ich auch bei gesellschaftlichen Erkrankungen sehr dafür, nicht nur Symptome zu unterdrücken und zu bekämpfen, sondern Ursachen zu suchen, damit Körper bzw. Gesellschaft wirklich heilen können. Und dann bräuchte man auch nicht mehr so viel Angst vor einem Wiederaufflammen zu haben.

Natürlich kann ich Meinungen und Verhaltensweisen anderer Menschen teilweise „unerträglich“ finden. Und das auch sagen. Aber ich muss sie ja auch nicht „tragen“. Nicht einmal, wenn dieser Mensch zufällig mit mir in der gleichen Demonstration herumlaufen sollte, es in dieser Demonstration aber um ein ganz anderes Thema geht. (Normalerweise werden z.B. in 1. Mai-Demonstrationen all die friedlich Demonstrierenden auch nicht für möglicherweise mitlaufende Leute „des schwarzen Blocks“ und deren eventuelle Straftaten verantwortlich gemacht.)

Ich halte es für sehr wichtig, sich dagegen zu wehren, wenn jemand versucht, mir oder anderen seine radikale Gesinnung aufzuzwingen, mit dem Anspruch, dass ich diese zu teilen haben. Straftaten aus dem radikalen Milieu („rechts“ aber auch „links“) erheben ja oftmals diesen Anspruch, angeblich für „eine gerechte Sache zu kämpfen“. Was doch jede*r teilen müsse. Nein, ich teile das nicht! Ich finde solche Straftaten schlimm!

Ich mag es generell nicht, wenn jemand mir seine oder ihre Meinung aufzwingen möchte. Ich diese „mitzutragen“ habe. Was Meinungen und fremde Wahrnehmungen angeht, bin ich sehr Yang. Da halte ich es für wichtig, meine eigenen Grenzen zu verteidigen. Möglichst aber ohne den Menschen, der die andere Meinung hat, deswegen zu verurteilen und zu bekämpfen. Da versuche ich zumindest, Yin zu sein. (Auch, wenn das nicht immer klappt.)

Und das gilt auch gegenüber Politik und Medien. Auch deren Meinung möchte ich mir nicht aufzwingen lassen (ohne deshalb die dort arbeitenden Leute zu bekämpfen oder zu bespucken). Den Anspruch der öffentlich rechtlichen Medien, dass jeder „vernünftige“ Mensch die dort vertretenen Meinungen zu teilen habe, halte ich für vermessen. Ich „trage“ meine eigene Meinung und Wahrnehmung von der Welt.

Und meine Meinung bezüglich des Corona-Virus ist, dass die Bedeutung, die diesem durch Lock-down, „Corona-Regeln“ und tägliche Berichterstattung für unser Leben gegeben wurde und wird, weit überdimensioniert und in dieser „überschießenden“ Form für uns sehr schädlich ist.

Dafür halte ich das, was uns überall als „DER RETTER“ präsentiert wird, für sehr viel problematischer, als es gemeinhin dargestellt wird: Ein vermutlich in Windeseile durchgepeitschter „neuartiger“ Impfstoff, dessen Nebenwirkungen und Langzeitwirkungen auf das Immunsystem der Geimpften in keinster Weise absehbar sind (vgl. hierzu auch meinen Beitrag „Ein kleiner Pieks…„).

Selbstverständlich muss niemand meine Meinung teilen. Aber von öffentlich rechtlichen Medien, die sich auch nur einen Hauch des Anspruchs auf „neutrale“ Berichterstattung bewahrt haben, würde ich schon erwarten, dass sie sich auch nicht verteufeln…. . Ein wenig mehr Yin gerade auch in Politik und Medien täte dieser Welt gut, finde ich …. !