
Ich vermute inzwischen, dass zu den Gründen, die das Gesundwerden (sowohl das individuelle, als auch das dieser Welt insgesamt) so schwer machen, die Erwartung zählt, dass es für jedes Problem eine Patent-Lösung gebe.
Und dass diese auch noch ganz schnell wirken müsse.
Ich persönlich glaube nach wie vor tatsächlich, DASS es Patentlösungen für jedes Problem gibt.
Aber bezüglich der jeweils eigenen Gesundheit jeweils individuelle Patentlösungen.
Und dass diese bei gravierenderen Problemen (leider) selten zu einer schnellen Sofort-Lösung führen.
Dieses Versprechen: „Wir haben die Patent-Lösung für dein Problem!“ ist bei gravierenderen Problemen fast immer „Scharlatanerie“, nutzt also dem Geldbeutel des dies Versprechenden meist deutlich mehr, als der Gesundheit des Hilfesuchenden Menschen.
Dass insbesondere die pharmazeutische Industrie genau so vorgeht, ist aber nicht deren „Schuld“, sondern hat neben den wirtschaftlichen Gründen eben auch den Grund, dass sie damit Erwartungen bedient. Der Patient*innen, und vielleicht auch der Ärzt*innen.
Denn, wer zum Arzt geht, hat eben meist die Erwartung an diesen: „Mach mich gesund.“ So, als wäre das ein Zauberer.
Logischerweise möchte jede*r Therapeut*in diese Erwartung nur zu gerne erfüllen. Damit der Arzt die Illusion des Zauberns (auch für sich selbst) erzeugen kann, braucht er Utensilien, die ihm u.a. von der pharmazeutischen Industrie zur Verfügung gestellt werden.
Wer keine (schnelle) Wirkung „hervorzaubert“, der oder die wird von Hilfesuchenden nicht selten für „unfähig“ gehalten und gewechselt.
Gilt für Ärzt*innen ebenso wie für Politiker*innen in dieser Welt.
Dass die schnellen „Wirkungen“ häufig für die Gesamtgesundheit (des Einzelnen und der Welt) sehr schädliche „Neben“-Wirkungen mit sich ziehen, wird leider von vielen eher in Kauf genommen, als zunächst mal gar keine Wirkung (oder manchmal zunächst gar Verschlechterung) zu spüren.
„Diagnosen“ des Zustands der Welt und der Gesundheit der Einzelnen beziehen sich nahezu immer nur auf Symptome und Messungen (Laborwerte etc.).
Sie lassen die bei größeren Problemen immer vorhandene Multikausalität der Ursachen meist ebenso völlig außer acht, wie sie das „Große Ganze“ allgemein außer acht lassen.
Wenn eine Diagnose aber in erster Linie dazu dient, dem „Kind einen Namen zu geben“. Und zu suggerieren, „wenn das Kind einen Namen hat, haben wir das passende „Zaubermittel““; dann habe ich als Patientin davon in Wahrheit nichts.
Außer von anderen mit meinem Leiden deshalb „ernster“ genommen zu werden, weil das, was „ich habe“, einen Namen bekommen hat.
Auch im „Alternativbereich“ sind es die großen Versprechungen, die mich nerven. Die dadurch geschürten Erwartungen, Hoffnungen und häufig auch unterschwelligen „Verpflichtungen“ (du müsstest doch nur xy tun …). Das gilt im Gesundheitsbereich, wie in der Politik.
Und gleichzeitig kann ich es verstehen, wenn Menschen aus diesem „Helfen Wollen“ heraus auf irgendeine vermeintliche „Patent-Lösung“ anspringen, von der sie gelesen haben, dass sehr viele Andere damit positive Erfahrungen gemacht hätten; oder dass ganz viele Expert*innen erforscht hätten, dass DAS die Lösung sei.
Denn das hatte ich auch sehr lange. Und habe es teilweise immer noch. Dieses: „Aber schau doch mal, wenn die alle sagen, dass wäre DIE Lösung, dann probier es doch wenigstens!“
Inzwischen habe ich es allerdings nicht mehr bei „Lösungen“, die die Tendenz haben, sehr unschöne „Neben“-Wirkungen mit sich zu ziehen, weil die Komplexität des Problems außer Acht gelassen (oder klein geredet) wurde.
