gleich

„Sei nicht so rebellisch, Kind. Nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester, die ist sanft und lieb, so wie Mädchen sein sollten!“

Wie Bea diese Ermahnungen hasste. Sie war nun einmal anders als ihre Schwester.

Aber sie wusste auch, dass sie mit ihrer temperamentvollen Art tatsächlich schon mal den einen oder die andere vor den Kopf gestoßen hatte. Und so bemühte sie sich, den Ermahnungen ihrer Mutter Folge zu leisten und ihr „Feuer“ so gut es ging zu unterdrücken.

Zum Studium endlich gelang es ihr, aus der engen Kleinstadt zu entkommen.

In der Großstadt stellte sie schnell fest, dass der Erzählstoff, der ihrer Mutter so heilig gewesen war, in der aufgeschlossenen weiten Welt längst vergilbt war. In den Kreisen, in denen sie sich jetzt bewegte, waren Männer und Frauen gleichberechtigt und niemand ermahnte sie, sanft zu sein.

Sie stürzte sich ins vibrierende Großstadtleben. Lernte jede Menge Männer kennen. Männer, die ihre temperamentvolle Art liebten.
Und einen davon liebte sie zurück. Sie war glücklich.
Der gemeinsame Sohn machte das Glück komplett.

Endlich gleichberechtigt! Was für eine Befreiung.

Das Auto war kaputt?
Sie lernte, es zu reparieren. Selbst ist die Frau!

Die Wohnung musste neu gestrichen werden?
Sie stand ihren Mann.

Und jetzt gerade stand sie vor dem großen Sessel, der für die Malerarbeiten zur Seite getragen werden musste. „Soll ich das nicht lieber machen, Schatz?“ Die Frage ihres Mannes empörte sie geradezu. Als ob sie das nicht selber schaffen würde! „Nein, danke!“ antwortete sie barsch.

… Und ihr Mann verließ leise das Zimmer.


Ein Beitrag zu den abc-Etüden, deren aktuelle Einladung hier https://365tageasatzaday.wordpress.com/2022/04/03/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-14-15-22-wortspende-von-katha-kritzelt/ zu finden ist.