abc-Etüden 01.02.21; Vaterfigur

Es fühlte sich seltsam an, diese Straße entlang zu gehen, die er so viele Jahre gemieden hatte. Wie froh war er damals gewesen, als er der muffigen Enge des kleinen Häuschens endlich hatte entkommen können. In dem sein Vater wegen jeder Kleinigkeit Zetermordio schrie und seine Mutter versuchte, mit Plätzchen backen den Anschein einer heilen Welt zu erzeugen. Verlogen. Abstoßend. Spießig. Bloß weg!!! Auf keinen Fall so werden wie sein Vater, dieser gefühllose Klotz. Das war sein wichtigstes Ziel gewesen seitdem. Denn sein Vater hatte seine Bedürfnisse nie überhaupt nur wahrgenommen.  

Er hatte den Kontakt gleich nach dem Auszug abgebrochen. Und sich geschworen, bei SEINEM Sohn alles anders zu machen. Sich zu kümmern. Und das hatte er. Er war da gewesen für seinen Sohn. Immer. Er war stolz auf seine Erziehung. 

Bis – gestern: Er hatte seinen Sohn bei der Studienwahl beraten wollen. Und plötzlich war dieser ausgerastet: „Du siehst mich überhaupt nicht!“ hatte sein Sohn geschrien. „Du willst mir immer nur das aufdrängen, was DU in deinem Leben gerne gehabt und gemacht hättest! Aber ICH will etwas ganz anderes!“ 

Es war ein Schock.

Und plötzlich hatte er das Bedürfnis verspürt, seine inzwischen alten Eltern zu besuchen. Das erste Mal seit dem Auszug. 

Jetzt ging er diese Straße entlang. Und er fühlte, wie etwas in ihm schmolz. Ein nie gekanntes Gefühl zu seinen Eltern in ihm aufstieg. Ein Gefühl das er nur als „weichmütig“ beschreiben konnte.

Er drückte auf den Klingelknopf… . 

Wie immer mit Dank an Christiane, bei der alles Wissenswerte rund um die Etüden nachzulesen ist (Schreibeinladung für die Textwochen 01.02.21 | Wortspende von Ludwig Zeidler | Irgendwas ist immer (wordpress.com).