Die meisten politischen Fehlentscheidungen entstehen genau aus dem Grund: Da wird ganz schnell etwas gemacht, um Erwartungen zu erfüllen, „zu liefern“. Und die Komplexität des zugrunde liegenden Problems wurde entweder überhaupt nicht erkannt, oder bewusst klein geredet, um so den Wähler*innen „Handlungsfähigkeit“ zu beweisen.
Die der derzeitigen Politik systemimmanente „Scharlatanerie“. Die aber auch daraus entsteht, dass die Wähler*innen (bisher) das erstmal genaue und umfassende Erforschen von Ursachen (und möglichen Folgen eines erwogenen Handelns) nicht goutieren.
Und an Expert*innen wird eben leider auch fast immer die Erwartung herangetragen, dass sie nicht nur Probleme benennen, sondern auch Lösungen bieten.
Tatsächlich sind Talente aber sehr unterschiedlich verteilt. Wer das Talent hat, Probleme und Ursachen sehr gut erkennen zu können, hat deshalb noch lange nicht das Talent, um eine perfekt ausgefeilte „Lösung“ mitzuliefern.
Um zu wirklich guten Lösungen für komplexe politische Probleme zu kommen, bedarf es immer des Miteinanders sehr unterschiedlicher Expert*innen, die sich gegenseitig befruchten und ergänzen. Wird stattdessen auf gleichdenkende Expert*innen gesetzt, wird man / frau bei komplexen Problemen immer(!) zu im Ergebnis schlechten, weil einseitigen, „Lösungen“ kommen, bei denen sehr viel übersehen wurde.
Und das gilt auch individuell, wenn ich eine Lösung allen überstülpen möchte.
Ich kenne diese Tendenz auch von mir ziemlich gut … . Ich war zum Beispiel eine zeitlang total begeistert von „Positiver Psychologie“.
Viele der Ansätze daraus finde ich auch immer noch durchaus sinnvoll. Aber mehr als Gedankenanstöße. Und nicht als „Heils-Bringende“ Technik.
Zum Beispiel dieses „Dankbarkeits-Tagebuch“, dieses sich immer wieder darauf fokussieren, wofür bin ich dankbar (statt, was nervt mich). Sich abends vorm Schlafengehen nochmal aktiv in Erinnerung zu rufen, was an dem jeweiligen Tag gut und schön war. Etc. Das fand ich damals alles total super sinnvoll. Und habe gerne auch anderen ausführlich erzählt, wie super das ist.
Dann kamen die letzten zwei Jahre. Wo ich immer wieder dahin gebracht wurde, dass sich überhaupt nichts für MICH super anfühlte.
Und ich reagierte auf diesen Dankbarkeits-Kram plötzlich innerlich aggressiv. Wenn jemand wirklich dankbar war für all das Schöne im eigenen Leben, dachte ich: „Ja, toll. Du hast gut reden! Du hast ja nicht einmal ansatzweise meine Probleme. Toll für dich, dass DU dankbar bist, aber lass MICH damit bitte in Ruhe, denn ich habe leider nicht so viel Glück wie du.“
Und wenn ich den Eindruck hatte, das ist nur aufgesetzt, weil eben jemand das Gefühl hatte, mit dieser Technik etwas besonders Gutes zu tun, dann wäre ich denen innerlich manchmal fast ins Gesicht gesprungen mit einem: „Hör doch auf, hier so rumzuheucheln! Mit deinem albernen „ach wie schön ist diese Welt.“ – Getue. Du versuchst doch mit deiner Heuchelei nur, es dir einfach zu machen, und dir all das überhaupt nicht Schöne, nicht anschauen zu müssen.“
Das war logischerweise eine völlige Überreaktion von mir. Schließich wusste ich meist ja kaum was über die Betreffenden. So dass mein innerer Vorwurf völlig daneben war. Zudem versuchten die Betreffenden damit ja nur das, was ich auch selber gut finde (und sehr oft propagiert habe): Positive schöne Energien zu stärken.
Aber ich verstehe inzwischen, warum Andere so etwas manchmal sehr aggressiv machen kann. Wenn sie in ihrem persönlichen Erleben gerade ganz woanders stehen. Vielleicht sogar nahezu von Geburt an auf der Schattenseite des Lebens standen. Und Andere dann mit einem „Tralala, wie schön ist diese Welt.“ kommen.
Wenn ich sage: „Ich bin dahin gebracht wurden“, zeigt das schon, dass das für mich ziemlich furchtbare Erfahrungen waren. Aus denen ich aber spürend gelernt habe, warum Andere manchmal auf eine Art reagieren, die mir vorher einfach nur unsympathisch war wegen der darin steckenden Aggressivität.
