
Mit Tränen in den Augen hatte er damals ihr Büro betreten: „Aber du, du wirst doch zu mir halten, oder? Wir waren doch immer befreundet. “
Sie hatte ihre Strickjacke enger um sich gezogen und ihn ignoriert.
Ja, er war ein brillanter Wissenschaftler. Sie hatte ihn immer geschätzt, manchmal sogar bewundert: Hochintelligent, exzellente Vita, Hunderte Veröffentlichungen und vielfache Auszeichnungen.
Aber dann hatte er einen Fachaufsatz zum Euro geschrieben. Und er hatte eine Meinung vertreten, die man einfach nicht zu vertreten hatte. Er hatte dazu gesagt, er wolle zugunsten der Allgemeinheit zu seiner Überzeugung stehen, – auch, wenn diese nicht gewünscht sei. Universität – das sei doch auch Diskurs!
Wie trügerisch waren manche Menschen, dachte sie. Es war ihr peinlich, jemals mit ihm befreundet gewesen zu sein, und sie hoffte, niemand würde mehr eine Verbindung zwischen ihnen beiden ziehen. Inzwischen war er wohl in einer Klinik. Burnout hieß es. Tja, selbst schuld, wenn man so einen Ego-Trip fahren musste… .
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Wie immer begann sie ihren Bürotag mit einem Kaffee und einem Blick in die regionale Zeitung – aber heute sah sie irritierenderweise auf ein Bild von sich: Ein Student habe „rechtes Gedankengut“ in ihrer Habilitationsschrift entdeckt.
WAS??? Jede*r hier wusste, dass sie politisch links war, immer gewesen. Es war lächerlich, die fragliche Äußerung völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Der Student vor Kurzem bei ihr durch eine Prüfung gefallen.
Telefon: „Bitte sofort zum Dekan.“ Die Kollegen, denen sie auf dem Flur begegnete, drehten sich weg, niemand erwiderte ihren Gruß.
Das Gespräch war kurz, ihre Sicht nicht gefragt: Sie werde frei gestellt und möge ihr Büro räumen.
Sie war fassungslos, musste unbedingt mit jemandem reden. Mit Tränen in den Augen ging sie in das Büro einer befreundeten Kollegin. „Aber du, du wirst doch zu mir …“
Die Kollegin zog ihre Strickjacke enger um sich und ignorierte sie.
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Falls es punktuell Ähnlichkeiten mit vielfältigen mehr oder weniger aktuellen Ereignissen geben sollte, sind diese selbstverständlich rein zufällig… . 😉
Wie immer mit Dank an Christiane für ihre Mühe mit den Etüden, deren Regeln hier zu finden sind (Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.21 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram | Irgendwas ist immer (wordpress.com) und an Sabine von Wortgeflumselkram für die diesmalige Wortspende.