Krankheit als Makel oder als Impuls???

Solange ich aus irgendwelchen Gründen der Idee anhänge, meine Erkrankung sei ein „Makel“ hindert mich das am Glücklichsein. Dieser Befund ist offensichtlich. Und ein „Makel“ hat noch den zusätzlichen Nachteil, dass der Raum, den er in der eigenen Wahrnehmung einnimmt, immer größer wird. Ihr kennt das vielleicht auch schon von vermeintlichen Kleinigkeiten. Man stellt morgens im Spiegel fest, dass da plötzlich ein großer Pickel am Kinn ist. Also fängt man an, ständig daran rumzumachen. Und statt wegzugehen, wird er immer größer. Draußen unterstellt man jedem, der einen ansieht, er oder sie hätte „komisch“ geschaut wegen des Pickels. Man fängt an, kaum noch hochzuschauen, um die Blicke der anderen möglichst nicht mehr wahrzunehmen. Man läuft Gefahr, dass der ganze Tag sich plötzlich um kaum was anderes dreht, als um den vermeintlichen „Makel“ am Kinn – und ist natürlich total unglücklich. Albern, oder?

Vom Verstand her weiß ich natürlich, dass es unsinnig ist, meine Krankheit als „Makel“ zu empfinden. Ja, ich habe krumme Finger, steife Handgelenke, knubbelige geschwollene Knie mit auffälligen Narben und deformierte Füße. All das ist sichtbar. All das entspricht nicht wirklich dem gängigen Schönheitsideal. Na und??? Mein Aussehen ist eben individuell. Ich richte mich sonst ja auch nicht gerade nach gängigen Schönheitsidealen oder neuesten Moden. Ich kenne diese in aller Regel gar nicht, und sie sind mir auch ziemlich schnuppe. Warum sollte ich mir von einem „Trend“ oder irgendwelchen Leuten vorschreiben lassen, wie ich auszusehen habe? Das tue ich tatsächlich nicht.

Warum ist es mir dann aber trotzdem wichtig, meine krummen Finger und knubbeligen Knie eher zu verstecken? Warum will ich, dass andere die Erkrankung möglichst wenig wahrnehmen?

Weil ich damit „anders“ bin, als die Mehrheit? „Anders“ sein weckt immer zwiespältige Gefühle. Braucht Mut. Das sind archaische Reaktionen. Denn wer „anders“ ist, läuft Gefahr, aus der sozialen Gruppe der Mehrheitsgesellschaft ausgestoßen zu werden. Auf sich allein gestellt zu sein. Wohlmöglich noch als Sündenbock herhalten zu müssen, weil Menschen dazu neigen, eigene Unzulänglichkeiten auf „Sündenböcke“ zu projizieren. Und wer ist dazu besser geeignet, als jemand, der oder die „anders“ ist…? Vielleicht ist meine Angst vor dem „anders“ sein gar nicht so archaisch, sondern erschreckend aktuell…?

Ich bin in vielerlei Hinsicht „anders“, als viele andere Menschen. Das bezieht sich auf meine Ansichten ebenso wie auf meine Bedürfnisse, meine Hobbies und meine Abneigungen. Mein Mann wundert sich oft, von welchem Planeten ich bloß stamme … ;-). Mit dieser Art „Andersartigkeit“ habe ich kein Problem. Die Erkrankung jedoch macht mich irgendwie verletzlich. Ich fühle mich wehrlos und unsicher auf der körperlichen Ebene. Und Unsicherheit nach außen zu zeigen, macht angreifbar. Das ist das Eine.

Idiotischerweise ist es mir aber zusätzlich auch noch irgendwie peinlich, wenn die Leute sehen, wie komisch ich gehe. Eine frühere Kollegin hat mal gesagt, wenn sie mich gehen sieht, hätte sie immer das Gefühl wie es sein müsste, wenn man plötzlich in einen „Altersanzug“ schlüpft. (Das sind Anzüge aus der Altersforschung, mit denen man als junger Mensch nachvollziehen kann, wie man sich im Alter fühlt. Die Anzüge sind mit Gewichten bestückt, so dass jeder Schritt beschwerlich ist, man sieht schlecht etc.) Mich hat dieser Vergleich ziemlich verletzt. Aber natürlich habe ich freundlich gelächelt, um mir das bloß nicht anmerken zu lassen. Denn, dass ich die Erkrankung als „Makel“ wahrnahm, musste ich natürlich auch verstecken. Schließlich wusste ich ja rein kognitiv, dass diese Art der Bewertung „dumm“ ist, und wer will schon dumm sein? Ein doppelter Energieaufwand: Die Krankheit soweit wie möglich verstecken. Und wenn sie dann doch „entdeckt“ wird, verstecken, dass mich das stört. Ein ziemlich unsinniger Energieaufwand…