Es zeigte mir, dass etwas, was ich für MICH als hilfreich empfinde (die „Positive Psychologie“ fand ich ja längere Zeit für mich durchaus hilfreich), für Andere vielleicht überhaupt nicht hilfreich ist.
Dass es auch sein kann, dass etwas, was in einer bestimmten Lebensphase als hilfreich empfunden wurde, in einer anderen Lebensphase überhaupt nicht hilfreich ist.
Dass es aber auch sein kann, dass etwas, was vielleicht zunächst als gar nicht hilfreich empfunden wurde, sich dann einige Zeit später plötzlich als doch sehr hilfreich gewesen, herausstellt. Man / frau dann erkennt:
„Das hat mir einen Anstoß gegeben, der etwas in mir geöffnet hat. Was für meinen Heilungsweg wichtig war. Weil genau da etwas lag, was ich vorher bei mir unterdrückt habe. Weil es schmerzhaft für mich war. Und ich gehofft hatte, mit dem Unterdrücken die Schmerzen weg zu bekommen. Was aber eine Illusion war.“
Aus meiner Sicht ist ein*e Therapeut*in dann gut in diesem Beruf, wenn er / sie die Klient*innen wirklich wertschätzt. Ihnen zeigt, dass sie wertgeschätzt werden.
Ihr jeweils individuelles Leid nicht kleinzureden versucht. Sondern das jeweils individuelle Leid anerkennt.
Auf die jeweils individuellen Bedürfnisse der Klient*innen eingeht. Und ihnen Hilfestellungen dabei gibt, die der eigenen Gesundheit wirklich dienenden eigenen Bedürfnisse überhaupt erstmal zu erkennen. Das können nur Hilfestellungen sein, denn wirklich Erkennen, kann die jeweils eigenen Bedürfnisse nur der / die Klient*in selbst.
Und wenn die Therapeut*innen aus der Erwartung entlassen werden, zaubern zu können und mit einem Patent-Rezept von Außen zu kommen, das die Beschwerden wegzaubert; dann tappen vielleicht auch weniger Therapeut*innen in die Falle, den Klient*innen eigene Interpretationen über die „wahre“ Ursache von deren Leid und deren „wahre“ Bedürfnisse überstülpen zu wollen.
Dass Therapeut*innen interpretieren, ist normal. Und diese Interpretationen können ja auch durchaus teilweise richtig sein. Sie können aber auch sehr falsch sein. Ich kenne das aus eigener Erfahrung zu jemandem („Sie sind so und so … .“ „Nein, bin ich ganz und gar nicht!“ „Da haben Sie vielleicht nur einen blinden Fleck.“ „Häh?!“) dann halt nie wieder hinzugehen. Was die betreffenden Therapeut*innen dann aber vielleicht zu der Annahme bringt, „richtig“ gelegen, und mir geholfen zu haben, da ich ja nie wieder gekommen bin… . So dass sie dann bei den anderen Klient*innen weiterhin damit arbeiten, denen ihre häufig sehr falsche Interpretation von deren Persönlichkeit und deren daraus resultierenden „wahren“ Bedürfnissen überstülpen zu wollen.
Hinzu kommt, dass halt jede*r dazu neigt, sich selbst zum Maßstab zu machen (wen auch sonst …?). Dass also die Ärztin, die der Meinung war, ich wäre extrem ängstlich, zu dieser Meinung vermutlich nur deshalb kam, weil ich offen und ehrlich über das geredet hatte, wovor ich Angst hatte. Und nicht über all das, wo ich vollkommen angstfrei bin, andere (vielleicht auch sie) aber möglicherweise starke Ängste haben.
Und: Über eigene Ängste ehrlich und offen zu reden, erfordert bereits ein wenig Mut, den in dieser Welt bisher noch zu wenige Menschen haben. Aber es zeugt eben nicht von Stärke, in einer Rüstung durch die Gegend zu laufen, aus Angst, sonst womöglich verletzt zu werden. Von Stärke zeugt es, eigenen Gefühlen ehrlich Ausdruck verleihen zu können. Oder das zumindest zu üben.
Und ich unterscheide übrigens zwischen Gefühlen und Emotionen. Aus meiner persönlichen Sicht sind laute Emotionen häufig eine „Rüstung“, hinter der die eigentlichen Gefühle versteckt werden.
Aus Angst, in dem, was einen wirklich ausmacht, tief verletzt zu werden.