
Dass ich keinem Arzt irgendetwas von meinem stark geschwollenen Lymphknoten gesagt habe, ist auch „die Schuld“ von „uns“ Jurist*innen. Denn es hätte für einen Arzt / eine Ärztin haftungsrechtlich schwierig sein können, das zu wissen – und nicht Druck auf mich auszuüben, mich der empfohlenen Diagnostik und Therapie zu unterziehen. Mich womöglich gar stattdessen bei „alternativen“ Therapien begleitend zu unterstützen. Denn, wenn so etwas erfolglos ist, kann es leider passieren, dass der Arzt / die Ärztin mit berufsrechtlichen „Disziplinar“-Maßnahmen überzogen wird, weil er / sie angeblich nicht lege artis behandelt hätte. Und es kann auch passieren, dass Angehörige in ihrer Trauer dem Arzt / der Ärztin die Schuld geben, wenn eine nicht „leitliniengerecht“ behandelte Person stirbt. Und Arzt / Ärztin dann womöglich auf Schadensersatz verklagen.
Ich habe irgendwo mal geschrieben, dass ich mir gewünscht hätte, dass der Stationsarzt, der meine Mutter im Krankenhaus auf die für ihre Symptome empfohlenen Medikamente „eingestellt“ hat, die Bereitschaft gezeigt hätte, sich mit mir gemeinsam eine für meine Mutter besser geeignete Therapie (und Medikation) zu überlegen.
Im heutigen Krankenhausbetrieb ist solch eine individuelle patientenorientierte Therapie aber leider eine Utopie. Und das liegt eben längst nicht nur an Arroganz der Ärzt*innen (wie ich in meiner damaligen Wut und Trauer über den – von den Medikamenten ziemlich eindeutig beförderten – Tod meiner Mutter damals geschrieben habe). Für so etwas fehlen schlicht die Ressourcen. Denn für eine individuelle Therapie der Patient*innen bräuchte es nicht nur mehr Pflegepersonal, sondern auch mehr ärztliches Personal auf den Krankenhausstationen.
Und es bräuchte ein anderes „Medizinrecht“. Denn heutzutage ist es eben leider so, dass es für Ärzt*innen haftungsrechtlich gefährlicher ist, individuell patientenorientiert zu behandeln; als jede*n einfach nach den anhand von Symptomen und Laborwerten erstellten „Leitlinien“ zu behandeln. Zwar dürfen / müssen Ärzt*innen „in begründeten Fällen“ von den Leitlinien abweichen. Aber in sehr vielen Fällen wird es für sie haftungsrechtlich sicherer sein, sich an Leitlinien zu halten.
Und es bräuchte wohl auch ein anderes Medizinverständnis. Denn das heutige Medizinverständnis ist eben an die Bedürfnisse der Pharmaindustrie bzw. generell der Industrie, des Wirtschaftswachstumspostulats, angepasst.
Eine Medizin, wie ich sie mir wünsche, die primär auf caring ausgerichtet ist. Auf echte Fürsorge für den jeweiligen Patienten, und Eingehen auf die jeweils persönlichen Bedürfnisse dieses Menschen. Auf Zuhören. Die in die Therapie immer auch die individuellen Umweltbedingungen des betreffenden Menschen einbezieht (und nicht aus dem Fokus verliert, dass auch globale Umweltbedingungen eine wichtige Rolle spielen). Die bräuchte deutlich mehr medizinisches Personal.
Sie bräuchte sicherlich auch aggressive Medikamente, insbesondere in akuten Notfällen. Und Operationen.
Aber hauptsächlich wären die von ihr empfohlenen Mittel solche, bei denen es um Stärkung des Körpers des betreffenden Menschen geht und Unterstützung seiner Selbstheilungskräfte.
Dafür bietet die Natur einen reichhaltigen Schatz (und würde einen noch sehr viel reichhaltigeren Schatz bieten, wenn nicht in diesem schädlichen Wirtschaftswachstumssystem, in dem wir leben, ein großer Teil der Natur zerstört worden wäre); sprich, die Pharmaindustrie würde sehr geschrumpft.
Auch die Naturmedizin und auch die oft hilfreiche Homöopathie sind Erfahrungsmedizin. In der Hinsicht unterscheiden sie sich nicht von der „Schulmedizin“. Menschen haben durch Forschung erkannt, dass dieses oder jenes Kraut (oder homöopathische Mittel) bei diesen oder jenen Symptomen beziehungsweise Persönlichkeitstypen hilfreich ist. Und haben für andere Anwender*innen Leitlinien geschaffen.
Im Gegensatz zur „modernen Medizin“ ist es für medizinische Systeme wie dem Ayurveda, der TCM oder auch der Homöopathie aber vollkommen selbstverständlich, sich nicht nur das jeweilige Symptom, sondern immer auch den Persönlichkeitstypus und auch die jeweiligen Umweltbedingungen genau anzuschauen.
