Haltung zeigen

Künstlerin: Dörte Müller

Schon seit einigen Jahren fällt mir auf, wie oft es allenthalben heißt, man müsse „Haltung zeigen gegen …“. Ich bin dann immer ganz unglücklich. Nicht wegen der „Haltung“, sondern wegen des Wortes „gegen“.

Es gilt als tugendhaft, „Haltung zu zeigen gegen“ Menschen, die einem zu „rechts“, zu „links“, zu „islamisch“ (islamistisch) oder sonst irgendwie „extremistisch“ vorkommen. „Haltung“. „Klare Kante.“ Dem Menschen „mutig“ sagen, was man von ihm oder ihr hält. Das wird gefeiert. Ein Held, wer sich das traut!

Ich bin bei Heldentum immer etwas skeptisch. Und oft genug erscheint es mir nicht einmal besonders heldenhaft, wenn ich – sicher in der Mehrheitsmeinung eingebettet – einer „Randgruppe“ sage, was ich von ihr halte, so als Mensch. Dann wirkt das auf mich nicht mutig, sondern irgendwie billig. So, als käme es mir mehr auf die Anerkennung der anderen an, als darauf, etwas „Gutes“ zu bewirken. Welche Absicht steht hinter dem „Haltung zeigen“? Das ist für mich die Frage. Was will man erreichen?

Ich frage mich das deshalb, weil das „Haltung zeigen“ nach meiner Wahrnehmung oft so erfolgt, dass dem Menschen aus der „Randgruppe“ gesagt oder bedeutet wird: „Du bist böse. Das, was du denkst, darfst du nicht denken. Wir wollen dich nicht.“

Mit welcher Erwartung sagt man das? Erwartet man, dass dieser Mensch dann reumütig nickt und antwortet „Danke für den Hinweis. Ich werde an mir arbeiten.“?

Ich fürchte, das widerspräche allen psychologischen Erfahrungen. Irgendwie erscheint es mir deutlich wahrscheinlicher, dass dieser Mensch wütend wird, sich unverstanden fühlt, seinerseits nun auch erst recht „Haltung zeigt“ und sich weiter radikalisiert. Was hat man dann durch die „Haltung“ gewonnen? Außer vielleicht, dass man sich gut und mutig fühlt, weil man sich getraut hat, dem anderen zu sagen, dass man ihn nicht mag und sein Verhalten „nicht toleriert“? Im Zweifel hat man damit erreicht, dass sich die Fronten weiter verhärten. Und dass man genau das verstärkt hat, was man eigentlich „weg haben“ wollte. (Statt den eigenen Anteil an der Situation wahrzunehmen, beschweren sich die „Haltung Zeigenden“ dann leider oft nur über die „Aggressivität“ der anderen Seite. Und sehen sich nun natürlich erst recht berechtigt oder gar in der Pflicht „Haltung zu zeigen“. Die Spirale dreht sich … .)

Können wir nicht stattdessen vielleicht besser „Haltung für“ etwas zeigen? Für Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe? Für gegenseitiges Verständnis?

Das bedingt ein offenes Ohr, auch gegenüber Menschen, deren Meinung man zunächst völlig daneben findet. Während es vielleicht manchmal mutig ist, Haltung „gegen“ jemanden zu zeigen, erscheint es mir wahrhaft groß und schwierig und auch mutig, Haltung für positive Werte zu zeigen, wenn das Gegenüber einem genau das nicht gerade leicht zu machen scheint.

Sich über „Deppen“ aufzuregen, ist einfach. Das kann jede*r. Aber wer kann oder will dem betreffenden „Deppen“ schon wirklich zuhören? Ihn als „Mensch“ betrachten, auch dann, wenn dieser Mensch vielleicht gerade eine These von sich gegeben hat, bei der sich einem der eigene Mageninhalt umdreht? Aber vielleicht hat sich dieser Mensch ja auch einfach nur ungeschickt ausgedrückt? Vielleicht habe ICH etwas in seine oder ihre Meinungsäußerung hineininterpretiert, was dieser Mensch überhaupt nicht mit seiner Äußerung meinte?

