„Werk ohne Autor“; meine Gedanken zu dem Film

Natur: Werk ohne (uns bekannten) Autor

Letztens haben wir in der Mediathek den Film „Werk ohne Autor“ angesehen. Der Film ist angelehnt an die Biografie des Künstlers Gerhard Richter, der allerdings wohl nicht glücklich darüber ist. Mir war zu dem Zeitpunkt, als ich den Film sah, nicht bekannt, dass Richter nicht einverstanden ist mit diesem Film. Der Name „Gerhard Richter“ taucht in dem Film nicht auf, alle Namen im Film sind fiktiv, aber einige erkennbar angelehnt an echte Personen.

Mich hat der Film sehr bewegt.

Bisher war ich gar kein besonderer Fan von Gerhard Richter gewesen. Ich fand die Bezahlung für seine Kunstwerke weit überdimensioniert. Und obwohl mich einige Stücke seines Werkes durchaus ansprachen, war er bei mir insgesamt eher in die Schublade „Männerkunst“ gerutscht. In diese nicht ganz ernst gemeinte „Schublade“ fällt bei mir Kunst, die mir für meinen Geschmack „zu steril“ ist, zu viele gerade Linien enthält, „zu industriell“ wirkt…., also irgendwie einfach nicht so ganz „meins“ ist.

Durch den Film habe ich eine etwas andere Sichtweise auf seine Kunst erhalten. Nachdenkenswert fand ich den Film aber vor allem aus anderen Gründen:

Der Aufforderung zum Hinschauen.

Dem Vergleich zwischen dem Vater und dem Schwiegervater der Hauptfigur. Der zu meiner Wahrnehmung passte, dass Menschen, die überzeugt sind von dem, was sie tun, oft zu denen gehören, die nach einem „Sturz“ immer wieder auf die Füße fallen. Und sei das, was sie getan haben, auch noch so böse, sie bleiben erfolgreich. Werden aber, so nehme ich es wahr, niemals (mehr) glücklich. Aus meiner Sicht, weil sie bei ihrem Tun Teile ihrer Seele abgetötet haben.
Menschen hingegen, die eigentlich wider Willen und gegen ihre eigene Überzeugung irgendwie dabei waren, die werden von der nachfolgenden Gesellschaft bestraft. Und sie neigen auch dazu, sich selber zu bestrafen. (Der Vater der Hauptfigur war widerwillig und nur seiner Frau zuliebe in die Partei eingetreten. Er gab seine Parteimitgliedschaft nach dem Zusammenbruch wahrheitsgemäß zu – und wurde damit von denen, die jetzt das Sagen hatten, aussortiert.)

Wirklich aufgewühlt hat mich der Film aber wegen des Themas Euthanasie. (Der Schwiegervater der Hauptfigur – und wohl auch der Schwiegervater von Gerhard Richter – war während der Nazizeit Leiter einer Frauenklinik und als solcher aktiv an Euthanasie-Programmen zur Zwangssterilisierung bzw. Tötung von Frauen beteiligt, die aus Sicht der Nazis von der von ihnen gewünschten „Norm“ abwichen. Die hellsichtige Tante der Hauptfigur fiel diesem „Programm“ zum Opfer, weil man ihr Schizophrenie diagnostiziert hatte.)

Ich bin selbst schwerbehindert. Und die Vorstellung, dass irgendjemand meint definieren zu dürfen, wer in einer Gesellschaft als „normal“ gilt, wer „nützlich“ und wer „schädlich“ für diese Gesellschaft ist, macht mir unglaubliche Angst. Als „schädlich“ galt dabei damals natürlich bereits, wer nicht „nützlich“ war, denn aus der darwinistischen Vorstellung des Kampfes um begrenzte Ressourcen heraus, nahm diese*r ja den anderen alleine durch sein Dasein kostbare Ressourcen weg. Und verdarb zudem die „Reinheit des Volkskörpers“.

Es ist eine zutiefst menschenverachtende Ideologie. Und die Nazis haben es in den wenigen Jahren, in denen sie an der Macht waren – trotz der damals begrenzten medialen Mittel – geschafft, diese in den Köpfen der Mehrheit der Leute zu verankern. Das Verstecken unter dem bürokratischen Begriff „Programm“ vertuschte dabei wohl ein wenig, worum es sich wirklich handelte. Und machte es den handelnden Personen gleichzeitig einfacher, ihre persönliche Verantwortung zu leugnen. Verantwortlich war ja „das Programm“.