Aber, und das ist vielleicht sogar einer der Hauptgründe dafür, warum ganzheitliche Medizin wie Ayurveda oder auch Homöopathie ja längst nicht nur von der Pharmalobby, sondern auch politisch, aggressivst bekämpft werden:
Die an Macht und Wirtschaftswachstum ausgerichtete Gesellschaft, in der wir leben, sieht Menschen im Grunde nur dann als wertvoll an, wenn sie „produktiv“ sind, und einen aktiven Beitrag zum Wirtschaftswachstum leisten.
Medikamente, wie die Biologicals sind nicht auf Heilung ausgerichtet, sondern darauf, die betreffende Person möglichst lange irgendwie arbeitsfähig zu halten. Und (um es provokant zu sagen …), wenn diese Person nach Ausscheiden aus dem Arbeitsleben dann schneller stirbt, sieht ein an Wirtschaftswachstum ausgerichtetes System das nicht zwingend als Nachteil an … .
Jedes ganzheitliche Gesundheitssystem hingegen würde einen kranken gestressten Körper aus dem Arbeitsleben zunächst mal längere Zeit herausnehmen, insbesondere wenn die Bedingungen dort stressfördernd sind.
Lange Krankschreibungen sind in einem auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten System aber logischerweise nicht erwünscht.
Und: Bei diesen den Körper stärkenden Systemen, die mit der Natur gehen, ist der Verlauf eben auch genau umgekehrt zu dem, wie ich es in meinem ersten Beitrag dieser Reihe beschrieben habe:
Während unter MTX und auch unter dem Biological bei mir zunächst deutliche Erleichterungen hinsichtlich meiner Arbeitsfähigkeit eintraten; – und es dann anschließend rasant bergab ging.
Ist es bei den mit der Natur gehenden Methoden eher anders herum. Es dauert (jedenfalls bei schon sehr kaputten Körpern wie meinem) sehr viel länger, bis eine positive Wirkung überhaupt merkbar wird. Und die Verbesserungen schreiten leider auch nur langsam voran. Aber die erzielten Verbesserungen nehme ich als echte Verbesserungen wahr; auch wenn diese sich bisher eigentlich nur darauf beziehen, dass das, was durch die unerwünschten „Nebenwirkungen“ der schulmedizinischen Medikamente in meinem Körper (zusätzlich) kaputt gegangen war, halbwegs wieder regeneriert zu sein scheint. Die durch die Grunderkrankung in meinem Körper entstandenen Schäden bestehen unverändert. Aber der in den letzten Jahrzehnten eigentlich kontinuierlich voranschreitend gewesene Abwärtstrend, scheint mir endlich zumindest ein wenig abgebremst zu sein.
Wie auch bei der Schulmedizin ist es auch bei den alternativen Möglichkeiten für mich letztlich ein Ausprobieren und Herantasten gewesen. Es nervt mich ziemlich, wenn solche alternativen Möglichkeiten als „Wundertherapie“ angepriesen werden. So etwas schürt Hoffnungen, die sich leider nur für die wenigsten erfüllen. Auch ich habe immer wieder hoffnungsvoll allen möglichen Kram ausprobiert, wenn ich gerade mal wieder ein Buch gelesen habe, das ganz viele positive Erfahrungsberichte über das betreffende Produkt, die betreffende Ernährungsform, etc. enthielt.
Ich habe einen Newsletter abonniert, in dem immer wieder von irgendwelchen oft weltweit bekannten „Heiler*innen“ irgendwelche Techniken vorgestellt werden. Obwohl ich die Ideen hinter diesen Techniken nicht verkehrt finde, schaue ich schon lange nicht mehr in die Kurzvorträge über die betreffenden Techniken hinein. Denn dieses „du musst nur dieses oder jenes machen, und schon verändert sich dein Leben, Maren!“, nervt mich total. Dabei gibt es viele Techniken, die mich durchaus auch irgendwie weitergebracht haben. Ob EFT, EMDR, psych-K, Matrix-Reimprinting, inneres Kind – Arbeit, ich habe sie selbstverständlich alle ausprobiert. Und noch viele andere mehr. Vieles fand ich hilfreich, und hat mich auch weitergebracht. Aber es hat halt keine Wunder gewirkt. Wobei ich mir vorstellen kann, dass das Potential solcher Methoden deutlich größer sein könnte, wenn sich der Glauben der Menschen insgesamt ändert. Aber in der Welt, wie sie derzeit ist, stoßen die allermeisten dieser Methoden leider schnell an Grenzen.
[Und ja, ich war auch bei Osteopath*innen, Akupunkteur*innen und Anbietern verschiedener anderer manueller Therapien etc. . Vieles davon hat mir durchaus gut getan. Wellness; echte körperliche Verbesserungen bei mir leider nicht.]