ZUHÖREN. Gefühle wahrnehmen und eigene Gefühle äußern. Aus meiner Sicht scheint das der einzige Weg zu sein, wenn man als Gesellschaft Radikalisierung und Extremismus „bekämpfen“ will. [Ich verstehe unter „Extremisten“ Menschen, die so in eine Idee bzw. Ideologie verfangen sind, dass sie meinen, sie täten etwas „Gutes“, wenn sie andere Menschen um dieser Ideologie wegen verletzen oder gar töten wollen.] Zuhören und versuchen, zu verstehen. Mit „klarer Kante“ und Stigmatisierung hingegen befördert man meines Erachtens bei der betreffenden Person oft genug genau die Gefühle, die überhaupt erst zu ihrer Radikalisierung geführt haben. Gefühle wie Wertlosigkeit. Außenseiter sein. Sich nicht gesehen fühlen. Sich von einer Mehrheit unterdrückt fühlen. Seiner Würde oder Ehre beraubt fühlen. Sich chancenlos fühlen.

Solche Gefühle machen anfällig für das Anwerben durch radikale Gruppierungen, die die Anerkennung zu bieten scheinen, die die Mehrheitsgesellschaft verweigert. Natürlich sind die Umstände, warum jemand in die Fänge einer solchen Gruppierung gerät, immer komplex. Aber ich persönlich glaube, „klare Kante“ ist häufig die schlechteste aller Möglichkeiten für die Mehrheitsgesellschaft, damit umzugehen. Insbesondere, wenn es um Personen geht, deren Radikalisierung sich vielleicht noch nicht total verfestigt hatte.

Im Großen (bei „echten“ „Extremisten“) wie im Kleinen (bei gerne so genannten „Maskenverweigerern“, die erstaunlich vielen Menschen als neue „Extremisten“ gelten) bin ich der Meinung: Die meisten Menschen sind bunt und haben viele unterschiedliche Facetten und Motivationen. Ihnen EIN Label anzukleben, das einem dann ermöglicht, diesen Menschen mit „gutem moralischen Gewissen“ zu verurteilen, heißt aus meiner Sicht, sich die Sache ziemlich zu vereinfachen, sie manchmal vielleicht sogar auch zu verdrehen. Ohne damit etwas zu gewinnen, wenn man als Mehrheitsgesellschaft tatsächlich an der Zunahme „positiver“ Werte interessiert sein sollte. Andere zu verurteilen, weil sie bestimmte Dinge anders sehen, anders bewerten, als man selbst. Das spricht aus meiner Sicht selten dafür, dass man als (Ver-)Urteilende*r ein moralisch besserer Mensch ist.

Dieses gegenseitige Nichtzuhören, das man jeweils dem oder der anderen vorwirft. Meist voller Empörung – und ohne zu merken, wie wenig man diesem oder dieser gerade selber zugehört hat. Jeweils gefangen im eigenen Bunker. Das ist derzeit sehr in. Und längst nicht nur gegenüber „Extremisten“.

Spricht das wenigstens dafür, dass man sich seiner Sache sehr sicher ist? Zum Beispiel, weil man sich in der Mehrheit befindet? Oder spricht es nicht vielleicht sogar eher dafür, dass man sich seiner Sache überhaupt nicht sicher ist? Und genau deshalb – obwohl man sich in der Mehrheit befindet – Widerspruch, andere Ansichten, nicht dulden mag und kann? Weil man befürchtet, diese Mehrheit sonst möglicherweise zu verlieren?

Ich weiß es nicht. Aber immer, wenn ein Politiker sagt, man müsse als Mehrheitsgesellschaft „Haltung zeigen gegen …“ beschleicht mich ein ungutes Gefühl.

Veröffentlicht von lachmitmaren

Ich bin voller Lebensfreude. Manchmal albern, manchmal ernst. Gute Zuhörerin. Vielseitig interessiert. Ich bin kritisch und hinterfrage die Dinge. Bin Volljuristin, staatlich geprüfte Heilpraktikerin, zertifizierte Lachyoga-Leiterin - Und Rheumatikerin seit gut 30 Jahren.

