Jesus

Lieber Jesus! Nein, nicht „Herr Jesus“, denn nichts in deinem Leben deutet für mich darauf hin, dass du die Menschheit eingeteilt hättest haben wollen in „Herren“ und „Sonstige“.

Von deinem Leben war ich schon als kleines Kind fasziniert. Mit deinem Tod – oder besser gesagt, der Art deines Todes – allerdings habe ich stets gehadert.
Noch heute suche ich Antworten.
Und finde sie nicht.

Warum hast du nicht einfach den Hammer zu Staub zerfallen lassen, als jemand damit Nägel in deinen Körper schlagen wollte?

Man sagt, du habest diesen Tod erleiden müssen, um so die Menschheit zu erlösen und von ihren Sünden zu befreien. Aber wovon genau wurde die Menschheit erlöst? Was hat sich geändert?

Wie zur Zeit deiner Folterung kommen noch immer Menschen angerannt, recken ihre Hälse wie Giraffen, um einen möglichst guten Blick darauf zu erhaschen, wie andere verletzt wurden oder werden. Sie gaffen. Und manche filmen es gar.

Dein Tod sei ein Liebesdienst an der Menschheit gewesen.
Aber hättest du nicht viel mehr Liebe verbreiten können in einem langen Leben? In dem du so viele Menschen wie nur möglich von Krankheiten geheilt oder von anderem Unbill befreit hättest?

Um zu zeigen, dass das Leben mit dem Tod nicht wirklich endet, hätte es doch nicht einer vorherigen Folterung bedurft!

Warum sind in den Gebäuden, in denen Menschen in Gedenken an dich der Liebe der Schöpfung huldigen, so wenig Bilder der Schönheit dieser Schöpfung zu bewundern? Statt eines grauenvollen Folterinstruments im „heiligen Raum“ – Bilder, die die liebevolle Fülle der Natur würdigen? Der Erde im Zusammenspiel mit Mond und Sonne?

Vielleicht wären dann mehr Menschen mondsüchtig – und weniger Menschen mordsüchtig? Nicht nur manch „Gaffer“ wirkt geradezu verrückt nach echten und erdachten Krimis, Psychothrillern, Horrorgeschichten. So, als wären Tod und Leid anderer kein Leid, sondern eine Art „amüsanter Unterhaltung“.

Was haben wir fehlgedeutet?


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Eingepferchte Liebe

Sie war die Schönheit der Steppe. Lange Beine. Eleganter Hals. Exquisite Haarfarben. Wunderschön geschwungene Wimpern.
Sanftmütig wirkte sie.
Und war sie.

Mitfühlend. Auch mit den Bullen, die einsam durch die Steppe zogen. Einsamkeit war nicht schön. Dass ihnen Aggression nachgesagt wurde, mochte sie nicht.

Ebensowenig mochte sie die Geschichten, die in ihrer Giraffengruppe neuerdings über den Menschen kursierten. Er fange Fische, manchmal nur zum Spaß für ihn, die lebenden Tiere in die Luft haltend lachend für seine Freunde posierend. So, als würde er die Qual, die er dem aus seinem Element entnommenen Wesen bereitet, nicht einmal bemerken. Als seien diese ihm schlicht egal.

Konnten Wesen mit einem Herzen, das doch für Liebe stand, so blind und taub für Gefühle anderer sein?!

Jetzt stand da dieser Mann mit diesem Holzkasten.

Was wollte der Typ von ihr? Wieso wollte der sie in diese furchtbare enge dunkle Kiste pferchen und woanders hinbringen?!
Sie gehörte zur weiten Steppe.
Freiheit!

Sie versuchte, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Jedes Wesen verstand die Sprache des Herzens.
Der nicht.
Stattdessen machte er jetzt auch noch einen dummen Witz. Dass Giraffen wohl mondsüchtig seien, weil sie so selten schliefen.
War der irgendwie emotional minderbemittelt?

Oder hatte er wohlmöglich selbst soviel Leid erlebt, soviel Leid gehört, dass er sein Herz irgendwann zugemacht hatte? Versteinern ließ? Sogar den Schmerz unterdrückte, dem ihm dieses harte Herz in seiner Brust doch selbst bereiten musste?

Verzweifelt suchte sie ihm verständlich zu machen, dass Liebe ihn heilen könne.

Sie rief die Göttin der Liebe und alle Wesen, die der Urliebe dienen. Flehte, die Panzerung, die sich um sein Herz gebildet hatte, zu lösen.

Und dann konzentrierte sie sich auf ihr eigenes Herzzentrum und all die Liebe darin. Liebe, an der sie so gerne bereit war, ihn teilhaben zu lassen.
Wenn er es doch nur spüren würde!

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Nein heißt Nein!

Sie war die „Giraffe“ der Firma. Jedenfalls fühlte sie sich so. Eine, die sich immer streckte, um für die Firma auch die hoch gelegensten Ziele zu erreichen.

Zeitdruck? Gehörte dazu. Schließlich war es Arbeit. Und kein Vergnügen.

Seit man begonnen hatte, selbst für „geistige“ Arbeiten, Zeiteinheiten festzulegen, in der eine Arbeit zu erledigen sei, war es nicht nur kein Vergnügen, sondern eine Daueranspannung geworden. Wie so oft hatte man einfach den Durchschnitt als Norm festgelegt.

Diese „Norm“ kollidierte immer wieder mit ihrem Anspruch, ihre Arbeit wirklich gut zu erledigen. Sie war es gewohnt, gewissenhaft zu arbeiten. Es war ihr wichtig, niemandem einen wie auch immer gearteten Anlass für Kritik an ihrer Arbeit zu liefern.

Und so wurden ihre Arbeitstage länger und länger. Obwohl sie sich selbst eher als „sonnensüchtig“, als als „mondsüchtig“ bezeichnet hätte, war es längst selbstverständlich für sie geworden, das Büro erst weit nach Sonnenuntergang zu verlassen. Schließlich wollte sie ihre Pflicht erfüllen. Die ihr aufgetragene Arbeit vom Schreibtisch schaffen.

Bis … sie sich entschloss, die Dinge zu verändern. Und „Nein!“ zu sagen.

Der Kollege reagierte mit Kopfschütteln. Der Chef mit einem „väterlichen“:
„Nehmen Sie sich mal einige Tage Urlaub, gute Frau.“.

Das tat sie. Und begann, die Dinge zu verändern… . Sie sprach mit ihren Kollegen. Jedem einzelnen. Einzeln.

Als sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte, war die Stimmung in der Firma verwandelt. Wenn jemand sagte: „Nein! Das überschreitet meine Grenzen!“, wurde das AKZEPTIERT. Von allen. Gemeinsam suchte man dann nach einer für alle besseren Lösung.
Alle arbeiteten MITEINANDER (nicht mehr gegeneinander).

Der Chef hob die Anweisung auf, Arbeiten nach Zeiteinheiten zu bewerten. Die vorher mit dieser Bewertung beschäftigten Mitarbeiter kehrten zur inhaltlichen Arbeit zurück und entlasteten so die anderen.

Und, was noch viel wichtiger war:
Der Chef hatte verstanden!
Es war nicht ER, der am „längeren Hebel“ saß … .


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