Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt

Nachdem ich sozusagen eine Extra-Einladung bekommen habe ;-), will ich dieser natürlich nachkommen. Hier also mein erster Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt Juni-Einladung, deren Regeln hier Impulswerkstatt – Einladung für Juni – MYRIADE – La parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée (wordpress.com) zu finden sind. Ich habe mich von den von Myriade ausgesuchten Bildern zu einer Geschichte inspirieren lassen, die alle vier Bilder umfasst. Danke für den Impuls!

Hier die Bilder (in der Reihenfolge meiner Erzählung):

Und hier die Geschichte:

Sie saß am Ufer und blickte auf die Brücke, die sie in Kürze würde betreten müssen. Während sie dort saß – und zögerte, kamen die Erinnerungen, wie in einer Art Film:

Sie, mit ihrer geliebten Mutter.

Ihre Mutter war Harfenspielerin gewesen. Und hatte sie als Kind oft mitgenommen zu ihren Konzerten. Als sie noch ein Baby war, und ihre Mama keine Konzertangebote annehmen konnte, hatte sie manchmal, wenn das Wetter schön war, im nahe gelegenen Park gespielt. Ihre Mutter hatte den Duft der Rosen dort geliebt, und sich mit ihrer Harfe immer vor einen Rosenbusch platziert, ihr Baby -sie- im Kinderwagen dabei.

Sie hatte eine glückliche Kindheit gehabt.

Doch dann – sie war gerade mal 16 – war ihre Mutter plötzlich und unerwartet verstorben. Ihr Vater hatte sich einer anderen Frau zugewandt. Und sie mit ihrem Schmerz allein gelassen.

Sie hatte sich in eine frühe Ehe geflüchtet. Anfangs war sie froh gewesen, dass sie wegen des Berufs ihres Mannes oft umziehen mussten. Das lenkte sie ab, hielt sie beschäftigt, so dass sie ihren Schmerz und ihre Einsamkeit nicht so stark spürte.

Aber sie fasste nirgendwo richtig Fuß. Lernte kaum Menschen kennen und spürte insgesamt immer weniger Gefühle. Sie hatte die Trauer in sich abgetötet, aber irgendwie auch ihr Leben. Oft fühlte sie sich wie ein Stein. Ein schiefer Stein. Als ihr Mann sie verließ, sackte sie buchstäblich weg. Sie hatte das Gefühl, das Leben hätte sie nun endgültig in die Knie gezwungen.
Und sie flehte dieses Leben an, bettelte regelrecht, ihr doch endlich auch mal etwas Schönes zu geben. Sie hatte doch nie etwas Schlechtes in ihrem Leben getan. Warum bekam sie so wenig? Doch das Leben hörte nicht. Lange hörte es nicht, denn das Flehen kam aus einem versteinerten Mund.

Aber dann, eines Tages, sah sie Plakate für ein Harfenkonzert in ihrer Stadt- und etwas in ihr begann zu klingen. Ganz leise und sanft. Sie kaufte sich eine Karte und besuchte das Konzert. Kurz bevor das Licht im Zuschauerraum ausging, setzte sich noch eine Frau neben sie. Und diese Frau hatte ein Parfum mit dezentem Rosenduft aufgetragen.

Als das Licht wieder anging, war sie von sich selbst verblüfft, als sie feststellte, dass sie tränenüberströmt dasaß und unter Tränen begeistert klatschte und „Bravo“ rief. Die Dame mit dem Rosenduft hatte besorgt gefragt, ob alles in Ordnung sei. Und sie hatte sie angesehen und gesagt: „Ja!!! Sie haben gerade mein Reptilienhirn aus seiner Starre geweckt. Und ich danke Ihnen so sehr!“ Das hatte die Dame neugierig gemacht und sie waren gemeinsam einen Wein trinken gegangen. Dabei hatte sie erzählt von ihrer Mutter, ihren wundervollen Erinnerungen, ihrer nie gelebten Trauer – und wie alles durch die Kombination der Harfe mit dem Rosenduft plötzlich hoch gekommen war, früheste Erinnerungen plötzlich ihr Gehirn geflutet hatten.

Die Dame war ihre beste Freundin geworden. Sie hatten viel miteinander erlebt. Ihre Freundin sagte, „Es nützt nichts, das Leben anzuflehen, Du musst es anpacken!“ Und so hatten sie manches Abenteuer zusammen bestanden. Aber selbst alleine war sie seitdem über viele Brücken gelaufen, auf die sie sich früher nie getraut hätte. Immer, wenn ihr Reptiliengehirn ihr Angst machen wollte, hatte sie Rosenduft aufgelegt. Und das Reptil in ihrem Kopf war sogleich besänftigt. In ihrer Vorstellung saß es dann auf ihrer Schulter und schnurrte zufrieden wie eine Katze. So hatte sie festgestellt, dass sie viel mehr konnte, als sie je gedacht hätte. Und das hatte sie glücklich gemacht.

Jetzt musste sie in Kürze diese letzte Brücke beschreiten. Wie würde es aussehen am anderen Ufer?

Die Tür ging auf. „Frau König, können wir noch etwas für Sie tun? Ein Schmerzmittel vielleicht?“ „Einen großen Blumenstrauß mit duftenden Rosen und eine CD mit Harfenmusik hätte ich gerne.“ antwortete sie. Sie lächelte: Ob es wohl ihre Mutter sein würde, die sie am anderen Ende der Brücke erwarten würde?

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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20 Kommentare

  1. Nicht nur dass du mitschreibst freut mich, auch die geschickte Verbindung der Fotos gefällt mir sehr und dass die Bartagame dich auf „Reptilienhirn“ gebracht hat, finde ich grenzgenial. Ich habe in letzter Zeit einige Erfahrung mit Gerüchen gemacht, die das Belohnungssystem im Gehirn stimulieren und dass die Verbindung zwischen Gerüchen und Erinnerungen eine sehr starke ist, weiß man ja schon sehr lange. Auch wie du die Brücke doppelt eingebaut hast, hat mir imponiert.
    Mein Kompliment und herzlichen Dank für den bemerkenswerten Beitrag !

    Gefällt 3 Personen

    1. Danke schön!!! Der Einladung konnte ich natürlich nicht widerstehen 😉 und es hat Spaß gemacht! Freue mich, dass dir der Beitrag so gut gefällt! Das „Reptilienhirn“ hatte mich witzigerweise in den Bildern als erstes „angesprungen“ … .

      Gefällt 2 Personen

      1. Ja eben, die Wege der Impulse und Resonanzen sind faszinierend. Ich lerne dabei immer eine Menge über mich selbst. Dass es dir Spaß gemacht hat freut mich, denn vielleicht wird die Schreiberei zu einer guten Gewohnheit und du schlägst den Weg der Kultivierung guter Gewohnheiten ein 😉 🙂

        Gefällt 2 Personen

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