Und bei Alternativmediziner*innen und auch bei alternativ medizinisch denkenden Menschen gibt es dieses (unbewusste) Druck ausüben auf eine schwer erkrankte Person leider auch. Man / frau hat mit irgendetwas bei anderen Patient*innen positive Erfahrungen gemacht (oder von anderen gehört, die mit diesem oder jenen Mittel positive Erfahrungen gemacht hätten), und ist dann geradezu empört, wenn der oder die jetzt vor einem stehende Patient*in diesen Therapievorschlag aber ablehnt.
Auch da ist oft dieses Denken, dass jeder Mensch irgendwie gleich sei, und dass das, was bei zehn anderen mit ähnlichen Symptomen hilfreich war, doch bei Nummer 11 ganz sicher ebenfalls hilfreich wäre, wenn der nur bereit wäre, es auszuprobieren. Und dann kann es sein, dass ein*e Arzt / Ärztin regelrecht darunter leidet, wenn Nr. 11 sich weigert, es auszuprobieren. Obwohl man / frau sich doch „sicher“ ist, dass es hilfreich für diesen Menschen wäre, und dessen Leiden verringern würde. Ich zumindest wäre so als Ärztin, dass ich darunter leiden würde. Denn ich würde ja unbedingt helfen wollen.
Und von daher kann ich es auch verstehen, dass manch Schulmediziner*in sich darüber ärgert, wenn das, was aus der eigenen Sicht dem Patienten / der Patientin zumindest Erleichterung gebracht hätte, von dieser Person abgelehnt wird. Denn die meisten Schulmediziner*innen sind ja vermutlich Ärzt*innen geworden aus der Motivation heraus, anderen Menschen zu helfen und Leiden zu verringern. Sie haben dafür eine lange und anstrengende Ausbildungszeit absolviert. Und sie engagieren sich insbesondere im Krankenhaus nicht selten bis weit über die eigene Belastungsgrenze. Und fühlen sich dann vermutlich auch selbst als Mensch mit ihrem Engagement nicht wertgeschätzt; wenn jemand, statt ihr Engagement und ihr Helfen Wollen zu sehen – und ihnen dankbar dafür zu sein -, das System kritisiert.
Und von daher kann ich auch verstehen, wenn z.B. ein Onkologe, wie der in meinem vorherigen Beitrag dieser Reihe zitierte, meint, mit dem aggressiven Bekämpfen von Alternativmedizin, der Menschheit einen Dienst zu erweisen. Als Onkologe hat er möglicherweise persönlich erlebt, dass Patient*innen zu spät zur OP kamen, die aus seiner Sicht bei einer rechtzeitigen OP hätten gerettet werden können. Die vielleicht zunächst zu einem Heiler gegangen waren, für den die Schulmedizin ein „Hort des Bösen“ war, und der daher von einer OP abgeraten hatte. Das Leid der Patient*innen und deren Angehörigen, das dann aus der eigenen Sicht vermeidbar gewesen wäre, kann sicherlich so wütend machen, dass man dann zum Kämpfer gegen „Scharlatanerie“ wird. So, wie ich gestrickt bin, hätte mir das – wäre ich Onkologin – eventuell auch passieren können, dass ich zur Kämpferin gegen „obskure Heiler*innen“ geworden wäre; da ich Leid, das aus meiner Sicht vermeidbar wäre, eben auch nicht ertragen kann.
Aber ich kann eben auch das Misstrauen gegen das derzeitige Medizinsystem sehr verstehen. Denn es ist eben leider ein System, in dem – nicht die Ärzt*innen – aber das System an sich, die wirtschaftlichen Belange wichtiger nimmt, als die gesundheitlichen Belange der Menschheit. Und zwar auch als die gesundheitlichen Belange des dort tätigen Personals. Die Gesundheit der in „ausgelagerten“ Reinigungsfirmen etc. in Krankenhäusern Tätigen, des Pflegepersonals und auch des ärztlichen Personals scheint dem System nicht viel Wert zu sein. Und die Patient*innen zählen für das System eben auch nicht als Menschen.
Tja, und wenn ich in „Medikamente II“ geschrieben habe, dass es so vielen Menschen so sehr schwer fiele, „die Dinge einfach mal laufen zu lassen“, und nichts zu tun: Das gilt für mich (in etwas anderer Form) auch. Sonst würde ich nicht so viele politische Texte auf meinem Blog schreiben … . Ich halte überhaupt nichts davon, „die Dinge einfach mal laufen zu lassen“ und nichts zu tun, wenn die Dinge aus meiner Sicht eindeutig in eine der Menschheit gar nicht gut tuende Richtung laufen. Und wenn Leute ständig nur jammern, wie schlecht alles sei, aber überhaupt nicht bereit sind, mal zu schauen, ob sie selber mit ihrem eigenen Verhalten nicht vielleicht etwas zu diesem Schlechten beitragen, – sondern immer nur behaupten, der oder die jeweils Andere verhalte sich falsch; dann kann mich das wahnsinnig machen.
Fortsetzung folgt.