
„Was möchtest du gerne sein, Rachmed?“
„Bettler.“
„Warum denn ausgerechnet Bettler?“
„Alle in meiner Familie sind Bettler. Schon immer. Großvater sagt, das ist in Stein gemeißelt. Wir sind Bettler.“
„Aber MÖCHTEST du denn Bettler sein?“
„Großvater sagt, es ist unwichtig, was ich möchte. Er sagt, es ist, wie es ist. Er sagt, wir hatten nie eine Chance, und wir werden nie eine haben.“
„Aber MÖCHTEST du denn Bettler sein?“
„Nein. .. . Aber er sagt, etwas anderes zu wollen, das sind nutzlose Träumereien. Illusionen. Er sagt, die Welt ist ungerecht, und wir können sie nicht ändern.“
„Und wenn doch?“
„Wie sollte ich als einzelner Junge denn die Welt ändern?“
„Indem du sie anders betrachtest, mein Junge. Diese Welt, das ist nur Kulisse. Kulisse für das Spiel DEINES Lebens. Du wirst an einem bestimmten Startpunkt in dieses Spiel geboren. Und zunächst haben deine Eltern und Großeltern deine Rollen für dich ausgesucht. Aber jetzt, Rachmed, bist du alt genug. Und kannst selbst für dich entscheiden, ob du diese Rolle weiter spielen willst, oder vielleicht ganz andere Rollen ausprobieren möchtest. Nichts auf dieser Welt ist in Stein gemeißelt. Steine sind Illusionen. Hindernisse sind Illusionen. Sie sind da, damit du die Chance hast, daran zu wachsen. Und vielleicht ist auch das eine Illusion.“
„Wie sollen denn das Illusionen sein? Ich sehe die Steine doch und kann sie anfassen. Ich weiß, dass wir arm sind und Hunger leiden und dass mein Cousin krank ist. Das sind doch keine Illusionen!“
„Es ist Kulisse. Du, mein Junge, bist ein kluges Kind. Und du hast gesagt, du möchtest nicht Bettler sein. Du kannst weggehen von Zuhause und einen Beruf lernen. Du kannst lernen, Musik zu machen. Denn ich glaube, du bist musikalisch. Du kannst lernen, zu malen, denn ich glaube, du bist ein Künstler. Du kannst lernen, zu tanzen, denn ich glaube, du hast es im Blut. Du kannst lernen, dir dein Leben zu zaubern, denn jeder Mensch ist ein Magier.“
„Kann ich dann meinen Cousin gesund zaubern?“
„Nein, das kannst du nicht. Das kann nur dein Cousin selbst. Wenn du für jemand anderen versuchst zu zaubern, störst du dessen Spiel des Lebens. Und das ist nicht gut. Vielleicht möchte dein Cousin gar nicht gesund gezaubert werden?“
„Ich glaube das nicht, das mit der Zauberei! Es gibt so viele gemeine Menschen auf dieser Welt, alles hier geht unfair zu, wie soll ich mir da ein schönes Leben erzaubern?“
„Alle diese Menschen sind nur für dich da, Rachmed. Damit du DEIN Lebensspiel bestmöglich spielen kannst. Sie sind im Grunde nicht real. Nichts ist real. Alles, was du wahrnimmst, dient nur dir und deinem Lernprozess. Wenn du findest, dass jemand gemein zu dir ist, dann kannst du daraus lernen: Denn jeder Mensch ist ein Spiegel von dir. Jeder Mensch, dem du begegnest, gibt dir die Chance zu wachsen. Es ist eine Chance, die du ergreifen kannst, aber nicht musst. Es ist immer deine Wahl.“
„Aha. Und was ist das für eine Chance?“
„Du kannst in deiner Reaktion auf einen anderen Menschen immer erkennen, wo du selbst unausgewogen bist.“
„Aha. Und immer, wenn ich auf jemanden wütend bin, heißt das, ich bin unausgewogen?“
„Nein. Wenn jemand versucht, in DEIN Lebensspiel einzugreifen, in DEINEM Spiel die Regie zu übernehmen, unbefugt in DEINEM Leben herumzuzaubern, dann ist es gut, wenn du wütend wirst. Und das zurückweist. Denn jeder Mensch darf nur sein eigenes Lebensspiel erzaubern. Du solltest dann aber nicht in dieser Wut verharren. Das würde dich wieder unausgewogen machen.“
„Aha. Der Typ, der dahinten in diesem dicken Auto fährt, dem gehört die Fabrik hier um die Ecke. Der hat bestimmt nicht nur in seinem Leben „herumgezaubert“, sondern auch in vielen anderen.“
„Vielleicht. Aber das ist für dich nicht wichtig. Für dich ist der Mann Kulisse.“
„Aber der Typ ist unfair! Er gibt nichts von seinem Reichtum ab, und er nutzt andere für sich aus!“
„Das ist DEINE Bewertung. Sie sagt aber nur etwas über dich. Nicht über ihn, mein Junge.“
„Aha. Und die große Politik? Die, die uns sagen, was wir dürfen und was nicht? Was wir zu tun oder zu lassen haben?“
„Für DEIN Leben nur Kulisse. Die Leute sind unwichtig. Was sie sagen, ist unwichtig. Wichtig für DICH ist nur, was DU daraus machst. Denn DU musst entscheiden, wie du dich zu dem verhältst, was die sagen. Es ist DEIN Spiel, nicht ihres. Sie spielen ihr eigenes Spiel für sich. Für DEIN Spiel schieben sie nur die Kulissen. DU bist der Spieler.“
„Häh?“
„Was MÖCHTEST du denn nun sein, Rachmed?“
„Bettler. Wir sind seit Generationen Bettler. Das ist in Stein gemeißelt. Das ist handfest. Nicht so, wie dein komisches abgehobenes Gesäusel über Zauberei und so nen Quatsch. Du willst doch nur, dass ich meine Familie im Stich lasse, und dann irgendwo in der Fremde auf mich alleine gestellt wäre.“
„Und du dann betteln gehen müsstest, Rachmed …?“
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Mit Dank an Myriade für die Eröffnung und Betreuung ihrer Impulswerkstatt, deren Juni-Einladung hier Impulswerkstatt – Einladung für Juni – MYRIADE – La parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée (wordpress.com) zu finden ist.