Wie viel von der damals durch die Nazis erfolgten „Gehirnwäsche“ wirkt bis heute nach im Gedankengut der Menschen? Haben wir das jemals wirklich aufgearbeitet? Haben wir uns jemals wirklich die Mittel und Methoden genau angesehen, mit denen die Nazis ihre Ideologie verbreitet haben? Müssten wir nicht genau das tun, um zu verhindern, dass so etwas noch einmal passiert, um den Anfängen besser zu wehren?

Wenn wir das wirklich aufgearbeitet hätten, müssten wir nicht eine viel inklusivere Gesellschaft sein? Müssten wir nicht eine Gesellschaft sein, der es viel mehr auf gemeinsames Glück, statt auf materiellen Erfolg und Macht der Wenigen ankommt, die sich als „die Stärksten“ durchsetzen?

Wie kann es sein, dass sich heute noch Menschen schämen oder beschämt werden, weil sie oder eines ihrer Kinder „anders“ ist, als die Mehrheit der anderen?

Müssten wir nicht Vielfalt als Ideal ansehen, – auch und gerade konstruktive Meinungsvielfalt? Meinungsvielfalt, die wertschätzend miteinander umgeht? Begabungsvielfalt, die zeigt, dass jeder Mensch wertvoll ist?

Denn nur MeinungsVIELFALT, wertschätzende Vielfalt, kann verhindern, dass sich jemals wieder eine verquere Ideologie als vermeintliche „Wahrheit“ durchsetzen kann. Wenn Vielfalt das Ideal ist, kann niemand beschämt werden, weil er oder sie anders denkt, anders tickt. Im Gegenteil wird die in diesem Andersdenken liegende Bereicherung sichtbar.

Müssten wir genau das nicht unseren Kindern in den Schulen beibringen??? Wenn uns wirklich daran gelegen ist, dass es so etwas wie das Dritte Reich nie nie wieder geben wird???

Vielfalt – statt Einheitsbrei. Offenheit und Neugier gegenüber dem oder der Anderen – statt Rigidität und Versuch der Formung des oder der Anderen in die „gewünschte“ Richtung. Wertschätzung gegenüber Andersdenkenden, anders Begabten – statt Ausgrenzung. Die Schönheit der Vielfalt erkennen und zulassen. Wären DAS nicht die wichtigen Lehren aus dieser Zeit?!

Der Film wurde von der Kritik größtenteils verrissen. Wo ich mich hatte berühren lassen, sah die Kritik die vom Regisseur gewählten Stilmittel als angeberisch bis nicht erlaubt an.

Nicht erlaubt ….

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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15 Kommentare

  1. danke für deine Worte. In einem Punkt möchte ich dich korrigieren: es waren nicht die Nazis, die die Euthanasie erfunden haben. Der Gedanke, „nicht lebenswertes Leben“ auszurotten, indem man es tötet oder seine Vererbung zu verhindern sucht, ist sehr alt und zugleich sehr modern insofern, als er heutzutage in den Eingriffen ins Erbmaterial und den Spät-Abtreibungen kräftig wieder aufersteht. Das einzige, was den deutschen Fall gegenüber anderen auszeichnet, ist die „Programm“-Haftigkeit. Wie heißt es: wenn Deutsche etwas tun, tun sie es gründich und mit Programm.
    Für mich ist die gegenwärtige Menschheitskrise tief verbunden mit dem Komplex: was ist lebenswertes Leben? Wer darf das bestimmen? Neuerdings ist der Ausdruck „systemrelevant“ im Schwange, der ganz im selben Gedankenfeld zu Hause ist.

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    1. Danke dir! Das stimmt, „erfunden “ haben sie diesen Gedanken sicher nicht. Und gerade auch die Themen, die du ansprichst, zeigen m.E. eben auch, dass diese Art des Denkens keineswegs der Vergangenheit angehört. Mir fehlt die Debatte darüber. Denn es nützt ja nichts, einfach nur die Nazizeit zu verurteilen, wenn die dahinter stehenden Gedanken nicht aufgearbeitet werden.

