Kraftvolle Weiblichkeit?

Künstlerin: Dörte Müller

Kraftvolle Weiblichkeit, das hat etwas zu tun mit Dunkelheit. Mit Nacht. Mit Magischem und Geheimnisvollem. Mit Intuition und Weisheit. Mit Fruchtbarkeit und Feuchtigkeit. Mit Morast und Sumpf. Mit Tiefe und mit Ruhe. Mit der Fähigkeit zur Trauer. Mit den Zyklen des Lebens. Mit dem Zyklus von Geburt und Tod und Wiedergeburt.

All diese Attribute werden gemeinhin dem „weiblichen Element“, dem Yin zugeordnet.

Und fast all diese Attribute haben bei uns keinen besonders guten Ruf. Sowohl die drei großen monotheistischen patriarchalischen Religionen wie auch der ihnen nachgefolgte „moderne“ Wissenschafts- und Technik-„gläubige“ Atheismus setz(t)en andere Prioritäten:

Hatte der biblische Gott Jahwe im alten Israel / Juda (in der Zeit vor der babylonischen Gefangenschaft) wohl für viele Gläubige mit Aschera noch eine weibliche Gefährtin, so findet diese im Alten Testament nur noch in negativer Form Erwähnung. Als zu bekämpfender Kult. Aschera war die Göttin der Fruchtbarkeit und des Meeres. Dass diese weibliche Seite „verloren gegangen“ ist (ihr Kult bekämpft wurde), war für die Frauen dieser Welt sicher kein Segen. Zwar wurde in der katholischen Kirche Maria sozusagen als „Ersatz“ für das fehlende weibliche Element aufgenommen, aber indem mann sie zur Jungfrau gemacht hat, wurde sie eines großen Teils ihrer natürlichen Kraft beraubt (aus meiner Sicht).

Für mich persönlich gibt es das Göttliche, aber es steht außerhalb unserer Dualität. Deshalb ist das Göttliche für mich weder männlich noch weiblich, sondern die Urquelle allen Seins. Und weil es für mich die Urquelle allen Seins ist, glaube ich auch nicht an Unterschiede in der Wertigkeit dieses Seins.

Gesellschaftlich aber bestehen diese unterschiedlichen Bewertungen leider in vielerlei Hinsicht fort. Und das zeigt sich längst nicht nur in den inzwischen ja durchaus bekämpften „Privilegien“ des heterosexuellen „weißen Mannes“ gegenüber allen anderen Gruppierungen dieser Welt. Es zeigt sich auch auf viel subtileren Ebenen. Und dies gerade auch in der Wissenschaft.

Nicht nur, dass diese in unserer heutigen Gesellschaft einen sehr hohen Status genießt und sich vielfach auch selbst als eine Art Elite ansieht, also für „wichtiger“ hält, als andere Menschen. Sogar das ihr unmittelbar Innewohnende, das, worüber sich Wissenschaft heutzutage definiert, setzt diese Bewertungen fort: Da wird der Verstand hofiert, Gefühle hingegen will man nicht. Da wird das Unterbewusstsein als etwas Störendes angesehen, was man lieber ausblendet. Und vor allem schreibt man sich da „Objektivität“ auf die Fahnen (ohne zuzugeben, dass man diese nicht einhalten kann). Das Subjektive hält man für suspekt.

Kraftvolles Yin aber entzieht sich der angeblichen Objektivität, Messbarkeit und Wiederholbarkeit. Es führt diese ad absurdum. In einem zyklischen sich entwickelnden Universum wiederholt sich Vieles und ist doch niemals gleich. Messungen und Versuche, denen die Weisheit fehlt, sind starr, sinn- und bedeutungslos, oft sogar schädlich. Das Subjektive erst kann einer Messung Sinn und Bedeutung verleihen. Weisheit erst ihr zu einem sich positiv auswirkenden Ergebnis verhelfen.

Wesentlicher Kern des weiblichen Elements ist der natürliche Kreislauf von Geburt, Tod und Neugeburt. Und das ist in heutiger Zeit vielleicht zugleich ein Hauptgrund für die fortwährende Ablehnung der Elemente des Yin. Wir leben in einer Gesellschaft, die den Tod nicht als Teil des Lebens ansieht, sondern als einen mit allen Mitteln zu bekämpfenden Feind. DEN Feind schlechthin. Das geht aktuell sogar so weit, dass man DAS LEBEN mehr oder weniger verbietet – sogar und gerade auch Kindern – in dem vermeintlichen Glauben, damit den Tod zu bekämpfen. Für mich die ultimative Verirrung einer Wissenschaft, die nicht bemerkt hat, dass sie ohne das Yin – mit ihrer Ablehnung des Yin – hohl geworden ist. Dass sie Wissen anhäuft. Ihr aber Weisheit, also das tiefgehende Verständnis von Zusammenhängen in Natur, Leben und Gesellschaft, längst abhanden gekommen ist. Dass sie nicht (mehr) dem Leben dient, sondern einer starr gewordenen Guss-Form ohne Lebendigkeit, die sie für ein Abbild des Lebens zu halten scheint.