Warum habe ich diesen Energieaufwand trotzdem betrieben? Neben den o.g. archaischen Ängsten dürfte das eine Menge mit unserer Leistungsgesellschaft zu tun haben. Bei uns zählt, wer in Geld sichtbaren Erfolg hat. Wer immer im Stress ist, ist wichtig. Leistung und Erfolg sind das Maß aller Dinge. Schon bei den kleinen Kindern. Menschen, die „anders“ sind, stören in unserer Leistungsgesellschaft. Das ist bei der völlig verfehlten Inklusion in Schule und danach deutlich zu beobachten. Wir sehen Andersartigkeit und Vielfalt nicht als Chance, sondern als Störfaktor. Menschen haben zu „funktionieren“ und zu „performen“. Der Job ist für die meisten Menschen der Lebensinhalt. Auf Parties fragt man die anderen nicht „Wer bist Du?“, sondern „Was machst Du so beruflich, bzw. was studierst Du?“. Auf die Frage „Wer bist Du?“ würden die allermeisten als erstes ihren Beruf nennen und dann vielleicht noch ihre Rolle als Eltern, Ehrenamtler o.ä. Wenn man dann nachfragt, es gehe nicht darum, was der oder die andere macht, sondern wer er oder sie ist, was für Eigenschaften man hat, wie man sich selbst sieht, dann kommen erstmal wenig Antworten. Stattdessen Irritation. Man weiß meist gar nicht, wer man ist, sondern definiert sich über seine Rollen im Leben.

Das habe ich natürlich auch so gemacht. Und wenn man Schwierigkeiten hat, weil man irgendwie eingeschränkt ist, strengt man sich natürlich doppelt an. Will möglichst noch besser sein, als die anderen in der gleichen Rolle. Es soll ja niemand die Schwierigkeiten bemerken. Im alltäglichen Konkurrenzkampf könnte das verheerende Auswirkungen haben. Und was dann? Dann bin ich wohlmöglich meinen Status los. Die Leute reden über mich, tratschen. „Ja, ja, die kann das nicht. Ist hier fehl am Platze.“ Die eigene Phantasie oder irgendwelche Kindheitstraumata lassen einen die unangenehmsten Szenarien auffahren. Szenarien, die sich in Wahrheit nur im eigenen Innern abspielen.

Ich habe es sogar geschafft, selbst Anerkennung und Lob innerlich abzuweisen mit einem „Das sagt der / die jetzt nur, weil ich ihm / ihr leid tue mit meiner Erkrankung.“ Und Mitleid war natürlich das letzte, was ich wollte.

Weil wir so wenig wissen, wer wir sind, geben und bekommen wir Anerkennung auch meist nur für unsere Rollen, und nicht für uns als Person. Zumindest denken wir das. Denn wir identifizieren und ja mit dieser Rolle. Haben Angst, ohne diese Rolle plötzlich ein „Niemand“ zu sein. Gleichzeitig nehmen wir diese Anerkennung aber oft gar nicht richtig an, sondern verbinden diese auch nur mit unserer Rolle. Wenn ich darüber nachdenke, ist das eigentlich unsinnig. Denn, wenn ich jemandem Anerkennung ausspreche, tue ich das ja nicht für seine Rolle an sich, sondern für die Art und Weise, wie er diese Rolle ausübt. Und diese Art und Weise wiederum hat eine Menge mit der Persönlichkeit des Betreffenden zu tun. Aber das ist dem Betreffenden selbst oft gar nicht so klar…

Ich habe einige meiner Rollen inzwischen abgelegt. Ich bin (auch dadurch) viel mehr an mich und meine eigentliche Persönlichkeit heran gekommen.

Ich bin meiner Erkrankung insofern für einige wichtige Erkenntnisse dankbar, zu denen ich ohne dieses „Problem“ wahrscheinlich nie gekommen wäre. Aber trotz dieser Dankbarkeit: Zur vollständigen Akzeptanz ist es noch ein Weg. Obwohl ich genau weiß, dass jeder Widerstand im Sinne eine „weg haben wollens“ der Erkrankung völlig kontraproduktiv ist, habe ich immer noch Reste von genau diesem Widerstand.

Ich glaube, zur Beseitigung dieses restlichen Widerstands, dieses Restgefühls des Makels, braucht es auch gesellschaftlicher Veränderungen. Statt Forderungen nach „Anpassung“ von Andersartigen: Akzeptanz und Wertschätzung von Vielfalt und Andersartigkeit. Wertschätzung des riesigen Potentials, das in Vielfalt und Kooperation in Vielfalt steckt.