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  2. Aber woher nimmst du den Überblick darüber, was in Schulen gelehrt wird? Und was kann Darwin dafür, wenn seine bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnisse von diktatorischen Regimes verbogen werden ?

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    1. Na ja, über die Frage, wie bahnbrechend Darwins Erkenntnisse waren, – und wie sie größtenteils verstanden wurden und werden -, kann man sicherlich streiten. Aus meiner Sicht wurden sie nicht nur von den Nazis verbogen, sondern schon deutlich früher. Ob er „etwas dafür kann“, ist aus meiner Sicht nicht relevant. Relevant erscheint mir nur, was man heute daraus macht.
      Zu der Frage mit dem Bildungssystem:
      Von den Menschen in meiner Verwandtschaft und meinem Freundeskreis, die auf die ein oder andere Art mit Schule verbunden sind, nehme ich nicht gerade wahr, dass Meinungsvielfalt als Ideal gelehrt wird. Diese ist in unserer gesamten Gesellschaft bisher ganz offensichtlich kein Ideal.
      Zur Begabungsförderung (das ist etwas anderes als Begabtenförderung) gibt es in der Theorie durchaus vielversprechende Ansätze. Die Praxis hinkt da aber ganz offensichtlich weit hinterher. Nicht nur aus Personalmangel, sondern weil unser gesamtes Bildungssystem derzeit an anderen Grundsätzen ausgerichtet ist.

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  3. Ach weißt du, natürlich kann man über alles diskutieren, auch über Kreationismus. Man kann auch auf der Basis „alle meine Freunde und die Cousine meiner Nachbarin finden, dass …. diskutieren aber ich habe eigentlich keine Lust hier den Part der Bösen zu übernehmen, wo sich doch alle anderen einig sind.

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    1. Ich bin mir jetzt nicht ganz sicher, was genau du mir damit sagen möchtest, aber tatsächlich bin ich der Ansicht, dass Meinungsvielfalt auch der Vorstellung des Kreationismus einen Raum geben sollte. Warum denn nicht?
      Die Menschen, auf die ich mich bezog, stehen mir etwas näher, als du es jetzt suggerierst.
      Und Part des Bösen??

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      1. Es gibt Bereiche zu denen man Meinungen haben kann, vielfältige oder nicht 🙂 und es gibt Fakten. Vielfältige Meinungen über die Gestalt der Erde zB (sie ist rund, sie ist flach, sie ist eckig) machen zwar keinen Sinn haben aber trotzdem auch ihre Anhänger…

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      2. Was mich persönlich auch nicht weiter stört. Solange niemand von mir verlangt, dass ich die gleiche Meinung haben muss.
        Und das mit den Fakten ist eben aus meiner Sicht so eine Sache. Natürlich gibt es eindeutige Fakten. Aber es gibt sehr viel mehr durchaus nicht eindeutige „Fakten“. Zumal der Zusammenhang, in dem ein „Fakt“ präsentiert wird, oft entscheidend ist. Zahlen scheinen objektiv zu sein. Sie geben allerdings je nach Zusammenhang, in dem sie zitiert werden, womit sie in Relation gesetzt werden etc., ein völlig unterschiedliches Bild. Da sie aber scheinbare Objektivität versprechen, sind sie besonders geeignet für Manipulationen. Für Bilder gilt das erst recht, weil sie sich in Köpfen besonders gut festsetzen.

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  4. Ja, es gibt so viel Düsternis in der Vergangenheit und auch Jetzt…. ich hoffe so sehr, dass sich nach ‚Erledigung‘ dieser Geschehnisse im Jetzt – endlich ein anderer Mensch entwickelt, jenseits des Materialismus und Machtgestrebe, dass wir nicht alles immer abwerten und ausgrenzen, sondern uns erfreuen an der Vielfältigkeit, statt immer irgendwas auszusortieren, das wir als nicht als weniger wert empfinden. Von Allem können wir lernen…. meine Berufszeit in der Arbeit mit geistig mehrfachbehinderten Jugendlichen war meine wunderbarste Zeit, die meine üblichen Werte völlig auflösten. Und solche Menschen hat man zu unwerten Leben erklärt, wo sie soviel zu geben haben.

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