
Und dann hat der Wind sich plötzlich gedreht … .
Sie hatte diese Herren nie wirklich sympathisch gefunden, denen sie da zujubeln sollte. Aber diese Aufmärsche, die hatte sie geliebt. Es war so eine ganz besondere Stimmung gewesen, wenn alle wie aus einer Kehle jubelten und sangen. Toll hatte sich das immer angefühlt. Und manchmal hatte es sogar schulfrei dafür gegeben.
Es gab wohl einige wenige Leute, die diese Aufmärsche nicht mochten. Die träumten, sie seien was „Besseres“ hatte ihre Mutter abfällig gesagt, und dass sie Ärger dafür bekommen würden. Sie hatte sich gewundert. Aber nicht weiter darüber nachgedacht. Nicht ihr Problem.
Und plötzlich war alles anders … .
Plötzlich durfte sie niemandem mehr sagen, dass sie es immer genossen hatte, wegen ihres Blondschopfes bewundert zu werden. Als sie einmal einer Freundin erzählte, dass ihre Mutter früher manchmal einen besonderen Kuchen gebacken hatte, an bestimmten Tagen, – Königskuchen hatten sie es genannt -, da war sie hinterher furchtbar geschlagen worden von ihren Eltern. Akribisch schärften sie ihr ein, dass sie niemandem jemals etwas von „früher“ erzählen dürfe. Sie solle ihren Mund halten und darauf achten, bloß nicht aufzufallen.
Je älter sie wurde, desto mehr begriff sie, dass sie sich schämen musste. Dass sie irgendwie schuldig war, dass ihre Eltern irgendwie schuldig waren. Dass sie sich für ihre Eltern schämen müsse.
Sie lernte, sich in der Menge zu verstecken.
Ausschließlich zu tun, was alle taten.
Sich zu kleiden, wie alle sich kleideten.
Zu sagen, was alle sagten.
***
Im Schulzeugnis ihres Enkels steht: „Der Junge ist schüchtern.“ Aber das ist eine Fehlinterpretation. Er ist nicht schüchtern. Aber wenn er etwas sagt, und jemand schaut komisch oder widerspricht gar… . Dann hat er immer das Gefühl, er müsse sich schämen.
Schämen dafür, überhaupt den Mund aufgemacht zu haben.
Und schämen dafür, eine anscheinend irgendwie „unpassende“ Meinung vertreten zu haben.
Ein Beitrag zu den abc-Etüden, deren aktuelle Schreibeinladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/04/17/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-16-17-22-wortspende-von-ludwig-zeidler/ zu finden ist.