Der „weibliche Weg“ ist nicht der einfache. Aber, wer Tiefe, Ruhe und auch Trauer auszuhalten vermag, wird mit einer exzellenten Intuition belohnt. Vielfach wird diese Intuition, die jedem Menschen inne wohnt, von außen klein geredet. Menschen wird eingeredet, sie sollten lieber auf andere hören, als auf sich. Zusätzlich wird versucht, die Intuition mit permanenten Berieselungen zuzuschütten. Aber: Kraftvolles Yin lässt sich nicht berieseln und nicht beirren. Kraftvolles Yin FÜHLT.

Ich wünsche mir also, dass wir es schaffen, dem Yin, dem weiblichen Element, seine ursprüngliche natürliche Kraft und sein Ansehen wieder zu geben und dieses zu leben. Und dass wir so auch unsere Wissenschaft in die Lage versetzen, das dort angehäufte „Wissen“ wieder mit Weisheit zu füllen.

Zum Segen für die Menschen und für das Leben.

November

Künstlerin: Dörte Müller

Ende November: Die Tage sind kurz geworden. Die Nächte lang. Der Himmel ist grau, die Luft feucht. Die Blätter der Bäume sind zu Boden gefallen. Die Natur kommt zur Ruhe.

November: Zeit der inneren Einkehr, der Stille. Der Besinnung.

Im chinesischen Yin/Yang-Symbol (das ich sehr liebe) ausgedrückt, repräsentiert der November in vielen seiner Facetten das Yin. Das weibliche Element in dieser Welt.

Nur leider hat dieses weibliche Element bereits seit Langem einen sehr schlechten Stand in fast allen Gesellschaften dieser Erde.

Denn wir haben gar keine Zeit für Rückzug, innere Einkehr und Muße. Wir müssen arbeiten, Geld verdienen, Geld ausgeben, erst recht vor Weihnachten! Stille mögen wir sowieso nicht. Langeweile ist doof. Müßiggang ist Faulheit. Und die gefallenen Blätter müssen so schnell wie möglich mit einem irgendwie anscheinend Potenz suggerierenden 😉 Laubbläser weggepustet werden. Das erledigt auch gleich jede Form von Stille…. Alles andere wäre schließlich unordentlich. Und dieses Novembergrau ist ja auch irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes. Weder schwarz noch weiß. Irgend so was Komisches dazwischen. Viel zu komplex solche Zwischentöne.

All das haben wir so gelernt. Warum auch immer.

Wir lieben das Yang. Und zwar ausschließlich! Im chinesischen Symbol ausgedrückt, ist das Yin in unserer Welt ein kleiner an den Rand gedrückter Strich. Der Yin-Kern im Yang immer wieder übermalt.

Der November: Ein Monat zum Vergessen. Kalt, grau, neblig, trübe. Am Besten fliegt man in der Zeit in den Süden, der Sonne hinterher. ODER?!

Oder man nutzt den November, um über die mangelnde Wertschätzung des weiblichen Elements in unserer Welt nachzudenken. Die mangelnde Wertschätzung der Natur (Laub z.B. bietet vielen Lebewesen einen Lebensraum. Grüner „ordentlicher“ Rasen tut dies nicht.). Über die nicht vorhandene Wertschätzung von „Mutter Erde“. Über unsere Sucht, die Erde auszubeuten, für einen oft völlig sinnlosen Konsum. Demgegenüber unsere Anbetung von Geld, Wohlstand und Macht. Unsere Angst vor einem Wohlstandsverlust und die dadurch bestehende Abhängigkeit von Wirtschaftswachstum, die echten Umweltschutz verhindert.

Ich bin mir sicher, unsere Welt wäre eine bessere, wenn wir begännen, das Yin, das weibliche Element, wieder wertzuschätzen. Das Yin wieder gleichberechtigt und harmonisch in das Symbol einzufügen. Unsere rein Yang-getriebenen Bewertungen über das Leben, die Natur und uns zu revidieren. Vielleicht wäre unsere Welt sogar richtig gut. Es liegt an uns.

Der November kann ein wundervoller Monat sein! Probieren Sie einmal, ihn aus einer Yin-Perspektive zu sehen… (vielleicht bevor Sie über den Kauf der diesjährigen Weihnachtsgeschenke nachdenken ;-)?).