Ein Fass ohne Boden

Ihre Kindheit war wundervoll gewesen: Von Anfang an waren sie für ihre Eltern nicht „nur“ Prinz und Prinzessin, sondern König und Königin.

Wenn sie Geburtstag hatten, gab es nicht irgendeinen Kuchen. Es gab einen „Königskuchen“ oder einen „Königinnenkuchen“. Und die tollsten Geburtstagsfeiern, die man sich nur vorstellen konnte.

Sie bestimmten jede Wochenendgestaltung. Und wenn es ihnen irgendwo, wo sie gerne hingewollt hatten, dann doch nicht gefiel, fuhren ihre Eltern selbstverständlich mit ihnen dort sofort wieder weg. Woanders hin. Wo es ihnen beiden weniger langweilig zu sein versprach.

Wenn sie Wunschzettel schrieben, konnten sie sicher sein, dass ihre Eltern jeden der dort notierten Wünsche akribisch erfüllen – und noch einige Überraschungsgeschenke obendrauf tun würden. Niemals hätten ihre Eltern zugelassen, dass sie wohlmöglich irgendwo blöd dastehen würden, weil andere mehr oder bessere Sachen hatten, als sie.

Dass sie ihren Teller nicht leer essen mussten, wenn ihnen – nach einmal probieren – etwas nicht schmeckte, verstand sich von selbst. Sie bekamen sofort etwas anderes.

Ihre Eltern sparten niemals mit Lob und Anerkennung bei allem, was die beiden taten. Bei jeder Gelegenheit ließen sie erkennen, wie unglaublich stolz sie auf ihren „König“ und auf ihre „Königin“ waren.

Jetzt waren die beiden erwachsen. Und eigentlich hatten sie alles, wovon andere träumten: Spannenden Beruf. Viel Geld. Attraktive Partner.

Nur glücklich – glücklich waren sie irgendwie nicht. Immer war da das Gefühl, mehr haben zu wollen.
Sie wussten selbst nicht recht, von was eigentlich sie „mehr“ wollten.
Aber irgendetwas in ihnen fühlte sich immer leer an. Leer wie ein Fass ohne Boden. Süchtig danach, dass jemand von Außen dieses Fass ständig nachbefüllte.

Und doch würde dieser jemand niemals erreichen können, dass es auch nur halbvoll würde.


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