Blicke von Außen – Extraetüde 22.21

Wir spazierten durch das kleine Dorf. Es bestand aus einfachen Holzhütten, Baracken. Wir waren eine Sehenswürdigkeit. Gefühlt kamen alle, die gerade nichts anderes zu tun hatten, angelaufen, um uns zu bestaunen. Weiße waren offensichtlich selten dort. Und so eine große weiße Frau, wie mich, hatten sie noch nie gesehen. Kinder und Erwachsene wollten mich berühren, spüren, wie sich meine Haut anfühlt, meine langen Haare. Und freuten sich, dass ich dies gerne zuließ. Sie strahlten eine angenehme Energie aus, lachten fröhlich mit mir. Und trotz ihrer großen Armut wirkten sie auf mich irgendwie glücklich.

Einige Zeit nach unserem Aufenthalt in diesem Land hatte sich dort viel verändert. Das Land hatte sich aus dem Korsett einer Militärdiktatur befreit, und die neue Präsidentin war eine Friedensnobelpreisträgerin. Sie hatte versprochen, das Land für westliche Investoren zu öffnen, und viele sahen darin ihre Chance. Aufbruchstimmung. Aber wohin würde das Schiff dieses Landes dampfen? Wer gab den Kurs vor?

Zu meinem Entsetzen hörte ich die nächste Zeit über dieses wunderschöne Land hauptsächlich im Zusammenhang mit einer groß angelegten Verfolgung und Vertreibung der schon lange unbeliebten muslimischen Minderheit dort.

Die Proteste Europas und der USA gegen die Tötungen und Vertreibungen waren damals eher lau. Kein Vergleich mit der ans Groteske grenzenden Empörung, mit der man sich gegenüber Weißrussland und Russland gerade wegen der Festsetzung jeweils eines Oppositionellen gefiel. [Maßstab für die Empörung ist eben nie die Tat an sich, sondern, welches Verhältnis die USA zum „Täter“ haben (die für ihre eigenen „Taten“ selbstverständlich ohnehin immer ent“schuldigt“ sind…).]

Plötzlich jetzt vor Kurzem hieß es in dem betreffenden Land wieder: Militärputsch. Sozusagen rechtsdrehend zurück in die Militärdiktatur. Für mich kam das überraschend. Ich hatte mich mit dem Land nicht mehr näher beschäftigt. Die Hintergründe blieben daher für mich im Dunkeln. Aber ich hörte den amerikanischen Präsidenten Biden kurz darauf sagen: „Die USA werden ihre Interessen in der Region wahren, auf welche Art auch immer.“

Das fand ich irritierend vielsagend. Das Land grenzt an China. Die USA haben dort strategische Interessen, vermutlich auch Interesse an Rohstoffen.

Die nächsten Tage sah ich in der Tagesschau Demonstrationen aus dem Land. Ein großer Teil der Demonstrierenden hielt englischsprachige Schilder in den Händen.

Irgendwann hieß es, das Militär schieße scharf, um die Demonstrationen zu beenden. Dann wurde kaum noch berichtet aus diesem Land, das ich so wunderschön gefunden hatte.

Was mag den Menschen dort widerfahren sein? Hat sich für das kleine Dorf etwas verändert? Wurden die Leute glücklicher, als sich das Land für die westlichen Investoren öffnete?

Manche vielleicht. Manche vielleicht auch reicher. Insbesondere vermutlich die Investoren.

Was geschieht dort jetzt? Was ist die Wahrheit über das, was passiert ist? Das, was ich in der Tagesschau zu sehen bekomme, hat mit „Wahrheit“ nicht viel zu tun. So viel ist klar.

Aber selbst, wenn ich dorthin führe, würde mir nicht jeder eine andere „Wahrheit“ erzählen? Und wäre das, was ich mit meinen eigenen Augen sehen würde, nicht auch nur meine eigene „Wahrheit“?

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Wie immer mit Dank an Christiane für ihre liebevolle Betreuung der abc-Etüden, deren Regeln hier Schreibeinladung für die Textwoche 22.21 | Extraetüden | Irgendwas ist immer (wordpress.com) zu finden sind. Und an die Wortspender der letzten beiden Runden!