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9 Kommentare

  1. Ich fürchte, dass viele „Haltung zeigen gegen“, weil sie Angst haben, sonst selbst in die angeklagte Minderheitengruppe abgedrängt zu werden. Ich habe das auf meinem Blog jetzt schon in zwei Schüben erlebt. Immer wieder wird jetzt gefordert, man solle sich distanzieren. Tut man es nicht, wird man der Sympathien verdächtigt und bekommt selbst den Stern angeklebt. Ja, sogar von Menschen, die sich trauen, mit Verfemten zu sprechen, muss man sich fernhalten und distanzieren. Denn sonst spricht bald niemand mehr mit dir – außer denen, denen du nun zugerechnet wirst, mit denen dich aber nichts verbindet.
    Ich erinnere mich lebhaft an die Zeit, als die RAF in der BRD gejagt wurde. Und mit ihr die sog. „Sympathisantenszene“. Er reichte schon, dass du im entsprechenden Alter warst und irgendwie ins Klischee passtest, schon ließ man dir eine Sonderbehandlung angedeihen. Hab ich persönlich oft erlebt, damals in Frankfurt, und erst recht an Grenzübergängen. Und wer gar jemand kannte, der jemanden kannte, der jemanden der Gesuchten irgendwann mal bei sich übernachten ließ… Sippenhaft.

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    1. Ich habe mir schon aus dem ein oder anderen Kommentar von dir gedacht, dass du biografische Erfahrungen hast, die dich staatlichen Eingriffen gegenüber ganz besonders sensibel sein lassen. Und dieses (für jeden sehr schmerzhafte) Gefühl, von anderen Menschen ins Außenseitertum abgedrängt zu werden, noch einmal doppelt schmerzhaft empfinden lassen.
      Die Forderungen, sich zu distanzieren, finde ich ganz schrecklich (wenn diese Forderungen von Menschen kommen, die einem wichtig waren / sind, noch viel mehr).
      Darauf bezieht sich ja mein Beitrag. „Haltung zeigen gegen“ ist aus meiner Sicht nie eine gute Idee. Das fällt mir – wie in dem Beitrag gesagt – längst nicht erst seit Corona auf, und es wird auch nicht erst seitdem medial und politisch forciert. Aber seitdem nochmal deutlich verstärkt. Plötzlich gelten Schuldzuweisungen und Denunziantentum als „moralisch gut“. Und ich glaube, die meisten denken, sie täten damit tatsächlich etwas Gutes, weil sie ja „andere schützen“. Dass man mit Schuldzuweisungen niemals etwas Gutes erreichen kann, wird nicht gesehen. Dass man möglicherweise noch eher dazu beitragen wird, dass die Infektionszahlen steigen, weil sich Menschen vielleicht nicht mehr trauen, ihre Infektion bekannt zu geben, aus Angst, dann als „Mörder“ bezeichnet zu werden, schon gar nicht.
      Dahinter stehen vermutlich dortige Ängste, Unsicherheiten und biografische Erfahrungen, die die Leute Viren als unendlich bedrohlich, den Staat hingegen als „schützend“ wahrnehmen lassen, und die diesen „Schutz“ auch einfordern. Den ihnen aus ihrer Sicht Leute wie wir dann wieder kaputt zu machen drohen.
      Und es scheint mir auch so, wie du schreibst, dass Menschen eben eine Tendenz haben, zu „den Guten“ gehören zu wollen, und deshalb meinen, sich von denen, über die die Mehrheit sagt, dass sie „nicht gut sei“, distanzieren zu müssen. Das erscheint als einfache Lösung, Hier die Guten, da die Bösen. Und wer mag schon Komplexität und Zwischentöne? Das erscheint den meisten viel zu kompliziert und aufwendig.
      Da ich das Glück habe, dass mein persönliches Umfeld im Wesentlichen meine Meinung teilt, und wenn nicht, mich als Mensch trotzdem mag, bin ich aber trotz allem (etwas naive) Idealistin geblieben. Und habe immer noch Hoffnung, dass Corona letztlich als Katalysator in eine bessere menschlichere Zeit fungieren wird. LG

      Gefällt 2 Personen

    1. Ich habe den Post gerade gelesen. Gefällt mir. Ich sehe darin – auch bei dir – den Wunsch, dass man sich, bevor man „Haltung zeigt“, überlegen sollte, was man mit seiner Haltung erreichen möchte – und, ob das mit dem übereinstimmt, was man voraussichtlich erreichen WIRD. Dazu muss man sich allerdings „in die Schuhe des anderen“ begeben, und dessen Sichtweise zu verstehen suchen. …

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